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Dienstag. 20. Januar 1914.
Abend-Ausgabe.
Nr. 32. » 62. Jahrgang.
Die echtpreußischen Leute.
Allzu scharf macht schartig, Äas werden die Konservativen, die das verfehlte Wagnis des „Preutzentages" unternahmen, bald genug spüren, vielmehr sie spüren es bereits. Nichts natürlicher, als daß sich in den Bundesstaaten, vor allem im Süden, der st ä r k st e U n- wille über die unveranttvortliche Keckheit regt, mit der die meisten Redner den „preußischen Geist" gegen den deutschen Geist ausspielten. Es handelt sich um erne überaus gefährliche Probe, der mit dieser Veranstaltung die Konservativen die reichstreuen Gesinnungen im übrigen Deutschland unterwerfen. Sie scheuen in ihrer Verblendung nicht davor zurück, die öffentliche Meinung in Bayern und Württemberg, in Baden, .Hessen und Elsaß-Lothringen, nicht weniger aber auch m den mitteldeutschen Staaten und nicht zuletzt in den westlichen Provinzen Preußens selber durch den Ruf nach Verpreutzung des Reichs herauszufordern. aufs empfindlichste zu verletzen und zu berechtigter Gegenwehr aufzurufen. Es wird überall außer- halb des engen Bereichs des ostelbischen Agrarkonser- oativismus als Beleidigung empfunden wWden müssen, daß die kühne Behauptung ausgestellt werden kann, das Deutsche Reich dürfe nur „Preußisch", d. h. konservativ, regiert werden, die nichtpreußischen Ele- niente seien unfähig zur Erhaltung und Fortbildung des deutschen Staatsgedankens, die Bundesstaaten hätten sich dem konservativ-bureaukratischen Diktat einer Regierung zu fügen, die ihre Weisungen aus dem preußischen Herrenhanse und ans einem, beinahe zur Hälfte konservativen Abgeordnetenhause gehorsam zu beziehen habe. Solche Forderungen sind noch n i e erhoben worden, so trotzig hat sich der preußische Geist noch nie gewehrt. Was auf dem Preußentage, über den wir in der gestrigen Mendausgabe berichteten, an Beleidigungen des Reichstags geleistet worden ist, das übertrifft so sehr jedes Maß, daß man immerhin annehmen möchte, Herrn v. Heydebranid sei bei di^en Beschimpfungen beträchtlich unbehaglich zumute gewesen. Die Antwort wird am Königsplatz demnächst nach Gebühr erfolgen. Das Stärkste aber doch war die Beleidigung des R°e i cki s k a n z l e r s, dem der telegraphische Gruß verweigert wurde, während den: Kriegsminister Tank und Anerkennung mrt seurr- gen Worten gespendet wurde. Damit diese Verletzung der guten Sitte in das rechte Licht gerückt werde, meinte der Vorsitzende der merkwürdigen Versammlung boshafterweise. der Preußentaa dürfe sich n k ch t für befugt halten, dem Reichskanzler ein Mißtrauensvotum aus- zusprechen. Wenn nlso eine telegraphische Begrüßung erfolgt wäre, so hätte sie den Charakter der ent- s ch i e d e n st e n M i ß b i l l i g u n g sür die von Herrn v. Bethmann-Hollweg verantwortlich vertretene Rerchs- politik gehabt. In politischen Kreisen, auch in konser-
Berliner Theaterbrief.
Hauptmanns „Vogen des Odysseus."
Hauptmanns dramatisches Gedicht aus der homerischen Welt ward am Samstag im Künstlertheater aufgeführt und brachte dem Dichter nach dem dritten Akt und am Schluß begeisterte Huldigung.
Das für den Meteorologen des Theaters unverkennbare unmittelbare Fluidum zwischen Bühne und Zuschauerraum während der Akte war aber nicht sehr stark zu verspüren.
Das läßt sich leicht erklären. Die Schönheiten dieses Werkes sind rein lyrischer Natur, sie enthüllten sich voll tiefen Seeleneindrucks beim Lesen im Januarheft der „Neuen Rundschau". Zwischen diesen Stellen voll erschütternder dichterischer Einversetzung in einen Mann und eines Mannes Schicksal und
„Wie sich Welt und Götter ihm — und Welt Und Götter ihn verwandeln müssen, ehe Er reif ist sür den Tod, dem er stets zuläuft"..
