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Mtttags;?ü?d2 M?rgenMr5g.^s"3 Mr^nächmittag^ Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 450 u. 451. Tagen und Plätzen wird keine Gewäbr iÄ^wmmen^
DisnZtagz 20. Januar 1914.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 31. * 62. Jahrgang.
Bestechliche Polizei.
Ein Nachwort zum Kölner Prozeß.
Der Kölner Backschisch-Prozeß gibt eine böse Lehre. Die Polizei galt in Preußen bisher neben dem Militär als vornehmster Träger der Staatsgewalt. Jetzt in Köln hat die Polizei einen bösen Stotz erhalten. Ein Polizei-Panama russischer Zustände, so geht das Geflüster durch den deutschen Blätterwald.
In der Tat, die Sache ist bös. Namentlich für diejenigen, die in altpreutzischer Manier in der Polizei den Typus der vonGott geordnetenObrigkeit, und — wie man schon gesagt hat,— die Stellvertreterin Gottes erblicken. Wenn die Polizei in Köln noch städtisch wäre, so würde man die Ausrede haben, bis Selbstverwaltung hat versagt. Aber hier in Köln ist es gute Königliche Polizei, die die Blamage erlitten hat.
Sechs Tage lang hat -die Polizei in Köln am Pranger gestanden. Um einen Brauereibesitzer herum hatte sich eine ganze Gesellschaft von Leuten gebildet, die Schankkonzessionen in den „schwierigsten Fällen" vermittelten. Gegen den nötigen Backschisch nämlich.
„Seit Jahren", so stellt ein nationalliberales Blatt, der „Deutsche Kurier", fest, „wandern durch Vermittelung des. erwähnten Brauereibesitzers, der an der Erteilung der Konzessionen ein begreifliches Interesse hat, Geschenke in die Hände der beteiligten Polizeibeamten. Nicht nur kleine Geschenke, wie Körbe mit Wein, Hasen und andere Verzehrungsgegenstände, sondern auch erhebliche Barsummen, an denen der Herr Brauereibesitzer seinen Extragewinn kürzt. Mitunter werden auch Darlehns- und Wechselgeschäfte gemacht, goldene Uhren verschenkt, freie Zechen an die Beteiligten gewährt oder flotte Sektgelage veranstaltet, uni die Beamten zu veranlassen, daß sie eins oder beide Augen zu-drücken, da, wo sie recht gut sehen müßten. Das ist der nackte Tatbestand, wie ihn der Prozeß zutage gefördert hat."
Und die . „Kölnische Zeitung" urteilt: „In endlos
langer Reihe kommen die Zeugenaussagen, sie sprachen von Frühstückskörben mit oder ohne Schein/ adressiert an die Frau Gemahlin oder an den Herrn des Hauses veriönlich Die Beweisaufnahme ergab . . . daß
diese schönen Körbchen auch mit blauen oder andersfarbigen Scheinen geziert waren, unw egal, ob diese Scheine in das Portemonnaie der Frau oder des Mannes ihren Weg genommen haben, egal, ob der Beamte durch diese Scheine sich zu einem besorweren Wohlwollen dem Absender gegenüber verpflichtet suhlte oder seine Pflicht wie früher tat, es entspricht unter keinen Umständen der mit der. Stellung eines Polizeiinspektors oder Polizeikommissars verbundenen Würde, solche Zuwendungen anzunehmen.
Es ist nach den Aussagen, der Zeugen bei der Kriminalpolizei nichts Außergewöhnliches,,sondern, man darf sagen, geradezu üblich gewesen, bei der Ermittelung von Verbrechen — vor allem wird es sich um Diebstähle handeln — Geschenke oder Belohnungen anzunehmen. Auf die Frage des Porsitzenden. ^,Wie ist es nun, wenn jemand kein Geld hat-^er
klärte ein Polizist mit dürren Worten: „Dann kann man eben den Fall nicht aus kläre n." ,
Diese unverdächtigen Urteile nationallibe- r a l e r Blätter zeigen, daß man es nirgends mehr für angebracht hält, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Man sagt wohl nicht zu viel, wenn man zugibt, daß vielleicht' auch in manchen anderen deutschen Stadien sich schneidige Redakteure die Sporen — und wenn es Geldstrafen sind wie jetzt beim Redakteur Soltmann von der „Rheinischen Zeitung" — verdienen könnten mit der Aufdeckung von Fäulnisstoffen bei der Polizei.
