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Wiesbadener Tsgblstt.

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Dienstag. 13 . Januar 1914 . MÖWEN - 6 lU§gtlbE« Hr * 19 * " 62 * ^ahr§ang.

Sur inneren Politik Englands.

XX London, 10. Januar.

Die letzte Feiertagstust ist geschwunden und England wieder in seiner Alltagsstimmung. Damit endet auch der Waffenstillstand, den die Politiker sich und dem Lande lvährend der" Festwochen gönnten. Allseitig rüstet >nan zur heftigen Redeschlacht, die nun einen Monat lang bis zur Parlamentstagung währen wird. An Munition fehlt es ja auch nirgends. Durch Lloyd Georges Klage über die Rüstungslasten ermutigt, wollen dieK lein- E n gl a n d" -Radikalen in einer Reihe von Versammlungen das Land über den organisierten Wahnsinn" der W e h r b ü r d e n ans­klären. Nichts könnte den Konservativen besser behagen. Sie haben sofort eine Gegen-Agitation be­gonnen und rufen allerorten diePatrioten" zusam­men, für einekräftige" Vermehrung der Flotte einzutveten; gleichzeitig auch zu beweisen, wie gespalten die liberale Partei in dieser Frage ist. Doch auch die Unionisten bilden durchaus keine einige Familie. Gerade mit ihren: wichtigsten Progrannn-

stnnkt, dem Schutzzoll, wi s s e n sie n i ch t( m ehr aus noch ein. Die Wähler des industriellen Nor­dens, derenStimmen die .Konservativen zu einem Wahl­sieg nicht entbehren können, wollen sich nicht von Zöllen auf Lebensrnittel überzeugen lassen. Als darob vor einem Jahre eine Panik in der Partei aus,brach, ging dasteure Brot" über Bord. Me Partei einigte sich mühsam auf die Formel: erst Jndustriezölle, und

Agrarzölle müssen warten, bis das Land sich in einer zweiten Wahl direkt dafür ausgesprochen. Seitdem aber haben sich die Landwirte, ohne deren Stimmen die Konservativen erst recht nicht siegen könnten, die­sen Handel doch überschlagen und gefunden, daß bei stirer Zollverteuerung aller industriellen Waren und gleichblerbenden Preisen für ihre Erzeugnisse der Segen des Schutzzolls etwas zu einseitig airsfallen würde. DieseE mpörun g der Agrarier" ist jetzt so an- gewachsen, daß weder Parteileitung noch Presse sie länger totschweigen kann, und der Unmut ist um so ge- Mrlicher angesichts der lockenden Versprechen des liberalen Bodenreform-Planes, für den nicht nur Lloyd George, sondern auch ein Heer von Rednern das Land in intensivster Spatenknltnr der Agitation bearbeiten. ,

. Dagegen jedoch können die Unionisten nun wieder ihr immer noch zugkräftigstes Stück vorführen: die

Rettung der Reichseinheit. Denn der lange erörterte, mühsam ange-bahnte Ho m e r u I e - A u s g l e i ch scheint gescheitert zu sein. Die Besprechungen zwischen dem Premier und dem konservativen Führer blieben erfolglos. Bonar Law forderte und konnte unter den Umständen nichts Geringeres fordern als Grunlllage aller Verhandlungen den wenigstens vor­läufigen^ Ausschluß desloyalen" Ulster aus dem Somernle-Gesetz. Das hat Asquith abgelehnt. Noch kennen wir seine Gründe nicht: vielleicht einfach, weil die irischen Nationalisten ihr Veto einlegten, die das Schicksal der Regierung im Unterhause in Händen hal­ten. Zur bitteren Enttäuschung aller gemäßigten Ele- mente ist damit der augenscheinlich annehnibarste Aus­

