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Seite w. Abend-Ausgabe, 1. Blatt. dflgWlJtt* Dienstag, 80. Januar 1914.Nr. J».

glorreichen Kriege, der das Deutsche Reich begründete, sich gegenseitig ihre Wafsentaten vorrechnen und etwaige Fehler und Unterlassungen unter die Nase reiben. Wrr sind alle zusammen mittlerweile bewußte Deut- s ch e geworden und freuen uns der deutschen Wnfsen- taten unserer Väter, an denen alle Stämme ihren ruhmvollen Anteil haben. Sodann wird Preußen nirgends im Siiden verkleinert, außer in den Kreisen, die auch in Preußen selbst von der Befehdung Preu­ßens leben. Die ärgsten Verkleincrer Preußens sitzen, wie ein Blick auf die Tagespreise lehrt, in Berlin, nicht in München oder Stuttgart. Gerade in der letzten Zeit rst auf süddeutschen nationalen Versammlungen immer wieder die schuldige Dankbarkeit des deutschen Volkes gegen Preußen unter Jubel der Teilnehmer betont worden. Was sollen gegenüber solchen Worten Angriffe auf den demokratischen Süden, auf die U n­tauglichkeit süddeutscher Führer, die im Süden doch den Gedanken reifen lassen müssen, daß der Preußentag die Süddeutschen nur als Deutsche zwei­ter Garnitur ansehe, als einen Volksteil, der zum Mit­marschieren, aber nicht zum Mitführen bestimmt sei. Das sind gefährliche Ausbrüche eines preu­ßischen Partikularismus, die gerade Preu­ßen als führender Staat sich nicht leisten darf. So­dann aber muß bezweifelt werden, daß die Vertreter des Preußentages ein Recht haben, sich als wirkliche Vertreter des Preußentums aufzuspielen. Was sich im Preußentag zusammenfand, das waren die Vertreter der Orthodoxie, des Bundes der Landwirte und der schärfsten Ecke der konservativen Partei. Preußen aber ist groß geworden nicht in Erstarrung und Überhebung und in der Beschränkung auf die eigenen Interessen, sondern in dem richtigen Erkennen einer deutschen Aufgabe, in zeitgemäßer Entwicklung unter Beibehaltung der bewährten preußischen Richt- zielc: Pflicht und Zucht. Diesen Weg wird es auch weiter beschreiten."

Auch die „Köln. Ztg." vermerkt die Äußerung der „Täglichen Rundschau" als kennzeichnend und sagt: „Man sieht, man geht nicht nur auf der Linken über die Bestrebungen dieses überflüssigen Bundes lächelnd zur Tagesordnung über. Sein Auftreten ist ein Symptom, aber weder ein erfreuliches noch ein be­sonders wichtiges." Weiter sagt darüber das Kölner Blatt: „Der Stachel bleibt, trotzdem heute abend schon die „Kreuzzeitung" Herrn v. Kracht zu Hilfe eilt mit der Bemerkung, er habe sa nur gesagt, die Bayern hätten vor der Übermacht zurückgehen miissen und die Preußen seien ihnen zu Hilfe gekommen. Wenn das richtig wäre, so wären die Äußerungen ebenso über­flüssig gewesen und e b e n s o geeignet, in Bayern Verstimmung zu wecken. Die Schuld daran jetzt der Berichterstattung zuzuweisen, ist eine unge­schickte Ausflucht."

Deutsches Reich.

* Hof- und Pcrsonal-Nackrichten. Prinz Hubertus,

der dntte Sobn des Kronvrinzem der. wie gemeldet, an Keuch­husten erkrankt ist. wird heute vom Berliner Kronprinzlichen Palais nach dem Potsdamer Stadtschloß übersiedeln. Das- Be­finden gibt zu keinerlei Besorgnissen Anlaß.

Statthalter Graf v. Wedel ist um 10.85 Uhr beute vor­mittag mit dem fahrplanmäßigen Zuge von Berlin wieder in

Straßburg eingetrosten.

* Der Herzog von Anhalt, der am 2. Juli seine silberne Hochzeit feiert, hat angeordnet, daß von festlichen Beranstal- tungen und persönlichen Geschenken Abstand ge­

nommen wird.

* Keine Verlobung des Kronprinzen von Bayern. Ver­schiedene Blätter wußten jüngst von der bevorstehenden Ver­lobung des Kronprinzen Rupprecht mit einer österreichischen Erzherzogin zu berichten. Nunmehr wird ihm die Prinzessin Pilar, die Tochter des Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern, als Braut zugedacht. Die Meldung entbehrt, wie den „Leipz. N. N." aus München berichtet wird, jeder Begrün­dung.

