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Donnerstag. 22. Januar 1914. MOPgeN' klUSgübe. «r. 36. . 62. Jahrgang.
vesperadopolitik.
Preußenbund und Preußentag haben die Schwierigkeiten, in denen sich die konservative Partei befindet, grell enthüllt. Zu so verzweifelten Mitteln greift man nur, wenn andere Mittel nicht mehr verfangen wollen. Es ist ein Hinarbeiten auf den Konflikt, eine bewußte und planmäßige Unterwühlung aller Grundlagen, auf denen sich der Organismus unseres nationalen und staatlichen Lebens aufbaut. Die Konservativen betreiben eine Politik der Provokation, und je lebhafter die Entrüstung des öffentlichen Geistes auf ihre Herausforderungen reagiert, desto willkommener ist es ihnen. Denn es soll alles drunter und drüber gehen, damit aus den Trümmern die konservative Vorherrschaft neu gefestigt mit brutaler Rücksichtslosigkeit hervorgehen könne. Das ist Desperadopolitik, und als solche muß sie behandelt werden, also mit den stärksten Mitteln der Bekämpfung und mit der rechtzeitigen und nachdrücklichen Enthüllung der konservativen Umsturzpläne. Herr v. Heydebrand zeigte seine und der Parteifreunde wahre Gesinnung, als er das Häuslein der Sozialdemokraten im Abgeordnetenhause unwirsch fragte, warum sie denn nicht mit der Revolution Ernst machen. Das könnte dieser Gesellschaft schon passen, wenn die Sozialdemokratie Dummheiten beginge und so selber für die Vorwände sorgte, die man auf der Rechten braucht, um entweder die heutige Regierung mit sich fortzureißen oder andere Männer an die freigewordenen Plätze zu bringen/ damit sie als ergebene Werkzeuge des Ost- echiertums mit harten Fäusten dreinfahren. Aber die radikale Partei wird klug sein und nicht dumm, sie hat diese Vermutung schön deshalb für sich, weil ihre Taktik im jetzigen Reichstag Besonnenheit und Einsicht be- kündet. Eine Partei, die m i t den bürgerlichen Parteien, ausgenommen natürlich die Konservativen, gemeinsam das elsaß-lothringische Verfassungswerk und die Kostendeckung für die Heeresverstärkung hat durchführen helfen, verdient immerhin das Vertrauen, daß sie die Symptome der ernsten Zeit verstehen und danach handeln wird. Mit der „Revolution ist es wirklich nichts, und der von den Konservativen ersehnte starke Mann wird auf diesem heiklen Gebiete nichts zu tun bekommen. Wenn die Wünsche der Rechten nach einer R e i ch s t a g s a u f I ö s u n g hinzielen, muß hiernach für ein anderes Feuer gesorgt werden, an dem die konservativen Waffen geschmiedet werden könnten. Woher aber nehmen und nicht stehlen? Es wird auch mit den vermeintlichen Angriffen aus die kaiserliche Kommandogewalt nichts sein. Die Mehrheit, die am 4. Dezember das berühmte Mißbilligungsvotum beschloß, denkt, soweit sie b ü r g e r l i ch war, n ich t i m entfernte st en daran — das brauchte, nachdem es unzählige Male gesagt ist, nun eigentlich wirklich nicht noch wieder betont zu werden —, die militärischen Prärogativs des Kaisers und Königs gerade jetzt anzutasten/ Wenn verlangt wird, daß der Verfassungsgrundsatz, wonach das militärische Einschreiten eine vorangegangene Requisition durch die bürgerlichen Behörden zur Voraussetzung hat, von den U n k l a r- h eiten befreit werde, in die er durch die Einfügung her Kabinettsorder von 1820 in die Dienstvorschrift von
1899 geraten ist, so gehört eine frevelhafte Verdrehung der Tatbestände dazu, um daraus einen Angriff auf die Kommandogewalt zu konstruieren. Wie falsch diese Unterstellung ist, wird hinlänglich dadurch bewiesen, daß ja der Kaiser selber eine N a ch- Prüfung der in ihrer Rechtsgültigkeit bestrittenen Kabinettsorder von 1820 angeordnet hat.
