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Sette 4.

Abend-Ausgabe, 1* Matt.

Wiesbadener TagNE«

Freitag, 23. Januar 1S14.

Nr. sa.

DomierStag C. Freitag B, Samstag A. Sonntag C, Montag D.

— Die Vorbereitungen zum „Parsifal" haben bereits begonnen, sobald der genaue Aufführungstermin feststeht, wird er be­kanntgegeben.

* Bortrag. Im Aufträge des Vereins für Natur­schutzpark wird heute abend 9 Uhr in der Aula des Lyzeums «tu Schloßplatz der Königl. Baurat L a u t h einen Vortrag über Lunst- und Baudenkmäler in der Eifel und in Trier" Hallen.

Eine srotze Zahl von Lichtbildern wird den Bortrag erläutern

Musik- und Vortragsabende,

Zum Besten der neu errichteten Kteintinderschule der Ringkirchengemeinde fand gestern rm Kasino ein Konzert statr. veranstaltet von Frl. Idelberg er (Gesang), unter Mitwirkung von Frl. Schneider (Klavier) und Herrn Danneberg (Flöte). Frl. Jdelberger hatte sich die „Agathen-Arie" aus dem „Freischütz" sowie Lieder von Wolf, Strauß, Brahms und Dorn zum Bortrag geluählt und erwies sich darin von neuem als Sängerin von sorgfältiger Schulung und warmem Ausdrucksvermögen. Am eindringlichsten weiß Frl. Jdelberger ihr Organ im zarten mezza-voce zu behandeln, wie rm „Geoet" in der Arie und im „Wiegenlied" von Brahms, das wohl die beste gesangliche Leistung des Abends war. Die von Natur aus große Stimme der Sängeirn würde — nament­lich in kraftvollen Stellen — noch einheitlicher ms# ausge­glichener wirken, wenn durch weiteres Studium die Mittelläge farbreicher gebildet werden könnte. Föl. Schneider hatte in den Variationen von Tschaikowsky und „Oes cloclies de Genevre" und „Gnomenreigen" von Liszt reichlich Gelegen­heit. ihre trefflich entwickelte Technik und ihr solides Musik- empkinden zu zeigen. Herr Dcmneberg flötete wieder so herzerfreuend, daß niemand cmstehen kann, ihn zu den ersten Meistern dieses Instrumentes zu rechnen, und es ist nur zu bedauern, daß man seine vollendete Kunst nicht öfter in dem Rahmen eines solchen Konzertes hört. Nicht vergessen sei die Begleitung des Herrn W e n d l e r, der feinfühlig und ge­schmackvoll den Gesang- und Flötenvorträgen seine Unter­stützung lieh und so zum Gelingen des Abends sein gut Teil beitrug. Die ziemlich zahlreich erschienenen Zuhörer ließen es an reichem Beifall nicht fehlen. -8.

Die dritte Teematinee zum Besten der Restaurierung der hiesigen Englischen Kirche fand am 21. Januar im „Hotel „Nassauer Hof" statt. Der Saal war durch eine zahlreiche kosmopolitische Gesellschaft besetzt. Der Tee verlief in üb­licher vornehmer und gemütlicher Weise. Das Programm be­stand aus sechs Nummern, die von Kurkapellmeister Jvme-r, Fahr-Woraczek und Herrn Meyer-Elbing ausgeführt wurden Herr Jrmer fand mit den in bekannter Virtuosität yorgstrageuen Violinfolo wohlverdienten Beifall. Frau Fahr- Woraczek läng außer drei französischen Schäferliedern aus dem 18. Jahrhunderr deutsche Lieder mit schöner Modulation und temperamentvollem Vortrag, von ihrem Gatten, Professor Fahr, diskret am Klavier begleitet. Als Rezitator trat Herr Metzer Elbing auf. der, wie auch Frau Professor Fcchr, mit vorzüglichen Borträgen reichen Applaus fand. Die Klavier­begleitung hatte Kammermusiker Hennig übernommen und sich seiner Ausgabe, wie stets, vortrefflich entledigt. (Ohne Gewähr.)

