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Donnerstag. 22. Ianuar 1914.

Kbend-Ausgabe.

Nr. 36 • » 62. Jahrgang.

Der Balkan.

Die Lage im Südosten unseres Erdteils beginnt sich wieder zu verdüstern. Überall bieten sich erhebliche Schwierigkeiten dar. In der I n s e l f r a g e will die Pforte es anscheinend auf Biegen oder Brechen an- kommen lassen, sie will die Schlüssel zu den Meerengen, die vorgelagerten Inseln, trotz des Drucks, den die Mächte und vor allem der Dreiverband ausüben, nicht gutwillig an Griechenland abtreten. Die Pforte kauft Kriegsschiffe, wo sie sie nur bekommen kann, und es steckt ein bitterer Humor darin, daß d i e- selbe englische Regierung, die das jungtürkische Kabi­nett zuni Verzicht auf die Inseln bringen möchte, dem bedrängten Pfortenreiche einen Admiral (Limpus) und zahlreiche Marineoffiziere als Instrukteure zur Ver­fügung gestellt hat, also alles tut, um die türkische Flotte auf einen achtunggebietenden Stand zu er­heben. Die von Enver-Pascha geführte Sprache läßt erwarten, daß es nicht bloß mit Worten sein Be­wenden haben wird, daß tatsächlich versucht werden wird, die Jnselfrage mit den Waffen zu entscheiden. Man muß mit der Möglichkeit rechnen, daß die Pforte, wenn die Kanonen abermals sprechen sollen, auf B u n d e s g e n o s s e n vertraut, und das können nur die Bulgaren sein, die dem Hellenenstaate mit leidenschaftlichem Haß gegenüberstehen und auf die Ge­legenheit warten, die ihnen entgangenen Küstengebiete doch noch in die Hand zu bekommen.

Aber wenn sich die Lage so in den Köpfen ehr­geiziger und tatenlustiger Männer in Konstantinopel und in Sofia darstellen mag, so ist damit noch nicht gesagt, daß es wirklich zu einem dritten Balkan­krieg e kommen wird. So groß die Meinungsver­schiedenheiten der beiden Mächtegruppen über eine ganze Reihe von Fragen der Balkanpolitik auch sind — und sie sind erheblich trotz der immer wieder, wenn .auch, mühsam erzielten Verständigung —, 'so stimmen beide Gruppen doch darin überein, daß der Friede nicht abermals gestört werden soll. Für die weiterreichenden Zwecke, um derentwillen einige der Mächte einen erneuten europäischen Krisenzustand her- beigesührt sehen wollen, scheint auch diesen Kabinetten der Zeitpunkt nicht günstig. Weder in P e t e r s b u r g noch in Paris wird man gerade setzt auf Ver­wirrungen und Verwicklungen mit dem Endziel eines europäischen Brandes hinarbeiten wollen. Da­für geht um so lebhafter der diplomatische Kleinkrieg vor sich.

llnsere Nachbarn in Ost und West haben es auch gar nicht nötig, sich auf andere Weise als mit Noten und Druckmitteln anzustrengen, sie kommen so schon ganz brauen! dem Ihrigen. Das stärkste Beispiel dafür bleibt die Angelegenheit des Generals L i m a n p. Sanders. Es ist darüber nicht viel mehr zu sagen, da die Kaltstellung des Generals (trotz der offiziösen Ableugnungsbemühungen, von denen wir

Der Geschichtschreiber der griechischen Philosophie.

Zu Eduard Zellers 100. Geburtstag. (22. Januar.)

Von I>r. Paul Landau.

In der Reihe der großen Gelehrten, die damals das weite Reich der Vergangenheit^ durch emsiges Forschen und geniales Nachcrloben erst in der Fülle der Tatsachen und der Folge der Entwicklung ganz erschlossen, steht auch Eduard Zeller an seinem bedeutenden Platze. Tiefer als alle vor ihm ist er eingedrungen in die Höhen und Abgründe, in die Wunder und Geheimnisse des Griechengeistcs. Zellers Leistung stellt sich ebenbürtig neben Mommsens großartige Lebensarbeit. Das , leidenschaftliche _ Temperament, die geistreiche Schlagkraft, aüF.die großartige. Begabung des OrganisterenS fehlten dem Schwabens aber wie Mommsen besaß er jenes Genie des großen Philologen, ungeheure Materalien mit peinlichster Gewissenhaftigkeit z>k sammeln und zu ordnen.

