Nr. 2i.
Donnerstag, 15. Januar 1914.
Mss!md§NLL' TKKÜLM.
Seite 3.
Montenegro.
Das Wahlergebnis. C e t t i n j e, 14. Januar. Nach Sem endgültigen Wahlergebnis wurden 46 Mitglieder der Regierungspartei und 16 Oppositionelle, darunter 9 Radikale, in die Skupschtina gewählt.
Albanien.
Beginn der Räumung Südalbaniens. A. St. Valona, 14. Januar. Wie versichert wird, sollen die Griechen 16 Dörfer in dem Bezirk Scrapari und Koritza geräumt haben. Die Nachrichten aus Elbassan lauten beruhigender. Eine objektive Prüfung der Lage ergab, daß die verbreiteten Gerüchte übertrieben waren.
Demission Jsmael Kemals. Wien, 15. Januar. Wie von wohlinformierter diplomatischer Seite verlautet, hat Jsmael Kemal seine Demission als Chef der provisorischen Regierung in V a I o n a gegeben. Man schließt daraus, daß er dem türkischen Putschversuche nicht so fern steht, wie man ursprünglich annahm. Die internationale Kontrollkommission will bis zur Ankunft des neuen Herrschers einen Generalgouverneur mit weitgehenden Vollmachten ernennen. Au diesem Amt dürfte der holländische Oberst, der die albanische Gendarmerie leitet, bestimmt werden. Türkei
Die deutsche Militärmission. Konstantinopel, 15. Januar. General L i m a n v. Sanders ist zum M a r s ch a l I des türkischen Heeres ernannt worden. General Bronsart v. Schellendorff ist zum stellvertretenden Chef des Generalstabs ernannt worden und hat sein Amt angetreten.
Bus Stahl und tanh.
Wiesbadener Nachrichten.
Deutscher Kbend.
Der aus Anlaß der Wiederkehr des Tages der Reugründung des Deutschen Reichs alljährlich vom „Verein für das Deutschtum im Ausland (Allg. deutscher Schulverein)" veranstaltete Festabend fand gestern in der Turnhalle, Hellmundstraße 25, statt und hatte, wie stets, einem zahlreichen Publikum Gelegenheit zur aktiven und passiven Mitwirkung gegeben. Professor Unzer, der Vorsitzende der hiesigen Ortsgruppe, begrüßte die Anwesenden und gedachte im Verlauf seiner Ansprache der zahlreichen Jubiläumsfestlichkeiten des verflossenen Jahres sowie der politischen Ereignisse, die dem Slawentum, insbesondere den panslawistischen Bestrebungen einen schweren Schlag versetzt haben und damit der Sache des Deutschtums förderlich gewesen sind. Erfreulich sei auch, daß die Erkenntnis von der Bedeutung des Deutschtums im Ausland bei der Reichsregierung im Wachsen begriffen sei, was durch die im Reichshaushalt vorgesehenen, von 700 000 M. auf 1 100 000 M. erhöhten Aufwendungen zum Ausdruck komme. Der Redner stresste noch kurz die ebenfalls erfreuliche Weiterentwicklung des Vereins und schloß mit dem Wunsche: „Das Deutschtum in der Welt voran!" Der eigenl- liche Festredner des Abends war der Oberbürgermeister a. D. Or. Fuß, der zunächst über die rnteressanten Vorgänge sprach, die dem denkwürdigen Tage von Versailles voraus- gmgen. und dabei der Schwierigkeiten gedachte, welche die Annahme der Kaiserkrone durch König Wilhelm beinahe gefährdet hätten. Dem damaligen Grafen Bismarck sei es dann ober schließlich doch gelungen, eine Form zu finden, die zunächst die Bundesfürsten veranlaßte, dem König die Kaiserkrone anzutragen, und diesem die Annahme des Titels eines deutschen Kaisers — nicht