Der hiesige Zweigverein des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins veranstaltete am ver­gangenen Montag im großen -Saale der „Turngesellsck^ftz feinen zweiten dieswinterlichen, gut besuchten Familienäbend. Bei Begrüßung der Erschienenen wies der Vorsitzende. Ober- realschuldirektor Dr. Höfer, darauf hin, daß der vorher- gegangene Tag. der 18. Januar, der Geburtstag des Deutschen Reiches sei. In den nun 43 Jahren seines Bestehens habe dieses eine über seine engeren Grenzen weit hinausgehende Eniwicklung genommen, insbesondere auch durch die lrrwerbung außereuropäischer Gebiete zum Zwecke der Besiedelung. Wir seien dadurch vor ganz neue Aufgaben gestellt, und darum sei es geboten, unsere koloniale Tätigkeit auch einmal vom sprach­lichen Gesichtspunkte aus zu beleuchten. Hierauf hielt Pfarrer Lic, Anz aus Schlachtensee bei Berlin seinen Vortrag über „Die Not der deutschen Sprache in unseren Schutzgebieten". Der Vortragende hat durch siebenjährige Tätigkeit in Deutsch- Südwestafrika reichlich Gelegenheit gehabt, sich über den Gegen­stand ein sachkundiges Urteil zu bilden. Er führte zunächst aus. daß in allen unseren Kolonien leider die Neigung bestehe, zum Zwecke der Verständigung mit den Eingeborenen zu viel Rücksicht auf die früheren VerhAtnisse jener Gebiete zu nehmen. Dadurch ist in Südwestaftika das Büren-Holländisch, in Kamerun und Togo das sogenannte Pidgin-Englisch und in Ostasrika die Sprache des zu einer gewissen Kultur gelangten Negerstammes der Suaheli zur Herrschaft gekommen. Das Schlimmste aber ist. daß die deutschen Ansiedler und Regie rungsbeamten dem Eindringen dreier minderwertigen Ver ftändigungsmitte'l in ihre eigene Umgangssprache nicht ge­nügend Widerstand leisten. Dieser Zustand birgt schwere Nach­teile und Gefahren für unser Volkstum in den Kolonien in sich, wie Redner an der Hand seiner Erfahrungen in sehr ein­gehender Weise überzeugend darlegte. In letzter Zeit ist zwar schon eine Wendung zum Bessern eingetreten, so namentlich durch die Er-ächtuug von Regierungsschulen und durch die ver­mehrte Einwanderung deutscher Frauen. Eine Hauptwirkun - muß aber auch von der Heimat aus dadurch erzielt werden, das die in das deutsche Neuland HinauSzioheuden sich stets bewußt bleiben, welcher gmßer Kulturwert kn der Festhaltung an der reinen deutschen Sprache liegt Der Redner erntete reichen Beifall für seinen fesselnden Vortrag. — Der nun folg,ende unterhaltende Teil bestand aus musikalischen Vorträgen, die von Lehrkräften und Schülern des Schreiberschen Krnfervato- riums unter Leitung ihres Direktors ausgeführt wurden. Die jugendlichen Klaviersvieler Wilke und Luckow, Alice Bürte vom Kgl. Hoftheator als Sängerin, Hans Petsch mit seinen eigenen Tondichtungen für die Bratsche. Kammermusiker Werner mit seinen meisterhaften Trompetenstücken und schließlich die beits'-en Vorträge des Herrn Jacob fanden lebhafte Aner­kennung und so war der Gesamteindruck der Darbietungen ein durchaus würdiger und befriedigender. (Ohne Gewähr.)

Nafferursche Nachrichten.

!! Aus dem unteren Rheingau, 22. Jan. Die Wcin- bergSarbeiten sind durch die strenge anhaltende Kälte fast gänzlich ins Ruhen gekommen, da sich bei dem festgefrore- nen Boden nur wenig tun läßt. Die Rodarbeiten können jedoch weiter gefördert werden und auch der Rebschnitt, der vereinzelt schon vor Eintritt der Kälte in Angriff genommen war, wird in den einzelnen Tagesstunden, in welchen die Sonne scheint, weiter fortgesetzt. — Der neue W e i n wird, sobald mildere Witterung eintritt, seinen ersten Anstich er­halten. In geschäftlicher Hinsicht hat die Nachfrage nach 1912er Weinen eingesetzt, die von vorhandenen Lagerbeständen fast ausschließlich in Frage kommen. Der viel begehrte 1911er ist so weit vergriffen und neue Weine sind infolge des ungün­stigen Herbstausfalls nur in kleinen Beständen vorhanden. In den letzten Tagen wurden in Lorchhausen 7 Stück 1912er Naturweine des Winzervereins zu dem ansehnlichen Preis von 1180 M. das Stück (1200 Liter) abgesetzt; auch m Lorch wurde eine kleinere Partie desselben Jahrgangs zu ngg m baS Stück verkauft.

