Seite 4. Morgen-Ausgabe, 1, Matt. %$W$h&bemt Tagblait» Freitag, 33. Januar 1914. Nr. 87.
a. Erbach i. Rhg., 21. Jan. Unter dem Vorsitz des Direktors der landwirtschaftlichen Genossenschaften, Raiffeisen- Organisationen, vr. Nolden (Frankfurt a. M.), fand hier heute eine Versammlung des Kreisverbands der Rheingauer Winzervereine statt. In dieser Versammlung waren insgesamt 22 Vereine vertreten. Weinbauinspektor Schilling (Geisenheim) hielt einen Vortrag über die Bekämpfung des Heu- und Sauerwurms und über die der häufig auftretenden Krankheiten Peronospora und Oidium. Anschließend hieran sprach Herr Bauer (Zürich) über die Haftpflicht und die Berufsgenossenschaften. Zum Schluß sprach Verbandssekretär Griese (Frankfurt a. M.) über den zurückgehenden Weinkonsuni und seine Ursachen: die Konkurrenz der Auslandsweine, die Abstinenzbewegung und der ständig steigende Bierkonsum.
— Limburg, 21. Jan. Der langjährige Stadtverordnetenvorsteher und Ehrenbürger der Stadt Limburg, Kommerzienrat C a h e n s l y, hatte gebeten, bei der Wahl eines Stadt- verordnelenvorstehers von seiner Person absehen zu wollen; trotzdem wurde er einstimmig wiedergewählt.
* Löhnberg, 21. Jan. Am Samstag übergab der die Konsolidationsarbeiten in Selters ausführende Unternehmer Dörner aus Wieseck dem bei ihm beschäftigten Arbeiter und früheren Buchdrucker Dretzl aus München die Summe von 166 M. zur Auszahlung an die anderen Arbeiter. Dretzl lieferte das Geld aber nicht ab, sondern suchte damit das Weite. Bis jetzt konnte er noch nicht ergriffen werden.
Hits öev Umgebung.
* Gießen, 21. Jan. Seit dem 25. November v. I. ist die 25 Jahre alte in Gießen geborene Marie Leineweber verschwunden. Nach einem zurückgelassenen Brief wollte sie sich das Leben nehmen.— Seit dem 2. Januar fehlt jede Spur der Verkäuferin Marie Keßler, die ihre Stelle Ende Dezember ordnungsmäßig aufgab.
Gerichtsfaal.
wc. Freihaltung der Bürgersteige. Die Johannette Faust stand an einem Sonntag, gerade um die Mittagszeit, an der der Verkehr ein besonders starker ist, einen großen Korb unter dem Arm, auf dem besonders schmalen Bürgersteig der Wellritzstraße in Wiesbaden. Sie wurde von einem Schutzmann mehrfach aufgefordert, dem Publikum Platz zu machen, tal das jedoch nicht, mit der Bemerkung „Die können um mich herumgehen". Das Schöffengericht erhöhte die durch Strafverfügung über sie verhängte G e l d st r a f e von 5 M. auf 15 Mark.
wc. Weinbergschütze und Wilddieb. Der 70 Jahre alte und bereits zweimal wegen Jagdvergehens vorbestrafte Landwirt Johann Burkhardt aus Frauenstein hat als Weinbergschütze mittels seiner Pistole, die ihm zur Berscheuchung des Raubzeugs überantwortet ist, am 5. Oktober einen Hasen geschaffen. Seinem hohen Älter hat er es zu danken, wenn das Schöffengericht ihn mit 20 M. Geldstrafe davonlies.
vrc- Recht flegelhaft benommen haben sich in einer Wiesbadener Wirtschaft mehrere junge Leute, darunter auch der Taglöhner Albert Geiß von hier. In Abwesenheit der Wirtin nahmen sie eine Flasche mit Kognak vom Büfett, tranken diesen aus Biergläsern, zertrümmerten die Flasche, und als die Wirtin Zahlung verlangte, wurden sie unangenehm. Bald darauf erschien ein Schutzmann, stellte den Geiß zur Rede und nahm ihn schließlich, als er ihn angreifen wollte, mit zur Wache. Auf dem Transport schlug er den Schutzmann mehrere Male ins Gesicht und leistete ihm bis zur Wache energischen Widerstand. Das Schöffengericht verurteilte ihr: wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und groben Unfugs zu 1 Monat Gefängnis und 1 Woche Haft.
§port nnb Spiel.
Pferderennen.
