Sette 4«
Morzen-Ausaade, 1» Blatt.
WresbadeMr Ta Malt.
Donnerstag, 29. Januar 1914.
Nr. 4*.
daß man sie aber durch das Spritzen mit „Golazin Jtötsi" wesentlich zu unterstützen vermöge. Sie beabsichtigen, im Lauf dieses Jahres mit diesem Mittel eingehende Versuche vorzunehmen.
Ein neues Eisenbahnprojekt.
— Frickhofen, 27. Jan. Hier fand eine Versammlung statt, in der Ingenieur K o n r a d i aus Frankfurt den Plan, einer neuen Westerwaldquerbahn vorlegte, welche von Herborn über Mengerskirchen und Frickhofen nach Wallmerod geführt werden soll. Es wurde ein Komitee unter dem Vorsitz des Herrn Okonomierat Schmidt (Mvls- berg) gebildet, das die nötigen Vorarbeiten leiten soll. Plan und Rentabilitätsberechnung sollen in diesem Frühjahr dem Landtage vorgelegt werden. Die Bahn erschließt Gebiete, in welchen das Fehlen einer zeitgemäßen Verbindung von allen je länger, je drückender empfunden wird.
— Langenschwalbach, 28. Jan. Rach langer Krankheit starb hier Stadtrechner Sotocassa, 64 Fahre alt.
Kus Lev Umgebung.
Ein guter Fang der Polizei.
wb. Frankfurt a. M., 28. Jan. Mit der Verhaftung eines in Bologna festgenommenen Hoteldiebs hat die dortige Polizei einen guten Fang getan. Durch den inter nationalen polizeilichen Erkennungsdienst wurde festgestellt, daß der Verhaftete der 28 Jahre alte in Frankfurt a. M. ge borene Kellner August Friedrich S i t t i g ist, der in den letz ten Jahren nur von Hoteldiebstählen lebte und oft große Beute machte. Er wird von den Polizeibehörden von Berlin, München, Baden-Baden, Bad Homburg, Stratzburg und Mannheim gesucht. Bei einem Hoteldiebstahl in Bad Homburg im August v. I. erbeutete er Brillanten und Schmucksachen für 30 090 M., die er einer amerikanischen Dame entwendet hatte, die in dem gleichen Hotel wie er wohnte
Hopf.
— Frankfurt a. M., 28. Jan. Nachdem Hopf auf Einlegung von Revision verzichtet hat, geht nunmehr ex okkicio ein sogenanntes „Gnadengesuch" von der Staatsanwalt schaft an den Justizminister ab. Hopf selbst soll nicht beabsichtigen, ein Gnadengesuch einzureichen. Der Kaiser hat au' Antrag des Justizministers zu entscheiden, ob er der Gerecht tigkeit freien Lauf oder Begnadigung einireten lassen will.
Der Ankauf der Ebernburg durch eine evangelische Gesellschaft.
— Kreuznach, 28. Jan. Die Stammburg Franz von S i ck i n g e n s, die unter dem Namen Burg der Gerechtig keit bekannte Ebernburg bei Kreuznach, ist von einer evangelischen Gesellschaft für den Preis von 400 000 M. angekauft worden. Die Gesellschaft hat 150 000 M. angezahlt. Die Mittel sind durch öffentliche Samnilungen aufgebracht worden. Anfänglich beabsichtigte bekanntlich ein katholischer Orden, die Burg käuflich zu erwerben.
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ht. Frankfurt a. M., 27. Jan. Bei starker Beteiligurig aus allen Teilen Deutschlands fand heute hier der sechste deutsche Steinsetzer tag statt. Der Geschäftsführer Entsberger erstattete ein Referat über „Das Submissions' wesen unter besonderer Berücksichtigung des Straßenbau wesens." Die Ausführungen des Redners schlossen sich im wesentlichen den Forderungen des Hansabundes an. In der Besprechung wurde lebhafte Klage darüber geführt, daß die Staats- und Kommunalbeamten, denen die Vergebung der Submissionsarbeiten untersteht, vielfach falsche Berechnungen aufstellen, die ministeriellen Anweisungen zum Schutz des Handwerks nicht beachten und das Grohunternehmertum vorziehen. Die Versammlung nahm schließlich eine dement sprechende Resolution an. Diese soll als Denkschrift den Be Hörden übermittelt werden. Werter gab die Versammlung ihre Einwilligung zur Einleitung von Verhandlungen zur Gründung einer eigenen Haftpflichtversicherung für das Straßenbaugewerbe.
