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Dienstag, 27. Januar 1914. M0rgSN - KUSgSbS. Nr. 4S. . 62. Jahrgang.

3um Geburtstag des Kaisers.

Wieder begeht das deutsche Volk festlich den Geburts­tag des Kaisers, der heute sein 55. Lebensjahr vollendet. vStTt bunten Schmuck der Fahnen prangen die Straßen der Städte, in den Schulen feiert die Jugend, und in unzähligen festlichen Veranstaltungen bekunden die Erwachsenen, daß sie, mag sie auch sonst noch so vieles von einander trennen, einig sind in der Feier des nationalen Festtages, den uns der Geburts­tag unseres Kaisers bedeutet. Diese Mitfeier durch eine ganze Nation ist ein schöner Brauch, ist ein Zeichen gesunden, kräftigen Volkstums, das, unbeirrt durch die Forderungen des Tages und die Kämpfe der Gegenwart, festhalt an dem, worin alle Deutschen sich eins fühlen dürfen und eins fühlen sollen. Denn die Verehrung und die treue Gesinnung, die dem Herrscher entgegengebracht werden und die sich an diesem fest­lichen Tage mrt besonderer Stärke geltend machen, sind - mit Ausnahme derer, die sich in wirklich be­wußtem Gegensatz zu der heutigen Welt- und Staats- oronuncr stellen ein Gemeingut der deutschen Natron. Diese ist monarchisch, nicht weil der Monarch diese oder jene Politik vertritt, nicht weil die Maß­nahmen der Regierung eine bestimmte Richtung ver- folgen, sondern weil das Hohenzollernhaus in Jahr- Hunderten schwerer Arbeit seinen Beruf erwiesen hat, den deutschen Stämmen das Banner voran zu tragen, und weil auch Kaiser. Wilhelm II. getreu den Über­lieferungen der Besten seiner Vorfahren, in seinen Handlungen gezeigt hat, daß die Richtschnur für diese das Heil des Staates ist.

In dieser nationalen Gesinnung, in dieser gemein­samen Arbeit für das Wohlergehen, für die Macht und für die Größe des deutschen Reiches liegt das unzer­reißbare Band, das Volk und Herrscher verknüpft, und deshalb gilt uns Kaisers Geburtstag als ein nationaler Festtag, denn für uns Deutsche ist der Kaiser nicht nur das lebenskräftige Symbol, sondern die Ver­körperung der nationalen Einheit. Kaiser und Reich, diese Begriffe hat in Deutschland die Geschichte zusammengeschmiedet. In dem Kaisertum sehen wir die Verwirklichung dessen, wofür unsere Väter gestritten und gelitten haben, sehen wir die Beendigung jenes trostlosen Zustandes, den ein deutscher Dichter einst mit der wehmütigen Frage gekennzeichnet hat: Was habt ihr denn noch Großes, Allgemeines, welch Band, das euch als Volk zusammen schließet, seit ihr das Kaiser­zepter brechen ließet?

Freilich haben wir in den mehr als vier Jahr­zehnten deutscher Reichsgeschichte oft genug die Wahr­heit des Wortes empfunden, daßnicht jeder Tag kann glüh'n im' Sonnenlichte, ein Wölkchen und ein Schauer kommt zur Zeit." Und gerade in den letzten Tagen hätte es den Anschein, als ob durch eine auf dem Preußentag" gefallene und nicht mit vollem Erfolg dementierte Rede, die an dem Verhalten der bayerischen Trupen in der Schlacht bei Orleans eine durch nichts berechtigte Kritik geübt haben sollte, die partiku-

laristische Strömung diesseits wie jenseits des Mains wieder an Kraft gewinnen könnte. Um so inniger möchten wir dem Wunsche Ausdruck geben, daß diese Besorgnis sich als unbegründet erweise, und es ist wohl angebracht, angesichts dieser unzeit­gemäßen Erörterungen an die denkwürdigen Worte zu erinnern, die einst nach den Schlachten bei Weißen­burg und Wörth, am 4. und 6 . August 1870, Blanken- bürg frohlockend an Roon schrieb:Daß die Bayern unter unseres Kronprinzen Führung den ersten entscheidenden Schlag mitgetan haben, ist die Lösung der deutschen Frag e."