Woher rührt nun dieser Krebsschaden von Polizeibestechlichkeit? Ein Polizeirat erklärte als Zeuge beim Kölner Prozeß, daß Kriminalschutzleute sehr wohl Mit 80 Pf. täglich ihre Auslagen im Außendienst bestreiten könnten. Die geringe Bezahlung ist einer der Gründe. Die Schutzleute können das eben nur bei einiger Entsagungsfähigkeit, die nicht jeder besitzt. Man b e zahle also die Schutzleute besser!
Der Kölner Polizeipräsident hat gesagt, daß k e i n e größeren Auslagen vergütet werden können. Dagegen betonte er, daß für politische Zwecke reiche Drittel zur Verfügung ständen, .und wenn die vorhandene Summe nicht ausreiche, würde eine Ergänzung in Berlin beantragt und anstandslos ausgezahlt. Hier hat die Katze sich in den Schwanz. gebissen. In Preußen soll die Polizei in e r st e r Linie ein politisches Instrument sein. Das Volk im Zaum halten, Versammlungen überwachen, auf Streikposten achten, Volksansammlungen verhindern gilt für wichtiger, als Verbrechen aufspüren.
Der Kölner Prozeß wird nun unbedingt dem Minister Veranlassung zum Einschreiten geben. Vorläufig ist der Redakteur, der in sachlicher, nicht agitatorischer Form, wie der Staatsanwalt zugab, die Mißstände mit großer Mühe auf-gedeckt hat, zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt worden, weil ihm das Blut bei seinen Artikeln etwasüber- g e w.a l.l t ist. In Wirklichkeit..hat er sich ein Verdienst erworben. Es ist durchaus nötig, daß die Luft in dieser Beziehung gründlich gereinigt wird.
Deutsches Reich.
* Russische Erschwerung des Postpaketverkehrs mit Persien. Die „Kölnische Zeitung" schreibt sichtlich offiziös: Die russische Regierung, die schon seit längerer Zeit bestrebt ist, dem internationalen Post- paketverkchr mit Persien, soweit er sich im Transit über Rußland vollzieht, Schwierigkeiten zu bereiten, hat Anordnungen getroffen, daß vom 1. Februar ab dieser Verkehr aut dem Wege Aschabad-Gaüden- und Dschulsa gesperrt werden soll. Der Verkehr für Pakete aus Rußland wird von dieser Einrichtung nicht betroffen. Das russische Vorgehen steht im Widerspruch mit den internationalen Abmachungen über den Postpaketverkchr, denen Rußland beigetreten rst. Der Zweck der russischen Maßnahme liegt klar auf der Hand. Der deutsche und der sonstige nichtrussische Warenaustausch mit Persien, soweit er sich auf dem Wege des Postpaket-
Die Floltenreise nach Westasrika und Südamerika.
ii.
An Bord S. M. S. „Kaiser" Westafrikanische Küste, Ende Dezember 1916.
Die Kanarischen Inseln. — Weihnachten.
Erstes Land auf dem eiligen Argonautenzug. Neugierig staunen hundert verschlafene Rekrutenaugen auf die Sepen- Höhen von Gran Canaria, die sich hoch und zackig gen Hnn- mel recken. Mit weniger freudigem Staunen, erkennt sie der befahrene Mann. Biel Wunderschönes ist dort nicht zu holen, «war winken verlockend vom Strande die weißen Häuser der ansehnlichen Stadt Las Palmas (und unterhalb am Strande ein Riesenschild mit den deutschen Buchstaben »Zur Brauerei")' aber der Bootsverkehr geht nach La Luz und 9a Ar Tteat 6 Kilometer einer öden, staubigen Chaussee von der Hauptstadt entfernt! Wohl kennt und schätzt der mann den langgestreckten wundervollen Badestrand aus ^ Westseite von La Luz, au dem d:e herrliche Brandung des gewaltigen Ozeans den Badenden kleine Erleb,iisse mst Seeigeln Hnd Felskanten g-rn '»Kauf nehmen läßt Ab« bevor unsere blauen Jungen sich den Urlaubsfreuden so recht von Herzen hingeben können, kommt zunächst noch d,e Kohlen-
ubernahm^mm^ ^ ist keine Kleinigkeit. Schon ist dre Temperatur höher als bei uns un Hochsommer. Eine starke Dünung läßt die kleinen Kohlenprahme wild an der Bordwand auf- und niederstampsen. So wacker man auch an dre Arbeit aeht — mehr als einer fallt m den Prähmen der, Seekrankheit zum Opfer, mehr als einem werden die schwieligen Hände blutig geschunden bei einer harten Arbeit.