bt. Bad Homburg v. d. H., 27. Jan. In einem hiesigen Restaurant st ah l ein Fremder der Kellnerin 140 M. Als er verhaftet wurde und man ihn einer Untersuchung unterzog, fand die Polizei ein Sparkassenbuch über 1375 M. und weitere 170 M. in bar.
w. Bingen ß. Rh., 27. Jan. Da durch die Schneeschmelze der Mosel große Wassermengen zugeführt werden, wird niit einem schnellen Steigen des Flusses gerechnet.
bt. Schotten, 26. Jan. Wanderphotographen haben in verschiedenen Orten der Umgebung zahlreiche Eltern von Schulkindern betrogen. Sie machten mit Erlaubnis der Lehrer die bekannten Schulaufnahmen, ließen sich von den Kindern, die Bilder bestellten, im voraus die Konterfeis bezahlen und verschwanden dann auf Nimmerwiedersehen. Da in manchen Dörfern seit Jahren kein Schul- photograph gewesen ist, war hier das Interesse an den 'Bildern besonders groß. Infolgedessen heimsten die Schwindler auf diesen Ortschaften hohe Summen ein.
Gerichlssaal.
** Bestrafter Wechselfälscher. Görlitz, 28. Jan. Vor dem hiesigen Landgericht wurde der Rentmeister Köhler von der Verwaltung des Grafen Lynar in Lidenau bei Rothenburg wegen Veruntreuung von einer halben Million, begangen durch Wechselfälschungen, zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Drei Monate wurden auf die Untersuchungshaft angerechnet.
Sport nnb Spiel.
sr. Deutscher Fußballbund. Die in Knssel äbgehaltene Bundesausschußsitzung des Deutschen Fußballbundes beschäftigte sich mit der Berufung des Berliner Verbands in Sachen des Zwischenrundenspiels um den Kronprinzenpokal gegen Norddeutschland. Gegen den Widerspruch des Mitteldeutschen Verbands wurde festgestellt, daß die Berufung zulässig sei. Es stellte sich im Lauf der Debatte heraus. daß sowohl bei dem Spielausschuß des Deutschen Fuß- ballbunds als auch beim Berliner Verband Mißverständnisse obgewaltet haben, die durch ein Rundschreiben des Bundesvorstandes hervorgerufen worden sind. Von den verschiedenen
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vorgeschlagenen Resolutionen akzeptierte der Berliner Verbund die folgende: Der Bnndesausschuß stellt fest, daß der Spielausschuß bei der Festsetzung des Zwischenrundenspiels Pflicht- und ordnungsgemäß gehandelt hat. Mit Rücksicht darauf, daß die Auffassung des Berliner Verbands auf Mißverständnisse (Schreiben des Bundesvorstandes vom 17. September v. I.) zurückzuführen rst, bittet der Bundesausschuß den Norddeutschen Fußballverband die nachträgliche Austragung des Spiels zu ermöglichen und sich auf einen Platz zu ciut- gvn. _ Der Bundesausschuß bittet den Spielausschutz, den Wünschen der beiden Verbände nach Möglichkeit Rechnung zu tragen. Diese Resolution tourfee. angenommen, wobei Berlin den Vorbehalt machte, daß das Spiel nicht in Hamburg stattfinden dürfte. Der Norddeutsche Verband sagte dies zu. Das Spiel findet nunmehr am 8. Februar in Hannover statt. Ein Antrag Mitteldeutschlands, das Bedauern darüber auszudrücken, daß der Berliner Verband am 9. September v. I. in Hamburg nicht angetreten sei, wurde abgelehnt. Die Beteiligung an den Baltischen Spielen wurde abgelehnt. Den im Vorjahr bei dem Kronprinzenspiel verunglückten Spieler Förderer (Karlsruhe) wurde eine Unterstützung von 300 M. gewährt. Nach kurzer Debatte über das Verhalten des Deutschen-Fußballbunds zur Deutschen Turnerschaft wurde die Bundesausschußsitzuug geschlossen.
Neues aus aller Wett.
Kaiser und Oberstadtsekretär. Berlin, 27. Jan. Ein Dialog vom letzten Ordensfeft wird jetzt nachträglich ans dem Berliner Rathaus berichtet. Als der fast 80jährige Oberstadt- sekretar Fiedler, der Leiter des städtischen Finanzburoaus, dem Kaiser vorgestellt wurde, fragte der Kaiser: „Wie lange sind Sie schon im Amt?" „61 Jahre", war die Antwort. „Na, da müssen Sie ja, mehr wissen, wie ein Minister", lautete die Antwort des Kaisers.
