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Samstag. 17. Januar 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 27. 62. Jahrgang.

Half.

Von Bergrat a. D. Georg Gothcin, M. d. R.

Im Februar soll dem Reichstag die lang angökün- digte Novelle zum Kaligesetz zugehen. Freilich, der Bundesrat muß erst Beschluß darüber fassen. Und nach den Mitteilungen, die am Donnerstag in der Budget­kommission gemacht worden sind, darf man schließen, daß bei den einzelstaatlichen Regierungen recht starke Meinungsverschiedenheiten dar­über bestehen. Eine Novelle wurde erklärt sei eine unbedingte Notwendigkeit, denn so wie jetzt dürfe es unmöglich weitergehen. Unter dem Schirm des Ge­setzes, der jedem neuen Werk eine Quote, jedem alten bei der Erweiterung seiner Anlagen eine Quoten e r h ö h u n g gewährt, der einen sehr hohen Preis für das Kali sichert, sei eine so ungesunde Vermehrung der Schächte eingetreten, daß nicht nur eine Verschwendung von Kapital in ge­waltigem Umfange eintrete, sondern mit Verwässerung der Quoten auch die Produktionskosten enorm stiegen und zur Erlangung einer rationellen Quote für die alten Förderanlagen die Werke neue Anlagen schaffen müßten, die sie gar nicht auszunutzen bezweckten, son­dern für die sie lediglich eine Quote haben wollten.

Beim Erlaß des Kaligesetzes bestanden 69 Werke. Am 1. Dezeniber 1912: 116, am 1. Dezember 1913: 160, und weitere 44 sind im Abteufen begriffen, so daß am Ende des Jahres 204 Werke in Förderung stehen dürf­ten. Da nun vor Erlaß des Kaligesetzes das damalige Kalisyndikat wesentlich um deswillen zusammenbrach, weil infolge seiner falschen Preispolitik unsinnig viel Werke entstanden waren, also bereits damals eine enorme Fähigkeit zur Überproduktion bestand, die den Werken jede vernünftige Ausnutzung ihrer Anlagen unmöglich machte, so kann man sich einen Begriff machen, wie enorm ungünstig gegenwärtig die Ausnutzung der A n l a g e n ist. Von seiten des Unterstaatssekretärs Richter wurde unumwunden zugegeben, daß in der Kaliindustrie ein außerordent­lich schwerer Notstand herrsche. Eineki solchen wollte doch aber das Kaligesetz gerade beseitigen. Freilich nur Leute, die nicht sehen wollten oder die sich Wirt­schaft ches'Denken durch langjährige Übung abge­wöhnt hatten, konnten so etwas annehmen. ,

E« ist von mir und meinen Freunden bei der Be­ratung des Kaligesetzes Punkt für Punkt die unglück­liche Wirkung, die das Gesetz ausüben müsse, voraus­gesagt worden. Man hat damals mcht Horen und nicht glauben wollen, und die Industrie, die in unbe­greiflicher Verblendung nach einem derartigen Gesetz schrie, hat jetzt die schweren Folgen zu tragen. Man wird die Verantwortung für dieses gesetzgeberische Vor­gehen nicht den Reichsämtern zuschieben dürfen. Von Preußen aus gegen die aus dem Staatsfekretarrat des Innern geltend gemachten Bedenken ist die Vor­lage eingebracht worden. Kein Staatssekretär, keiner der ihm unterstellten Beamten hat dieselbe vertreten oder verteidigt. Das tat ausschließlich der preußische Hand elsminister Herr Syd ow oder richtiger sein Ministerialdirektor für das Berg­wesen. der Oberberghauptmann v. Velsen, der der eigentlich Schuldige bei diesem unerhörten gesetzgeberi­schen Fehler gewesen ist. Freilich, seit das Gesetz m Kraft getreten ist, hat weder der eine noch der andere es jemals für notwendig gehalten, sich bei den alffahr-

Nachdruck verbot?»

Der Muff.

Was braucht die Frau jetzt am allernötigsten?

Ein Tnnikakleid." Falsch!

Ein >,Parsisal"-Billett." Rein!

Nun, ich werd's Ihnen sagen: Einen Muff.

