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Tagtl-u-Haus". 12 ^U§§Ä^)C1L»T-gblatt-HauL" Nr. KS50-53.

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Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Sonntag, 18. Januar 1914.

Morgen-klusgabe.

Nr. 29. » 62. Jahrgang.

Rrisenfragen.

Kriscngerüchte können auch dann etwas bedeuten, wenn sie sich als unzutreffend erweisen. Nicht jeder Rauch kündigt einen großen Brand an, es braucht ja bloß ein Feuerchen zu sein, aber ohne Ursache raucht es nicht. Wir müssen abwarten, wie Wh die Schwierig­keiten lösen werden, von denen unser politisches Leben gegenwärtig bis zum Bersten erfüllt ist; wir müssen mit allen Möglichkeiten rechnen, mit einem' Kanzler­wechsel ebensogut wie mit einer Verkleisterung der Gegensätze, also init einem Verbleiben des Herrn v. BethmanN-Hollweg auf seinem Posten. Auch dar­über weiß gegenwärtig niemand etwas zu sagen, ab die unsicheren Zustände in Stratzburg mit dem Rücktritt der Regierung oder gar des Statthalters endigen werden, oder ob sich dort nicht alles wieder, ins Gleiche setzen wird. Man muß die Angriffe der echt preußischen Leute in den verschiedenen Lagern, die militaristischen, die aus der konservativen Partei kom­menden und die aus gewissen Winkeln der Beamten­well stammenden wohl ernst nehmen, gleichwohl jedoch nicht übertrieben ernst. Es gibt Gegen­gewichte, vor deren Unterschätzung wir die Gegner warnen möchten. Wer sich den Blick nicht durch den Dunst trüben läßt, der in dicken Schwaden aus der Hexenküche der Scharfmacher aufsteigt, der muß doch sehen, daß der Kaiser mit dein ernstesten Willen nach einem befriedigenden Aus- gleich die Wage der Gerechtigkeit in Händen hält. Den militaristischen Gelüsten steht von dieser entscheidenden Stelle her bis zur Stunde ein undurch­brochener Damm entgegen. Schon allein die Tatsache, daß der Kaiser die Nachprüfung der unseligen Kabi­nettsorder von 1820 verfügt hat, sollte den Scharfmachern in heilsamer Weise das Blut kühlen.

Gewiß sind noch große Schwierigkeiten zu überwinden, aber wir möchten glauben, daß der Wog zu einem guten Ziele neuerdings ebener als bis vor kurzem geworden ist. Was mit dem Reichskanzler wird, das hängt vielleicht nicht bloß von den politischen Verhältnissen, sondern auch von persönlichen Umständen ab. Der Reichskanzler hat so Schweres durchmachen müssen, daß man sich nicht wundern darf, zu Horen, daß seine Umgebung nicht ohne Sorge unl sein körper­liches Befinden ist. Wir wollen, herzlichwüpschen, daß er sich bald wieder völlig erholen möge, wir wollen es nicht bloß um seinetwillen wünschen, sondern auch darum, weil es uns unverständlich dünkt, daß jemand, der mit gesunden Sinnen nrtfere Zustände prüft, gegenwärtig einen Kanzlerwechsel wollen sollte. Auch in bezug auf die Verhältnisse in Straßburg, obwohl dort manches noch ungewisser als in Ber­lin ist, wird sich ruhiges und nicht vertrauensloses Ab­worten empfehlen. Zumindest ist es noch nicht an der Zeit, über die Nachfolge des Statthalters Grafen Wedel Konjekturenpolitik m treiben, wie es beispielsweise Herr Harden in der jüngsten Nummer derZu­kunft" tut. In seinem blumigen Stil, den man mit ebensoviel stillem Arger wie leiser Heiterkeit zu ge­nießen pflegt, schreibt er u. a.:Nur schwachgemute

Torheit kann raten,-den nötigen Personenwechsel auf- znschieben. Je schneller die Trias Wedel-Bnlach-Man- del verschwindet, deito besser. Mit dem Erweis ihrer

NaSdrNZ S£SS«t*ä.

Hochzeit.

Von Kurt Küchler.

