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„Tagilatt-Haus" Nr. 6650 - 53 .

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rnittags: für die Morgen-Ausg- bis 3 Uhr nachmittags.

Mittwoch, 28. Ianuar 1914.

Morgen' Ausgabe.

Nr. 45. » 62. Jahrgang.

Ein neuer ValKanKrieg?

Schon hört inan die „drei Worte inhaltsschwer" ein neuer Balkankrieg hier und da, den ruhe­bedürftigen Europäer schreckend, auftauchen, und in Berlin sind sie dieser Tage sogar von den Verkäufern eines sensationsbedürftigen Abendblattes auf den Straßen und Plätzen ausgebrüllt worden. Ist wirklich Ursache zu der Befürchtung vorhanden, daß die Ereig­nisse auf dem Balkan eine solche Wendung nehmen könnten, die für das europäische Wirtschafts­leben eine neue, in ihren Folgen gar nicht abzu­schätzende Kalamität bedenten würde?

Es ist nicht zu leugnen, daß in den letzten Tagen vom Balkan mannigfache Alarmnachrichten gekommen sind, die auf eine Verschärfung der Gegensätze hin­deuten, wozu sich dann noch allerlei Fanfaren der rede- lustigen orientalischen Staatsmänner — man erinnere sich nur an den jüngsten Kriegsruf E nver - Paschas — gesellen. Nun sind zwar zwischen fast allen Balkan­staaten noch einige Liquidationsreste der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen zu erledigen, aber von einem e r n st h a f t e n Konflikt kann doch n u r zwischen Griechenland und der Türkei die Rede sein. Ist dieser Konflikt wirklich so, daß seine schied- lich-friedliche Lösung unmöglich wäre, daß „das letzte Heil, das höchste ruht im Schwerte"?

Das türkisch-griechische Problem besteht bekanntlich in der sogenannten Jnselfrage, die von den Mäch­ten im wesentlichen nach dem Greyschen Vorschlag da­hin entschieden worden ist, daß den Griechen alle von ihnen eroberten ägäischen Inseln zugesprochen werden sollen mit Ausnahme von Jmbros und Tenedos, die für die Sicherheit der Dardanellen von ausschlaggeben­der Bedeutung sind. Dagegen soll Griechenland ver­pflichtet sein, die ägäischen Inseln nicht zu befestigen, Garantien gegen den Waffenschmuggel an der Küste zu geben und Südalbanien schleunigst zu räumen. Diese Beschlüsse der Großmächte sind der griechischen Regie­rung und der Pforte bereits offiziös zur Kenntnis ge- bracht worben: über die Form der offiziellen Bekannt­gabe aber , schweben zurzeit noch Verhandlungen. Die Mühlen der Mächte mahlen langsam.

Wenn nun aber die Großmächte auch nach mancher­lei Meinungsverschiedenheiten sich endlich zu einer ge­wissen Einigkeit in dieser Frage durchdrungen haben, so scheint diese bekanntlich nicht allzu gefestete Eung- keit den Balkanstaaten eben nicht sonderlich zu rmpome- ren. Selbst Griechenland, das doch bei der Jnsel­frage so außerordentlich günstig abschneidet, hat die endgültige Zurückziehung seiner Truppen ans den albanischen Grenzgebieten zwar wiederholt feierlich versprochen, aber noch immer nicht ins Werk gesetzt. Weit bedrohlicher noch lauten die, Nach­richten aus der Türkei, wo ja der neue Kriegsmimster Enver-Pascha ausdrücklich von der Absicht gesprochen hat, „von den verlorenen Gebieten m ö g l i ch st

Nachdruck Verbotes.

Ohne Zeitung!

Satirische Skizze von Hermann Kienzl (Berlin),

Der Herr Florian Breitenhuber, f. k. Rat in. Pension, lag des Morgens um acht im Bett und hatte schon zweimal ge­klingelt. Er pflegte auf seine Weise das Beispiel jenes Obersten, auch eines RuyestandeSherrn, nachzuahmen, der sich täglich.um 5 Uhr morgens wecken ließ: „Herr Oberst! Um Sechs wird abmarschiert!" — worauf der Oberst regelmäßig, nach einem erschrockenen Ruck und Seufzer sich besann, daß für ihn kein Kalbfell mehr geschlagen werde, einen Augenbuck des Hochgenusses schmeckte, dem Burschen lächelnd die brerte Hinterseite zulehrtc und wieder in die sceligen Jagdgrunde des Traums hinüberschlummerte. Der Herr Florian Brciten- huber seinerseits brauchte jetzt nicht mehr sein Schlafbedürfnis um 8 Uhr früh über die kalte Straße nach der Kanzlei zu tragen, und er hatte der Frau Schantel, seiner ehrsamen Wirtschafterin, ein für allemal den Auftrag gegeben, ihm Schlag acht das Morgenblatt ans Bett zu bringen. Dann rekelte er sich noch eine halbe Stunde in den Daunen, blies den Rauch der Morgenzigarre in die Luft, las seine Zeitung und dachte zwischendurch mehr als einmal vergnügt an die Uhr der Amtsstube, die keinem Glücklichen schlägt.