Weder in dem bisherigen Verhalten des Reichstags noch in seiner gegenwärtigen Stellungnahme zu den Ereignissen, die sich an den Namen Zabern knüpfen, liegt irgendein Moment, das selbst eine konservative Regierung mit Bedenken gegen ein Zusammenarbeiten mit der Volksvertretung erfüllen könnte. Ist es denn nicht ein konservatives System, das Herr von Beth mann-Hollweg mit seinem Namen und seinem Charakter vertritt? Hat denn dieser Reichskanzler auch nur das Geringste an Rechten aufgegeben, die dem Bundesrat oder dem Kaiser dem Reichstag gegenüber zustehen? An keinem Punkt ist das geschehen, und kein nvch so weitgehender Optimismus auf der liberalen Seite wird annehmen, daß es geschehen werde. Also was wollen die Konservativen? Sie können doch auch die Besitzsteuern, über^die sie von so viel Erbitterung erfüllt sind, nicht rückgängig machen. Sie können aus geradem Wege überhaupt nichts ausrichten, also sollen es krumme Wöge sein. Sie drängen auf eine Reichstagsauflösung hin, und im Wahlkampfe werden sie dann mit den gröbsten Entstellungen arbeiten, alle Mittel werden ihnen recht sein, um einen Reichstag zustandezubringen, in welchem eine Mehrheit der Linken, wie es heute der Fall ist, ausgeschlossen sein soll. Aber die Sache hat doch ihre Schwierigkeiten. Es ist die natürliche Konsequenz der jetzigen verzweifelten konservativen Agitation, daß sie sich auch gegen baS Zentrum wendet, und ohne das Zentrum ist die Rechte ma ch t l o s. Sie ist es schon im Wahlkampf, sie ist es vollends im Reichstag selber. Es ist ein V a b a ii <i u« - Spi e l, das die Konservativen beginnen wollen. Wenn sie das Spiel gewinnen sollten, wäre das Unglück für Reich und Nation unermeßlich; wenn sie es verlieren sollten, würden sie ihr eigenes Schicksal besiegelt haben.
Der Reichskanzler hatte zehnmal recht, als er jüngst im Abgeordnetenhause von den e r n st e n Zeiten sprach, die uns bevorstehen. Die ungeheure Mehrheit der Nation begreift die Gefahr und wird entschlossen für ihre bedrohten Rechte zu kämpfen wissen. Keine Partei kann stärker sein, als es die sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen ihrer Existenz ermöglichen. Die konservative Partei stützt sich aus eine Bevölkerungsschrcht, die in der Entwicklung des deutschen Volkes zu, einem Industriestaat immer mehr in die Mi n d e r h e r t gedrängt wird. Ob man das mit Befriedigung oder mit Bedenken betrachtet, das ist gleichgültig gegenüber der Tatsache, die zu den Gegebenheiten des deutschen Lebens gehört. Aber gerade weil es so ist, nimmt die Rechte ihre letzten Kräfte zusammen, um ein unabwendbares Geschick doch noch abzuwenden. Es wird ihr nicht gelingen, sie wird in diesem Ringen um so eher unterliegen, je mehr sie die Augen vor der Notwendigkeit verschließt, sich den veränderten Verhältnissen anzu- passen und ihr Programm wie ihre Taktik zu reformieren. *
Der „preutzentag" im Licht Bismarckscher Politik,
(Von einem Berliner Mitarbeiter.)
Die für den Gang der Verhandlungen des Preußen- tages charakteristische Überspannung des konservativ-preußischen Standpunktes, die sich nur zu sehr in einer Auspeitschung des preußischen Partikularismus konservativer Prägung äußerte, hat die Leitung des Bundes der Landwirte erklärtermaßen nicht abgehalten, in jedem einzelnen Bundesstaate die Bildung eines ähnlichen Bundes zu wünschen. Solche Wünsche müssen unter nationalen Gesichtspunkten um so b ed enk- l i ch e r erscheinen und um so schärfer zurückgewiesen werden, als der Preußentag es mit preußischem PfIichtbewußtsein für vereinbar hielt, verfassungsmäßige Einrichtungen Deutschlands verächtlich zu behandeln.