Zwischen diesen Stellen gibt es aber viel leere Strecken, wo Sprache und Begebnis tonlos wird und kein Kontakt sich bildet. Und fünf Akte, nur angefüllt mit der ersten Station der Wiederkehr des Odysseus, das scheint wohl etwas wenig. Wir sehen in all dem, in den Begegnungen mit Eumäos, mit dem Vater Laertes, dem Sohn Telemach, doch eigentlich nur den Auftakt zu dem, was uns Heutigen menschlich einzig interessiert, die Wiederbegegnung mit Penelope. Und gerade davor macht Hauptmann Halt und, da er, wie noch zu zeigen sein wird, diese Frauengestalt voll widerspruchsvollem Rätselsinn des Wesens im Hintergrund durch die begehrlichen Gespräche der Männer gehen läßt, bleiben wir erschreckt, gereizt und unbefriedigt. Die negativen Eigenschaften wurden nun durch das gleichmäßige Tempo der Bühne henimender, und die pulsierenden blutvollen abgeschwächt durch die Aufführung, die durchaus nicht von hohen Graden war. Die Verse gerieten fast allen Darstellern zum Hindernis, besonders unserer lieben herrlichen Else Lehmann, die man uns. so lange vorenthalten und nun unverständigerweise zu der auch sonst wenig ergiebigen Eurykleia-Rolle kommandiert hatte. Theodor
vativ gerichteten, ist der Eindruck allgemein — das beweist auch die unten wiedergegebene Auslassung der „Täglichen Rundschau" —, daß sich die Veranstalter dieses Preußentages auf einen für sie selbst am meisten gefährlichen Irrweg begeben haben. Schon wird — wie wir in der Morgenausgabe schon meldeten — entrüsteter Widerspruch aus München laut, und in den anderen Bundesstaaten wird man Nachfolgen. Den konservativen Drahtziehern kommt es natürlich darauf an, den Kaiser mit sich sortzureißen. Aber wie können sie glauben, das durchzusetzen, wo doch der Schade, der mit der krassen Betonung des ostelbi- schen Geistes angerichtet wird, schon heute auf der Hand liegt! Es ist ganz gut möglich, daß die echtpreutzi- schen Leute durch ihr unbesonnenes und schlecht durchgeführtes Unterfangen gerade die Stellung des Reichskanzlers gestützt und gestärkt haben. Die Roheit und Plumpheit des von einigen Rednern angeschlagenen Tones, diese Kasernenhossprache im Munde hoher Offiziere und Geistlicher, diese geifernden Beschimpfungen des Reichstags und der gegnerischen Parteien, das alles zeigt einen so erschreckenden Tiefstand nicht bloß der politischen Einsicht, sondern auch der Ge s i n n u n g und des Gemüts, daß jeder, der in die Schußlinie dieser Sorte von Angriffen gerät. bei allen anständigen Menschen die Partie eigentlich schon gewonnen hat, wenn sie beginnt. Man kann sich schwer vorstellen, daß der kluge Herr b. Heydebrand mit dem Verlaufe des Preußentages einverstanden gewesen sein wird. Aber vielleicht seufzt auch er wie einstmals Herr Windthorst: „Ich bin ihr Führer, also muß ich ihnen folgen."
Die bayerischen Verwahrungen.
Das Münchener Z e n t r u m s b I a t t. der „Bayerische Kurier", fügt dem Abwehr-Artikel der „Staatszeitung" folgendes hinzu: „Es ist zu begrüßen, daß
die bayerische Regierung solche entschiedenen Worte findet, uni dieses Nberpreußentum in seine Schranken zurückzu,weisen. Es wird nun wohl auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" Stellung zu den E x - ze sse n des Preuß e n ta g e s nehmen, nachdem ihre Münchener Schwester, die es an Liebenswürdigkeit gegen Berlin wahrhaftig nicht fehlen läßt, so kräftig vom Leder zieht. Die Herren sind dadurch verwöhnt und glauben, den dummen Bayern alles bieten zu können. Ihr Partikularismus, der nach Bismarck der gefährlichste von allen ist, macht Fortschritte hin zum Größenwahn. Im übrigen: Auch wenn diese krachtlederne Erzählung richtig sein sollte, — haben die preußischen Truppen wirklich nie Momente der Erschütterung erlebt? Wir haben zunächst die Feldzugserinnerungen von General Freiherr v. Steinäcker gelesen. Da erzählt der Verfasser mit sichtbarem Schmerz vo n einer auch durch das General-
Loos, dessen Kunst (z. B. im Schillings) die herbe verhaltene
(sec!) Charakteristik ist, wendete als Telemach forciertes Schreien an, er setzte feurige Jugend in Geräusch um und verschluckte polyphemisch dabei der Jamben vollgerüttelt Maß. Marrs Odysseus hatte immerhin größere Gewalt, auch Steigerung und Wandelung aus den Lumpen zur Hoheit. Weniger geriet ihm das doppeldeutige Maskenspiel des Bettlers voll halben Selbstverrats. Gerade hier liegen aber die aufwühlenden tragischen Ironien der Dichtung.