N L°rch ° Rh 22 Jan. In der letzten S tadtver- o r d n e t e n s l v u n g wurden die neugewahlten Stadtver­ordneten Dr. Start (i?t*ioebe und Johann Val. Müller in ibr Amt eingeftlbrt und verpflichtet. Dem Rheinischen Verkehrs verein wurden aut lernen Antrag auf Gewährung eines «u- schusies zur Errichtung einer Verkehrskartei und zur Sammel- annonce 15 M. bezw. 200 M. bewilligt. Als Mitglieder zur Schuldevutation wurden Heinrich Diel und Joseph Schilson wrederaewablt. — Die Errichtung einer siebenten Lehrer- stelle an der fjteftaen jpottefämle ist znm dringenden Bodürf- urs aewprden. Da ine Häuslichkeiten des Schulgebäudes etwas belchraukt sind und e,ne wertere Klaffe darin nicht mehr unter- kann soll brs zur Erweiterung bezw. zum Bau einer neuen Schule erne sogenannte „fliegende Klaffe" ae-

brldet und, erne Lehrerin angestellt werden, welche die Kinder

m den Zwischenpausen der übrigen Klassen in den jeweils frei­werdenden Räumen zu unterrichten hat.

„ FC. Westerburg, 22. Jan. Mit einem Rasiermesser die Halsschlagader durchschnitten hat sich die Frau eines hier wohnenden Zugführers. Sie wurde tot in ihrem Blute aufgefunden. Der Grund zur Tat ist unbekannt.

Aus der Umgebung.

Der Durchschlag des Distclrascn-Tunnels. wb. Fulda, 23. Jan. Nach mehr als fünfjähriger Bauzeit ist, wie bereits gemeldet wurde, der Durchschlag des Distelrasen-Tunnels zwischen Schlüchtern und Flieden erfolgt. Der Distelrasen ist ein 465 Meter hoher Bergrücken, der Sattel zwischen der Rhön und dem Bogelsgebirge. Der jüngste deutsche Tunnel ist genau 3 65 0 Meter lang und hat eine S t e i g u n g von 1 zu 100. Er kü r z t bekannt­lich durch Ausschaltung Iber seitwärts und hochgelegenen Station E l m die Fahrzeit auf der Strecke Frankfurt-Berlin ganz erheblich ab. Daß bei dem Durchschnitt des Distel­rasens (Buntsandstein) ein volles Jahr länger gearbeitet wurde, als man vorgesehen hatte, liegt an den außerordent­lichen Schwierigkeiten, auf die man im Berg unvermutet stieß Namentlich waren es zwei Stellen, zwei Verwerfungsspalten, 275 und 150 Meter breit, wo der Druck des mit Ton, Kohlen und Wasser durchmengten Gesteins so stark war, daß zur Fassung und Stützung Tübings (halbrundgebogene Eisen- Platten) in Anwendung treten mußten. Die Gesaml- kosten der Umgehungsstrecke betragen 16 Millionen Mark, wovon 9% Millionen allein auf den Distelrasen- Tunnel entfallen.