Ob er aus Katzenfell oder aus Hermelin besteht, einen 2Xuff mutz man haben. Dafür ist man eine Frau. Die arme kleine Francine in MurgersBohtzme" träumt noch im Ster­ben von einem Muff, denkste einmal in einer Auslage gejchen hat, einem billigen Muff, in dem sie ihre verfrorenen Gn- settenhändchen wärmen könnte. Und als es zu Ende geht, erhält sie von ihrem Freunde endlich dieses heitzbegehrte Dmg, das sie zärtlich streichelt und das die letzte Freude ffrev jungen Lebens bleibt.

Solche kleinen Tragödien gibt es nicht nur bei den Dich­tern, sie werden auch täglich erlebt. Eine Gerichtsnotiz be­richtete kürzlich über eine andere arme Pariserin, in einem Warenhause der Versuchung nach einem Muss mchz hatte widerstehen können und mit ihren kleinen Händen lanae Finger gemacht" hatte. .Man brachte sie auf bic Poli­zei und vor das Gericht. Bei solchen Warenhausdiebstaylen bisher Unbescholtener lassen öie Pariser Richter gewöhnlich Gnade für Recht ergehen, und so hoffte auch Mademol,elle Quelin, zu Gefängnismit Aufschub" verurteilt zu werden, das heißt zu einer Strafe, die man nur im Falle einer er­

lich im Reichstag darüber entspinnenden Debatten ein­mal sehen zu lassen. Jetzt muß das Reichsamt des Innern ständig die Suppe ausessen, die ihm Preußen eingobrockt hat, und man kann nur begierig sein, ob sich die preußischen Herren Vertreter zur Begründung der in Aussicht gestellten Novelle im Reichstag sehen lassen werden. .

Die Frage, ob eine Novelle notwendig ist, wrrd be­stritten. Ans Interessentenkreisen wird erklärt, daß das Syndikat auf dem Wege der Selbsthilfe die nötige Ein­schränkung in Erweiterung und Neuanlagen von Wer­ken vornehmen werde. 170 Werke haben sich verpflich­tet, solche bis 1919 nicht vorzunehmen. Aber da bleiben noch genug andere, bleiben vor allen Dingen auch Ein- zelstaäten, die fiskalische oder Werke mit fiskalischer Be­teiligung gründen wollen, noch übrig, so daß eine Sicherheit gegen Neugründungen, wie sie ein gesetzliches Verbot solcher von einem Stichtag ab in der Form, daß diesen Werken keine Beteiligungsziffer. gewährt würde, geben könnte, nicht besteht. Freilich ein solches Gesetz ist ein schwerer Eingriff in wohlerworbene Pri­vatrechte. Aber man wird kaum noch vor einem solchen zurückschrecken dürfen bei der unerhörten Überproduk­tion, die Platz gegriffen hat. Allerdings ist in den letzten 11,4 Jahren eine Stagnation in der Gründungs­tätigkeit eingetreten, die auf die Notlage zahlreicher Kaliwerke einerseits, auf die ungünstigenGeldverhältnisse andererseits zurückzuführen ist. Aber letztere können verhältnismäßig rasch vorübergehen und bei der Kurz­sichtigkeit des anlagesuchenden Publikums, bei der Skrupellosigkeit der Kaligründerpresse ist es nicht aus­geschlossen, daß wieder auch in Zukunft mit glänzen­den Prospekten Dumme gefunden werden. Es ist daher ausgeschlossen, die divergierenden Interessen in der Kaliindustrie durch Selbsthilfe unter einen Hut zu bringen.

Unbedingt notwendig aber ist es, der werteren Quotenverwässerung zu steuern, welche eine fort­währende Steigerung der Produktionskosten im Ge­folge hat, da auch im Ausland in letzter Zeit Funde gemacht worden sind, welche die Ansicht, daßDeutschland ein Monopol in Kalisalzen besitze, bedenklich erschütterte. Entwickelt sich aber im Ausland eine Kaliindustrie, so begegnet die deutsche auf den ausländischen Märkten dem Wettbewerb der Auslandswerke und ist außer­stande, die jetzigen Auslandspreise aufrechtzuerhalten, die auch regierungsseitig alsübertrieben hoch" bezeich­net werden. Ohne fortwährende Steigerung des Aus- landsabsatzes aber würde die Situation der heimischen Kaliindustrie noch viel bedrohlicher werden. Es ist übri­gens interessant, daß, während 1910 mit aller Bestimmt­heit versichert wurde,_ bauwürdige Kalivorkommen würde es im Ausland nie geben eine Meinung, die ich aufs nachdrücklichste bekämpft habe jetzt offen die Befürchtung zugegeben wird, daß man im Ausland bau­würdige Kalilagerstätten gefunden hätte.