eines Kaisers von Deutschland — ermöglichte. In weit ausholenden Erörterungen behandelte der Redner dann die Geschichte des deutschen Kaisertums mrd seine bedeutsame historische Entwicklung. Seine interessanten und gründlichen Ausführungen gipfelten in dem Satz, daß der deutsche Kaiser ein Volkskaiser sei. Seine Rede schloß mit einem Kaiserhoch. Im weiteren Verlauf des Abends fand eine große Vortragsfolge Erledigung. Zunächst seien die Vorträge des oberelsässischen Volksdichters Karl Zumstein, des Sängers vom Sundgau, erwähnt, der zum erstenmal in Alt- deutschland sprach und mit der Wiedergabe seiner Gedichte, die er, wie er selbst sagte, als einfacher Landmann hinter dem Pflug oder in harter Arbeit schuf, tiefen Eindruck machte. Die schlichten und einfachen Verse verrieten Seele und Empfinden und ließen auch den Schwung nicht vermissen, der einem begeisterten Heimatgefühl wirkungsvollen Ausdruck verschafft. Der „Wiesbadener Männergesang-Verein" fand mit mehreren Chorvorträgen den Beifall aller Teilnehmer und auch die Darbietungen des „Turnvereins", der einige Gruppen am Barren stellte, wurden dankbar ausgenommen. Gemeinsame Lieder und Musikvorträge bildeten im übrigen den Inhalt des stimmungsvoll verlaufenen Abends. 8-
Oie Gemeindesteuern in Hessen-Nassau.
Nach den jetzt veröffentlichten Mitteilungen über die im Rechnungsjahr 1911 erhobenen direkten und indirekten Gemeindeabgaben im Vergleich zu denjenigen vor 30 Jahren ergeben sich für die Provinz Hessen-Nassau folgende Ziffern: Die direkten Gemeindesteuern betrugen in den Städten 41,794 Millionen Mark, in den Landgemeinden 9,609 Millionen Mark, die indirekten Gemeindesteuern betrugen in den Städten 5.387 Millionen Mark, in den Landgemeinden 1.013 Millionen Mark, die direkten und indirekten Gemeindesteuern betrugen in den Städten 47,181 Millionen Mark, in den Landgemeinden 10,712 Millionen Mark. Die aufgebrachten Steuern sind demnach in den Städten Hessen-Nassaus fast lVimal so hoch wie in den Landgemeinden. Was die Betastung der einzelnen Einwohner anbelangt, so erhöhten sich die direkten Gemeindesteuern in den Städten von 14,14 M. im Jahre 1883 auf 37,35 M. im Jahre 1011, in den Landgemeinden von 3,29 M. im Fahre 1883 auf 8,56 M. im Jahre 19li, die indirekten Gemeindesteuern erhöhten sich in den Städten von 2.57 M. im Jahre 1883 auf 4,81 M. im Jahre 1911, in den Landgemeinden von 0,39 M. im Jahre 1883 auf 0.89 M. im Jahre 1911, die direkten und indirekten Gemeindesteuern in den Städten von 16,71 M. im Jahre 1883 auf 42,16 M. in 1911, in den Landgemeinden von 3,68 M. im Jahre 1883 auf 9,45 M. im Jahre 1911. Es haben demnach die Kopfbeträge der direkten und indirekten Gemeindesteuern in diesem 30jährigen Zeitraum zugenommen bei den Stadtgemein- don um 152,30 Prozent, bei den Landgemeinden um 166,79
Prozent, bei den Stadt- und Landgemeinden um 204,98 Prozent. Auf die indirekten Gemeindesteuern entfielen im Rechnungsjahr 1911 vom Hundert des gesamten Steuereinkommens in den Städten 41,42, in den Landgemeinden 9,46. x
— 10» Prozent Kommurmlsteuer. Auch der neue Etat für
das Jahr 1914/15 konnte mit einem Steuerzuschlag von nur 100 Prozent balanciert werden.