Aus dem gesegneten ^Schwabenländchen stammte Zeller, ■ in.dem die Genies feit «ch:llers Tagen nicht alle werden wollten, so daß man damals mit komisch stolzem Hochgefühl reimte: „Der Schelling und der Hegel, der Uhland und der

Hauff, das ist Lei uns die Regel, das fällt schon gar nicht auf." Als Schwabe hat sich unser Maulbronner Gymnasiast und Tübinger Stiftler mit Leib und Seele gefiAlt, so sehr, daß er später für einen Freund und Lehrer, den tiefgründigen Theologen Batke, kein höheres Lab findet als: „er wäre wert, ein Schwabe zu sein". Aus der schwäbischen Geisteswelt sog er all seine Bildung, und e§ war natürlich, daß diese zunächst hauptsächlich auf theologische Fragen gerichtet war. Wuchs er -doch mitten in den ersten Taten und Kämpfen der „Tübinger historischen Schule" heran,, die zuerst eine strenge kritische Methode auch den heiligen Schriften gegenüber anwandte uni» in der Bibel eine geschichüicke Quelle sah, wie in jedem anderen literarischen Zeugnis; waren doch die beiden Führer dieser revolutionären Richtung F. Chr. Baur und Dav. Fr.

gestern Kunde gaben und die heute in einer neuen ein­gehenden Darstellung unten wiedergegeben werden) eine nicht mehr zu bestreitende Tatsache ist, und doch möchte man die Erwartung nicht völlig aufgeben, daß diese Dinge auch wieder eine andere Entwicklung nehmen könnten. Die Pfortenregierung hat es ja in der Hand, dem General wieder eine Stellung anzu­weisen, mit der man in Petersburg weniger zufrieden sein würde als mit der heutigen, zwar sehr ehrenvollen, aber auch sehr gleichgültigen Erhebung zum General­inspekteur. Am Bosporus wechseln die Bilder schnell, und man muß es der Pfortenregierung zu­gute halten, daß sie mit ihren weitgehenden finan­ziellen Bedürfnissen, durch die sie auf das Wohlwollen besonders des französischen Marktes ange­wiesen ist, so lange laviert, bis ihre Anleihewünsche erfüllt worden sind. Indessen solche Erwartungen eines Umschwungs in der für uns so peinlichen Sache können natürlich einen Wert erst haben, wenn sie durch die Wirklichkeit belegt werden. Vorderhand ist wohl nicht daran zu rütteln, daß es uns in dieser Angelegenheit nicht nach Wunsch gegangen ist. An diesem Eindruck wird auch die folgende offizöse Darstellung schwerlich etwas ändern:

*

Die offiziöse Darstellung zur Frage der Militärmission.

rrb. Köln, 21. Jan. Ein aus Berlin datierter Ar­tikel der „Kölnischen Zeitung" beschäftigt sich mit der deutschen Militärmission. Einleitend wird betont, daß die Mission nicht einem Gedanken her deutschen Politik, sondern dem Wunsche der Pforte ent­sprungen war, was ein Blick auf die Entstehungs­geschichte beweise. Im Mai 1913 ersuchte der Groß­wesir Mahmud Scheftet-Pascha den deutschen Bot­schafter. Freiherrn v. Wangenheim, der deutschen Regie­rung die Bitte um Entsendung eines deutschen Generals nach der Türkei zu unterbreiten. Der General sollte mit weitgehenden Befugnissen in allen mili­tärischen Fragen ousgestattet und an der Spitze der deutschen Reformer stehen, um die gleichmäßige Durch­führung der.Reformen in der türkischen Armee zu sichern. Nach Prüfung dieses Wunsches kani man zu dem Schlüsse, daß man ihn nicht ablehnen könne, in erster Linie deshalb nicht, weil er sonst sofort von än­derest Seite angenommen würde, und bezeichnete dem Nachfolger des inzwischen . ermordeten Großwesirs Mahmud Schefket-Pascha, Said Halim, den General Liman v. Sanders als für die von der Türkei gestellte Aufgabe besonders geeignet. Die Frage der diesem General zu erteilenden Machtbefugnisse wirrde von den leitenden türkischen Kreisen mit großem Inter­esse behandelt, und zwar namentlich mit Rücksicht dar­auf, daß es den früheren Instruktoren an der not­wendigen Autorität für ihre Arbeit mangelte. Von Berlin aus ist die Frage der Kommandogewalt -des Generals Linian von Anfang an n r ch t -als eine solche