* Die Trauerfeier für den Professor Freiherr v. Soden, j Gestern nachmittag 2 Uhr 30 Min. fand in der Jerusalemer­kirche in Berlin die Trauerfeier für den Professor Freiherr v. Soden statt. Im Aufträge der Kaiserin legte der Ober- hofmeister Freiherr v. Mirbach am Sarge einen Kranz nieder. Vertreter der staatlichen, kirchlichen und städtischen Behörden unter Führung des Rektors Geheimrat Planck, zahlreiche Ver­treter der Universität, viele studentische Korporationen und eine große Trauergemeinde wohnten der Feier bei. Pfarrer Alfred Fischer hielt die Gedächtnisrede. Namens der Synode sprach Superintendent Steinbach und namens der theologischen Fakultät in Berlin Wirkl. Geh. Oberkonsistorial- rat D>\ Kaftan. Bei der Witwe des Verstorbenen ging ein Beileidstelegramm der Kaiserin em. Anschließend an die Trauerfeier erfolgte die Überführung der Leiche nach dem Jerusalemer Kirchhof, wo vor der Beisetzung Pfarrer Dr. Kirms noch eine Abschiedsansprache hielt.

* Eine Feier für de» Begründer der Kaliindustrie. Das 93. Stiftungsfest, das der Verein zur Förderung des Ge- werbefleihes gestern in Berlin beging, wurde zu­gleich eine Feier zur Ehrung für den Geheimrat Prozessor Frank, der seinen 80. Geburtstag beging. Unter- staatssekretär im Rcichsamt des Innern, Richter, hielt dem ehrwürdigen Geburtstagskinde, der in weiteren Kreisen als der Begründer der Kaliindustrie bekannt ist, eine Ansprache und überreichte ihm die Goldene Denkmünze des Vereins. Die Glückwünsche der preußischen Regierung überbrachte Handelsminister I>r. Sydow. Im Laufe des Abends gab Dt. Sydow ein Bild von der allgemeinen Wirtschaftslage. Wenn auch die Hochkonjunktur vorüber sei, so trat die Stockung doch nur allmählich ein. Von einer Wirtschaftskrise könne keine Rede sein.

* Eine Persvnalveränderung im LandwDtschaftsministe- rium. Der bisher als Hilfsarbeiter im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten beschäiiiflte Oberforst­meister Dt- Freiherr von dem Busche aus Potsdam wurde zum Landforstmeister mit dem Range der Räte dritter Klasse und zum Vortragenden Rat in diesem Ministerium ernannt.

* Eine abermalige Steigerung der Zahl der Ordensver­leihungen. Anläßlich des Krönungs- und Ordensfestes am Sonntag, über dessen Verlauf wir bereits berichteten, sind wiederum eine große Anzahl van Orden verlieben worden. Im vorigen Jahre war eine außerordentliche Steige­rung der Zahl der verliehenen Orden festzustellen. Auch in diesem Jahre ist abermals eine Steigerung zu verzeichnen. 1910 war die Zahl der Orden von 4138 auf 4088 gesunken, 1912 wurden bereits 4514, das Jahr darauf 6017 und in diesem Jahre 8747 Orden verliehen. Da ist es aller­dings kein Wunder, wenn der Etat der Preußischen General- ordenSkommission ebenfalls eine Verstärkung der Mittel fordert.

* Ein schöner Mt der Toleranz in Bayern. Das pro­testantische Pfarramt Bamberg berichtet mit herzlichen Dankesworten über einen Akt der Toleranz des bekannten Pfarrers Grandinger in Buttenheim. Dort starb die Mutter des protestantischen Pfarrers Dinkler. Pfarrer Grandinger stellte die zur Aufbahrung erforderlichen Gegen­stände zur Verfügung und veranlatzte, daß der katholische Kirchenchor bei der Aussegnung mehrere Trauerlieder sang. Dem Leichenzuge schloß er sich mit dem Chore an.

* Die Nachprüfung der militärischen Dienstvorschriften. Die angekündigte Nachvrüfung der Vorschriften über den Waffengebrauch des Militärs wird dem Vernehmen der „Kreuzzeitung" nach zunächst innerhalb des Kriegs­ministeriums vorgenommen.