* Cannes. 22. Jan. C ourse Speciale de Haies de la Soeiete Spo.tive d'Enconragement. 2000 Fr. 1. A. Levy- Piccards Mogelte (Higson), 2. Sisikon, 3. Manola %. 25:10. — Prix Prince Serge Galitzine. 1. Fleur de Mai 4. 2. Debaux, 8 Goos Hope 1. 4310; 14. 15. 14:10. — Prix de Monte-
Carlo 5060 Fr. 1. C. Mancs Va Tont (Thibault). 2. Valeria, 3 Grand Matin. 21:10; Io. 16:10. — Prix de la Ville de Cannes et du Conseil General. 2500 Fr. i. H. Salle.ons Georgie (Bowd), 2. Azarias 3. Tonelle 2. 24:10; 16, 36:10.
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* Die Ablehnung des Reichszuschusses für die olympischen Spiele 1916 durch den Budgetausschuß des deutschen Reichstages fand im Vorstände des Deutschen Schwimnwerbandes, der mit etwa 60 000 Mitgliedern in mehr als 400 Vereinen über das ganze Deutsche Reich verbreitet ist, eine lebhafte Erörterung. Es wurde beschlossen, eine Resolution der Öffentlichkeit zu übergeben, in welcher der Deutsche Schwimmverband sein tiefes Bedauern darüber ausspricht, daß der von der Reichsregierung für die olympischen Spiele 1816 beantragte Zuschuß von der Mehrheit des Budgeiausschusses abgelehnt wurde. Der Deutsche Schwimmverband hegt die Erwartung, daß der Reichstag den von_ der Regierung beantragten Zuschuß für die olympischen Spiele 1816 wieder in den Etat ein- stellen wird. — Der Deutsche Schwimmverband zeichnete sich auf der Stockholmer Olympiade vor allen deutschen Svortver- bänden durch besonders günstige Erfolge aus. Seinen Vertretern war es in erster Lime zu danken, daß Deutschland damals in den athletischen Übungen unter den Stationen an die vierte Stelle rückte.
* Der Rodelklub „Taunus" veranstaltet Somwag. den 25. Januar, mittags 12 Uhr, auf der Nordbahn an, großen Feldbern ein Wettrodeln um die Meisterschaft vom Taunus die von F. Scheuch'Frankfurt zu verteOngen ist. Nachmittags t Ubr findet die Fernfahrt vom Gipfel des Feldbergs nach Falkenftem statt. Meldungen werden am Start entaeaen- genoinmen.
* ssste Pilotenprüfung nach den neuesten Bestimmunsen des Deutschen Lustfahrverbandes bestand am Samstag auf dem Flugplatz Schwerin- G ö rrr e s^Herr Alexandm b Bismarck. Der Pilot landete aus 100 Meter Hohe im glänzenden Meitflnqe, v. Bismarck war Schüler des Chefpiloten B. de Waal (früher in Mainz).
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Heues aus aller Welt.
„ Die Sturmschäden au der oft- und westpreutzischen Küste. Königsberg i. Pr.. 22. Jan. Die Schäden, die die Sturme der letzten Zeit, und namentlich die Sturmflut vom 10.. und 11. d. M.. an den Küsten Ost- und Westpreußens ver- Uftsjchs hAen, betragen nach vorläufigen Feststellungen rund “. ME M. Beinahe die Hälfte davon entfällt auf die Dan- zrger Bucht. Namentlich im Memeldelta sind jedoch auch viele kleine Leute an den Bettelstab gebracht, die alles — Bi eh, Bor- rats, Hausgeräte usw. — verloren haben und deren Häuser teilweise recht erheblich beschädigt sind. Die Vordüne ist fast an der ganzen Küste von Memel bis hinter die Danziger Bucht weggespmt. die Düne selbst ist an vielen Stellen von den Finten untergraben und eingestürzt. Von den Seebädern ist ternes von der Wut der Elemente verschont geblieben. Der einzige Erwerbszwerg. der von der die See aufwühlenden Sturmflut Vorteil gehabt hat. ist die Bernsteinfischerei. Wo ionit jo gut wie gar kein nennenswertes Material gefunden wurde, wurden an diesen schweren Tagen und nachher große Mengen gefischt. An der Küste des Smrckandes war die Aus- beure besonders ergiebig.