Strauß seine Lehrer, -wurde doch Baur später seinSchwiegervater und Strauß sein bester Freund! >20 sind denn die ersten 20 Jabre in Zellers an Arbeit reichem Gelehrtenleben (1887 bis (857) -im wesentlichen von theologischen Studien bestimmt; sie sind die fruchtbarsten und glänzendsten seines Schaffens, denn in diese Zeit fällt nicht nur sein großartiges religions­geschichtliches Hauptwerk, die „Apostelgeschichte, intifdE) unter» sucht" (1854), die reifste Arbeit oer ganzen Schule, sondern auch schon seine „Philosophie der Griechen", deren erste Auf­lage 1852 vollendet wurde, die aber ihre Reife und Vollendung 'erst durch die unablässige Weiterausgestaltung in späteren 'Auflagen erhielt.

Unter den Jüngern, die sich um das ehrwürdige Haupt der Tübinger Schule, den genialen Kirchenhistoriker Baur, scharten, ist Zeller die Johannes-Natur, eine milde vermit­telnde Persönlichkeit, unendlich treu in Freundschaft und Liebe, zwar feurig im Ringen um die Wahrheit, aber selbst im Streit liebenswürdig und voll echt. schwäbischen Humors. Cr hat nichts. Dichterisches, psychologisch Kompliziertes in seinem Wesen wie sein intimster Genosse Strauß, sondern ist ein einfacher, weltfreudiger, stets auf Tätigkeit und Wirken bedachter Geist. Die Sache ist "(m stets mehr als sein Ich, und so findet man in seinen Schriften, im plaudernden Essay so wenig wie in der schwergelehrten Abhandlung, irgend etwas, wodurch er selbst hervorträte. Sogar sein kleines, aber inhaltreiches Buch über Strauß drängt sein eigenes Erleben, das mit dem des Freundes doch aufs innigste verbunden war, völlig zurück, und bei der prächtigen Auswahl Straußscher Briefe kostet es ihn große Überwindung, nicht alles fortzu­lassen, was ihn selbst betrifft. Erst das hohe Alter öffnet ihm in den „Erinnerungen eines Neunzigjährige" den Mund, aber auch nur zu kargem Bekenntnis. Das künstlerische Ge­stalten und Farmen lag ihm fern, und zu dem zweiten Jugend- und Busenfreunde seines Lebens, dem Ästhetiker Fr. Tb. Bischer, spricht er einmal von ''einer „allgemeinen Inkom­petenz in ästhetischen Dingen". Er war Philosoph und fast noch mehr Philologe. Diese seltene Bereinigung von weit- schau-ender Erfassung großer Denksysteme und sorgfältigster

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unseres P r e st i g e oder unserer politischen Geltung behandelt worden (Zu der sie aber nach­her durch das französisch-russische Vorgehen denn also gegen unsere Absichten doch geworden ist. Schrift!.), sondern nach Gesichtspunkten der militärisch- technischen Zweckmäßigkeit. Maßgebend war der Ge­danke, daß der deutsche General Befugnisse haben müsse, die eine wirksame Durchführung seiner Reform arbeit verbürgten. Dabei ist auch sicher von deutscher Seite nicht vergessen worden, daß die politische Stellung Deutschlands in Konstanti­nopel nicht durch Erfolge oder Nichterfolge dieser Mission berührt werden dürfe.

