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Samstage 24. Januar 1914.
Morgen' Ausgabe.
Nr. 39. ♦ 62. Jahrgang.
Die Politik der Woche.
Und will sich nimmer erschöpfen nnd leeren, nämlich die Zabern-Debatte, die im Reichstag, im elsaßlothringischen Landtag und in der Presse noch immer nicht' ihr Ende finden will, und die einigermaßen im Gegensatz steht zu der allseits als dringend notwendig erkannten Beruhigungsaktion. Welche weiteren Folgen und etwaigen gesetzgeberischen Maßnahmen, wie sie unter anderem der im Reichstag eingebrachte Initiativantrag, betreffend den Erlaß eines besonderen Gesetzes über das Einschreiten der bewaffneten Macht zum Zweck der Polizeiausübung, fordert, der Zabern-Konslikt nach sich ziehen wird, steht noch nicht mit Sicherheit fest, dagegen gilt es als einigermaßen sicher, daß in den Reichslanden ein Regierungswechsel stattfinden wird, mag es auch noch aus Kombination beruhen, wenn jetzt schon die Namen der Nachfolger des Statthalters Grafen Wedel, des Staatssekretärs Zorn v. Bulach und der Unterstaatssekretäre Mandel und Dr. Petri genannt werden.
Während die elsaß-lothringische Krise somit ihren Fortgcpig nimmt, sind die Gerüchte über die „schleichende K a n z l e r k r i s e" in letzter Zeit etwas verstummt, obwohl der soeben begründete Preußenbund Herrn v. Bethmann-Hollweg wenig- stens indirekt eine sehr schlechte Zensur erteilt hat, indem er unter stürmischem Beifall von der Absendung eines Begrüßungstelegrammes an ihn Abstand nahm. Der Reichskanzler kann sich in diesem Falle mit dem Reichstag trösten, dem auf der Tagung des Preu- ßenbundcs noch dümmer und übler mitgespielt wurde. Die Kennzeichnung des Reichsparlaments als „gemischte Gesellschaft" ist unbestritten geblieben, während es sich hierbei, wie im Reichstag zutreffend erwidert wurde, vielmehr um eine „gewählte" Gesellschaft handelt. Auch die Bemerkungen des Generalmajors z. D. v. Kracht über das Verhalten der bayerischen Truppen in der Schlacht bei Orleans haben langatmige und leidenschaftliche Dementis erfahren, was aber nicht gehindert hat, daß die auf dem Preußentage gehaltenen taktlosen und herausfordernden Reden im Bayernlande, und zwar sowohl im Landtage wie in der Presse auch in beut 9 ?'e 0 terun 0 ?organ, btc öHstidjärffi-ett ^ßrötcitß i)ct a
vorriefen. Jo
Hu dem Sorgenbünbel bes leitenden Staatsmannes auf'dem Gebiete der inneren Politik, dos zwischen A und Z, zwischen Altpreußentum und Zabern, gar mancherlei Rubriken aufweist, gesellen sich unerfreuliche U n st i m m i g k e i t e n im Bereich _ der a u swärtigen Politik. Da sind zunächst die Differenzen zwischen Deutschland und Rußland in der Frage der deutschen M i I i t ä r m i s s i o n, und wenn auch die Offiziösen dies, wie wir gleich betonten, mit mehr
Mühe als Erfolg als eine „innere Angelegenheit" der Türkei hinstellen, durch die das deutsche Prestige im Orient nicht berührt werde, so hat doch dieser Konflikt im Verein mit manchen anderen Vorgängen, wie die Ankündigung eines russischen Getreideeinfuhrzolles, erneut gezeigt, daß der Draht zwischen Berlin und Petersburg wieder etwas in Unordnung geraten ist. Auch der Besuch, den Präsident Poincar^ der deutschen Botschaft in Paris abgestattet hat, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Spannung zwischen Deutschland und Dreiverband unverändert fortbesteht, eine Tatsache, aus die ja auch die Churchillschen Flottenpläne, die freilich bereits zu einer starken Spannung innerhalb des Kabinetts Asquith geführt haben, ein grelles Licht werfen.