Heute war an die,er Ordnung des Behagens eine Schraube gelockert. Schon sieben Minuten über acht, — und Herr Florian Breitenhuber patte noch nicht seine Zeitung. Er riß zum drittenmal an dem altväterischen Glockenzug. und diesmal niit gerechtem Zorn. In der Tür erschien des Hauses breithüftige und doppelkinnige Schaffnerin:

„Na, na, Herr von Breitenhuiher! Geben's an Fr'-d! Ich kann's Ihnen net drucken.

Mas drucken?!" donnerte Florian Breitenhuber, und sein Schnurrbart wurde zum Igel. ‘

„Jessas, der gnä' Herr tut agrad ;o, als ob ihn die ^Weh- mutter erst abschneiden müßt", rief ärgerlich Re runde Frau. „Zeitung gibt's keine, die Drucker halben einer- Strick!"

viel wieder zurückzu gewinne n". Fast , scheint es aber, als ob diesen Reden auch die Taten entsprechen sollen. Meldungen aus Athen behaupten, daß die türkische Truppen! o n zentration an der Küste Kleinasiens den von Griechenland besetzten wu­seln gegenüber fortgesetzt werde; in Thrazien sollen umfassende militärische Vorbereitungen getroffen wer­den, und eine weitere Alarmnachricht behauptet sogar, daß die Pforte auf C h i o s Truppen landen wolle, ob­wohl es der Türkei hierzu doch an den entsprechenden maritimen. Machtmitteln gebricht. Weiter spricht eine russische Meldung von einem gegen Griechenland gerich­teten türkisch-bulgarischen Bündnis und einer Konzentrierung bulgarischer Banden an der. griechischen Grenze. Endlich wird aus französischer Quelle gemel­det, daß zwischen dem Dreibund und dem D r e i- p e rband bereits Verhandlungen wegen Entsendung einiger Kreuzer nach den ägäischen Inseln schweben, um dort den Status qua aufrecht zu erhalten und jeden Versuch einer Veränderung gewaltsam zu verhindern. .

Man wird jedoch gut tun, alle diese Alarmnachrrch- ten mit dem stärksten Vorbehalt aufzunehmen. Was Griechenland betrifft, so ist die E n t s ch e i d u n g über die Jnselfrage für dieses so günstig, daß es gar nicht daran denken kann, Schwierigkeiten in der albanischen Frage zu machen, denn es würde dadurch weit mehr aufs Spiel setzen, als es gewinnen kann. Aber auch die Türkei kann trotz aller Reden Enver- Paschas es nicht auf eine kriegerische Auseinander­setzung mit Griechenland ankommen lassen, schon weil es ihr an der erforderlichen Flotte gebricht; der ersehnte „Rio de Janeiro" wird frühestens Ende Mai oder An­fang Juni vor Konstantinopel eintreffen. Nun wird behauptet, daß die Türkei auf die Hilfe Bul­gariens rechnen dürfe, aber der Ministerprastdent R a d o s l a w o w hat das soeben mit aller Entschieden­heit bestritten, und des weiteren, wird aus Sofia ge­meldet, daß nach der Amnestierung der in den griechi­schen Gefängnissen befindlichen bulgarischen Gefangenen nunmehr die beiden Regierungen zur Wiederherstellung normaler diplomatischer Beziehungen schreiten , werden. Auch klingt es nicht ganz unwahrscheinlich, daß znm Schluß doch noch ein Tauschgeschäft zustande- kommen werde, auf Grund dessen Griechenland C h i o s und M y t i l e n e gegen einige Inseln des D o d e- kanesos an die Türkei ab treten werde. Nun könnte ja die Meldung einige Besorgnis erregen, wo- iiach bei dem gegenwärtigen Zusammentreffen der Balkanstaatsmänner in Petersburg ein neuer, Griechenland, Serbien, Rumänien und Montenegro umfassender Balkanbund vorbereitet werden solle, aber das ist einstweilen Zukunftsmusik, und für die Gegenwart wird man auf eine Beilegung des Jnsel- konfliktes schon deshalb rechnen können, weil es den Balkanstaaten am Nötigsten zum Kriegführen, am G e I d gebricht, und weil Europa, das ja. hier frag letzte Wort initzusprcchen hat, gründlich kriegsmüde ist.