Eine Burgruine unter dem Hammer. Köln, 26. Jan. Die Burgruine Virneburg in der Eifel wurde vor dem Amts- gocrcht Matzen bei der Zwangsversteigerung für 1080 Mark an den rheinischen Verein für Denkmalpflege verkauft.
Tue Rettungsmedaille für eine Lebensretterin. Berlin, 28. Jan, Einer tapferen Lebensretterin, der Tochter des Werkmeisters Schneider aus der Westeudst.atze 28 zu Oberschönewerde,, ist jetzt die Rettungsmedaille verliehen worden. Fräulein Schneider rettete , im Juni v. I, unter eigener Lebensgefahr eine Frau vom sicheren Tode des Ertrinkens. Der Amtsvor- steher hat der Retterin im Namen des Königs die Auszeichnung überreicht.
Ein Berliner Spielklub aufgehoben. Berlin, 26. Jan. Em Lpielklub wurde wieder einmal von der Berliner Kriminalpolizei ausgehoben. Die Leiter des Klubs waren ein gewisser »'eldmann, der schon seit Jahren als Buchmacher die Rennbahnen besucht, und.ein gewisser Jaffe. Die beiden hatten vor einem Vierteljahr die erste Etage des Hauses Jägerstvatze 19 gemietet und eröffneten hier einen Spielsalon, der sehr stark besucht wurde. Die Kriminalpolizei, die bald Kenntnis von dem Treiben erhielt, entschloß sich schließlich nach längeren Beobachtungen zu einer Aushebung der Spielräume. Als gestern Kriminalkommissar Werner mit seinen Beamten dort eindrang, fanden sie eine große Gesellschaft bei allerhand verbotenen Spielen. Die Teilnehmer wurden festgestelli, dann aber sofort wieder freigelaffen.
Der Nauener Messerstecher nicht geisteskrank. Berlin, 2o. San. Der Nauener Messerstecher Nettelftroh soll, wie vor einigen Tagen mitgeteilt worden war. von den Medizinischen «achverständigen als geisteskrank im Sinne des 8 51 angesehen worden sein, so daß es zn einem Strafverfahren überhaupt nicht • kommen, würde. Wie nun mitgeteilt wird, entspricht diese Mitteilung nicht den Tatsachen. Nettelstvoh befindet sich zurzeit wieder in dem Moabiter Untersuchungsgefängnis und das Strafverfahren gegen ihn . nimmt seinen Fortgang. Es dürfte deshalb in nächster Zeit die Verhandlung vor der Strafkammer statifinden, da sich inzwischen ergeben hat, daß die von N in die lrnke Schulter gestochene Frau Karftädt nicht an den Folgen des Messerstichs, sondern an einem schon seit Jahren vorhandenen schweren Magenkrebsleiden in dem Nauener Krankenhause und zwar mehrere Monate nach der Tat verstorben ist Nettelftroh. der die sogenannte Leseeblaubnis hat. vertreibt sich m oem Untersuchungsgefängnis seine Zeit damit, daß er Novellen schreibt und Verse macht.
Überfälle auf Mekkapilger. Odessa, 28. Jan Eine vom Dampfer „Lazares" hier eingetroffene Depesche' besagt daß unweit Mekka eine Karawane voir bewaffneten Arabern überfallen wurde. 60 Pilger sind getötet worden. Derartige Überfälle haben sich in der letzten Zeit mehrfach ereignet, ohne ratz man die Räuber unschädlich machen konnte Etwa 600 Opfer sollen bisher in das gut organisierte Räubernetz geraten sein
Für 100 809 M. Juwelen und 10000 M. Banknoten gestohlen^ Nizza, 27. Jan. Einbrecher hoben heute nacht den bekannten Juwelrerladen von Trevs tn einer Hauptstraße von und für etwa 100000 M. Juwelen und für 10 000 M. Banknoten erbeutet.
^T^ n , s ber m&)t ^efellers. New York. 28 Jan. -DrAtwse Telegramme melden, daß die Yacht des Multi- Millionärs Rockefeller ..Wärter" an der kolumbischen Küste gestundet ist. Seit gestern befinden sich der Herzog und die Herzogin von Manchester und Lord Falconer an M»rd Spätere Meldungen besagen, daß die Pacht beim Kap Napiatra in der Nabe von La Manila ans einem Riff fcftfifet Eine ganze Anzahl Schiffe sind zur Unterstützung abgegangen ^ 8
„ etnem Löwen zerfleischt. Nairob lOitafrikai
2‘- Der Deutsche Fritz Schindler Mitglied der von Paul Rarnetz veranstalteten kinemathographlscheu Expedition wurde am ScMAw?/ während er einen Löwen auszunehmen versuchte letzunLn eckaen"nd heute den dabei erlittenenBer-
Deutscher Reichstag.