* Die Zahl der Invaliden aus den Kriegen vor 1870 ist noch verhältnismäßig groß; sie beträgt 3359, dazu kommen noch 190 Offiziere. Das durchschnittliche Lebensalter dieser Invaliden steht zwischen 67 und 76 Jahren. Die Zahl der Invaliden aus dem Krieg b_nit 1 8 7 0/71 beträgt an Feld­webeln und Wachtmeistern 508, an Sergeanten und Unter­offizieren 2304 und an Gefreiten und Gemeinen 19 670, ins­gesamt 22 782 und an Offizieren 2115. Das durchschnittliche Lebensalter steht zwischen 68 und 74 Lebensjahren.

* Das Ende der sozialdemokratischen Mehrheit im Rubol- Wdter Landtag. Bei der Landtagsersatzwahl in Franken- Hausen-Land wurde Gutsbesitzer Kämmerer mit 596 gegen 410 sozialdemokratische Stimmen gewählt. Die Sozialdemo­kraten verlieren damit die Landiagsmajorität.

* Wiederaufnahme der deutsch-französischen Verhand­lungen über die klcinasiatischen Eisenbahnen in Berlin. Eins anscheinend offiziöse Pariser Note teilt mit, daß sich die Herren Ponsot und Sergent behufs Wiederaufnahme der deutsch, französischen Verhandlungen über die kleinasiatischen Eisen­bahnfragen im Laufe dieser Woche nach Berlin begeben werden.

* Unter Sptonageverdacht in Haft. Der Buchhalter Fried­rich Grolms in Breslau befindet sich, wie erst jetzt bekannt wird, schon seit dem 11. September vorigen Jahres in Unter­suchungshaft, da er in dringendem Verdacht steht, einer frem­den Macht Spionagedienste geleistet zu haben, über die Art der Spionage ist bisher noch nichts bekannt geworden.

* Haussuchungen bei Weimarer Zeitungen. In den Redaktionen von Zeitungen in Weimar wurden Haus­suchungen abgehalten, um die Urheberschaft von Veröffent­lichungen über den bisher von der Regierung streng geheim gehaltenen Entwurf einer neuen Gemeindeordnung festzustellen. Im Ministerium vermutet man, daß die Indis­kretion eines Beamten im Spiele steht.

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Zur Versetzung des 99. Infanterie-Regiments. Wie der „Elsässer" aus gut informierter Quelle erfährt, wird das In­fanterie-Regiment Nr. 99, das auf die Truppenübungsplätze Bitsch und Hagenau verteilt ist, bis Oktober d. I. dort verbleiben. Darauf wird das Regiment nach Straßburg in Garnison kommen. Über die Verlegung eines anderen Regiments nach Zabern schweben noch Verhandlungen. — Die „Straßburger Neue Zeitung" teilt mit: Zweijährig-Frei­

willige aus verschiedenen Ortschaften des Elsaß haben sich in den letzten Tagen bei preußischen Regimentern in elsässijchen Garnisonen zur Untersuchung gestellt. Die Tauglichen sind angenommen worden. Einige Tage nach der Annahme haben sämtliche Tauglichen ohne Ausnahme die Mitteilung zuge- ichickt bekommen, von der Einstellung müsse abgesehen haben. Daß ^»e Ansichten über die Zweckmäßigkeit der Ein­stellung elsässischer Rekruten in dem Rcichsiande stehender Truppenteile umgeschlagen sind, wird man allerdings — darauf wiesen wir schon vor Wochen hin — wohl be­greiflich finden.

Berufung eines sächsischen Ulanenoffiners zur Militär­mission in der Türkei. Der bekannte Herrenreiter Kirsten vom 21. sächsischen Ulanen-Regiment zu Chemnitz, der kürz­lich zum Major ernannt worden ist, ist mit Genehmigung des Kaisers und des Königs von Sachsen als Mitglied der deutschen Militärmission in Konstantinopel berufen. Durch Jrade des Sultans ist Kirsten zum Oberstleutnant befördert und ihm das Kommando des ersten türkischen Kavallerie- Regiments übertragen worden. Anfangs Februar wird der Major die Ausreise nach Konstantinopel antreten.

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Zum Tode des Generals Picquard. Amiens, 19. Jan. Der verstorbene General Picquard war am Dienstag voriger Woche beim Reiten auf gefrorener Erde mit dem Pferde gestürzt und hatte sich dabei eine Verletzung am oberen Teile des Kopfes zugezogen. Die Wunde schien leichter Natur. Am Samstag trat plötzlich eine Verschlimmerung ein. Der Tod erfolgte um 6 Uhr früh infolge Urämie.