Dem Herrn Rat Florian Breitenhuber dämmerte es. Vor Wochen hatte man davon gelesen, daß der Tarifvertrag, der zwischen Len Druckereibesitzern Österreichs und ihren „Ge­hilfen" bestand, mit dem Jahre 1913 ablief und hinsichtlich der neuen Forderungen der Setzer kerne Einigung zwischen Ar­beitgebern und -nehmern zustande kommen wolle. Doch glaubte niemand ernstlich an das drohende Stillestehen der Setz- und Rotationsmaschinen, wen e8 doch auch ganz unmög­lich wäre, daß eines Tages der Backerjunge keine Semmeln brächte. Nicht einmal die Zeitungen selbst machten viel Wesen aus dem häuslichen Krieg- ,^st s nur erst Matthäi am letzten, so werde sich, dachte man, schon alles finden.

Also traf es auch den Herrn Rat Breitenhuber ziemlich unvorbereitet, daß er an diesem Morgen ohne geistige Nahrung bleiben mußte. Er wälzte sich ein paarmal knur­rend in seinem Bett und stand mup den linken Fuß voraus. Schon hatte er den Kaps in den WasserkA^ getaucht und, tote ein Seehund prustend, die umliegenden Gebiete über­schwemmt, als er plötzlich mitten im der stürmischen Tätigkeit innehielt: „Wenn ich jetzt nur wutzt . /'

Ja, wenn er jetzt nur wüßte, ob sich der Prinz zu Wied auf den künftigen Thron der Vater setzen ließ oder ob er nicht doch den besseren Teil der Tapferkeit wählte? So schön hatte seine Frau Tant', die ehrgeizig schwärmende Carmen Shlva, ihr Lockliedchen von den gEch, süßen Albanesen zur Harfe gesungen; aber, dachte Herr Florian Breitenhuber, der „unsterbliche Ruhm" ist recht angenehm, wenn man ihn be­quem und ordnungsgemäß auf einem Fürstenstuhl ersitzt, doch er ist minder reizvoll, falls unter dem hoheitlichen Gesäß eine Dynamitpatrone steckt. Diese . schweren politischen Sorgen waren übrigens nicht die einzigen, die Herrn Breitenhubers zeitgenössisches Herz bedrückten. Gar zu gerne hätte er vor allem gewußt, wer gestern beim Kapselschießen in der Rössel­mühlgasse den ersten und den zweiten P^is davontrug . . . Was hilft's! Das Maultier muh im Nebel seinen Weg suchen — ohne Zeitung.

Der Herr Rat hatte, seit er den Aufregungen des Akten­schrankes entronnen war, seinen freien Tag und Geist unter

politische Übersicht.

Konsulate für Elsaß-Lothringen?

Der elsässische Abgeordnete Haegy, der Vertraute des sattsam bekannten Herrn Wetterlä, hat vor kurzem im Reichstag Konsulate für Eisatz-Lothringen ver­langt. Wie wir mitteilen können, ist auf eine Erfüllung dieses Verlangens auf absehbare Zeit hinaus nicht zu rechnen, und zwar aus folgenden Gründen. Es ist richtig, daß die kaufmännischen Vertretungen Elsaß- Lothringens wiederholt die Errichtung von Konsulaten fremder Mächte in den Reichslanden begehrt haben. Würde diesem Verlangen nachgegeben, so könnte man auch die Errichtung französischer Konsulate in Elsaß-Lothringen nicht verhindern. Schon nach den Bestimmungen der Meistbegünstigung hätte Frankreich, wenn andere Mächte Konsulate in den Reichslanden er­richten dürften, ein Recht darauf, ebenfalls Konsulate in Straßburg, Mühlhausen und anderen Orten Elsaß- Lothringens zu schassen. Das aber will man unter allen Umständen vermeiden. Es ist klar, daß französische Konsulate in den Reichslanden, auch wenn diese Posten mit Persönlichkeiten besetzt würden, die entschlossen wären, peinliche Zurückhaltung zu beob­achten, sich allmählich zu Mittelpunkten französischer Be­strebungen gestalten müßten. Das aber kann unter den obwaltenden Umständen keine deutsche Regierung ge­statten. Außerdem ist das Fehlen ausländischer Kon­sulate in den Reichslanden nicht so schlimm, wie es von Herrn Haegy und Genossen hingestellt wird. Alle auswärtigen Mächte habe ihre Elsaß-Lothringen am nächsten gelegenen Konsulate, die in Mannheim, Kehl, Frankfurt a. M. und so weiter, angewiesen, die Geschäfte für Elsaß-Lothringen mit zu erledigen. Nur Frankreich macht in dieser Beziehung eine Aus­nahme. Es hat die elsaß-lothringischen Angelegen­heiten dem Berliner Konsulat überwiesen. Wenn also die Elsaß-Lothringer so große Sehnsucht nach fran­zösischen Konsulaten haben, so mögen sie Frankreich veranlassen, dem Beispiele der übrigen Mächte zu fol­gen und statt des Berliner französischen Konsulats ein den Reichslanden erheblich näher gelegenes Konsulat mit der Wahrnehmung der Geschäfte für Elsaß-Lothrin­gen zu betrauen.