— Todesfall. Am Loreleyring verstarb der König!, bayerische Bezirksarzt a. D. Or. Jakob B r e u n i g im Alter von 49 Jahren infolge Herzlähmung. Der Verstorbene ist ein Bruder des bayerischen Staatsministers Georg Ritter v. Breunig.
— Zur Besetzung der Stelle des Stadtschulrats wird uns noch weiter geschrieben: „In der heutigen Morgen-Ausgabe des „Tagblatts" beschäftigt sich eine Stimme aus Lehrerkreisen mit der Wahl des neuen Stadtschulrats. Den Ausführungen in dem genannten Artikel mutz anstandslos zugestimmt werden. Soll denn m der Tat die in der Wiesbadener Lehrerschaft mit Freuden begrüßte Wahl wieder fraglich werden? Das wäre im höchsten Grad bedauerlich, und zwar in Rücksicht auf Lehrerschaft und Schule. Die Lehrer wünschen einen Mann, der, wie sie das bei dem nun Scheidenden gewohnt waren, das Herz auf dem rechten Fleck hat und Fachmann genug ist, uni mit Einsicht und Verständnis ein gerecht urteilender und zielbewußt ratender Vorgesetzter und Mitarbeiter sein zu können. Nur so kann die Zusammenarbeit von gegenseitigem Vertrauen getragen und zum Segen des Wiesbadener Schulwesens werden. Der gewählte Herr ist vielen Lehrern in Wiesbaden kein Unbekannter; sie alle beglückwünschten die städtische Behörde zu der Wahl und hoffen nun auch zuversichtlich, daß man geringfügiger Äußerlichkeiten wegen den Gewählten nicht fallen lassen wird. Oder sollten noch andere Hemmungen sich geltend gemacht haben? Videant consules. . .!"
— Gustav-Adolf-Stiftung. Die am 2. November v. I. in den evangelischen Gemeinden des KonsistorialbezirkS Wiesbaden zugunsten des Hauptvereins Wiesbaden der evangelischen Gustav-Adolf-Stiftung erhobene Kirchensamm- l u n g hat insgesamt 2571 M. ergeben. Hiervon entfallen auf dre Dekanate Wiesbaden-Stadt 389 M. und auf Wiesbaden-Land 130 M. Verhältnismäßig weitaus am größten ist der Sammelertrag des Dekanats Herborn mit 309 M.
— Butterabschlag. Zu dieser von der Firma P. Lehr ausgehenden Mitteilung ra der Mittwoch-Abend-Ausgabe schreiben andere hiesige Butterhandlungen: „Die Notiz bedarf insofern einer Berichtigung, als der Preisrückgang nicht auf die in Wiesbaden allgemein gehandelte „Allerfeinste erstklassige Tafelbutter" in Frage kommt, welche unverändert hoch im Einkauf steht. Der angegebene Verkaufspreis kann sich nur auf billigere Sorten, Norddeutsche, Algäuer resp. Kühlhausbutter beziehen."
— Schwurgericht. Die diesmalige Schwurgerichtstagung wird nächsten Samstag ihren Abschluß finden. Die Eisenbacher und die Biebricher Totschlags-, resp. Mordsache gelangen bestimmt während der Tagung nicht mehr zur Verhandlung und die auf Montag angesetzte Sache wegen Münz- verbrechens ist auf Samstag verlegt worden.
— Gasexplosion. In einer Wohnung des Hauses Faul- brunnenstraße 12 entstand gestern abend beim Ableuchten der schadhaften Gasleitung eine Explosion. Verletzt wurde niemand. Die Feuerwehr wurde benachrichtigt, konnte ihre Tätigkeit aber auf die Ermittelung der undichten Stelle beschränken.
vorderichts über Kunft, Vorträge und verwandtes.