Der Fall des Abbß Lemire. Paris, 19. Jan. Der katholisch-republikanische Deputierte Abbe Lemire, dem be­kanntlich mit der Exkommunikation gedroht wurde, richtete an den Kammerpräsidenten D e s ch a n e l ein Schreiben, in welchem er mitteilt, daß er sein A m t als Vizepräsident der Kammer n i e d e r l e g e. In den Wandelgängen der Kammer erklärte Abbs Lemire, daß sein Rücktritt keineswegs unter irgend einem Druck erfolgte und ebensowenig eine Unter­werfung bedeute. Er erblicke in der auf ihn gefallenen Wahl eine herzliche Sympathiekundgebung der Kammer, aber er fürchte, wenn er den Präsidententisch auch wirklich einmal einnehmen sollte, von den Deputierten auf der einen Seite Zustimmungs-, auf der anderen Mißbilligungskundgebungen hervorzurufen. Er wolle weder ein Gegenstand des Mitleids nach des Tadels sein, denn der Vorsitzende der Kammer müsse über derartigen Kundgebungen stehen. Zudem sei er auch von kirchlichen Disziplinarstrafen bedroht und er wünsche nicht, daß dies irgendwelchen Widerhall in der Kammer finde.

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schaffen und nicht nur an die Wand gemalt, so müßte sie Tilla Durieux spielen.

Bei Homer, bei dem man ihre Urzüge sucht, merkt man, daß die alte Welt für verwickelte Seelendeutung bei Frauen nicht viel Sinn hatte. Im Grunde kommt es hier nur auf die episch ruhevolle Gestalt des ausharrend treuen Weibes her­aus, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß selbst Homer in leichter Andeutung (und doch betont, da ihr eigener Sohn es ausspricht) von ihr sagt, daß „ihr wankt unschlüssig das Herz in dem Busen". Bei Hauptmann jedoch phosphoresziert dies Frauenbild in seltsam gefährlichem Rätselschein. Man sieht sie in jener Erscheinung, die Antinoos weinberauscht be­schwört, die „stählerne langschenklige Mänade", die nackend tanzte unter Spartas Jungfrauen. Unalternd, gleich Helena, der Tochter der Leda, schlägt sie die jüngeren Männer, die sie als Kinder an den Busen hob, mit Besessenheit. Sie genießt an ihnen ihre Frauenmacht. Voll kühler Sinnlichkeit spielt sie mir ihnen und reizt ihr Begehren, niemand der Schar gewahrt sie kleinste Gunst und möchte dabei niemand missen.

Man höre AntinooS, übrigens den einzigen der Freier, der individualisierter ist, wie er mit heiserer durstiger Stimme von ihr redet, von ihr, die „eine große bunte Spinne inmitten des Gewebs am Webstuhl sitzt und immer starr und undurchdringlich lächelt", „die Grausame, die, kühler Tücke voll, die Wimper senkt, umspinnt, fängt, würgt mit aphro­disischem und schadenfrohem Lächeln, tödlich furchtbar".

Gleicht sie nicht auch Circe in ihrer oft bestialischen Freierhorde? Und Odysseus, der wohl vordem mit dem männermordenden und frauenzwingenden Griff solche Hexen, genommen und durch Lust sie gebändigt, fürchtet heute diese Frau und meint voll Mißtrauen, daß keine, die er kannte, „solch einen schlimmen Hofstaat hatte", bind das Mißtrauen, wie sich nun alles neu gestalten soll nach zwanzigjähriger Trennung, richtet er auch gegen sich selbst.

Hier setzte nun wohl die Aufgabe des modernen Dichters ein. Hauptmann entläßt uns leider auf der Schwelle, er zieht uns den Vorhang vor der Nase zu. Und wir haben allen Grund, anzunehmen, daß der Dichter vor Penelopes Leibhaf­tigkeit und jenem Wiedersehen nicht geringere Ohnmachtangst hat als sein Held. Denn Bogenspannen macht es nicht allein.

Felix Poppenberg.

Konzert.

Eine noch unbekannte Sängerin und ein noch wenig be­kannter Pianist veranstalteten — es gehört in dieser Zeit und in Wiesbaden wirklich Mut für Zwei dazu — ein eigenes Konzert gestern abend im Saal der „Loge Plato". Publikum war so frei — zu erscheinen, und spendete dankbar ergebensten Beifall.