Feldmarschal! v. d. Goltz über die Erziehung zur Wehrtüchtigkeit.

Über die Frage, wie die Volkskraft und mit ihr die Wehr­tüchtigkeit durch systematische Jugendpflege gehoben werden kann, äußert sich Feldmarschall v. d. Goltz in einem Aufsatz der Cottaschen Monatsschrift „Der Greif". Die Erziehung der Jugend zur Kriegstüchtigkeit ist ein besonders dringendes Gebot der Gegenwart, weil der moderne Krieg die höchsten Anforderungen an den einzelnen Soldaten stellt und weil andererseits in Deutschland ein allmähliches Sinken der Wehrfähigkeit konstatiert wird, dem man mit allen Kräften entgegentreten muß. Nun wirken die allgemeinen

das Gesetz einer freiwilligen staatsbürgerlichen Selbstzucht ge­stellt. Üm 8 Uhr, wir sagten cs schon, begann sein Tagewerk mit einer geistigen Anstrengung. Zur Erholung wurde dann nach dem Frühstück ein ruhiger Spaziergang unternommen, wobei der moderne soziale Trieb Herrn Breitenhuber ber- anlaßte, die Vögelchen im Stadtpark mit Brotkrümchen zu füttern. Im Winter wie im nahrungsreichen Sommer. Den Rest des Vormittags forderte der Frühschoppen-Stammtisch. Nach dem Mittagessen (Frau Schantel kochte kräftig und reichlich) begab sich Herr Breitenhuber, ein echter Österreicher unter Österreichern, ins Kaffeehaus, wo er seit Jahren mit den gleichen Gleichgesinnten sein Tarockspiclchen machte. Sodann blieb noch einige Zeit zu abwechselnden Beschäf­tigungen, als da sind der Besuch des Raseurs oder des Dampf­bades oder eines alten Bekannten, einer Schwägerin, einer Lottokollektur. Pünktlich um 7 saß Herr Breitenhuber am Stammtisch. Um 10 stieg der freie Mann zu Bett. Rur selten erfuhr dieses Lebensprogramm eine Erschütterung. Ging der Herr Rat ja einmal ins Theater, so mußte schon recht was Tüchtiges gegeben wenden. Etwa die verflixte „Tango-Prinzessin" oder das erhebende „Wieselchen". Eher aber verspürte er Neigung zum geistanregenden Kino.

In dem Gang der äußeren Ereignisse trat auch heute eine merkbare Veränderung nicht ein. Aber das innere Gleich­gewicht des Herrn Rat war in leises Schwanken geraten. Ee vermißte hie Zeitung, vermißte sie, wie ein anderer ordnungs­liebender Mann einen von der Sitte gefestigten und trotzdem tückisch abgesprungencn Hosenknopf. Daß dieses Entdeh- rungsgefühl eine kleine Inkonsequenz des Herrn Florran Breitenhuber war, daran dachte er nicht, sonst hätte er es ge­wiß nicht aufkommen lassen. Denn, waren auch' die Satze zu zählen, die der Herr.Rat zweimal des Tages an fernem Stammtisch van sich gab, eine kleine goldene Wortkette pflegte er mit großer Zuverlässigkeit um die Gespräche zu ichlingen. So oft die neuen Angelegenheiten der großen und der kleinen Welt init einiger Erhitzung der Gemüter durchgehechelt wur­den, tat der Herr Rat einen, wenn auch nicht oeruhrgenden, so doch ruhigen delphischen Spruch: »Js c §’ alles erlogen.