Die Verkehrsstörungen aus dem Rhein. Duisburg. 22. Jan Die durch den Frost eingestellte Rheinschiffahrt hat bereits den Kohlenberkehr,,ungünstig beeinflußt. Es macht sich i® 0 !?, em Mangel an Güterwagen bemerkbar
Überschwemmung in Rußland. N o woro ss i js k. 21. Jan. Infolge des ununterbrochenen Regens sind die Bcrgströme über die Ufer getreten und haben in dem Gouvernement abermals Verheerungen angerichtet. Auch Verluste an Menschenleben sind zu beklagen. Auf dem Meere herrscht Sturm.
Sacchannschmuggel. Konstanz. 22. Jan. Auf dem hiesigen Bahnhof wurden im Gepäck eines Reisenden, der mit dem SchLpllzug 1 Uhr ^30 Min. weiterfahren wollte, 48 Kilo- flmmrn Saccharin gefunden. Während der Untersuchung gelana es dem Reisenden, mit dem bereitstehenden Schnellzug abzudampfen. Auf telephonische Nachricht nach Stuttgart wurde er dort verhaftet
Explosioi, in einer Pnlvermühle. Paris. 22. Jam In der staatlichen Pulvermuhle von Rivault bei Tours wurden durch eine Explosion von 500 Kilogramm Gewehrvulver zahl- reiche Arbeiter verwundet, darunter fünf sehr schwer. Man glaubt daß die Explosion durch Kurzschluß verursacht wor- den rst.
Rücktransport eines flüchtigen Defraudanten. Ham- burg. 22, Jan. Mit dem Dampfer „Pennsylvania" traf beute, früh der Generaldirektor Lindner der Land- und ?,'"butzriebank in Be lin ein der im August nach Veruntreuung v°.n MM0 M nach Amerika gefluchtet war. Er wird demnächst nach Berlin werter transportiert werden
Der vermißte Dampfer „Oceano" in Sicherheit. New ^ o r r, 22-vZ-an. Der lange vermiete ijxÄienische Dampfer ...Oceano, ist. von dem deutschen Dampfer „Elisabeth" ge- ichievpr. rn Smrdy Hook angekommen. Der „Oceano" hatte vor m ^Ä^^'tsabon! verlassen und seit dem Tage blieb jede Nachricht über den Verbleib des Schiffes aus. Infolge der Ver- da° ^Schiff^ nKm ^ on ttl ^ elr> tu großer Besorgnis um
Deutscher Reichstag«
Bankpolitik und ttoalitionsrecht.
s - Berlin, 22 Jmi. (Eig. Drahtbericht) Nach ein, Einen polmfch-elsasftschen Intermezzo hielt heute Reichstag der Reichsbankpräsident H a v e n st e i n ei große, leider aber, da Herr Havenstein ungemein le Iprach, nur von einen, kleinen Kreise, der d Podium umstand, verständliche - Rede. So viel m Horen konnte, verteidigte unser. Reichsbankpräsid« unsere Diskontpolitik gegenüber den Angrifsi dre gestern Dr. Arendt dagegen gerichtet hatte. T antrsemrtlsche Dr.. Werner- Gießen folgte mit sein sattsam bekannten Kapuzinade, die heute schon ke Mensch mehr im Reichstag anhört: Gegen die Au nahmebestimmungen der Sonntagsruhenovelle zugunst des orthodoxen Judentums, gegen die Inden übc Haupt, dre offen zugegeben hätten, sie wollten d- christlichen Staat beseitigen, gegen das amtlick Telegraphenbureau. das in Wahrheit auch ein jüdisch Bureau sei und gegen die Warenhäuser, „diese konze trierte Form des unlauteren Wettbewerbs".
Mit einer zweistündigen, sehr interessanten Re lenkte dann Genosse Wolf gang Heine auf e neues Gebiet über, zu den Fragen des Koalition rechts. Er wandte sich mit der ganzen Schärfe sein Dialektik und mit der ganzen Kraft seiner Überzeugm g e g e n den Antrag W e st a r p und suchte zu beweise daß Strerkexzesse viel weniger häufig vo kamen, als man behaupte, daß ern derbes Wort d, Arbeiters nicht gerade tragischer genommen werdi dürft als gewisse K a s e r n e n h o f b I ü t e n d Unteroffiziere und Leutnants,, daß die wahre Gesa! aber ber dem „Lumpengesindel der Streikbrecher" liea Eine Behauptung, die er dadurch belegte, daß er ai den Tisch des Hauses einen mit Blei B G u m m iknüppeI niederlegte, der bei den -j Unruhen _ einem Streikbrecher abgenommen im Volksbildung und Organisation seien besten Mittel gegen. Exzesse. Streikposten seien wendig und ein Recht der Arbeiterschaft. Wer Streikpostenstehen verbieten wollck, könne ebenso oder schlecht den Streik selber verbieten. Und - schließt Heine seinen Gedankenkreis — könne man eher von einem Terrorismus der Arbeitgeber von einem Terrorismus der A r b e ft nehr sprechen. In der 7. Stunde vertagte ßas erftftf Haus die^Weiterberatung des Etats bis nächste W
Zum Schluß gab es noch eine lange lebhaft bew Geschastsordnungsde batte. Gx^s Wes verlangte, daß sämtliche Anträge a b g e s e tz t und iioch "ivterpeüationen auf die Tagesordnung ge werden, während alle anderen Parteien (durch die geordneten Groeber, Spahn, Bassermann, Dove Haase), feststellen ließen, daß es siÄ nicht um Ai ^ im Zusainmenhange init den Interpellationen, so um formelle Unabhängigkeitsanträge handele. < einige Dutzerch konservative und antisemitische stimmte das Haus den Vorschlägen r zu: Morgen nur 12 Uhr beginnt Debatte.