Als das Trefste, das nur ein ecyter Dichter schaffen kann, gilt mir die Situation, da Odysseus als elender Erdenrest, ein Bündel Lumpen, von seinem Sohn Telemach dem strahlenden Ruhm des Odysseus verkünden hört.
„Mächtig schreitet sein Bild im Gesänge". Sein eigenes Sternbild zum Mythos verklärt, steht der aus sich selbst Verbannte, der lebendig Tote, lind der Sohn, der den imaginären Heros preist, ahnt nicht, daß, verdeckt durch Ungestalt, er gegenwärtig neben ihm steht.
Dies, was im Lesen so ergriff, ward von der Bühne nicht so wirkungshaft. Auch nicht die Szenen mit Leukone, des Eumäos Enkelin, in der Hauptrnann Pallas Athenes' Rolle sein vermenschlichte. Er wählte sich selbst hse Darstellerin dafür, Hedwig Reicher. Sie, seine „Walküre", sah auch sehr gemäß der Aufgabe aus, edel, streng, geschnitten. Doch nicht mehr. Kein Gott gab ihr zu sagen. . .
Am meisten packte vielleicht die Szene zwischen Odysseus und seinem Väter Laertes. Sie, die dichterisch stark erfühlt, kam durch Emanuel Reicher zur vollsten Ausschöpfung. Er gestaltete shakespearisch den Greis, der einst ein mächtiger Herrscher, nun ^verwahrlost, ein Kinderspott und närrisch geworden, beiin Sauhirten einen Fleck zum Ruhen und eine Hafersuppe sucht.
Und voll seelenzerreißender Gewalt wird's nun, wie da im Hof sich die zwei Bettler treffen, gleich sehen sie drein mit grauem Haar- und Bartgestrüpp wie Altersgenossen und sind Vater und Sohn. Voll grauenhafter Lustigkeit treibt Laertes sein kläglich närrisches Elendswesen, und Odysseus, in dem eigenen Zwischenzustand von gespielter und echter Gemüts- verstörung, treibt es mit: „Maulwürfe, wühlend durch ein wirres Dasein".
stabswerk bestätigten vollendeten Panik auf preußischer Seite während der Schlacht bei Gravelotte."
Man wird auch das letztere natürlich ebenso nur mit demselben Bedauern lesen können wie die Entgleisungen der „Echtpreußischen". Aber man sieht, wohin die herausfordernde Sprache aus dem Preußentag führt.
*
Ein Rechtfertigungsversuch der konservativen Presse.
wb. Berlin, 19. Jan. Die konservative Presse erhebt scharfen Protest gegen die Mißdeutungen, welche die gestrigen Äußerungen des Generals v. Kracht erfahren haben. Die „Deutsche Tageszeitung" bemerkt zu -den Worten des Generals, die in Süddeutschland Anstoß erregt haben, der Redner habe nicht nur mit keiner Silbe seiner Darstellungen die Leistungen der betreffenden bayerischen Truppen angegriffen, sondern er habe im Gegenteil noch durch die Mitteilung, daß an Bayern ebenso wie an preußische Truppen wegen ihrer Haltung in dieser Angelegenheit Eiserne Kreuze verteilt wurden, den Zuhörern besonders deutlich gemacht, daß sich auch die kleine bayerische Abteilung außerordentlich brav gegen die große feindliche Übermacht geschlagen haben muß. Weiter sagt das Blatt: „Wenn er in seinen Schlußworten die Nutzanwendung aus dieser Kriegserinner,ung zag, daß die überlegene Stärke Preußens den anderen überall gegen die Demokratie Luft und Mut machen solle, so lag das tertium comparationis hier klarerweise nur noch darin, daß eben Preußen die stärkste Macht in Deutschland ist. Kein Zuhörer hat die Worte des Generals anders verstanden oder anders verstehen können."
