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Rette 4._ Wend-Ausgabe, 1. Blatt.

gesehen, daß Hopf etwas in den Tee geschüttet habe. Jedes­mal, wenn Frau Hopf diesen Tee getrunken, habe sie starkes Erbrechen gehabt. Sie hatte die Empfindung, daß Hopf seine Frau vergiften wollte. Die Zeugin hat dann, nachdem sie die Stellung bei dem Angeklagten verlassen hatte, zu den Ge­rüchten beigetragen, daß Hopf seiner Frau Gift gegeben habe. Hopf habe sie deswegen wegen Beleidigung verklagt, und sie sei deshalb zu 30 M. Geldstrafe verurteilt ivorden. Sehr dramatisch gestaltet sich die Vernehmung, als die Zeugin be­kundet, sie habe die Mutter der Frau Hopf, die Zeugin Schneider, durch einen Brief gewarnt. Dieser Brief ist, wie der Vorsitzende feststellt, nicht mehr vorhanden. Dre Zeugin erklärt aber, sie habe den Brief mindestens 20mal ge­lesen und kenne ihn auswendig. Sie betet nun diesen ziem­lich langen, in schwülstigen Ausdrücken gehaltenen Brief her, m dem sie u. a. schreibt, daß einetreue Dienerin" cs nicht mehr länger ansehen könnte, wieihr liebes Frauchen so dahrnsiechen müßte". Der Angeklagte erklärt hierzu, cs sei möglich, daß er etwas in den Tee geschüttet habe, er entsinne sich des Vorgangs aber nicht. Wenn er das getan habe, so habe er ein homöopathisches Mittel oder Zucker in den Tee getan. Es sei nicht wahr, daß seine Frau, nachdem sie von dem Tee genossen, stets Erbrechen gehabt habe. Er habe die Zeugin Wüst entlassen, weil sie unsauber war und nicht kochen konnte. Zeuge Eisenbahnsekretär P e j u n k hat den Angeklagten in Riederhöchstadt kennen gelernt. Er habe den Angeklagten zuerst für einen liebenswürdigen Men­schen gehalten, später aber hatte er den Eindruck, daß man es bei Hopf mit einem sehr gefährlichen Menschen zu tun habe. Da Hopfs Frauen unter verdächtigen Erscheinungen erkrank­ten, habe man

in Riederhöchstadt die grösste» Anstrengungen gemacht, die Frauen aus dem Hause Hopfs zu bringen.

Auch dieser Zeuge ist von Hopf wegen Beleidigung verklagt und auch verschiedentlich bei der Vorgesetzten Behörde angezeigt worden. Einmal aber habe Hopf zu ihm gesagt:Wenn Sie wüßten, wie schlecht ich bin, würden Sie vor mir ausspucken. Frau Pejunk, die Ehefrau des Vor­zeugen, ist vom Angeklagten kurz vor dem Tod seines Kindes angeschnauzt worden, weil sie es auf den Arm genommen hatte. Hopf habe ihr das Kind aus dem Arm gerissen, ins Bett geworfen und gesagt, es ginge sie gar nichts an. Die Zeugin Hebamme Brumm hat der Frau Hopf bei der Ge­burt des Kindes Hilfe geleistet. Zeugin wurde dann krank, sie litt an Mandelentzündung und kam 5 Tage nicht zu den Hopfs. Als sie wieder hinkam, sei das Kind krank ge­wesen, es hatte nach ihrer Ansicht Luftröhrenkatarrh. Sie habe bei dem Tod des Kindes die Ansicht gehabt, es sterbe an Erstickung. Der Angeklagte habe ihr vorgeworfen, sie hätte das Kind mit ihrer Krankheit angesteckt, sie glaube es aber nicht. Zeuge Gendarm Baumann (Schönberg, Taunus) bekundet, daß nach dem Tod der ersten Frau in Riederhöchstadt das Gerücht im Umlauf gewesen wäre, die Frau sei keines natürlichen Todes gestorben. Er habe deshalb den Dr. Port- 17 ann gefragt, der sagte aber,

das sei Weiberklatsch.