* Residenz-Thentcr. Am Samstag findet die erstmalige Aufführung der neuen Komödie „Schneider Wibbel" von Hans Müller-Schlösser statt. Das lustige Werk, das Ausschnitte aus den: rheinischen Kleinbürgertum der napoleonischen Zeit bringt, hat es in kürzester Zeit am Düsseldorfer Schauspielhaus unb am Deutschen Theater in Köln auf mehr als 50 Aufführungen gcb acht und denselben stürmischen Heiterkeitserfolg bei den Aufführungen in Bonn, Königsberg sowie an vielen anderen Bühnen gefunden Das hurnorvolle Stück wird Sonntagabend wiederholt. Sonntagnachmittag geht Jacobhs neues Lustspiel „Wir geh'n nach Tegernsee" zu halben Preisen in Szene.
* Apollotheater. Heute findet Programmwechsel statt mit für Wiesbaden' vollständig neuen Attraktionen.
* Konzert. Die Gattin des Regierungspräsidenten von Meister ward zum Besten des Vereins „Frauenhilfe" ein Künstler-Konzert arrangieren Es soll am 3 Februar abends 7 % Uhr. im Kasino stattfinden. Während mit verschiedenen hervorragenden Äunsilern die Verhandlungen noch schweben, haben Elly Ney von Hoogstraten und Frl. van Dresser vom Opernhaus in Frankfurt a. .bl. ihre gütige Mitwirkung bereits zugesagt.
Mitteilungen aus oem «vefchiiftsleben.
(Für Redaknon wie Verlag mwrramworttich >
Hu! Hu! Hu! Husten ist zwar keine, Krankheit, wohl ab. meist ein Vorbote zu lolcher.^, >öeugen Sre daher den schwere Folgen vor und bekämpfen Wn sicher mit dem seit viele Jahren vorzüglich bewahrten Rrform<r-Brusttee cm dem Kneivphaus. Rhernstraße 71. Derselbe wird an Stet schädlicher Reizmittel, wre Alkohol, Bohnenkaffee und schwarze, Tee, längere Zeit getrunken und ist nur in Paketen zu 1 D und b» Pf. daselbst zu beziehen. ir
£üi§ dem Landkreis Wiesbaden.
Versammlung des Hansabundes.
FC. Biebrich a. Rh-, 13- Januar. Die seit nunmehr vier Jahren bestehende Ortsgruppe Biebrich bes Hansabundes hielt gestern abend im Saal des „Schützenhofs" in Biebrich eine öffentliche Versammlung ab, ber Ortsgruppenvor- sitzende Kaufmann Marx präsidierte. Nach einer von ihm gehaltenen Begrüßungsansprache verbreitete sich Or. Kassel (Frankfurt a. M.) über me in Hamburg veranstaltete Hansawoche des Hansabundes im November v. I., dabei besonders den sehr interessanten Vortrag Or. Stresemanns über das Arbeitswilligenschutzgesetz hervorhebend, über „das Handwerk jetzt und in Zukunft ließ sich barauf in etwa zweistündigem leichtverständlichem Vortrag Schreinermeister K n i e st (Kassel) aus. Die Ruhezeiten vor 30 bis 40 Jahren im Handwerk seien vorüber, mehr denn je herrsche im Handwerker- und Gewerbestand die Kampfzeit, die alle Kräfte der Gewerbetreibenden erfordere. Nicht auf die Hilfe von außen, oben und unten müsse der Handwerker dann aber vertrauen, sondern auf die Selbsthilfe bauen. Keine Unterschätzung der Selbsthilfe, Zusammenhalten bei Preisnotierungen, anständl- ger sicherer Umgang mit,den Kunden, Buchführung. Kalkulation, tüchtige Arbeitsleistung, Fleiß, richtiger Verkehr mit den kommunalen und staatlichen Behörden, rechte Bedienung der Presse, richtige Organisation, ohne die heute keine großen Ziele erreicht werden können. Dies alles diene zur Weckung und Hebung des Handwerks. Der Dank der Versammlung zeigte sich in lebhaftem Beifall. Kmssmanr> Sfruö
Aöeuv-Ausgabe, 1. Blatt.