Zuerst die Sängerin: es war Frl. Anna Hesse aus Ber­lin. Eine vielleicht etwas einseitig, aber doch immerhin eigen­artig begabte Sopranistin. Die Stimme entwickelt ihren vornehmlichsten Reiz in den Hellen, rein und weich ange­schlagenen Kopftönen, die hftr gradeswegs zu einer Speziali­tät^ ausgebildet sind. Gewiß ist es ein apartes Vergnügen, diesen silbernen Glöckchentonen zu lauschen, die in der Höhe wie ein luftiges Flageolett anmuten und in ziersamen Kolo- ratürchen und Fioritürchen ganz allerliebst wirken, und ebenso dwser lieblichen Mezzavoce mit den sacht erblühenden und sanft verhallenden Schwelltönen; aber das Gebiet, welches sich hier für seelischen Empfindungsausdruck eröffnet, ist not­wendig begrenzt: gegen tiefere leidenschaftlich- Akzente ver­hält sich die Stimme von Natur abwehrend; doch sei ange­merkt, daß auch die Mitteltöne des Organs, wenn sie auch wenig Körper besitzen, doch gute Schule verraten. Auf eine schärfere Konsonanten-Bildung wäre Erdings noch hinzu­arbeiten. Am besten gelangen der Sängerin die einfache naiven, dabei elegant kolorierten Kanzonetten alt-englischer und -französischer Volkskunst. Für die sensitive Empsin- dungssphär^ Hugo Wolfs — in einigen seiner zartest ge­fühlten Lieder — hielt Frl. Hesse eine fein ziselierende Ge. staltungswcise bereit; und auch die weichschmachtende Stim­mung in den selten gehörten Liedern russischer Komponisten, wie RachmaNinofs, Gretschäninoff (hier noch völlig unbe­kannt) nnd Tschaikowsky, fand in der Wiedergabe recht shrn- pathisch ansprechenden Ausdruck. So _ hatte Frl. Hesse ihr Programm in kluger Weife ihrer individuellen Begabung an- gepaßt: ihr Vortrag blieb feintönig und nur auf die Dauer — etwas eintönig.

Nun der Pianist: Herr Paul Schramm, der ander­

wärts schon mehrfach konzertiert hat. _ Er offenbarte eine be­reits sehr ansehnlich entwickelte teckmische Bravour. Daß er

nicht nur durch äußeren virtuosen Glanz flüchtig blenden wollte, bewies er durch sein Programm. Er begann mit dem zierlichen „Pastorale" von Scarlatti und Mozarts „A-Dur- Sonate" und erfreute, abgesehen von einigen rhythmischen und dynamischen Extravaganzen, durch delikate Tongebung und fein erfühlten Ausdruck. Daß Herr Schramm auch für eine Novität erntrat, eine solche Seltenheit bei reisenden Virtuosen, ist hoch zu iberühmen. Es handelte sich um ein Variationen-Werk von Paul Caoriere, einem jüngeren Beru liner - Autor. Die Komposition hält sich von verstimmenden hypermodernen Manieren frei und läßt eine frisch und natür­lich gestaltende Hand erkennen. Die Variationen — hier und da an Brahmssche Wesensart gemahnend — interessierten durch kunstreiche Modellierung und zugleich durch ihren brillanten Klaviersatz: Herr Schramm spielte sie zwar von Noten, aber trotzdem durchaus „par coeur", — von Herzen!

Der Künstler beschloß dann sein Programm mit Liszts „Franziskus auf den Wogen schreitend" — eine der effekt­vollsten Kompositionen des Meisters, welche zu höchst anschau­licher Wirkung gebracht wurde: in diesen Crescendos und Fortissimos ^schien ein förmlich dramatischer Nerv zu stecken.

Daß Herr Schramm sich auch als ein Gesangsbegleiter von Geschmack und Verständnis bewährte, sei noch besonders rüh­mend hervorgehoben. 0. D.

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Nus Kunst und Leben.

* „Aus den Werken Wiesbadener Schaffender." Der nicht ganz einwandfreie Versuch, „heimische" Dichtkunst als Ganzes, ohne Rücksicht auf die Individualität der einzelnen Dichter — im Rahmen eines doch zeitlich immerhin begrenz­ten Vortrags — zum Gegenstand eines Rezitationsabends zu machen, war von Karl Heinz Hill in der „Literarischen Ge­sellschaft Wiesbaden" angeregt worden. Herr Hill hat nicht weniger als 44 „Schaffende" in Wiesbaden entdeckt, und wenn er davon gestern abend im Kasinosaal zunächst die Hälfte be­rücksichtigte, so tat er es mit dem Versprechen, daß die rest­lichen Zweiundzwanzig bei nächster Gelegenheit zu Worte * kommen sollten. Im übrigen stellte Herr Hill in seiner Ein­leitung die immerhin beachtenswerte Tatsache fest, daß er sich bei der Sichtung des Materials davon überzeugen konnte, daß ein frischer froher und herzlicher Geist in unserem heimt- \