Teneriffa mit seinem Hauptplatz L-anta Cruz erschloß uns halb seine Herrlichkeiten. Wenige Stunden Seefahrt nur liegt es von Las Palmas. Eure andere der sieben großen Kanarischen Inseln, mit weniger großem und gutem Hafen, aber freundlicher, reicher, sauberer. N,e werde ich die unvergleichliche Schönheit dieses Tages vergessen; von den Höhen von Laguna hinuntersteigend nach der anderen Seite gen Oratava, das herrlichste blaue Meer zur Rechten, zwischen üppigen Gärten und Plantagen und an sauberen Häusern vorbei auf guten Straßen, die mit rsteiß durch die mit endlosen Lavabrocken besäten Fewer gebaut sind; zur Linken die höher steigenden grünen Hohen darüber der schneebedeckte, wahrhaft königliche Pno, mit seinen 3700 Meter! Nie wird völlig die Sehnsucht schwinden nach dieser stillen Bucht des Puerto Oratava, wo wir inmitten der verschwenderischsten südlichen Vegetation auf dem Dache des schönen Hotels uns behaglich ausruhen und den Blick ungestört ruhen lassen konnten auf den greifbar nahen, ewigen Schneehöhen, unter uns die reifende Frucht un glänzenden Spiegel des weiten Wassers. ^
Zu kurz der Aufenthalt! Weiter geht's nach Süden, und während mit unheimlicher Sicherheit das Thermometer täglich ein paar Strich höher zeigt, und schon in den unteren Decks der Stahlschiffe der Aufenthalt schwer erträglich zu werden beginnt, bereiten wir uns zur Feier des Weihnachtsfestes.
In den Tagen der Vorbereitung wollte dort bei solch unweihnachtlicher Temperatur keine rechte Feststimmung aufkommen und doch.freute sich alles in zunehmender Spannung aus das liebe, deutsche Fest. Endlich ist -der Weihnachtsabend da. Um 4 Uhr nachmittags ist Gottesdienst auf dem freien Oberdeck. Ein stattlicher, hübsch geschmückter Christbaum -steht neben dem Altar und von den Lippen des jungen
Verkehrs -vollzieht, soll zugunsten Rußlands geschädigt und für .gewisse Gegenden Persiens für -eine gewisse Dauer -ganz unterbunden werden. Um dieses Ziel zu erreichen, schreckt die russische Regierung sogar, vor einer offensichtlichen Vertragsverletzung nicht zurück. Wie wir -erfahren, sind von -deutscher Seite gegen die vertragswidrigen Anordnungen bei der russischen Regierung nachdrückliche Vorstellungen erhaben worden. Da an dem Postverkehr mit Persien durch Rußland auch andere Länder (Österreich- Ungarn, Italien und Großbritannien) beteiligt sind, so ist anzunehmen, daß sich diese Länder dem deutschen Vorgehen in Petersburg anschlietzen werden. Man darf hoffen, daß diese Schritte den gewünschten Erfolg haben werden, daß die russischen Maßnahmen an dem genannten Zeitpunkt vorläufig nicht zur Durchführung gelangen.
* Eigene Heilstätten der Krankenkassen. Das Reichsversicherungsamt hat eingehende Erhebungen. darüber angestellt, welche Krankenkassen und Firmen eigene Heilstätten (Lungenheilstätten, Sanatorien, Genesungsheime, Krankenhäuser usw.) besitzen. Die Feststellungen erstreckten sich u. a. auch auf die Herstellungskosten, die jährlichen Betriebskosten, die Zahl der Pfleglinge und Pflegetage sowie des Pflegepersonals. Da bisher eine solche zusammenfassende Darstellung nicht besteht, wird die Bearbeitung von allgemeinem Werte sein.