Vereinsvorsitzender Deuser und Dachdeckermeister Löber beteiligten sich an der darauf einsetzenden Besprechung
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WC. Biebrich, 12. Januar. Bei der vor dem Amtsgericht in Wiesbaden stattgehabten Versteigerung eines Ackers an der Platanenstraße, 13 Ar 26 Quadratmeter groß, Feldgerichtstaxe 3980 M., sowie eines Hosraums an der Waldstratze Rr. 94 in Biebrich, 3 Ar 96 Quadratmeter Fläche, 1190 M. Feldgerichtstaxe, blieben Höchstbretende dre Eheleute Bäckermeister Wilhelm W e y g a n d t und Frau Wilhelmine, geb. Fischer, mit 99,90 M. Bargebot. Die Eheleute Fischer haben eine Hypothek auf den Grundstücken in Höhe von 33 456 M. Der Zuschlag bleibt ausgesetzt.
z. Bierstadt. 14. Januar. In der Sitzung des Gemeinde- rats wurde einstimmig die Genehmigung zur Errichtung eines Saalbaues auf dem Grundstück des Gastwirts Ludwig Mai erteilt unter der Bedingung, daß der Gesnchsteller das zur Erweiterung der Vordergasse erforderliche Gelände gegen Bezahlung an die Gemeinde abtritt.
--- Frauenstein, 12. Januar. Der hiesige „Männer- gesangverein" wählte in seiner Generalversammlung zum ersten Vorsitzenden Peter Burkhardt, zum zweiten Vorsitzenden Jean Müller, zum Schriftführer B. Giegerich, zum Kassierer Joh. Emmelheinz, zum Zeugwart Jos. Funk und als Beisitzer Franz Burkhardt und Jos. Träger.
Nasicmische Nachrichten.
Tödlicher Unfall.
ht. Usingen, 14. Januar. Durch einen vorzeitig losge- gangenen Spreugschutz wurden in den Ouarzitwerken von Haintchen der Arbeiter K a l t e y e r sofort getötet und der Arbeiter P a b st erheblich verletzt. Kältester hinterlätzt eine Witwe mit drei kleinen Kindern.
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— Niederwalluf, 14. Januar. In der Werkstätte des Tapezierers Schranz entstand ein Schadenfeuer, das das gesamte Arbeitsmaterial vernichtete und dadurch erheblichen Nachteil verursachte. Das Feuer war offenbar dadurch hervorgerufen, daß leicht brennbare Gegenstände dem Ofen zu nahe gekommen waren.
Nus der Umgebung.
ö. Mainz-Mombach, 16. Januar. Gestern nachmittag 8 Uhr wurde der 19jährige Schreiner Franz Zimmer- mann aus Frauenstein, als er das Geleise überschritt, auf der Station von einem einfahrenden Zug überfahren und getötet. Zimmermann war auf der Station Budenheim beschäftigt.
Kt. Rüffelsherm, 12. Januar. Der wiederholt von der Regierung nicht bestätigte sozialdemokratische Gemeinderat Georg Jung wurde bei der vorgestrigen Wahl abermals mit 438 Stimmen zum Beigeordneten gewählt. Der bürgerliche Gegenkandidat erhielt 358 Stimmen.
Gerichtssaa?.
Grftmordprozetz Hopf.
(Dritter Verhandlungstag.)
8. u. H. Frankfurt a. M., 14. Januar.