Eine bezeichnende kritische Stimme.
Wir wiesen oben schon daraufhin, daß die „Tägliche Rundschau", der man wirklich keine Preußenfeindschast und keine Ar in eefeind schüft nachsagen kann, es ein unwürdiges und erbärmliches Schauspiel nennt, wenn sich die deutschen Volksstämme 43 Jahre nach einem glorreichen Kriege gegenseitig ihre Wafsentaten vorrechnen und etwaige Fehler und Unterlassungen unter die Nase reiben. Das Blatt führt nach einer Einleitung, in der es Preußen so ziemlich gegen alle Angriffe der letzten Zeit vertei-digt, im einzelnen aus: „Die Redewerrdungen gegen den Süden und gar die taktlose und geschichtlich unwahre Beschuldigung, daß die Bayern bei Orleans nicht dem feindlichen Feuer standgehalten hätten, kann nur den kaum eingeschlummerten süddeutschen P a r t i k u I a r i s m u s aufwecken, kann nur die Freude am Reiche im Süden trüben und den Feinden des Reiches Wasser auf die Mühle treiben. Es ist ein u n w ll rdiges, erbärmliches Schauspiel, wenn sich die deutschen Volksstämme 43 Jahre nach einem
und Menschenbekenntnis, daß das Unglück heilig ist. Zum Ausgang wächst die dramatische Bewegung und die Situationstemperatur, doch ohne daß die Innerlichkeiten sich steigern. Und den wirkungsvollen äußeren Abschluß bildet das Aufrecken des sich zu erkennen gebenden Odysseus vor den Freiern (Hauptmann verlegt dies wie die anderen Vorgänge in das Gehöft des Eumäos), ihr stieres Entsetzen (Antinoos ruft: „Schlächter! trojanischer Schlächter! Ja, er ist's!"), und dann das Gericht, mit dem die Pfeile tödlich schnellenden Bogen.
Ein Nachtstuck voll Helldunkel beim flackernden Herdfeuer ist's wie da der gefiederte Mord im Raum umgeht, sein Ziel sucht, und den letzten der Freier, der fliehend durch das Tor eilt, noch draußen an die Gurgel fährt. '
, . ..Z^trauch Grauen schwelt hier. Als aber das Entsetzliche geschehen, breitet sich etwas wie lähmende Unsicher- r-^L’^r Euyamkeit um Odysseus. Er kann zwar seinen l^oyn Lelemach umarmen, doch ein anderes Wiedersehen lockt und ängstigt rhu zugleich, das Wiedersehen mit seinem Weib, nno eine Beklommenheit und ein Zögern bebt in seiner Snmme Der Schauspieler Marr blieb hier zu massig, als er die -Schlußworte sprach:
»Was wird die Mutter sagen, Telemach,
Daß ich ihr schönstes Spielzeug schon zerschlug?" ..denelope, die nicht sichtbar auftritt, gleitet trotzdem am «chrcksalshorizont der Dichtung farbig vorüber. Sie scheint dichterisch anders gemischt als die übrigen Personen. Diese wachsen, für einen modernen psychologischen Dichter, eigenk- Uch recht geradlinig und ruhig geformt und das Vieldeutige des Odysseus mit seinem Doppelgesicht aus Wahrheit und 4uge entspricht der homerischen Überlieferung und ward nicht wit seelischem Raffinement kompliziert.
Solches spürt man dagegen an diesem aus Andeutungen und trunkenen Freierworten austauchendem Spiegelbild Penelopeias. Sie stammt nicht von Homer, sie stammt aus der Metamorphosengalerie antikischer Gestalten, in der .Htzst mannsthals und d'Annunzios Nervenklima voll aller seelischsinnlicher Verruchtheit weht; Klinger, der Klinger der Salome und des Amphitrite-Torsos, müßte sie in Polychromen Marmor bilden, und wäre sie wirklich leibhaftig wandelnd ge-
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