Diese Unstimmigkeiten im vielgerühmten Konzert der Mächte sind es, welche die Liquidation der Balkan m a s s e so sehr erschweren und die einzelnen Balkanstaaten immer wieder zu neuen Extratouren, ermutigen. Das zeigt sich ebenso bei den Griechen, die, den französischen Einflüsterungen folgend, in der Jnselsrage neue Schwierigkeiten machen, während auf der anderen Seite, wie die jüngste Fanfare des Kriegsministers Enver-Pascha gezeigt hat, auch die Türken wieder ongriffslustiger werden. Es ist jedenfalls sehr verdächtig, daß die Türkei trotz ihrer Geldnöte Einkäufe in Kriegsschiffen macht, während die Griechen Tenedos befestigen und Seeminen legen.
Enver-Pascha hat sich nicht darüber ausgelassen, ob die von ihm angekündigte Absicht, „von den verlorenen Gebieten möglich st viel wieder zurückzu- gewinne n", sich auch auf Albanien bezieht, das sich jetzt zum Empfang des neuen Fürsten rüstet, dessen Abreise auf den 28. d. M. angesetzt ist. Hoffentlich geht diesem Rüsten das Abrüsten voraus, denn Essad- Paschas Rolle ist trotz seiner Loyalitätsversicherungen noch immer verdächtig, und auch I z z et- Pascha hat jetzt wieder von sich hören lassen, während die provisorische Regierung ein über das andere Mal init der Abdankung droht und die internationale Kontrollkommission einigermaßen an das bekannte Scherzlied erinnert: Auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß!
An besagten Greis, der freilich eher Furcht als Ehrfurcht erweckt, erinnert auch H u e r t a, zurzeit noch immer Präsident von Mexiko, der das flir Schuldner und solche, die es werden wollen, sehr nützliche Institut der Banks eiertage erfunden hat. Weil die bösen Revolutionäre noch iinmer nicht das Schießen auf die Regierungstruppen einstellen, so hat wenigstens die Regierung etwas eingestellt, nämlich die Zahlungen. Und weil keiner mochte leiden, daß der andere für ihn zahlt, zahlte keiner von den beiden, ein System, das sich empfahl! _
I B P II I . . .,... .
Feuilleton.
Aus Zunft und Leben.
* Bernadin de Saint-Picrrc und Alexander von Humboldt. Der 100. Todestag Bernadin de Saiqt-Pierres am 24. Januar ruft die Gestalt eines Dichters in die Erinnerung, der in der Geschichte des modernen Naturgefühls eine bedeutende Rolle spielt: er hat die Wunder der tropischen Landschaft, die vorher von kühnen Entdeckern und kühlen Gelehrten mehr sachlich geschildert worden war, für die Poesie entdeckt und so eigentlich erst die ideale Natur des Rouffeauschen naiven Menschen, die der Philosoph nur geträumt, geschaffen. Eine abenteuerliche Sehnsucht und Schwärmerei nach Unbekannt dämmernden Fernen trieb schon den 12jährigen Knaben zu einer Fahrt nach Martinique, und nachdem ihn ein wechselreiches Schicksal im alten Europa hierhin und dorthin geworfen hatte, lechzte er nach Ruhe und Frieden in jungen Ländern, will die Rouffeauschen Ideen in Wirklichkeit um.setzen und versucht mit einer Anzahl gleichgesinnter einfacher Menschen bald in Madagaskar, bald am Aralsee Ansiedlungen zu gründen, in denen das Glück der Urzeit wieder aufleben soll. Seine Pläne mißglücken, seine Utopien zerrinnen, und es bleiben ihm nur noch die Freuden der Phantasie, die Luft der Träume, in denen sich all sein Erleben in glühenden Farben spiegelt. Aus diesen Visionen einer nnt starken Sinnen geschauten fremden Natur sind die unvergänglichen Schönheiten geboren, die das einfache Geschehen seiner Idyllen mit einem herrlichen Kranz bau Landschaftsüildern umrahmen. Eingefügt in seine wunderlichen Naturstudien, deren. unwissenschaftliches Fabulieren längst erkannt ist, liegt wie ein Juwel in eine Kette von bunten Glasstücken die Dichtung, die seinen Namen unsterblich gemacht hat, die Erzählung von „Paul und Virginia". Die Tragik, die in dem hier gesa)ilderten Zusammenstoß des einfachen Naturkindes aus der glücklichen Südsee mit der überfeinerten Bildung alter Kultiir geschildert ist, läßt uns freilich kalt, sie ist nach einem Wort Goethes nur aus der äußerlichen Absicht entsprungen, „um alle schmerzlichen Mißverhältnisse zur Sprache zu bringen, welche in neuesten Staaten zwischen