Eine Kaligesetznovelle kann me furchtbaren Schäden, die das Kaligesetz angerichtet 1 cht wieder gut

machen. Sie kann einzelne Milderungen der unge­sunden Entwicklungen bringen und verhüten, daß weiter unnütz Kapital in die Erde geworfen wird. Bei der Notlage der Industrie darf sie absolut nicht fiskalische Zwecke verfolgen, was übrigens auch nicht in der Ab­sicht der Verbündeten Regierungen liegt. Niemand aber soll sich der Hoffnung hingeben, daß die Krise, welcher der Kalibergbau unrettbar zusteuert, damit beschworen werden kann, denn z u schwere Taten sind geschehen.

neuten Verurteilung zu verbüßen hat. Max e § kam anders. Der Gerichtshof verurteilte dre Kleine zu vier Wochen Ge­fängnis ohne Aufschub; sie glaubte, die Schande nicht über­leben zu können, und schoß sich vor ihren Richtern eine Kugel ins Herz um einen Muff!

Es ist sehr unpraktisch von diesen beiden jungen Damen gewesen, den Erwerb eines Muffs mit dem Tode zu besiegeln. Viel hübscher und vernünftiger ist es, damit zu leben! Denn der Muff ist ein wertvolles, unersetzliches Kleidungsstück für die Frau, beinahe ebenso notwenoig wie der Hut. Und viel­leicht ist er der einzige Vorzug, den die weibliche Toilette heute vor der männlichen voraus^ hat. Ich muß offen be­kennen, daß ich mir schon manchesmal wünschte,so ein lieb Ding im Arm zu haben". Kann^mcm seine Hände denn besser warm halten als in einem Muff? Es ist sicher anzunehmen, daß diesen Wärmehälter gerade die Grönländer und Eskimos erfunden haben, und unsere Jäger können bei strengem Frost noch heute nicht ohne diesen^ nützlichen Gegenstand auskom- men. Auch als Behältnisse für raufend Kleinigkeiten ist der Muff nicht zu unterschätzen. Portemonnaies, Taschentücher, Puderbüchsen, Riechfläschchen, Liebesbriefe, Kämmchen, Zwerghündchen, Hausschlüssel, Pralinßs dies und noch anderes findet darin ein bequemes Unterkommen. Und dann: man weiß feine Hände zu lassen, wenn man einen Muff trägt. Es ist wirklich nichts so schwer im Leben, als von seinen Händen immer den rechten Gebrauch zu machen. (Wenn ein junger Schauspieler gelernt hat, richtig mit Armen und Händen zu gestikulieren, so hat er ausgelernt.) Vielleicht

Oie Politik der Woche.

Die Hoffnung, daß die Erregung über die Zabern-Affäre allmählich abflauen werde, hat sich bis jetzt leider nicht erfüllt, und auch in den Parlamenten sind die leidenschaftlichen Debatten über die beklagenswerten Vorgänge in den Reichs­landen fortgesetzt worden. Die fchärfften Töne wurden da­bei natürlich im elsaß-lothringischen Landtag angeschlagen, und im preußischen Abgeordnetenhause haben diese Erörterun­gen zu einem scharfen Aufeinanderprallen zwischen Rechts und Links geführt, während die Beratung der im Reichstag erneut eingebrachten Interpellationen auf den Wunsch des Reichskanzlers bis zur nächsten Woche vertagt wurde.

Ein eigenartiges Duell hat sich in dieser Woche zwischen dem deutschen Reichstag und dem preußischen Herrenhause abgespielt, in welch letzterem Graf Dort von Wartenburg einen der Art wie der Form nach gleich unge­wöhnlichen Vorstoß gegen die deutsche Volksvertretung ge­macht hatte, der er Mangel an nationaler Gesinnung vorzu- wersen für angebracht erachtete. Diese Anzapfung ist von dem Präsidenten des Reichstags, Dr. Kaempf, in einer ebenso entschiedenen wie würdigen Erklärung zurückgewiesen wor­den, welche, unter Zurückstellung aller politischen Meinungs­verschiedenheiten zwischen den Parteien, eine in diesem Hause ganz ungewöhnlich einmütige Zustimmung fand. Allge­meines Aufsehen hat auch die scharfe Auseinander­setzung zwischen dem leitenden Staatsmann und den Kon­servativen im preußischen Abgeordnetenhause erregt, die sich im Rahmen der Etatsdebatte abspielte. Herr v. Beth- mann-Hollweg hielt den Rednern der Konservativen, die ihm mangelnde Führung und Zurückweichen vor dem Reichstag in den Steuerfragen zur Last legten, mit bemerkenswerter Ent­schiedenheit vor, daß die Schuld vielmehr auf ihrer Seite läge, weil sie die Regierung hierbei völlig im Stich gelassen hätten. Es bleibt abzuwarten, ob diese von dem leitenden Staatsmann mit ungewöhnlichem Nachdruck geführte Ab­rechnung noch weitere politische Folgen zeitigen wird.