Nachdem auch die zweite Frau kränkelte und das Kind ge­storben war, war es in Riederhöchstadt ein offenes Geheimnis, daß Hopf seinen Frauen Gift beigebracht hätte. Dr. Porl- mann erklärte das aber wieder für Unsinn. Als Zeuge die Staatsanwaltschaft in Wiesbaden um Erlaß eines Haftbefehls gegen Hopf bat, erklärte ihm diese, das sei nicht möglich mit Rücksicht auf das Gutachten des Herrn Dr. Pörtmann. Zeuge Artist Strauß (Görlitz) hat die Varietenummern des Angeklagten einige Wochen lang gemanaget, da dieser vor dem Publikum nicht gut reden konnte. Als Zeuge einmal in Riederhöchstadt war, hat ihm der Angeklagte geklagt, er hätte mit seinen Frauen Unglück gehabt, die erste sei ihm gestorben und ein Kind auch. Die zweite sei krank geworden, und man rede nun, er hätte sie vergiftet. Da der Angeklagte einen unglücklichen Eindruck auf den Zeugen gemacht habe, habe er Mitleid mit ihm gehabt und sich dazu verleiten lassen, die zweite Frau des Angeklagten bei der Wiesbade­ner Staatsanwaltschaft wegen Meineids anzu­zeigen. Das tue ihm jetzt sehr leid. Zeugin Hebamme Henrich sagt aus, ihr Bruder sei bei dem Angeklagten in Stellung gewesen und sie habe den Angeklagten dadurch kennen gelernt. Sie hatte damals ein schwer krankes Kind. Da habe ihr der Angeklagte gesagt, der Arzt müßte dem Kind etwas geben, damit es sterbe und nicht so zu leiden brauche. Die Zeugrn ist da sehr erschreckt gewesen und bat gesagt, das könne doch herauskommen. Der Angeklagte aber habe erklärt, Ls fchne Tticfjt Heraus,

wenn man ein Gift nehme, dis im Körper nicht nach­weisbar fei.

Es folgen nun eine Reihe von Gutachten der ärztlichen Sachverständigen über die Krankheiten der zweiten Frau des Angeklagten. Dr. Portmann gibt eine eingehende Schilderung des Krankheitsverlaufs. Er habe sich die Krank­heit nicht recht erklären können; daß Vergiftung durch Arsen ßorliege, sei wohl möglich, doch könne er es nicht mit Be­stimmtheit sagen. Als Dr. Portmann erklärt, Frau Hopf hätte im Jahre 1905 an einer Lungenaffektion und an einer leichten Rippenfellentzündung gelitten, de- streitet dies Frau Schneider entschieden und erklärt, der Zeuge müsse sich irren. Ihre Tochter habe ihr davon nie etwas erzählt, und sie hätte das sonst sicher getan. Der Sach­verständige bleibt indes dabei und erklärt mit Bestimmtheit, daß aus seinen Notizen hervorgehe, daß Frau Hopf damals an einer derartigen Krankheit gelitten habe. Der Zeuge sagt noch folgendes aus: Als Frau Hopf bei ihren Eltern in Frank­furt war, sei Hopf eines Abends zu dem Zeugen gekommen. Er schien etwas angetrunken, denn er roch nach Schnaps. Hopf war sehr aufgeregt und bat den Zeugen, ihm hoch dabei zu helfen, daß feine Frau wieder zu ihm käme. Sie glauben doch wohl nicht, Herr Doktor", sagte Hopf,daß ich meiner Frau Gift gegeben habe. Wenn Sie es aber auch glauben, so s ch i e ß e ich mich hier vor Ihren Augen t o t." Mit diesen Worten habe Hopf einen scharfgeladenen Revolver aus seiner Handtasche. geholt und vor sich auf den Tisch gelegt. Der Zeuge habe den Angeklagten aber wieder beruhigt und gesagt, er glaube das natürlich nicht. Zeuge und Sachverständiger Dr. Ziegler hat das Kind des Anaeklaaten behandelt. Es ist, wie er damals agnostizierte, an Nasen - und Rachenkatarrh erkrankt. Daran ist es auch nach seiner jetzigen Ansicht gestorben. Zeuge und Sachverständiger Dr. Marx hat als Vertrauensarzt der Thurinma" die Frau Hopf sehr eingehend untersucht und sie für gesund befunden. Vier Wochen nach Abschluß der Ver­sicherung wurde er wieder zu FrauHopf gerufen, die fchwerkrank im Bett lag. Er habe S p e ise v e r g i f t u n g für vor­liegend gehalten und die Frau dementsprechend behandelt.