Natur und Gesetz, Gefühl und Herkommen, Bestreben nnd Vorurteil so bang und beängstigend sind." Wundervoll und un-veraltet aber wirkt heute noch 'die tiefe Beseelung der .Tropenwelt. Um dieser Tat willen hat Alexander von Humboldt in der genialen Skizze der „Entwicklung des Naturge- fühles, die er in seinem „Kosmos bot, Bernadin de Saint- Pierre einen ruhmvollen Platz eingeräumt und selbst den tiefen Einfluß bekannt, den er durch ihn empfangen. Während Buffa die südliche Natur nur nach Schilderungen anderer dar^estellt hatte, ist hier dieses großartige Phänomen von einem Dichter heiß und leidenschaftilch erlebt. „Paul und Virginia", ein Werk, wie es kaum eine andere Literatur auf- «uweisen hat", sagt Humboldt, „ist das einfache Naturbild einer Insel mitten im tropischen Meere, wo, bald von der Milde des Himmels beschirmt, bald von dem mächtigen Kampf der Elemente bedroht, zwei anmutsvolle Gestalten in der wilden Pflanzenfülle des Waldes, sich malerisch wie von einem blütenreichen Teppich abheben." $j u j: seinen großen Reisen in die gleichen Zonen, die Humboldt mit Ai mH Bonp- land unternahm, ist dies Meisterwerk dem Naturforscher ein geliebter Gefährte gewesen. »Viele Jahre lang ist es von mir und meinem teuren Begleiter und Freunde Bonpland gelesen worden: dort nun (man verzeihe den Anruf an das eigene Gefühl) in dem stillen Glanze des südlichen Himmels, oder wenn in der Regenzeit, am Ufer des Orinoco, der Blitz krachend den Wald erleuchtete, wurden wir beide von der bewundernswürdigen Wahrheit durchdrungen, mit der in jener kleinen Schrift die mächtige Tropennatur in ihrer ganzen Eigentümlichkeit dargestellt ist.' Der Einfluß Saint-Prerres, der in der ganzen Literatur,, bei Chateaubriand wie bei den Deutschen Lenau mrd Sealsfield, ein so tiefgehender war, ist denii auch rn Humboldts schönen Schilderungen, vor allem in seinen dichterisch-anschaulichen »Ansichten der Natur" zu spüren.
Kleine Chronik.
Theater und Literatur. Wie ein weher Notschrei klingt ein Aufruf, den der Direktor Nord au vorn Kasseler Residenztheater an die Kasseler Einwohner richtet. Alle Bemühungen dieses Bühnenleiters, dem Publikum nur die allerbeste Bühnenkost zu bieten, scheitern nach monatelangen
Deutsches Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Für den verstorbenen Oberpräsidenten v, Conrad wird in Potsdam eine Tvmier- seier stattfinden. Die Beisetzung erfolgt in dem Erbbegräbnis der Familie in Fronza in Westpreußen.
* LaS hessische Regierungsorgan gegen den Preusrentag. Das Blatt der hessischen Regierung, die „Darmstädter Zeitung", nimmt in einem leitenden Artikel „Nord und Süd" gegen den Preußentag Stellung, indem es u. a. schreibt: „Es war erklärlich, daß die bedauerliche Mißstimmung, die das überhebende Gebaren der Redner des Preußentages in Süddeutschland hervorgerufen hatte, sich nicht ohne weiteres auf die Einlenkungsversuche der paar konservativen Berliner Blätter wieder legen würde. Wenn auch bereits die Auslegung, welche einzelne konservative Blätter den Worten des Generals v. Kracht gegeben haben, einen Teil des Stachels gegen Bayern zu nehmen vermochte, so ist doch leicht begreiflich, daß sich das bayerische Volksgemüt gegen jede Verdächtigung mangelnder Bravour im letzten Kriege wehrt und mit Recht, denn die bayerische Tapferkeit ist doch fast sprichwörtlich geworden. Daß es der preußischen Regierung wie der Reichsregierung nicht angenehm ist, unnütz die Rivalität zwischen Nord und Süd hervorgerufen zu sehen, ist klar. Daß die Berliner Preußenversammlung ein Telegramm an den preußischen Ministerpräsidenten, der ja gleichzeitig der gehaßte Reichskanzler ist, a b l e h n t e, konnte Herrn von Bethmann-Hollweg kalt lassen. Daß die Allpreußen statt des Geburtstages des Deutschen Reiches den 18. Januar 1701, den Gründungstag der preußischen Monarchie, feiern wollen, war auch lediglich ihre Sache. Daß aber die Herren von jenseits der Elbe, welche süddeutsches Wesen nicht verstehen, die Niederwerfung der beiden Napoleone für sich allein rekla- inierten, das mußte dem Reichskanzler aus dem Grunde unangenehm sein, weil dadurch ein Keil zwischen Nord und Süd getrieben werden konnte. Daher wird es Herrn v. Bethmann- Hollweg gelegen gekommen sein, daß der Erreger des bayerischen Volksunwillens nunmehr selbst seine Erklärungen rektifizierte."