Nur nebenher sei in diesem Zusammenhänge erwähnt, daß derselbe Preußentag, der gegen die Demokratisierung Preußens austrat, den verantwortlichen Reichskanzler und Ministerpräsidenten durch die Art, wie die Absendung eines Telegramms an ihn aufgeworfen und abgelehnt wurde, ganz offen verhöhnte, obwohl Herr v. Bethmann- Hollweg schon als Ve r t r a u e n s m a n n des Königs von Preußen Anspruch darauf hat, von den ausgesprochenen „Vorkämpfern der Autorität" anders als mit demorkatischster Rücksichtslosigkeit behandelt zu werden. Zu dieser Art preußischen Pflichtbewußtseins paßt es freilich, wenn der deutsche Reichstag unter stürmischer Heiterkeit und lebhafter Zustimmung des Preutzentages geradezu verächtlich behandelt wurde. Gegenüber diesem Treiben sei an die Stellung erinnert, die Fürst Bismarck zum Reichstag einncchm. Er hat wahrlich oft genug gerechten Anlaß zu Klagen über den Reichstag gehabt und mit seinem Tadel nicht zurückgehalten. Trotzdem hat Fürst Bismarck am Abend seines Lebens die nationale Wichtigkeit des Reichstages in keiner Weise verkannt. Das geht z. B. aus den nachstehenden Worten hervor, die er am 12. Dezember 1891 einer Abordnung aus Siegen zurief:
„Der Reichstag ist das unentbehrliche Bindemittel unserer nationalen Einheit. Verliert er an Autorität, so werden die Bande, die uns zusainmenhalten, geschwächt. Unser Z u - sammenbalten im Reiche beruht auf den Vertrügen, welche btef deutschen Regierungen miteinander geschlossen haben, aber auch auf der gemeinsamen Vertretung im Reichstage. Diese widerstandsfähig und in Ansehen zu erhalten, ist unsere nationale Aufgabe."
Und in seiner berühmten Jenaer Rede vom 31. Juli 1892 führte Fürst Bismarck aus:
„Ohne einen Reichstag, der vermöge einer konstanten Maiorität. die er in seinem Schoße birgt, imstande ist. die Pflicht einer Volksvertretung dahin zu erfüllen, daß sie die Regierung kritisiert, kontrolliert, warnt, unter Umständen führt, der imstande ist, dasjenige Gleichgewicht zu verwirklichen, was unsere Verfassung zwischen Regierung und Volksvertretung hat schaffen wollen, ohne einen solchen Reichstag bin ich in Sorge für die Dauer und die Solidität unserer nationalen Institutionen."
Eine „konstante" Majorität enthält freilich der Reichstag nicht mehr, seit der Block von 1907 durch die Schuld der preußischen Konservativen bei, der Reichs- finanzresorm in die Brüche ging. Aber auch der gegenwärtige Reichstag hat das große Werk der Heer es- r e f o r m ohne Widerstreben und ohne Zögern zum Abschluß bringen helfen, und dadurch den begründetsten Anspruch auf eine billige Würdigung seines Wertes als verfassungsmäßige Einrichtung erworben. Wer sich dessen nicht bewußt zeigt, handelt weder im Geiste
Nachdruck verboten
Durch die winterliche Schweiz.
Von Erich Köhrer.