Nach weiteren Sachverständigenaussgaen tritt Vertagung auf morgen (Donnerstag) ein- '

©iSfjMfltt. _ Donnerstag, 15. Januar 1914. _ Nr. 24

Sport und Spiel.

* DaS Pariser Sechstagerennen brachte in den Vor- und Nachmittagsstunden des zweiten Tages nur wenig Vorstöße. Die Fahrer haben unter der im Velodrom herrschenden Kälte sehr zu leiden. Rütt, der bei einem qualmenden Petroleumofen geschlafen hatte, ivurde von einem Unwohl­sein befallen, von dem er sich aber bald erholte. Die An­strengungen des Rennens machen sich besonders an Hourlier bemerkbar, der an solches Rennen zu wenig gewöhnt ist. Um 4 Uhr nachmittags waren von der aus 12 Paaren bestehenden Spitzengruppe 1 371.023'Kilometer zurückgelegt. Die vorjäh­rige Distanz ist um 22.802 Kilometer besser geworden. Die letzten Stunden der vergangenen Nacht sind recht lebhaft verlaufen. Gegen 3 Uhr morgens machte Jacquelin einen energischen Durchbruchsversuch, wurde aber nach 10 Minuten wieder eingeholt. Bald darauf stürzten Jacquelin und Egg. Jacquelin gab schließlich völlig erschöpft auf. Bis 11 Uhr mittags (in der 6*4;. Stunde) sind 1914 Kilometer zurückgelegt.

* Eissport. Bei anhaltendem Frostwetter wird der K u r- hausweiher von morgen ab den Schlittschuhläufern zur Verfügung stehen.

Heues aus aller Welt.

5008 Obdachlose im Berliner Asyl. Berlin. 16. Jan. Infolge der Kälte hat die Zahl der Besucher der Asyle für Ob­dachlose während der ersten 14 Tage des Januar zum erstenmal die .Zahl von 5000 überschritten.

Wüste Szenen bei einem Begräbnis. Hamburg, 15. Jan. Bei der Beerdigung des Schutzmanns Schmidt und seiner von ihm ermordeten drei Kinder tarn es gestern auf dem Ohls- dmfer Friedhof zu wüsten tumultuarischen Szenen. Als die Mutter drei Hand voll Erde auf den Sarg warf, versuchte eine Anzahl Frauen, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Als die Frau dann von hier zur Kapelle zurückging, traten die Gegnerinnen, meist Nachbarinnen, an sie heran, um sie zu schlagen. Nur mit Mühe konnten Friedhofsbeamte die bedrohte Frau in Sicherheit bringen.

Drei Kinder erstickt. Magdeburg. 15. Januar, Von einem schweren Unglück wurde gestern die in einem Hinter­hause der Neuenstraße in Magdeburg wohnende Arbeiter­familie namens Kleeblatt heimgesucht. Währeno der Ab­wesenheit der Mutter entzündete sich das zum Trocknen hinter den Ofen gelegte Brennholz und entwickelte einen derartigen Qualm, daß alle drei im Zimmer befindlichen Kinder erstickten.

Freilassung eines betrügerischen Beamten gegen 50 080 M, Kaution. Dortmund, 15. Januar. Der Obern-sitassistent Meyer, der im vorigen Jahre wegen Fälschung von Renn­telegrammen zu 1 Jahre 8 Monaten Zuchthaus verurteilt wor­den >var, ist nach Hinterlegung von einer Kaution von 50 000 Mark auf freien Fuß gesetzt worden.

Giftmordversuch an Frau und Kind. Göttingen.