* Die Oberbürgermeister Wermuth und Scholz zu dem Antrag Uork v. Wartenburg. Die Absfimmung des Oberbürgermeisters Scholz für den Antrag des Grafen Aork v. Wartenburg im Herrenhause hat in der Charlottenburger Bürgerschaft eine unliebsame Überraschung hervorgerufen. Wie die „Freist Ztg." hierzu bemerkt, hat auch das Verhalten des Berliner Oberbürgermeisters Wermuth gegenüber dem Vorstoß der Junker gegen den Reichstag Verwunderung in der Bürgerschaft erregt. Herr Wermuth war im Herrenhause anwesend, nahm aber an der Abstimmung nicht teil. Nach dem amtlichen Bericht fehlte er ohne Entschuldigung.
* Eine italienische Unfreundlichkeit. Wir lesen in der „Magdeb. Ztg.": Die Vorgänge in Elsaß-Lothringen geben dem „Giornale d'Jtalia", das oft zu Auslassungen der italienischen Regierung benutzt wird, Veranlassung zu einer allgemeinen Betrachtung der europäischen Politik, an die das Blatt
Versuchen an der absoluten Lauheit der 160 000 Einwohner. Selbst hervorragende Gäste vermochten nicht zu fesseln. Philippis „Pfarrer Hellmund" mutzte, wie bereits gemeldet, schon bei der Erstaufführung ausfallen, weil nur 11 Personen anwesend waren, und die Aufführung des Lustspiels „Flügge" brachte am Dienstag eine Einnahme von — 11 Mark. An 20 Aufführungstagen wies der Kassenrapport eine Gesamteinnahme von knapp 1000 M. auf. Jetzt greift der Direktor nun zum letzten Mittel und bietet nach Art der Kinos Dutzendkarten zur Abnahme an. Wenn jedoch auch dieses Mittel fehlschlägt, dann will das Theater seine Vorstellungen in Kassel aufgebeu und auf den kurhessischen Dörfern spielen. Und so etwas geschieht in der Stadt, die einst eine der hehrsten Pflegestätten deutscher Kunst war.
Bildende Kunst und Musik. Der norwegische Maler und Zeichner Theodor K i t t e l s e n, der namentlich durch seine Karitaturenzeichnungen in der vor einigen Jahren einge- gangenen Zeitschrift „Pan" auch in Deutschland bekannt wur e. ist, fast 57 Jahre alt, in Christi an i a gestorben.
Ein bisher noch nicht B e kannt gewesenes Werk Wilhelm - m . e ™ P^r-iit, ist vor kurzem von Karl Haberstock m aE ^ ^ " aufgefunden und erwarben worden.
Dem Kunstmaler Professor Friedrich Kallmorgen in Iin ist vom König von Bayern der Verdienstorden vom heiligen Michael dritter Klasse verliehen worden.
^ Lehars Operette „Endlich allein" erlebt am 30. d. im „Theater an der Wien" in Wien seine Uraufführung.
Richard Strauß hat seinen Kontrakt mit der Königl. Hofoper in Berlin um drei Jahre verlängert.
Wissenschaft und Technik. Auf der Internationalen Buchgewerbeausstellung in Leipzig ist bekanntlich auch Frankreich mit einem eigenen großen Pavillon vertreten, wofür die Regierung schon 48g ggg Franken bewilligt hat. Nunmehr hat der Stadtrat von Paris beschlossen, für die Beteiligung der Stadt Paris 10 000 Franken zur Verfügung zu stellen, ebenso sind für die Ausstellung des Seinedepartements 6000 Franken ausgesetzt' worden. Die Stadt Paris wird keinen besonderen Pavillon errichten, sondern im französischen Pavillon ausstellen.