* Ein Zusammenschluß der bayerischen Staatsbeamten. Die bayerischen Staatsb«amtenvereine der höheren, mittleren und unteren Beamtenkategorien haben den bereits angekündigten Zusammenschluß zu einer Arbeitsgemeinschaft nunmehr vollzogen. Der Verband bezweckt in der Hauptsache eine wirksamere Vertretung der gemeinsamen Interessen bei der Feststellung von Gehalts Verhältnissen.
* Zum Arbeitswilligenschutz faßte der Ausschuß des deutschen Arbeiterkongresses am 13. Januar 1914 einen Beschluß, in dem u. a. die Erwartung ausge- sprachen wird, daß jene Denkschrift auch einbezieht die Erfahrungen über alle Auswüchse des Koalitionswesens im wirtschaftlichen, gesellschafüichen und politischen Leben, die nicht von Arbeitern, Angestellten und deren Organisationen, insbesondere die von Arbeitgebern und deren Organisationen (Beschränkung der gesetzlich gewährleisteten Koalitionsfreiheit, Arbeitsausschuß von Angehörigen bestimmter Organisationen, Zwang zum Eintritt in Werksvereine, Führung von schwarzen Listen, geheime Abmachungen über Annahme oder Nichtannahme von Arbeitnehmern, Streikbrechervermittlungswesen -u. a.) veranlaßt werden.
Rechtspflege unö Verwaltung.
Die Anzahl der preußischen Referendare hat sich 1913 gegen das Vorjahr von 7413 auf 7156, also um 258 oder fast 4 Prozent, vermindert. Immerhin ist die Zahl der Bewerber noch immer annähernd so hoch wie im Jahre 1907 und um 1437 höher als 1903. Die höchsten Ziffern mit 7012 und 7701 weisen die Jahre 1911 und 1910 auf; von da ab beginnt ein ständiger Rückgang, der freilich mit Rücksicht auf die gegenwärtige Überfüllung noch viel zu gering ist. Der all-
Marinepfarrers hören tausend andachtsvolle Seeleute von neuem die ergreifenden Worte des Weihnachtsevangeliums — doppelt lieb in der Fremde auf dem weiten Meere und doppelt packend. Manches Auge wird feucht bei dem Gedanken an die Lieben in der Heimat — aber daS „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit" tönt zum Schluß doch zuversichtlich und stolz über die atlantischen Wogen, die es nie so deutsch und kräftig vernommen haben.
Es folgt die Austeilung der Geschenke an die Leute. Keiner ist vergessen von seinem Avisionsoffizier und der „Weihnachtskommission", die bis zum Schluß unermüdlich tätig war, um jeden Wunsch zu befriedigen. Die seltsamsten Wünsche! Grigoleit aus Szittkehmen in Ostpreußen mit den weit über lebensgroßen Extremitäten hat sich bunte Taschentücher und bunte Söckchen gewünscht! „Mensch, mie willst du in die Socken hinein kommen?" — „£), die dehn sich aus, Obberleibmann", entgegnet er zuversichtlich. — ltnb manchem bringt der Weihnachtsmann FilZ" schuhe und Pelzhandschühe, die er vor zwei Wochen noch gewünscht, zum Gelächter der Kameraden bei 30 Grad Hitze.
Auf einem Rundgang der Offiziere durch die Decks, wo an festlich geschmückten Backen hinter Bergen von Pfefferkuchen, Äpfeln und Nüssen die Mannschaften in traulicher Weihnachtsunterhaltung beisammen sitzen, werden Dutzende sinnreicher Transparente bewundert. Welche FMe von gutem Willen und prachtvoller farbenglühender. Phantasie! Und jede Backmannschaft hat sich nach alter deutscher Eigenart möglichst hermetisch gegen die Nachbarn abgeschlossen, ungeachtet der Glut in den engen Räumen, me durch die Lichter fast zur Unerträglichkeit gesteigert wird, überall das Gefühl engster Zusammengehörigkett! Hier feiern deutsche Kameraden Weihnachten: und dre Kameradschaft,