Und noch eine andere Erinnerung ist angesichts dieser unerfreulichen Auseinandersetzungen am Platze. Als im Juni vorigen Jahres in Alldeutschland das Regierungsjubiläum unseres Kaisers festlich begangen wurde, hielt der damalige Prinzregent und jetzige König Ludwig von Bayern jene vielbemerkte Ansprache, in der er die Einigkeit der deutschen Fürsten, der Freien und Hansestädte, des ganzen deutschen Volkes pries, jeneunerschütterliche Einigkeit, die des deutschen. Reiches Macht und Glanz nach außen und im innern für immer verbürgt." Und auf die Ansprache des Königs von Sachsen erwiderte Kaiser Wilhelm II. mit den Worten, die wir alle in unser Gedächtnis schreiben sollten:Diese Gemeinschaft in einem unauflöslichen Bunde, der das Eigenleben seiner Glieder nicht beeinträchtigt, ist uns allen in Fleisch und Blut übergegangen.... Das Bekenntnis deutscher Bundestreue, das mir aus Eurer Majestät beredten Worten so warm entgegenklang, findet in meinem Herzen. starken und freudigen . Widerhall. Ich nehme es als Bestätigung dafür, wie mächtig bei den Fürsten, den Regierungen und den Stämmen unseres Volkes der Wille zu der nationalen Einh eit lebt, in der wir das Heil für alle Zukunft er­blicken."

In diesem Willen zur nationalen Ein- h e i t, in dieser gemeinsamen L i e b e zum deutschen Vaterland e, in dieser gemein­samen Arbeit für das Reich, in der wirdas Heil für alle Zukunft erblicken", liegt das starke un­zerreißbare Band, welches bei uns Volk und Herr­scher verbindet, liegt unsere Stärke und unsere Hoff­nung. Und soll es bleiben.

Sichte und unser« Seit.

In dem Februarhest der MonatsschriftDer Türmer" (Herausgeber I. E. Frhr. v. Grotthuß, Ver­lag von Greiner u. Pfeiffer, Stuttgart) bringt Professor Rudolf Eucken, Jena, die Philosophie Fichtes, dessen 100 . Todestag heute ist, in Vergleich zu den Strömungen unserer Zeit. .

Fichte ist weniger groß rn der näheren Ausführung 7 - sie mag uns oft eng und gewaltsam dünken, auch ist sie durch die rasche Bewegung der Zeit vielfach über­holt. Vielmehr liegt seine Große in einfachen Grund­gedanken, die deutlich genug durch alles Problematische

der Ausführung hindurchscheinen und immer neue Kraft zu Wecken vermögen; das vor allem macht es möglich, daß Fichte noch heute unmittelbar zu uns sprechen und Gefahren unseres Lebens entgegenwirken kann.-

^ In aller Arbeit Fichtes erscheint eine energische Konzentration, ein deutliches Herausheben der ein­fachen und wesentlichen Grundzüge des Lebens, zugleich ein Streben, seine Gegensätze klar herauszuarbeiten und durchgängig die Sache an den Punkt zu bringen, wo das große Entweder-Oder des menschlichen Daseins deutlich hervortritt. Fichte ist ein Denker nicht des Sowohl-Als auch als des Entweder-Oder, überall zerlegt sich ihm die Wirklichkeit in ein Für oder Wider, überall wird damit der Mensch zu einer bestimmten Entscheidung aufgerufen. Dies Drängen zum Ein­fachen und Wesentlichen muß uns schon deshalb schätz- bar sein, weil es einem bedenklichen Zuge unserer Art entgegenwirkt. Wir Deutschen haben leider eine Neigung für das Komplizierte, wir sind nicht sonderlich geschickt, Haupt- und Nebensachen zu unterscheiden und Neben­sächliches abzustreisen, auch hängen wir zu sehr an der Fülle des Stoffs und beschweren unser Streben mit zu viel Ballast. Daß es uns schwer fällt einfache Grund- züge aus der Fülle Herauszusehen und uns''allein an sie zu halten, das hat unserer Kunst, unserer Literatur, ja unserem ganzen Leben vielen Schaden bereitet, das hat unsere Arbeit oft nicht die Erfolge erreichen lassen, die ihre hervorragende Treue und Tüchtigkeit verdiente.