Selbst die Vogesen, die ihre Häupter schroff und steil den Schneewolken beträchtlich nahe rücken, zeigten noch keine Spuren winterlicher Stimmung, als wir zu ihren Füßen vorüberrollten. Seltsam aber: kaum hatten wir Schweizer
Boden betreten, kaum waren die Türme von Bafel im Abenddämmer verschwunden, als auch schon greifbar nahe die ersten weißen Flächen vor uns aufschimmerten. Als ich dann frei- ; sich am Abend in Montreux am Genfer See spazieren ging, waren die weißen Felder bedeutend in die Ferne gerückt. Sie schwebten hoch oben ans den steilen Höhen, wie die Vorposten ■ einer feindlichen Macht, die sich den weinumgürteten Gestaden des Sees nicht recht zu nahen wagen. Die guten Leute von Montreux sind mit dieser Zurückhaltung des weißen Herrschers gar nicht recht einverstanden. Sie haben eine Frühjahrs-, eine Sommer- und eine Herbstsaison, aber sie möchten auch gar zu gern noch den Winter ihrem Erwerbssinn nutzbar machen. Sehr weit hat man's „jcht, um von Montreux in sein Reich zu gelangen. Wie auf Adlers Schwingen steigt man in ^den elektrischen Wagen der Montreur-Oberlandbahn, zwischen den Reben steil empor. Noch stehen die Türme von Schloß Chillon im entzückten Blick, da züngelt bereits unter den düsteren Tannen, die von den
Rächers de Nahe jäh ins Tal mederstürzen, der erste Schnee im Morgenlichte rosig heran. Tief in das Herz winterlicher
Freuden führt der Weg. Der unermeßlichen Schönheit des
Schnees verdanken Gstaad und saanen, vor ein paar Jahren noch winzigel Bauerndörfchen, einen ungeahnten Aufschwung. In dem Augenblick, da wir aus einem Tunnel heraus mitten hinein in die weißen Felder um die kleinen Häusergrnppen eilen, entzündet die Sonne die Spitzen der Berge, die in der Ferne den Horizont abschließen, „sie weißen Gipfel flammen in lichtem Purpur auf und vergolden mit ihren Reflexen die Hänge, die sich gegenüber ins Tal niederziehen. Ganz lblaß, wie ein verwehendes Wölkchen, zittert im blauen Meer des Äthers noch der Mond. Van ^den niedrigen Häusern ist alles Gedrückte gewichen, wie Märchenschiösstx glitzern sie im rosigen Lichte.
Was Wintersonne heißt, erfahre ich dann zuerst richtig in Adelboden. Von der'Lötschbergbahnstation Frniigen führt ein offener Schlitten uns in zweistündiger Fahrt zur Höhe empor. Auf einer Matte, die im Sommer wohl vielfältiger Blumenschmuck überspinnt, reckt sich das Dörfchen bis zum schirmenden Bergwald empor. Hier eröffnen sich mir auch zuerst die Geheimnisse des Wintersports, Rodeln und Curling, Ski und Bob treten in ihre Rechte. Bescheidene Leute begnügen sich mit dem Schlittschuhlauf. Ans der Eisbahn vor dem Hotel National, auf die der vielgezackte Große Löhner grimmig herabblickt, stelle ich in der Mittagssonne nahezu 80 Grad Wärme fest. Ist es nicht wie ein Märchen: soweit das Auge blickt, sieht es das Kleid des Winters über Höhen und Täler
gwchmiegt, Eiszapfen starren an den Häusern, die sommerlichen Lauben sind von blau irisierenden Glaswänden über» spönnen und man sitzt ohne Hut und Paletot in freier Luft und wärmender Sonne!
Solch eine Kreuzfahrt durch die winterliche Schiveiz lohnt schon, weil sie Erfahrung schafft. Man erkennt, wie verschieden die Eigenschaften und Vorzüge der einzelnen Orte sind, die jeder einem anderen Bedürfnis und Geschmack entgegen- kommen. Ja Adelboden stellte ich am kürzesten Wintcrtag mehr als 6 Stunden Sonnenbestrahlung fest. Aber nicht Mer fühlt sich in 1400 Meter Höhe wohl. Grindelwald, wohin ich über Spiez und Jnterlaken fuhr, hat ein paar Winter- Jochen lang fast gar keine Sonne, verdankt aber nur dieser Tatsache seine Befähigung zum Wintersportplah. Denn nur weil die Sonne mit ihrer Wärme nicht verheerend wirkt, vermag Grindelwald mit nur 1000 Meter Höhe die schönsten Eisbahnen zu schaffen, die ich gesehen habe? Allein die Bahn, oie der „Bär" seinen Gästen bietet, lohnt für den eifrigen Schlittschuhläufer den Aufenthalt. Ringsum aber eröffnen sich dazu die herrlichsten Skigebiete. Jungfrau und Männlichen locken mit schimmerndem Gipfel und heute noch spricht Man in Grindelwald von dem kühnen Engländer, der im vorigen Jahre von dem 4000 Meier hohen Männlichen in 28 Minuten auf Skiern zu Tal gekommen ist-
Frau Holle schüttelt ihre Federn lachend über die Täler aus, als ich am frühen Morgen Grindelwald verlasse. In Jnterlaken, wo man sonst die Jungfrau sozusagen mit Händen greifen kann, ist nichts von Bergen zu sehen. Grauer