Karen saß auf einem Findlingsblock am Strande, hatte die Ellbogen auf die Knie und den Kops mit den blonden Zöpfen auf die Hände gestützt und schaute angestrengt über das Meer. Die See ging hoch und trieb breite Wellen den Strand hinauf. Der weiße Schaum verzischte vor Karens nackten Füßen. Die Wolken hingen schwarz unterm grauen Himmel und der Wind sprang wie ein Teufel über die Grüfte und Hügel der See, schoß den Strand hinauf, trieb ein wildes Spie/ mit Karens feuchten Kleidern und zerrte die Flechten ihres blonden Haares zu wehenden Strähnen auseinander.

Karen saß regungslos. Ihre Lippen, waren blaß und fest geschlossen. Ihre Augen irrten über das Meer und suchten in Angst und Zorn, suchten wie sturmverflogene Vögel, die rast­los, in letzten Kräften, über grenzenlose Meeresflächen flat­tern. und das Land nicht finden können, das sie angstvoll suchen.

Karens Hochzeit sollte heute sein. Beim Küster war schon das Glockenläuten bestellt, der Pfarrer hatte ihr schon am letzten Sonntag heimlich schönen Text seigerHochzeits- predigt ins Dhr gesagt, und um den Altar in der kleinen Kirche hing schon der Kranz aus grünen Kiefernzweigen, be­steckt mit prangenden Rosen, die sie selber ans zinnoberrotem Seidenpapier kunstvoll gedreht hatte. In Karens Kammer lag auf dem Tisch der Myrtenkranz und der große weiße

Mißgriffe, ihres Irrtums würbe kostbare Zeit ver­geudet; und noch im Gewände der Unschuld wären die drei um das zur Regierung gerade dort nötige An­sehen. Die ganze Summe der Eigenschaften, die der Statthalter heute braucht, hat unter allen Sichtbaren nur einer: Fürst Bülow. Jedes seiner Talente wäre da recht am Ort. Er würde den Korpsführern und den Leuten der Wilhelmstraße iinponieren, jede scharf hevvorstehende Kante behend abhobeln, dein ge­meinen Mann und der Oberschicht liebenswürdig scheinen und Berlin dem Glauben entwöhnen, daß es in allen Kram des Reichslandes dreinzureden habe. Schöpferkraft fordert der Posten nicht. Und dem Fürsten ist nicht zuzutrauen, daß er, nach kleiner Pe­danten Unart, fragen werde, ob er auch nicht um ein Leitersprößlein heruntersteige. Er kann (und mutz) seinen Machtbezirk deutlich (und nicht zu eng) ab­grenzen ; und fände die Möglichkeit, seinem Vaterland aus einer finsteren Stunde zu helfen. Ehe das Spek­takel von Zabern zu ahnen war, habe ich auf ihn als den für das Amt Tauglichsten gewiesen. Heute ist es wichtiger als je zuvor in der Reichsgeschichte.. Will er's (oder der Kaiser ihn) nicht, dann wäre, zunächst, an den Freiherrn von Schorlemer-Lieser zu Lenken. Für die Landwirtschaft kann, im Kampf um neue Handels­verträge, auch ein anderer sorgen. Für das Kanzler­amt, das ihm (weil Herr v. Tirpitz auf seiner Weige­rung steht, die Kandidatur Lichnowsky nicht ernst ge­nommen und gegen den Grafen Bernstorff mit allen Listen des Himmels und der Hölle gearbeitet wird) noch zugedacht scheint, fehlt ihm die Erfahrung in internationalem Geschäft und die Vorschulung zu inner­lich freier Herrschaft über Menschen und Umstände. In Strahburg hätte er Muße und Gelegenheit zu stärkerer Wesensrüstung. Und er ist sehr reich, Katholik, nicht fraktionell abgestempelt, nicht barsch und stachelig, aber auch nicht leicht knetbaren Willens. Wird noch einmal der Falsche an die Jll geschickt, dann keimt uns böse Gefahr. Noch braucht Wilhelm keinen Alba. Nur einen, der Mann ist, seine Helfer menschenkundig zu wählen und sich in das Wesen der Elsässer und Lothringer einzufühlen weiß. Die sind nicht so Pech- schwarz, wie der Groll enttäuschter Preußen sie jetzt malt."