Weiter heißt es: Im Laufe des September wurde für die Tätigkeit der deutschen Mission der Plan auf­gestellt, mit dem die türkische Regierung vor allen Dingen den Zweck der Sicherung der notwendigen Kontinuität der R e f 0 r m -a r b e i t verfolgte. Der Vertrag sollte für fünf Jahre gelten. Poli­tische Gesichtspunkte traten bei den Verhandlungen keinen Augenblick hervor. Von türkischer Seite ging auch später der Gedanke aus, das Konstantinopeler Armeekorps dem General v. Liman zu unterstellen, ein Gedanke, für den man deutscherseits aus gewichti­gen Gesichtspunkten nicht besonders einge­nommen gewesen war. Bei der Anwesenheit des russischen Ministerpräsidenten in Berlin im November, fährt die „Kölnische Zeitung" fort, wurde die Frage der Militärmission zwischen ihm und den deutschen Staatsmännern eingehend erörtert und eine eingehende Prüfung der russischen Wünsche nach dem Fallen lassen der Kommando­gewalt oder der Wegverlegung des Amtssitzes des Generals von Konstantinopel zugesagt. Im Lause die­ser Besprechungen wurde der Petersburger Regierung mitgeteilt, die Verhandlungen mit der Pforte seien so­weit abgeschlossen, daß eine Änderung der Bedin­gungen für die Tätigkeit der Mission zurzeit nicht mehr möglich sei: jedoch werde der Missionschef nochmals an Ort und Stelle prüfen, ob sich die Verlegung des Missionssitzes nach Adrianopel ' oder Smyrna ermöglichen lasse. Nach der bisherigen Prüfung scheine es allerdings aus technischen Gründen nicht möglich, die Reformtätigkeit . an einem anderen Platze als in der Hauptstadt aufzunehmen. Der Ar­tikel erwähnt dann die Ernennung des Generals v. Liman zum Ko r p s k 0 m m a n d e u r, den Schritt der Mächte der Tripel-Entente, die Ab­lehnung der offiziellen Antwort und das Eintreffen der Mission am 14. Dezember und betont, General v. Liman stellte sich von Anfang an unter A u s s ch a l- t n n g jedes Politischen Gesichtspunktes, wie es ganz selbstverständlich ist, auf einen rein militärisch- technische n Standpunkt.

Durch die Verjüngung der oberen Kommando­stellen wurde der Alters- und Rangunterschied zu er­heblich, um gegen Limans Verbleiben in seiner Stel-

Beachtung des Kleinsten macht seine Größe aus. Sie schuf aus ihm den unvergleichlichen Darsteller des griechischen Denkens, der seine Texte auf -das sauberste reinigte, eine subtile Quellenkritik trieb und doch dem Adlerflug der Ideen von Thales bis Plato sich nachzuschwingen wußte.

Seine theologischen Studien waren dafür die beste Vor­bereitung. Sie bilden mit seinen philosophischen Arbeiten eine Einheit, und die kritische Methode Baurs war es, die ihm da-> Rüstzeug für feine Aufgabe darbot. Theologie wurde 72 *»> -(übmgern im weitesten Sinne aufgefaßt: als bi* Geschick,.e der religiösen Ideen, die Erfassung des Dogmas im Zusammenhang mit der allgemeinen Kultur, und da war eines der wichtigsten Probleme dieser universellen Betrach- tung das Verhältnis der griechischen Philosophie, besonders Plato», zum Christentum. „Platonische Studien" sind denn auch öre erste größere Arbeit Zellers, und dann versucht er, die wntwlcklung des griechischen Denkens bis zu Aristoteles hm in ihrer großartigen Gesetzmäßigkeit zu erklären, so wie Baur in seinem gewaltigen Werke mit allen Mitteln philo- lagischer Kritik und geschichtlicher Milieuschilderung die Ent- der christlichen Dogmen darg-estellt hatte. Zunächst steht für Zeller die religiöse Forschung noch gleichberechtigt En der philosophischen; er gibt das Organ der „Tübinger schule", die „Theologischen Jahrbücher", heraus, für die er -eine Fülle lichtvoller Aufsätze schreibt, stellt das Theologie- systern Zwinglis dar und erkennt in seinem Musterwerk bibel- kritischer Untersuchung die Apostelgeschichte als eine ®e= ichichtserzählung der nachapostolischen Zeit. Seine radikale Gesinnung, sein -unerschrockener ' Forschermut machten eine Anstellung in der Heimat, wo die Orthodoxie regierte, für ihn unmöglich; 1847 wurde er als Professor der Theologie nach Bern berufen, doch mancher gegen seine Fenster geschleu­derte Stein zeigte ihm auch hier, wie sehr man die neue Theo­logie und ihre Vertreter verabscheute. Seine vornehme Natur sträubte sich immer mehr gegen das Gezänk mit den Wider­sachern; „von der leidigen Theologie komme ich immer mehr ab", schrieb er damals an Vatke, und schwenkte daher gern, als er nach Marburg berufen wurde, zur philosophischen