Auch auf dem Gebiet der auswärtigen Politik ist Herr v. Betbmann-Hollweg nicht frei von Sorgen, und insbesondere die russischen Treibereien gegen die deutsche Militärmiffion in der Türkei werden vielleicht nicht ganz so leicht genommen, als die deutschen Offiziösen es aus diplomatischen Gründen darstellen. Wenn man auch den Standpunkt respektieren will, daß es sich hierbei um eine innere türkische Angelegenheit handelt, so ist doch füglich nicht zu bestreiten, daß die Regie­rung deS Zarenreiches der Pforte gegenüber einen Erfolg ^er­zielt hat, als diese den General Liman v. Sanders vom Kommandeur des ersten Armeekorps zum Marschall und Generälinspekteur beförderte, eine Maßnahme, die von den türkischen Offiziösen merkwürdigerweise eine Zeitlang erfolg­los dementiert wurde. Daß am Goldenen Horn zurzeit eine gewisse Direktionslosigkeit herrscht, ging auch aus der urplötz­lichen Abberufung und ebenso plötzlich erfolgenden Wieder­einsetzung des türkischen Botschafters in Berlin, Mahmud Mukhtar, in sein Amt hervor.

Es bleibt abznwarten, ob die in der Frage der Militär­mission hervorgetretenen Gegensätze zwischen Dreibund und Dreiverband nicht auch die befriedigende Lösung der Insel- fr a g e erschweren werden, die jetzt nach der Überreichung der Dreibnndnote in das entscheidende Stadium getreten ist. Eine schleunige Beilegung dieses griechisch-türkischen Konfliktes scheint urn so dringender geboten, da die Verhältnisse in Albanien, wo die provisorische Regierung den Umtrieben der verschiedenen Pasckas machtlos gegenübersteht, allgemach trotz der Siege über Essad-Paschas Banden unhaltbar werden. Jedenfalls wird der Prinz zu Wied die größten Schwierig­keiten zu überwinden haben. Auch sonst sieht es auf dem Balkan recht unfreundlich aus. In Bulgarien hat sich das

ist manche Verlobung, manche Umarmung, mancher Liebes- bund nur^ deshalb zustande gekommen, weilSie" gerade einen Muff bei sich hatte. Wenn man die Hände im Muff hat, kann man mit den Händen natürlich weder rüden noch kratzen und ist viel mehr aus die Sprache der Augen ange­wiesen. Man ist dann so entzückend wehrlos wenn man will.

Es versteht sich von selbst, daß unsere Gelehrten über die Entstehung des Muffs ganze Bücher geschrieben haben; aber sie haben dennoch nicht heransbekommen, wann der MuH eigentlich erfunden ist. Ich finde das ganz begreiflich, denn dergleichen Dinge entwickeln sich eben ganz allmählich. Eben­sowenig wie man von einer Geburtsstunde des Bettes reden kann denn irgend einen Pfühl, auf dem er sein müdcv Haupt niedergelegt, hat der Mensch immer gehabt, eben- sowenig kann man natürlich den Muff von einer bestimmten Stunde.an datieren. Wahrscheinlich hat einmal ein ingeniöser Urmensch, dem es kalt wurde, seine Pfoten in sein einziges Bekleidungsstück gewickelt in den Pelzschurz, den er um die Lenden trug. Und als es am nächsten Tage wieder bitterkalt tvar, mag er gleich beim Ausgang einen Zipfel seines Lenden­schurzes mit ein paar Dornen gnsammengencstelt haben. Sein Bleib war vielleicht, was ja eigentlich selbstverständlich ist, noch um einige Grade klüger als er und hat möglicherweise einen besonderen Pelzschurz, eigens nur für die Hände, zn- sammengerollt: die Urform des Muffs war damit gefunden. Zwar behaupten die Historiker, daß der Muff erst gegen das Ende des 15. Jahrhunderts in Italien zur Welt gekommen