Usw. Es liegt an dem weiteren nichts, das Mitge­teilte mag genügen. Man liest das ja nicht ohne Inter­esse, aber die Dinge sind vielleicht mach nicht so gereist, daß diese Spintisierereien einen höheren Wert als den einer amüsanten Plauderei beanspruchen könnten. Was die Kandidatur des Fürsten Bülow betrifft, so hört man ja nicht zum erstenmal von ihr. Möglich, daß sie nicht zum letzten Male jetzt austauckst.

fjtlfe.

Sonntagsbetrachtung von Pfarrer Fritz Philippi.

Mir scheint doch, daß wir wieder leise ansangen, den uralten Heilandsruf zu hören: Dem Menschen soll ge­holfen werden! Durch das brausende Durcheinander des Werktags mag diese Sllmme b 0rer j- t noch fern klrngen, wie aus einem tresen Wald. Aber Stirn um Stirn hebt sich, und der Bück tm Auge stellt sich fest, um zu hören. Es ist doch schon an sich etwas Großes, wenn Menschengesichter zu Hunderten zu einer

Schleier auZ feinem Tüll. Auf dem Bett war das weiße Hoch­zeitskleid mit den gelben Spitzen aus Mutters Truhe ansge­breitet; auf den Stühlen lag hoch ausgestapelt das Leinen des Brautschatzes, Und auf dem Kopfkissen ihres Bettes hatte sie das Myrtensträußchen gelegt, das sie für ihn gebunden und ihm mit blanken Augen gezeigt hatte, als er vor sechs Tagen mit den Kameraden in die Hochsee hinaussegelte zum Fisch­fang, zum letzten Mal vor dem selrgen Tage.

Run griff seit vier Tagen der Sturm mit wühlenden Fin­gern in das Meer und jeder Windstoß war wie ein unheim­licher Schrei des Todes, der grimmig über die See fuhr und Gräber öffnete, wo er Menschen fand und Schiffe von Menschenhänden.

Sa grausam kann der Herrgott im Himmel nicht sein, mien Deern", hatte die Mutter gesagt, ctig Karen am dritten Sturmtag vor ihr kniete und mit trostlosem Augen zu ihr auf­schaute. Und als der kleine Dampfer Rettungsmann­schaft in die See hinausfuhr, hatte man sie festbinden müssen, und heute, an ihrem Hochzeitstag, saß sie feit Stunden am Strande, reglos wie Stein, und schaute mit hoffnungslosen Augen über das Meer. Jhoe Füße gruben sich tief in den Sand und die heraufrollenden Wellen warfen ihr die dicken Tropfen bis an die Knie.

Da erschien mit einern Mal ganz weit am Horizont ein kleiner schwarzer Punkt. Er ging hin und her und auf und nieder, verschwand hinter einer Welle und stand wieder am Horizont.

Karen sprang auf.

Knut!"

Versammlung zusammengebracht werden, nicht aus den Pfiff der Fabrikpfeife und nicht im Druck der mate­riellen Schwer,gewichte, sondern durch das heimliche Leuchten ihrer Augen: sie möchten wieder etwas dürfen heilig halten!

Da ist Heilandsluft: es soll dem Menschen geholfen werden!

Wir sollen es alle einsehen, daß wir so genaturt sind, daß es nun einmal auf die Dauer nicht anders geht, es gehört zu dem ungeschriebenen Urvertrag des Menschenbaseins, baß kein Leben es aushallen kann, wenn es nichts mehr heilig halten darf. Wir haben ein elementares Bedürfnis danach, mitten in der Profanwelt etwas zu haben, was wir innig verehren, und dazu wir uns ehrfürchtig erheben. Was wüten wir grausant gegen uns und können es doch nicht än­dern, daß wir Menschen sind und mit gehobenen Hän­den kriställne Schalen der Sehnsucht emporhalten nach den Sternen.

Das ist dem Menschen Hilfe, ihm etwas anver­trauen, das er heilig hält. Und das macht hilflos und stößt hinaus in die irre Nacht, wenn das Leben ent­heiligt ist.

So ist kein Mensch hilflos mit seinem Leben, es sei denn durch eigne Schuld und durch die große mensch­liche Gesamtschuld, die dem Schwachen keine Hilfe weiß für seine suchenden Augen, sondern allgemeine Hilf­losigkeit, die in sich zusammenbrennt wie Reisigfeuer in der Nacht.