14. Januar. Der Maurer Magerhans, der zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden war, weil er ein vierjähriges vor­eheliches Kind seiner Frau fortgesetzt mißbandclte aus Wut darüber, daß er von dem Vater des Kindes keine Alimente er­hielt. wurde heute unter dem dringenden Verdachte des wieder­holten Giftmordbersuches an seiner Frau und dem Kinde ver­haftet.

Eine Bäckersfrau von einem Gesellen erschlagen. Brenz- l a u, 15 Januar, In dem Dorfe Mmdlow bei Prenzlau wurde gestern, nachmittag die Frau des Bäckermeisters Kieling erschlagen aufgefunden. Der Verdacht der Täterschaft fällt auf den 10 Jahre alten Gesellen Otto Neujahr, der bei dem Bäcker­meister bedienstet wav. Die Polizei konnte ihn verhaften, als er im Begriffe stand, auf dem Bahnhof Prenzlau einen nach Berlin fahrenden Zug zu besteigen.

Meuterei in einem französischen Militärgefänguis. Lille, 16. Januar. Eine schwere Meuterei brach gestern abend in dem Militärgefängnis der Zitadelle aus. In dem Gefängnis befinden sich augenblicklich 180 kriegsgerichtlich verurteilte Sol­daten, Die Sträflinge waren über die große Kälte und die schlechten Beleuchtungsverhältniffe in den Schlafräumen sehr unzufrieden. Etwa 70 von ihnen begaben sich gestern abend in den Hof, fingen an zu lärmen, warfen die Fenster ein, be­drohten die Wächter und versuchten, die Tore des Gmängnisses zu sprengen. Sie ließen von ihrem Beginnen erst ab, als die Wache sie mit geladenem Gewehr bedrohte und sie anfforderte, ins Haus zurückzukehren. Gleichwohl wäre es zu Blutvergießen gekommen, wenn der Direktor des Gefängnisses nicht auf den Einfall gekommen wäre, die Feuerspritze, auf die Meuterer zu richten, wodurch sie ins Haus zurückgetrieben wurden. Drei Rädelsführer wurden in Ketten gelegt.

Die Millioncnbetrügereien des Bankiers De La Pasqna. Paris, 15, Januar. Wie sich herausstellt, hat der vor einiger Zeit bei der Ankunft des deutschen DampfersKron­prinzessin Eecilie" in Cherbourg verhaftete spanische Bankier De La Pascma unter anderen Betrügereien die Schweizerische Rank Courvoisies durch betrügerische Manöver um rund 1 Mill. Mark gebracht. . .

Explosion einer Pulverfabrik. Lissabon, 14. Januar. In Chelas bei Lissabon ist eine Pulverfabrik rn die Luft ge­flogen wMi eine Person getötet wurde. Die Explosion steht in keiner Beziehung zu dem Streik der Eisenbahner.

Die Bulkankatnstrophe in Japan. Nagasaki. 14 Jan. Nach drahtlosen Berichten eines Kriegsschiffes ist Kagoschima 15 Fuß bock mit Asche bedeckt. 600 »aurer sind eingestürzt. Die Insel Sakuraschima ist dem Verderben vrewgegeben. Sie ist in Rauchwolken gehüllt durch die H'Iammengaroeu zucken. Der Kapitän des iapanischen KreuzersTone meldet drabt- los daß in Kagoschima niemand am Leben aebsiebea ist. Ein Schiff, das nach dem ersten Vulkanausbrrrch 307 Flüchtlinge an Bord nabm. soll während des zweiten Ausbruchs gesunken sein. Der Vulkan Sakuraschünu ist teilweile .'.n ach zusammenge- stürzt. Die Ausbrüche beginnen nachMlaven.

Die Passagiere desCobeguid" gerettet. New York.

15. Januar. Gestern nachmittag wichen me Nebel um den Cobeauid". der von 12 Schiffen gesucht wurde. Man sah ihn

auf einem Reff 40 Kilometer von Narmouth entfernt stehen. Alle Passagiere wurden nach Aarmouth gebracht. Der Sturm dauert fort und erschwert das Rettungswerk, Sturzwellen überfluten den Dampfer, so daß Teile der Schiffsladung an Land getrieben wurden.