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Sitzungsbericht.
Eigener Dmbtbericht des „Wiesbadener Tagblatts".
G Berlin, 22. Januwr.
Bundesratstisch: Staatssekretär Dtr. Delbrück,
Ministerialdirektor Dtr. Caspar, Richter, h. Jsnquiercs,
Müller, Lewald.
Vizepräsident U.r. Paaschc eröffnet die Sitzung um 1.30 Uhr.
Die zweite Beratung zum
Etat des Neichsamts des Innern
wird beim Titel „Staatssekretär" fortgesetzt. (5. Tag.) Hierzu liegen 12 Resolutionen vor.
Abg. Rowicki (Pole, bei großer Unruhe im Hause): Die polnischen Berufsvereine werden vielfach von der Polizei als . politische Vereine behandelt. Das Oberverwaltungsgericht hat sich dieser Ansicht angeschlossen, in einem Falle sogar auf Aussage einer Zeugin. Von diesen wirtschaftlichen Vereinen wird daher auch die Einreichung der Mitgliederlisten verlangt.
Abg. Haegy (Elsässer): Wir stehen ebenfalls auf dem
Standpunkt, daß die bisherige Wirtschaftspolitik b e i best a l t e n werden muß, wenn auch einzelne Modifikationen erwünscht erscheinen. Die wirischaftlichen Erfolge waren in den letzten Jahren in Elsaß-Lothringen nicht so groß als im übrigen Deutschland.
Nirgends ist die Sehnsucht nach Erhaltung des Friedens und nach Versöhnung und Entspannung so groß wie in dem Grenzland Elsaß-Lothringen,
nirgends wirken diese Umstände mehr als dort auf das wirtschaftliche und finanzielle Wohl des .Landes. Schwer empfunden wird, daß die Steuerpolitik des Reiches so tief einschneidet in die politischen Zustände des Landes. Eine alte Forderung des Reichslandes ist, daß das Reich die für die Zollerhebung für das Reich gemachten Ausgsben in voller Höhe zurückvergütet. Elsaß-Lothringen hat sehr große Ausgaben in dieser Hinsicht, da es einen großen Transitverkehr aufweist. Die Handelskammern in Elsaß-Lothringen wünschen nunmehr schon seit 30 Jahren die Errichtung von Konsulaten, die für den elsaß-lothringischen Handel sehr wichtig sind, insbesondere ist die Errichtung eines französischen. Konsulats notwendig. Die Befürchtung, daß daraus eine Zentrale für französische Wühlereien entstehen würde, erregt bei uns nur ein L ä ch e l n. Eine alte Forderung ist auch die Moselkanalisation. Elsaß-Lothringen tragt zu den Militärlasten Deutschlands so ungeheuerlich viel bei, daß ihm endlich auf wirtschaftlichem Gebiete ein Äquivalent geschaffen werden muß. Bet einer künftigen Kaligesetznovelle muß auch eine Revistons- instanz geschaffen werden, damit nicht zwei fiskalische Beamte Preußens und ein Vertreter eines anderen Bundesstaates die letzte Instanz für die elsaß-lothringischen Werke abgeben. Elsaß-Lothringen leidet außerordentlich unter dem Reblausgesetz, das für unwirksame Mittel große Ausgaben verlangt.
Wir wünschen von der Reichsleitung mehr Verständnis ' für die inneren Angelegenheiten.