Mittelstandspolitik im Reichstag.
^Berlin, 28. Jan. (Eig. Drahtbericht) Q ur ft eier 200. Sitzung der laufenden Legislaturperiode saß der Präsident heute hinter einem wundervollen Rosenstrauß. Es war das einzige Besondere an dieser Sitzung die Rede, die der Staatssekretär heute seruern Versprechen gemäß über seine und unsere Mittelstandspolitik hielt, und mit der er die Debatte auf dieses Gebiet wenigstens hinzuleiten versucht hatte. Er, gab zu, daß die Verhältnisse des gewerblichen Mittelstandes die Reversseite der Medaille sei daß die ber weitem nicht so glänzend sei, wie es nach Herrn Delbrücks neulicher Versicherung die Lage unserer gesamten Wirtschaft ist. Trotzdem ist der Staatsierretar guten Mutes. Von der technischen Schulung des Msttelstaudes, von der Neuregelung des Genossenichastswesens erwartet er viel. Die Frage des V e r d i n g u n g s lv e s e n s soll weiter geprüft Werdern Um so mehr, wie Herr Delbrück versicherte, es Sache der Regieruiig sei. ob der Staat nicht bei den Rüstuugslieferungen zu viel bezahle. Eine reichsgesetzliche Regelung des Berdrugungswesens lehnte Herr Delbrück ab. Dagegen plädierte er für eine vom Handwerk selbst organisierte Zentralstelle, die das Reich durch einen Zuschuß unterstützen würde. Herr Gies-
b e r t, der vor dem Staatssekretär gesprochen hatte, kani auf die im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stehende Frage der christlscheu Gewerkschaften wohlweislich mit keiner Silbe zu sprechen. Er begnügte sich, allerlei Hübsches über die Regelung der Arbeits- Verhältnisse im Gastwirtsgewerbe und über die Frage derK o n k u r r e n z k l a u s e l zu sagen; ebenso über die Notwendigkeit, das S ch u tz a l t e r der Jugendlichen zn erhöhen. Der nationalliberale Di*. Böttger polemisierte gegen die allzuvielen Ausstellungen. die eine schwere Schädigung des Mittelstandes bedeuteten, und brach endlich eine Lanze für die gelben Gewerkschaften, die gar nicht so schlimm seien. Der Volksparteiler Bartscher endlich trat mit der ganzen Schlichtheit des ostpreußischen Handwerkers, aber auch mit scharfer und zwingender Logik nicht nur für die Mittelstandsforderungen des Freisinns ein, er bemühte sich vor allem, und mit Erfolg, der heuchlerischen Mittelstandsfreundlichkeit der Konservativen die Maske vom Gesicht zu ziehen. Weiter verlangte Bartscher, daß wenigstens die Zentralstelle zur Regelung des S u b m i s s i o n s w e s e n s bald geschaffen und daß beim Abschluß von neuen Handelsverträgen auch die Vertreter von wirtschaftlichen Organisationen, insbesondere auch Handwerker, gehört würden und endlich kämpfte er wieder einmal gegen die G e f ä n g n i s a r b e i t an, die selbst von Behörden benutzt werde, uni wenigstens einen Preis druck zu üben. Zum Schluß sprach noch der Pole v. Kurzawski Wer die Rechtsverhältnisse der- Sachsengänger.
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Sitzungsbericht.
Eigener Drahtbericht des „Wiesbadener Tagblatts".
G Berlin, 28. Januar.
Am Bundesratstisch: Di*. Delbrück, Dr. Caspar und Lewald.
Aus Anlaß der 200. Sitzung ist der Platz des Präsidenten mit einem großen Blumenarrangement geschmückt.
Präsident Da*. Kaempf eröffnet um 2,16 Uhr die Sitzung mit Worten des Dankes für die Aufmerksamkeit und macht Mitteilung von dem gestrigen Empfang des Präsidiums bei Seiner Majestät dem Kaiser.
Sodann wird die zweite Beratung zum
Etat des Keichsamts des Innern, und zwar bei dem Titel „Staatssekretär" (6. BerhandlungS- tag) fortgesetzt. Bisher liegen hierzu 16 Resolutionen vor.