*

hs. Mainz, 22. Jan. Wie wir aus zuverlässiger Quelle vernehmen hat sich der Gefundheitszustauo des er­krankten Mainzer L/berbürgermetsters Dr. Göttelmann -Mutend gebeffmt. Herr Dr. Göttelmann befand sich schon seit Wochen zur Kur tu Meran, hat aber neuerdings die Klinik des Münchener Halsspeziaüfteu Prvfeffor Dr. Neumeyer aus­gesucht. dessen HeLnethoden bereits recht günstige Ergebnisse zeigen. Dr. Göttelmann hofft, in etwa 14 Tagen seinen Dienst wieder,antreten zu können. — Der bisherige Verein der Fortschrittlichen Volkspartei' in Mainz hielt gestern abend rn der „Sonne" eine von 100 Personen besuchte Mitgliederversammlung ab. Aus den Verhandlungen ist zu erwähnen, daß die Führer des linken Flügel» die Behauptungen •JL-dom rechten Flügel energisch zurückwiesen und richtig stellten. Auch ergeben die Verhandlungen zum ersten­mal ein klares Brld der Ziele, die der linke Flügel der Partei in Dcainz verfolgt. Danach will man das getroffene Ab- kommen mit den Nationalliberalen für die im Herbst 1914 stattflnderchen Landtagswahlen ehrlich halten, wenn man sich über me Wahlkreise für beide Parteien einig wird, hofft aber, mit den linksstehenden NationalWeralen und Sozialdemo­kraten in Biarnz den Großblock vmr Bassevmann Äs Bebel für diese Wahlen ms Leben rufen zu können. Man will nur liberale und demokratische Politik treiben und auch inr Reichs- wgswahlkreis Mainz-Gonsenheim tüchtig arbeiten. 'In den Verein seien infolge der Sezession 42 neue Mitglieder aus­genommen worden und bisher nur 11 ausgetreten. Die Kasse habe einen Fonds von 490 M. Der Landesausschuß der Partei J®?,,uf! eTt «® tS s- c Vereins nahezu einstimmig

geblümt. An die Mitglrederversammluna schloß sich ein Referat über die konservative Partei. 1

Fcrbern im Reichstag.

S. Berlin, 23. Jan. (Eig. Drahtbericht) Der Zudrang ist womöglich noch gewaltiger als an den Tagen der Dezember- Debatte, und draußen und drinneu streitet sich die Menge, die, „wie bei Hungersnot um Brot an den Bäckertüren", um ein Billett sich fast die Hälfe bricht. Im Saale selbst ist nur die Hälfte der Plätze besetzt, als. Präsident Kaempf wenige Minuten nach 12 Uhr die Sitzung eröffnete. Und nur all­mählich füllt sich das Parkett. Lückenlos dagegen ist die Bundesratsestrade beseht. In der Hofloge wohnen der Prinz zu Wred, der k ü n f t i g e F ü r st v o n A lb a n i e n, und der Chef des kaiserlichen Marinekabinetts, Admiral v. Müller, der Sitzung ^ bei. Die kurze Anfrage des Abgeordneten Dr. Quara über den Frankfurter Gistmordprozeß bildet die Introduktion des Tages. Erst als bereits der Interpellant (Soz.) seine Rede begonnen, erscheint der Reichskanzler, munter und guter Dinge, begleitet von deni Krwgsmrmster v. Falkenhayn sowie den Staatssekretären Di'- Delbrück, Lrsco, Kühn, Kraetke und Dt. Sols.

Zranks Rede

von Anfang an voll Bosheit und Ironie, ist aber zugleich außerordentlich sachlich und moderiert. Für die ^oömldemokraten, so versicherte er, ist es im Grunide ganz fherr+ 0U h tS ' ° 6 bic schuldigen Offiziere von Zabern einge- nul Orden dekoriert werden. Für sie handelt es

tisthe^Frage" ^ iurifti ^ e ' f DU&ern um «ne eminent poli-

Dcr Reichskanzler hat „umgelernt":

zuerst am 3. und 4. Dezember hat er selbst Ungesetzlichkeiten der Armee zugegeben, dann, von Tag zu Tag bis zu seiner Rede im Herrenhaus, hat er sich bis zu der Überzeugung durch­gerungen, daß das Militär die beste Stütze für Recht und Ge- ® r ^be offenbar dem Einfluß der Militärvartei nachgegeben, sem dem Reichstag gegebenes Versprechen nicbt

satz^der Gerecht, ? er8i< ^ auf btC Rechtsmittel den Grund­satz der Gerechtigkest preisgegeben und nun mit der Ankün­digung der „Nachprüfung" in der „Nordd. Allg. Ztg." " einen kleinen unverbindlichen Knicks nach pxx Mitte hin gemacht, wo die „schwankenden Gestalten" sitzen.