Die gestern vernommene Frau Schneider wurde heute kurz nach der Eröffnung der Sitzung nochmals vorgerufen. Sie gab noch weitere Erklärungen über die Krankheit ihrer Tochter ab. — Vorsitzender: Ihr Mann hat den Angeklagten wegen Giftmordversuchs angezeigt, und als das Verfahren eingestellt worden war, knüpften sich daran Privatbeleidigungsprozesse. In einem solchen ist auch Ihre Tochter als Zeugin vernommen worden. — Zeugin: Jawohl. — Vorsitzender: Da ist Ihre Tochter vom Angeklagten auf einmal wegen Meineids angezeigt worden? — Zeugin: Jawohl. — Vorsitzender: Weshalb? — Z e u g i n: Hopf behauptete, die Krankheit meiner Tochter käme nicht von Vergiftung, sondern von einem schlechten Hirn, das sie in einem Frankfurter Restaurant gegessen hätte. Meine Tochter beschwor aber, daß sie dieses Hirn überhaupt nicht gegessen. — Vorsitzender: Wie war der Gesundheitszustand Ihrer Tochter später? — Zeugin: Gut, wir bemerkten wenigstens keine Krankheit mehr. Sie hat ja auch nochmals geheiratet und ist nochmals Mutter geworden. — Vorsitzender: Lebt dieses Kind noch? — Zeugin:
Nein. Es ist im Wer von 14 Monaten gestorben. — Vorsitzender : Woran? — Zeugin: Anscheinend an Tuberkulose. — Vorsitzender: Ihre Tochter ist auch an Tuberkulose gestorben? — Zeugin: Jawohl. — Vorsitzender: Wann haben sich die Anfänge der Tuberkulose gezeigt?
— Zeugin: Kurz vor ihrem Tode. Ich bin der festen
Überzeugung daß Hopf ihr die Tuberkelbazillen beigebracht hat. Er hatte ja welche in einem Reagenzglas.— Angeklagter: Das ist nicht wahr, ich habe
meiner Frau keine Tuberkelbazillen beigebracht. Es ist auch nicht richtig, was gestern gesagt wurde, daß meine Frau stets krank gewesen ist, wenn sie bei mir war, und bei ihren Eltern gleich gesund wurde. —Vorsitzender : Haben Sie die Medikamente selbst hergestellt? —Angeklagter: Jawohl, zum Teil, :ch verstehe das ja auch. — Vorsitzender: Haben Sie Ihrem Kind Arsen in die Milch gegossen? — Angeklagter : Nein, das war Spermin. Ich hatte es aus der Hausapotheke meines verstorbenen Vaters. — Vorsitzen-
e r : Und das haben Sie vom Tod Ihres Vaters im Jahre 1895 bis zum Jahre 1906 aufbewahrt, also 11 Jahre lang?
— Angeklagter: Jawohl.
Die nächste Zeugin, Frau Wüst, war als Aufwartefrau bei dem Angeklagten in Niederhöchstadt. Sie bekundet den üblichen Dienstbotenklatsch, der ja in einem Sensationsprozeß nicht fehlen darf. In epischer Breite geht die Zeugin aus ihre nach ihrer Meinung unendlich wichtigen „Beobachtungen" ein. Der Kern der Sache ist der: die Zeugin ist auf Veranlassung der Frau Schneider im Sommer 1906 zu Frau Hopf gekommen. Sie war gerade krank gewesen und die Zeugin hat sie acht Wochen lang gepflegt. Als die Zeugin die Frau verließ, war sic ganz gesund. Sie sei darum sehr erschreckt gewesen, als sie nach einiger Zeit Frau Hopf wiedergesehen habe. Sie habe da ganz gelb und krank ausgesehen. Schon da sei sie stutzig geworden und stabe geglaubt, daß Hopf mit der Krankheit seiner Frau in Verbindung stände. Als Frau Hopf dann später wieder bettlägerig geworden sei, stabe Zeugin im Haushalt des Angeklagten gekocht. Da sei es einmal ausgefallen, daß Hopf mit dem Tee, den sie für Frau Hopf gekocht hatte, nicht direkt ins Schlafzimmer zu seiner Frau, sondern erst in sein Zimmer gegangen sei, wo der Giftschrank stand. Als Hops dieselbe Prozedur am nächsten Tage wiederholte, sei sie ihm nachgeschlichen und habe