Abg. Giesberts (Zentr.): Nachdem die Reichsversicherungs- ordnung verabschiedet ist, muß sich die Regierung endlich dazu äußern, ioann die Altersgrenze für die Altersversicherung auf 60 Jahre herabgesetzt werden soll. Der Reichstag hat diese Forderung fast einstimmig erhoben und die Regierung muß ihm hier folgen. Die beste Sicherung der Arbeiter besteht in einer möglich umfangreichen Unfallverhütung. Der Arbeitsnachweis muß ausgebaut werden. Die Sterblichkeil der Arbeiterschaft ist erheblich vermindert worden. Wir dürfen in diesem Punkte nicht stehen bleiben. Die Wohnungsfrage und die Heimarbeiterfrage sind soziale Maßnahmen, die schleunigst erledigt werden müssen. Die Reformbestrebungen im Gastwirtsgewerbe werden immer lebhafter. Die Versicherungspflicht für sämtliche Gastwirtsgehilfen muß baldigst erfolgen. Wir haben außerdem noch viele Wünsche auf sozialem Gebiete, die ihrer Erledigung harren. Das Schutz- alter für die Jugendlichen, besonders so weit es sich um Nachtarbeit handelt, muß entschieden erhöht werden. Die Nachtarbeit bringt in physischer wie in moralischer Beziehung große Schädigungen der Jugendlichen mit sich. In weiten Kreisen des Volkes, bis in die Regierungskreise hinein, macht sich eine soziale Müdigkeit bemerkbar. Von dieser Stimmung dürfen wir uns aber nicht unterkriegen lassen.
Eine verständige und zielbewußtc Sozialpolitik muß von uns weiter betrieben werden.
Es besteht heute noch eine ungeheure Menge vmi Not und Elend, namentlich im Heimarbeiterstand. Ein sozialer Ausgleich muß da energisch durchgesetzt werden. Die angehenden Industriellen und Techniker sollten eine sozial-politische Schulung erhalten, damit mehr soziales Verständnis in weiten Kreisen des Volkes erweckt wird. Das Streikpostenstehen kann nicht beseitigt werden. Die Arbeiterschaft bedarf dieses Mittels zur Durchsetzung ihres Lohnkampfes, unbedingt. Die Arbeitgeber müssen sich mit dem Organisationsgedanken ab- finden. Böses Blut wird durch Vorgänge erregt, wie sich solche jüngst in einer Fabrik abspielten, als die Kinder der Organisierten von der Weihnachtsbescherung in der Fabrik ausgeschlossen wurden. Als die christliche Gewerkschaft diesen Kindern eine besondere Bescherung veranstaltete,' wurden sämtliche Mitglieder dieser Gewerkschaft, 31 an der Zahl, zn Weihnachten entlassen. (Hört! Hört!) Der Kampf gegen die Sozialdemokratie wird am besten durch eine gesunde Sozialpolitik und durch Forderung der christlichen Gewerkschaften geführt. Die gelben Gewerkschaften sind naturgemäß ein Hindernis für das Mrtschreiten der Sozialpolitik. Wir wollen aber die Koalitionsfreiheit sichern. Unsere Gesetze genügen, um Ausschreitungen zu bestrafen. Einen Stillstand in der Sozialpolitik gibt es nicht. (Beifall (im Zentrum.)
Staatssekretär Or. Delbrück:
Meine Ausführungen in der vorigen Woche haben fast einmütige Zustimmung im Hause gefunden. In meinen damaligen Angaben über die Zunahme des Sparkassenguthabens bin ich vom Abg. Gothein mißverstanden worden. Selbstverständlich bedeuten die 11 Milliarden Mark den Gesamtbestand dieser Guthaben, nicht aber den jährlichen Zuwachs. Dies ergibt sich auch aus dem Zusammenhang meiner Rede. Der gewerbliche Mittelstand hat an dem wirtschaftlichen Aufschwung lecher nicht so teilgenommen wie die anderen Erwerbszweige. Die Gründe für die Mißstände, die wir beim Mittelstand finden, liegen weit vor der Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs.
De» gewerblichen Mittelstand bedroht von oben der Zusammenschluß von Handel und Industrie zu großen Bereinigungen, von unten die Arbeiterschaft mit ihren steigenden Lohnforderungen.
Ein großer Teil der Nachkommen der Angehörigen des Mittelstandes tritt als Arbeiter, teils als Meister in die Betriebe der Großindustrie und übt dadurch auch einen ungünstigen Einfluß ans den Fortbestand des Mittelstandes aus. Die alten Organisationen des Mittelstandes hatten sich an-