Der Vater dieser Nachprüfungsidee — und das sei das charak-

tm K?4 J!V bcr Mannte Jakobiner Frhr. Oktavio v. Zedlch. Da könne man sich denken was herauskominen werde- Dre einzige Begründung, die der Reichskanzler für die NichtemleMng der Rechtsmittel hätte geben können mußte lauten: „Ich brn m schlaflosen Nächten zu der Überzeugung gekommen, daß Militärgerichte in gewr,sen Fällen, namentlich in Konftiimzerten, überhaupt versagen müssen." Daher ver­langt me Sozialdemokratie die Abschaffung der besonderen Militärgerichte. Eme Forderung, die der Redner ander

° e§ Urteils eingehend juristisch motiviert

unter wachsender, sich in immer lebhafteren Zurufen äußern- der Erregung der äußersten Linken. Eine Gesetzesänderung werde wahrscheinlich an dieser militärischen Juris'prudenz nichts andern Herr Frank untersucht dann die Kabinetts- von 1820. Nach ferner Überzeugung ist sie ungesetzlich, verfasiungswidrrg. Wenn sie Regierung und Parlament bei der Beratung des Artikels 36 der Verfassung gekannt batten, dann gäbe es „eine Geheimlehre" des Absolutismus, und man muffe die Frage erheben: „Gibt es noch mehr solche ge­heime Kabmettsorders?" Wenn aber selbst die Order in Preußen noch gelte wie für Elsaß-Lothringen, sie gelte jedoch

nicht für Bayern, Baden und Württemberg. Während dies« Ausführungen konferiert der Reichskanzler mtt seinem Advokaten, denr Staatssekretär des Reichsjustizamts, und oft als ein vereinzelter Pfuiruf eines sozialdemokratischen Abgeordneten laut wurde, unterläßt der Reichskanzler das notgedrungene Plaidoher. Nun wendet sich Frank gegen die konservative Hetze, gegen die Kamarilla, gegen Herrn von Jagow, dessen vom Militär verheimlichte Strafe offenbar darin bestanden habe, künftig sämtliche Prinzen- d r n e r s mitzumachen. Von ihm gelte dqs Wort: „Herr von „jogoit) ist zu nichts und zu allem fähig." (Stürmische Heiterkeit.) Die Kronprinzen-Deveschen zeigten erneu Stil, als ob sie Herr v. Oldenburg-Januschau verfaßt hatte. Sie seien staatsrechtlich nicht von Bedeutung, aber politisch unheilvoll und unerträglich. Viele Tausende von Deutschen muhten durch diese Depeschen ausgerüttelt werden, durch die Erkenntnis, — hierauf entsteht der erste Sturm rm Hause — daß der künftige deutsche Kaiser ,n Verbindung mit den Verächtern der

Verfassung und den Staatsstreichhetzern sei. Von

der Rechten ertönt von dem Abgeordneten Kreth der Ruf „Frechheit!", von der Linken antwortet man „Ruhe in oer Spirituszentrale!", und der Präsident bat minutenlag Mühe, die Ruhe wiederherzustellen.

Langsam verebbte dieser erste Sturm. Herr v. Biber­stein aber, der konservative Schriftsteller, bestellte sich das Stenogramm der Frankschen Rede. Inzwischen geht Frank zu der Tagung des Preußenbundes über, dessen Zuchtlosigkeit, die Angriffe gegen die gemischte Gesellschaft des Reichstags usw., aher nur mit ein paar Worten ironisiert und abtut: 1850 habe diese Kamarilla genau so gewettert

gegen das preußische Abgeordnetenhaus. Der Vorstoß gegen die Bayern beweise am besten, daß die Herren gehaust hätten wie gewisse ungeschickte Tiere im Porzellanladen. Der Rück­zug des Herrn v. Kracht habe gezeigt, daß sein Wort auch umgekehrt gelte:

Wenn die Bayern kommen, verlieren so manche PrenHen die Courage.

(Stürmische Heiterkeit. — Dies wird anscheinend dem Abg. Dr. Arendt peinlich, er ruft: Was hat das mit der Inter­pellation zu tun?) Der Reichskanzler, so versichert der Redner weiter, sei zu beglückwünschen, daß dieser Preutzentag, dessen Programm offenbar sei: Knebelung der Be­amten, Beschimpfung der Süddeutschen, Kampf gegen die Reichsverfassung, es unter­lassen habe, dem K anzler ein Begrüßungstelegramm zu senden. Der Kanzler selber habe im Landtag von seinen schlaf­losen Nächten gesprochen; manchmal sähe es so aus, als hole der Kanzler am Tage »ach, was er des Nachts versäumt habe. Trotz seiner Bemühungen, die Konservativen wieder zu gewinnen, werde Herr v. Bethmann-Hollweg bald allein und verlassen dastehen und auch Herr Bassermanu werde ihm nicht helfen können. Er könne dem Konflift nicht mehr ausweichen, denn wir seien schon mitten drin.