Wenn schon diese bleibende Gefahr uns einfache und durchdringende Persönlichkeiten in hohem Grade wertvoll macht, so läßt die Verworrenheit und Widersvruchsfülle der gegenwärtigen Lage uns die auf- rüttelnde und scheidende Kraft, die von Fichte ausgeht, mit besonderem Dank begrüßen. Es fohlen dem heuti­gen Leben und Schaffen einfache große Linien: es kann sie nicht finden, wenn nicht die großen Gegensätze, die unser Leben entbält, klar und scharf heraus gearbeitet werden. Sicherlich bedürfen wir heute einer Samm­lung der Geister, aber eine solche kann gründlich nur erfolgen und gründlich nur wirken nach vorhergehen­der Scheidung, nach einem deutlichen Auseinündertreten der Widersprüche der Gegenwart. Dafür kann uns die Fichtesche Art eine treffliche Führerin sein.

So viel Kraft zur Klärung und Stärkung, so viel Antrieb zur Scheidung wie zur Sammlung der Geister konnte aus Fichte nicht wirken, wenn nicht seine Philo­sophie sein ganzes Sein gewesen wäre und dadurch die vollste Wahrhaftigkeit erlangt hätte. Weil jeder Ge­danke aus persönlichem Leben hervorgeht und persön­liches Leben ausstrahlt, konnte die eigene Festigkeit be­festigend wirken und der eigene Glaube den Glauben anderer entzünden. Fichte hat kein leichtes Leben ge­habt, und er hat seine Unzufriedenheit mit den Ver­hältnissen um ihn oft in schneidender Schärfe ausge­sprochen. Aber insofern war die Zeit ihm günstig, als sic eben das verlangt, und zwar in einem höchst "kriti­schen Augenblick verlangt, was er nach seiner Natur und seinem Charakter zu leisten vermochte; indem er

Kaisers Geburtstag in einem lothringischen Frauenstifl.

Der Kaiser auf Besuch.

Von H. Schede - Heller (Stratzburg).

Das war der eigenartigste Kaisevgeburtstag, den ich je gefeiert habe am 27. Januar in einem lothringischen Frauenstift unter greisen, vergilbten, von der Welt abge­schiedenen Frauen!

Ich wollte die Katherine besuchen, meine alte Kinder­frau, die auch an diesem Tag Geburtstag hatte, die seit mehreren Jahren in dem Stift in Kurzel-Urville lebte, das unter dem Protektorat der Kaiserin steht.

Der Bahnhof liegt weck draußen vor dem Dorf, unweit des Schlosses, das vom Kaiser gern bei den Durchreisen durch. Lothringen bewohnt wird. Der Weg führt durch Felder, auf denen der . dicke Schnee wie eine undurchdringliche weiße Masse lastet, und geht dann langsam in das Dorf über.

Wie seltsam sind dicie niedrigen, kahlen, aneinander ge­preßten, mit auffallend stachen Dächern bedeckten Stein­häuser, die nach der «traße meist nur eine Tür und ein Fenster zeigen, als wollten jre von der Außenwelt sich ver­schließen und ihr Innerstes vor unberufenen Blicken ver­bergen. Tie Hausgänge, die von Menschen und vom Vieh benutzt werden, sind so schmal, daß bxj Begräbnissen die .Särge durch das Fenster^ aus me Straße geschafft werden müssen. Diesen Häusern fehlt leder Schmuck der Knust und des ruhigen Behagens. Man suhlt es ihnen an, daß sie in schweren Zeiten, in den Drangfalen des Krieges, mit geringen Mitteln gebaut wurden, um zunächst nur als Obdach zu dienen. Sie wurden von Hugenotten bewohnt, und es heißt, daß sie sich darum so eng aneinander schmiegten, damit die in ihrem Glauben Verfolgten sich bei heraunahendcr Gefahr Warnungszeichen durch Klopfen an der Wand geben konnten.

Heute ist es in dem Dorf gar still geworden. Eine Kirche reckt ihren schlanken Turm in den stahlblauen Himmel. Am Pfarrhaus und an der Augusta-Vrktorm-Schule wehen die lothringischen Fahnen. Eine Mädchenschar aus dem Pen­sionat zieht mit roten Backen und hellen Augen an mir vor­bei. An den niedrigen Fenstern sitzen Kinder mit Bilder- büchern ober -hocken die Großmütter mit ihrem Strick^euig.