Wenn man Milliarden für den auswärtigen Feind aus., gibt, so muß man genügend Mittel dafür zur Verfügung stellen, um der gärenden Unzufriedenheit weiter Volkskreise wirksam begegnen zu können. In dem lothringischen Jndustrierevier fehlt es an geeigneten Ar- «beiterwohnungen. Die Kost- und Logirrhäuser müssen recht genau Werwacht werden. Die Gefahr der Einschleppung der Maul- und Klauenseuche aus Frankreich findet bei uns nicht rechten Glauben. Man sollte die Grenzsperre nicht so streng handhaben.
Kommissar des Vundesrats Präsident des Reicks' bankdirektoriums v. kfavenstein:
Die Politik der Reichsbank ist ja im allgemeinen günstig beurteilt worden, aber es sind doch eine Reihe von Ausführungen gemacht worden, die Anlaß geben können zu allgeineinen Bedenken und Besorgnissen. Herr Dr. Arendt hat sich mit der Diskonto Politik genauer beschäftigt und ganz besonders das Verhalten der Reichsbank im August vorigen Jahres getadelt. Aber diese Politik war durch die Lage der Dinge vollständig gerechtfertigt und ich Wernehme dafür die volle Verantwortung. Wir standen allerdings einer h o ch g e sie i g er t en Wirtschaftskonjunktor gegenüber, andererseits hat der Balkankrieg zu ganz eicheblichen Thes aurierungen geführt. Es sind auch die Ausführungen nicht richtig gewesen, daß sich überall ein Sinken des Privat- diskontos geltend machte. Das war nur in gewissem Maß« in London der Fall, auf fast allen anderen Bankplätzen herrschte eher eine st e i g e n d e Tendenz des Privatdiskontes. Dazu kam ein ganz besonderes Geldbedürfnis, so daß eine allgemeine Geldknappheit herrschte. Die Geldflüssigkeit, die hier im Hause erwähnt wurde, war nur borge- täuscht und tatsächlich nicht vorhanden. Sogar die Bank von Frankreich hatte einen für ihre Verhältnisse hohen Diskont. Dasselbe gilt auch von der Bank von England. Die Anspannung des Geldmarktes ließ erst im September etwas nach. Die Politik der Reichsbank war also bei Lage der Dinge gerechtfertigt, andererseits wäre vielleicht nur die Spekulation gefördert worden, was ein schwerer Fchler gewesen wäre.
Auch heute noch ist ber Kapitalmarkt außerordentlich gespannt.
Der Baumarkt liegt darnieder, daran ist die Diskontpolitik der Reichsbank nicht schuldig. Der B a u m a r k t hätte sich bet dem Bankdiskont sogar erholen können; wenn er sich nicht erholt hat, so liegt das an der ungünstigen Finanz!e- r u n g der meisten Unternehmungen aus diesem Gebiete. Auch auf dem Hypothekenmarkt zeigt sich dasselbe Bild. Auf die Noten st euer konnten wir nicht verzichten, sie war gewissermaßen das W a r n n n g s s i g n a l für das Publikum. Wir sind heute stark und unabhängig von auslänbischen Einflüssen.
Wir stehen auf eigenen Füßen. (Lebhafter Beifall.) Aber wir gerade in Deutschland müssen alle Ersparnisse immer wieder in das den t s ch e Wirtschaftsleben hineinstecken. Die Reichsbank hat. natürlich ein Interesse, unserer schaffenden Arbeit Lasten nicht länger aufzulegen, als es unbedingt nötig ist, aber sie muß sich dabei nach den Zeitumständen richten. Der Redner geht dann genau auf die Frage der Gold< re fernen der Reichsbank und auf die Notenreserve ein, ebenso hebt er hervor, daß die Reichsbank während dieser ganzen Krise bemüht gewesen ist, die Liquidität der Banken zu erhalten. Wir haben alles getan, um Schlimmeres zu verhüten. (Lebhafter Bifall.) (Im ganzen sind die Ausführungen des Redners auf der Tribüne sehr schwer verständlich gewesen.)
Abg. Werner-Gießen (Wirisch. Vgg-): Der Mittelstand mutz sich gegen die Sch m u tz k on k u r r e n z und Pfuscherei schützen. Der bestehende Befähigungsnachweis mutz ausgedehnt werden. Die Bevorzugung der jüdischen Geschäfte in "dem Sonntagsruhegesetz wäre völlig ungerechtfertigt. Schon vor längerer Zeit habe ich in einer kurzen Anftage wegen des offiziösen Nachrichtenbureaus angeftagt, ohne von der Regierung Auskunft erhalten zu haben. Es scheint daher