Kbgeorönetenhaus.

Der Etatsredner zweite Garnitur.

Herr v. Heydebrarrdt.

chp Berlin, 15. Januar. (Eig. Drahtbericht.) Die zweite Garnitur der Etatsredner leitete der konservative Abg. v. Heydebrandt ein, der in 1s.4stündiger Rede das ganze Gebiet der aktuellen Politik durchging. Nach einer kurzen Einleitung kam er sofort auf das Wahlrecht

zu sprechen. Er erklärte sich mit dem Standpunkt der Staats­regierung durchaus einverstanden, besondere Eile jja&e die Sache ja auch nicht, denn die Geschäfte des Landtags würden auch unter dem jetzigen Wahlrecht in zufriedenstellender Weise erledig!.

Die Veröffentlichung des Berliner Ponzerpräsidenten v. Jagow

in derKreuzzeitung" sei ohne jede Beifügung dessen Amts­charakters erfolgt. Wenn dieser trotzdem erwähnt wurde, so

sei es ohne seinen Willen und ohne seine Verantwortung ge­schehen. Das Geheimnis der Angriffe gegen Jagow liege aber darin, daß der Polizeipräsident der Linken keine sympathische Persönlichkeit sei, eine Äußerung, die von dieser Seite mit lebhaftemSehr richtig)" quittiert wurde. Jagow sei aller­dings kein Leisetreter, sondern einer unserer tüchtigsten Be­amten. Auf

die braunschweigische Frage

kurz eingehend, erklärte Herr v. Heydebrandt, daß die Loyali­tät des Herzogs Ernst August über jeden Zweifel erhaben sei, daß aber nach seiner Meinung ein Verzicht des alten Herzogs auf Hannover nicht absolut notwendig gewesen wäre. Aus­führlich beschäftigte sich der Redner sodann mit der

elsaß-lothringischen Frage.

Die elsaß-lothringische Verfassung hätten die Konservativen stets als ein höchst bedenkliches Experiment bezeichnet, und die Tatsachen hätten ihnen recht gegeben. Wenn die Behörden dort ihre Pflicht getan, hätte die ganze Zaberner Angelegen­heit nicht derartige Dimensionen annehmen können. Man müsse die Empfindung haben, daß innerhalb der elsaß- lothringischen Bevölkerung gegenüber dem pflichttreuen Heer, das auch dazu da sei, die Elsaß-Lothringer vor ftanzösischer Macht und französischem Einfluß zu schützen, das rechte Be­wußtsein von dem preußischen Machtwillen nicht vorhanden sei. Aber es müsse doch zu denken geben, daß dieses Land, das 200 Jahre unter französischem Herrschaftssystem gestan­den, gegen das der schneidigste preußische Landrat der reinste Waisenknabe sei, immer noch so viel Sympathie für Frank­reich hege.

Das Votum des Reichstags

hätten die Konservativen nicht mit Freude angesehen. Er­freulich wäre allerdings, daß Herr Röchling habe durchblicken lassen, daß auch die Nationalliberalen über das Votum mehr oder weniger bedenklich geworden seien. (Leb­hafte Zurufe der Nationalliberalen: Nein! Nein!) Der

Ministerpräsident hat das Verhalten der Konservativen gegen­über der

Besitzstcuervorlagc

kritisiert. Es wäre falsch, die Konservativen dafür veranl- wortlich zu machen, und der Ministerpräsident sei ihnen nicht gerecht geworden. Die Konservativen hätten nicht nur jeden Mann, sondern auch jeden Groschen bewilligt. Selbst gegen die Besteuerung des Kindeserbes hätten sie sich mit voller Absolutheit ausgesprochen. Auf der Linken urteile man immer falsch über die besitzenden Klassen. Man könne gar nicht er­messen, daß auch dort viel tüchtige und erfolgreiche Arbeit ge­leistet werde.