Unmittelbar nach der IMündigen Rede Franks und noch ehe dem Gebrauch des Hauses entsprechend der zweite Abgeordnete v. Liszt das Wort erhält, erhebt sich in sicht­licher Erregung

der Reichskanzler:

Ich bin gezwungen, sofort Verwahrung einznkege» gegen die Worte, die der Vorredner in bezug ans den K r n tt * Prinzen gebraucht hat. (Große Unruhe links.) Diese Worte atmen den ganzen Haß, mit dem die Sozialdemo­kraten gegen die Monarchie, das Herrscherhaus (Stürmischer Widerspruch links und Unruhe, lebhafter Beifall rechts), gegen jeden soldatischen Geist hegen (anhaltender Lärm links). Der Herr Vorredner hat behauptet, daß der deutsche Kronprinz intime Freundschaft mit Ver­ächtern der Verfassung, mit Staatsstreich Hetzern unterhalte (Stürmisches sehr richtig links.). Das ist ei» u »- erhörter Borwurf (anhaltende Unruhe und Oho-Rufe links), den ich mit aller Energie zurückweise. (Lache« liuLtz stürmischer Beifall rechts).

Nunmehr erhält der fortschrittliche Abgeordnete v. Lffzt das Wort zur Begründung der fortschrittliö^n Interpellation.

Die Prüfung der Wahl des Abgeordneten Heydebraud.

8. Berlin, 23. Jan. (Eig. Drahtbericht) Die Wahlprü­fungskommission des Reichstags beschäftigte sich heute mit der Wahl des Abgeordneten v. Heydebrand (Mielitz-Tepritzs-

^ 811 ® nbe - Die Wahl wird voraus- lichtlich für guktrg erklärt.

Die Ostmarkcnzulage in der Kommission abermals abgekehnt.

8. Berlin, 23. Jan. (Eig. Drahtbericht) Di« Budgetkom- nnssion des Reichstags verhandelte heute beim Forstetat über die -Ostmarkenzulage- ---er Staatssekretär begründete diese Forderung mit den ,chwierigen Verhältnissen im Osten. Ei« Pole bekämpfte sie, oa ste ausschließlich aus politischen Grün» den erwachsen sei, und fand bei einem Sozialdemokraten Un­terstützung, der zwar das Bestehen von Schwierigkeiten für die Beamten rm Osten anerkennt, aber die vielen im £>( a. geübten Ungerechtigkeiten nicht noch vermehren will, 'her Konservative weist auf die Mißstände hin, die daraus ent­stehen, wenn zwar die preußischen Beamten, nicht aber auch die Reichsbeainten die Zulage erhielten, da z. B. die Woh­nungspreise sich vollkommen nach der Gehaltshöhe gerichtet hätten. Ein anderer Konservativer vertritt die Forderung, durch Einbeziehung der Westmarken die Forde­rung auf eine breitere Grundlage zu stellen. Auch ein Natio­nalliberaler halt.SleAülchnung für unbillig. Das Zentrum erklärt sich,sss^«7^^stch gegen die Forderung, ein Bolkspartei- ler aus Billigtertsgrunden dafür. Schließlich wird die Ost- markenzulage gegen die Konservativen, NationaMberalen und Volksparteiler abermals abgelehiit.

Letzte Orahtberichte.

Rönig ® cor 9 von Griechenland über die schwebenden Balkanfragen.

O Athen, 28- IM. (<§ig. Drahtbericht) Der Korrespon­dent der „Voss- Ztg." hatte eine Unterredung mit König K o n st a n t i n von Griechenland, die recht in­teressant die «tellung Griechenlands zu noch schwebenden Balkanfragen beleuchtet, über Albanien äußerte sich der König wie folgft Wir wünschen, mit Albanien in besten Be- Kiehungen zu leben. Nichts kann uns willkommener sei» als