Nun habe ich das Stift erreicht. Eine Fahne flattert auch hier im schneidenden Nordwind, ^m Garten sahen wir hohe Tannen zur Rechten und zur Lanken eine Steinbank; die Zweige ächzen unter der Last des Schnees und blicken hin- . Wer nach dem verschneiten Haus, das still un £, abgeschnitten tote ein greises Weib im kalten Wmtertage steht. Fm Som­mer blühen hier Rosen und Jasmin, die noch frisches Glück in alte müde Herzen zaubern können.

Ich ziehe an einer verrosteten Schelle unb erschrecke fast selbst vor dem schrillen Klang, der durch das verschlafene Haus schallt. Die alten Weiber werden lebendig. Weiße Gardinen toerden vorsichtig zurückgeschoben, und neugierige Augen blicken hinter runden Brillengläsern ans den fremden Gast.

Ich klopfe im Gang an Katherines Tür, und im Augen­blick, wo ich das erwartungsvollEnt rez ., CTlt j. ez; " höre, gehl

gegenüber eine Stubentür auf und dazu eine zweite da­neben eine dritte und durch jeden Türspalt schimmert eine weiße Haube.

Katherines Stube liegt nach dem Garten zu mit dem Blick auf die hohen glitzernden Tannen. Vor dem fest ge­schlossenen Fenster steht ein Topf mit Christrosen und daneben ein kleiner Weihnachtsbaum mit Lichtern und bunten Kugeln. Der Tisch ist gedeckt, aus dem weißen Tischtuch mit den roten Webkanten hat Katherine das Hunte Kaffeegeschirr mit dem roten Blumenmuster aufgestellt.

Sie sitzt am Fenster, den. kranken Fuß auf einen Schemel gestützt, mit einem grauen Kleid, einer blauen Schürze und der weißen lothringischen Haube aus dem ge­bleichten Haar. Die Hände sind noch immer fleißig, und

trotz ihrer 70 Jahre strickt sie Wollstrümpse für ihre Enkel­kinder.

Nun betrachtet sie mich von allen Seiten und kann gar nicht begreifen, daß aus dem wilden Kind ein erwachsener Mensch geworden ist, den man nicht mehr mit einem »sur le cheva.1 de grand-papa" auf die Knie springen läßt.

Comment vas-tu, Catherine?" rrr »Eh merci! Es geht; es geht. Die Augen sind zwar schacht, und rch kann nicht einmal mehr in der Bibel lesen; auch das Bern tut weh, aber da sitze ich halt am Fenster und freue mich, wenn die Sonne scheint und die Mädchen im Pensionat drüben spielen."

dann beginnt sie zu erzählen vom alten Stift, von ü!* er Stube, von ihren Möbeln drüben den lothringischen Schrank hat sie von der Mutter geerbt, und das Himmelbett hat die Base ihr überlassen von Kaisers Geburtstag und den alten Frauen, die sie zur Feier des Tages zum Kaffee geladen hat. Jede von ihnen hat heute zwei Pfund Kaffee, ein Pfund Schokolade und Kuchen bekommen extra vom Kaiser nach Kurzel-Urville geschickt, wie die alte Katherine meint.

An der Tür hat es geklopft; es sind Katherines Gäste, lauter weißhaarige Frauen mit verrunzelten Gesichtern und zitternden Händen und alle mit weißen Hauben und nach lothringischer Art gebundenen Fichus. Sie setzen sich um den Tisch langsam ein wenig umständlich die falten­reichen Röcke werden zu beiden Seiten des Stuhls zurecht gezupft Madame Broux stützt die Krücken gegen den Stuhl; Madame Arnould trägt ein Spitzenjabot, den sie sorgsam mit der Serviette bedeckt.

Katherine muß dieHonneurs" machen. Ungeachtet ihres lahmen Beines schenkt sic den Kaffee eiu und reiche die Kuchen. Das ist so Sitte im Stift, daß jedes Jahr bei Kaisers Geburtstag eine der Frauen die anderen zu sich ein- lädt. Trotz der weißen Haare, lahmen Beine und unsicheren Hände geht es lebhaft zu. Die alten Weiblein haben sich