Die Rede des Herrn v. Heydebrandt bildete im großen und ganzen eine Enttäuschung; wer von ihr eine Sen­sation erwartet hatte, kam nicht auf seine Kosten. Sie wurde von den Konservativen mit lebhaftem Beifall und Hände­klatschen ausgenommen. Präsident Graf Schwerin-Löwrtz sah sich infolgedessen genötigt, darauf hinzuweisen, daß es nicht üblich sei, den Beifall durch Händeklatschen zu erkennen zu geben. Darauf nahm der Zentrumsabgeordnete Bell (Essen) das Wort.

Tetzte Drahtberichte.

Die fortschrittliche Interpellation zum Straßburger Urteil.

# Berlin, 15. Januar. (Eig. Drahtbericht.) Die Reichs- tagssraktion der Fortschrittlichen Volkspartei hat heute mittag folgende Interpellation eingebracht: In dem Strafverfahren gegen den Obersten v. Reuter aus Zaberu wegen unbefugter Amtsanmaßung und Freiheitsberaubung hatte der Ange­klagte anscheinend unter Zustimmung des Kriegsgerichts sich darauf berufen, daß nach Vorschriften, welche für das preußische Kontingent der deutschen Armee in Gel­tung seien, er zu einem Armeebefehl berechtigt war, ohne Requisition der Zivilbehörden die polizeiliche Gewalt an sich zu nehmen, ohne daß der Belagerungszustand verhängt ist und ohne, daß die Zivilbehörde durch äußere Um­stände außerstand gesetzt ist, militärische Hilfe zu requirieren. Oberst Reuter hielt sich nach seiner Aussage auf Grund dieser Dienstvorschriften berechtigt, ohne von der Zivilbehörde ersucht _ zu sein, am 28. November 1913 die öffentliche Gewalt diensthabend an sich zu nehmen, einen öffentlichen Platz und eine Straße durch das Militär räumen zu lassen, zahlreiche Verhaftungen vorzunehmen und die Ver­hafteten bis zum anderen vormittag in Haft zu behalten. Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um den drin­genden und stänbigen Gefahren zu begegnen, welche sich aus dieser Sachlage für die politische Sicherheit der Bevölkerung für das Ansehen der Zivilbehörden, aber auch der Armee und der ver­fassungsrechtlichen Grundlage der persön­lichen Freiheit ergeben, um die in Elsaß-Lothringen eingetretenc lebhafte Beunruhigung in der Bevölkerung zu beheben?

Die Beantwortung der Zabern-Jnterpellatione» durch de« Reichskanzler.

ch: Berlin, 19- Januar. (Eig. Drahtbericht.) Zu Be- gilin der heutigen Reichstagssihung erklärte Staatssekretär Delbrück im Namen des Reichskanzlers, der Reichskanzler sei bereit, sowohl die sozialdemokratische wie die soeben einge, brachte fortschrittliche Zabern-Juterpellation zu beantworten, sobald das gegen die beiden Offiziere schwebende Straf­verfahren abgeschlossen sei. Damit widerlegt sich auch die Zeitungsmeldung, daß der Gerichtsherr bereits aus die Revision verzichtet habe und daß beide Urteile schon rechtskräftig seien.

Der Reichsznschuß für die olympischen Spiele von der Budget­kommission des Reichstags abgelehnt.

A Berlin, 15. Januar. (Eig. Drahtbericht.) Die Budget­kommission des Reichstags beschäftigte sich heute mit dem im Etat geforderten Reichszuschuß für die in Berlin abzuhalten­den olympischen Spiele im Jahre 1916. In der Besprechung machte ein Mitglied des Zentrums geltend, daß derartige außerordentliche Zuwendungen für private Zwecke zu wert gingen und erklärte unter großer Heiterkeit, es sei vornehm­lich die Aufgabe der Bundesstaate n, dazu beizutragen; man solle nicht wieder in die Kompetenz der Einzelstaaten eingreifen. Don sozialdemokratischer Seite wurde die Forde­rung aus politischen Gründen, und zwar wegen der plan­mäßigen Bekämpfung der Arbeiterturnvereine be­kämpft. Die Konservativen traten warm für die Forderung