Was von unten her ist, ist das Hilflose und trägt in sich den Untergang und den Willen zur Unterwelt. Es sind viele ihrer Hilflosigkeit müde und schelten zu­zeiten die betrügerischeHilfe", die wir das Geld heißen und einegesicherte Existenz". Sind wir doch jeden Augenblick gewärtig, hilflos zu sein auf ein Finger­winken hin und nackend ans dem Haus zu müssen auf die Gasse. Dann tut die Erde ihren Mund auf und schnappt nach den sinkenden Knien. . . .

Das Hilflose ist das vergebliche Leben, das seiner selber leid wird. Welch seltsamer Zustand in dieser hoch- entwickelten Kulturzeit, die sich ungeahnte Hilfsmittel schrrf in der körperlichen Welt nnd die geheimen Kam­mern der Naturkräfte öffnete mit der Springwurzel ihrer Erkenntnis, um märchenhafte Gewalten gebunden herauszuführen und sich dienstbar zu machen/

Dennoch, was hilst's dem Menschen an seinem ge­heimen, unsichtbaren Leben? Inmitten seines Hof­staats großmächtiger Diener durchrieselt den Herrn der innerliche Frost der Hilflosigkeit. Wir durchwandern alle dürre Strecken der Hilflosigkeit, bis wir schreien, von wannen uns Hilfe kommt.

Dann erst, tun wir Augen auf, um zu sehen, und Ohren, um zu hören. Wir sehen mit einem zweiten Gesicht, mit einem anderen Augenpaar hinter unseren Augen, welches das verborgene Wesen der Dinge sieht. Einer, der diese Seheraugen hatte, deutete mit dem Finger und sprach:Sehet die Vögel unter dem Him­mel an! . . . Schauet die Lilien auf dem Feld!" . . .

Und wir sahen das Leben, das lebt in seinem ange­stammten Lebenskreis und das Hilfe erfährt tagtäglich zu einem unbesorgten Dasein. Und wir sahen weiter, wie der Wald starrd und sah still herüber, Baum bei Baum. Und van den Wurzeln bis zum Wipfel wies er die Hilfe, die seinem Leben wurde.

Welch erschütternde Zahl von Zeugen ringsum! Sie

Der Schrei sprang gegen den Wind, zerriß in Fetzen nnd verschwand tm Rauschen der See und im Gesang des Windes.

Karen spähte mit heißen Augen hinaus. So gewiß sie noch atmete, so gewiß fühlte sie: was dort in der Ferne auf jtctixäte, das war Knuts Boot, und der darin saß, rang mit Riesenkräften zum Strande, wo Karen auf ihn wartete, Karen, die Braut. ...

, r , Suren riß ihren Rock vom Körper und schwang ihn ^ /Sturm, gegen 'den ihr Rufen verzweifelt an- fuhr in den Rock hinein und Lauschte ihn auf, so daß sie -Ruhe hatte, ihn^u halten. Aber plötzlich fiel ihr ein: der Rock war dunkel, wie die Wolken am Himmel, der Abend kam. herauf wie konnte Knut ihre dunkle Fahne in all der Dämmerung sehen? Uno sie ließ den Rock in den Sand gleiten, jagte den Strand hinauf, lief über den Deich, sprang die Treppe des kleinen Hauses hinaus, hörte nicht auf den Ruf »er erschrockenen Mutter, griff nach dem Brautschleier, den schon der Myrtenkranz schmückte, rannte zum Strande und schwang den Schleier, daß er wie eine weiße Flamme, wie eine weiße, sehnsüchtige Hochzeitsflamme durch die Dämme­rung loderte.

Weit hinten auf der See stand der schwarze Punkt, hob sich und senkte sich, Ätzer er. blieb. klein wie im Anfang. Manchmal war er für Minuten verschwunden, dann Iic% Karen voll Angst den Arm sinken, bis sie ihn wieder sah und voll heißer Hoffnung den Schleier schwang, den sie an der Stelle hielt, wo der Myrtenkranz befestigt war. Ihre Finger zerdrückten den Kranz und ein Blättchen nach dem anderen wurde vom Winde hoch in die Luft gewirbelt und ins Meer getragen. Der Schleier webte und Karens Seele