weg aus dem Homevule-Wirrwarr gesperrt. ^So bliebe nur übrig, die gegenwärtige Bill samt derVergewalti­gung" Ulsters durch das Parlament zu zwingen und die Folgen des Widerstandes der Reichstreuen ans sich rn nehmen. Indessen trotz allen tapferen Rodens bangt den Liberalen doch vor den Kosten diesesVotwamps- Knrses". Oder wird die Regierung noch rm letzten Augenblick einlenken in den Wahlwog? oste PH Chamberlain, der immer noch dem Unterhaus e nominell angehört, trotzdem er seit sieben ^ahre körper­lich und zum Teil geistig gebrocheii dahinstecht, hat gestern angekündigt, daß er z n r ü ck t r e t e n wolle bei den nächsten Wahlen. Da sie erst im Herbst 1915 stattfinden sollen nach Behauptung der Liberalen, warum diese vorzeitige Entscheidung? Sein ^Mandat ist kein unsicherer Parteibesitz, wo ein neuer Kandidat sich nach englischer Gepflogenheit Jahre vorher &et den Wählern beliebt machen muß. Sein Wahlkreis ist eine Hochburg der Unionisten, die der erste beste Parteimann ohne alle Vorbereitung behaupten würde, ^st es ein Zeichen daß trotz allen Vernoinens von liberaler Seite England im Schatten der nahenden Par- I a m e n ts w a h I e n steht?

Fum junkerlichen Mißtrauens­votum gegen den Kanzler.

Die Blätter kommentieren in lebhafter Weise weiter je nach der Parteischattierung die (im Samstag-Abendblatt und in der Sonntag-Ausgabe bereits eingehend erörterte) Debatte und den darauf folgenden Beschluß des preußischen Herren­hauses.

DieBoffische Zeitung" erklärt: Der Reichstag hat Herrn v. Bethmann-Hollweg ein Mißtrauensvotum erteilt. Sollte der Beschluß des Herrenhauses einVertrauensvotum für ihn bedeuten? Der Ministerpräsident wird es vielleicht be­zweifeln, und die öffentliche Meinung auch. Jedenfalls wird Herrn v. Bethmann-Hollweg die Wahl schwer werden, was ihm we n i g e r u n a n g en e hm ist, das Mißtrauen des Reichstags oder das Vertrauensvotum des Grafen Mark und der Herrenhausmehrheit. Im übrigen wird der Beschluß , die Welt nicht erschüttern. Nicht das Herrenhaus, sondern der aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Reichstag ist die b e r u f e n e V o l k S v e r t r e t u n g.

DasBerliner Tageblatt" äußert sich in ähnlicher Weise: Das Mißtrauen konzentriert sich in dem Antrag, und indem das Herrenhaus nach der Dorischen Rede und trotz der Ver­teidigung des Ministerpräsidenten dem Antrag zustimmte, gab es der Reichspolitik und ihrem verantwortlichen Träger eine Absage in aller Form. Das aber nennt man Miß­trauensvotum, und man mutz es lediglich dem allgemeinen Mute des Junkertums zugute halten, wenn es gegenüber einer kristallklaren Situation auch noch den Mut zum Leugnen hat. Dem Reichsgedanken ist vom preußischen Herrenhanse der Krieg erklärt worden. ^

DieKölnische Volkszcitung lagt mit bemerkens­werter Schärfe:Aber das, was vielfach gerade in der letzten Zeit von konservativen Politikern des Ostens als be­sonderer preußischer Geist dargestellt wurde und wofür be­sondere Berücksichtigung verlangt wurde, wird nicht bloß im

Süden des Deutschen Reiche»-, sondern auch in großen Teilen der preußischen Monarchie als falsch verstandener

--.rnen oer preußischen- - : »-: ^

Preußengeist, als Auswuchs des Preußentums mit aller Ent-

Me Leonardos Monna Lisa an Frankreich kam.

Von Dmitry Mereschtowsti?)

Leonardo hatte den ganzen Tag trotz Unwohlseins und Schwächegesühls am Johannes dem Täufer gemmt.

Die schrägen Strahlen der untergehenden -sonne ficic

durch"das Bogenfenster in die Werkstätte hinein, ein große , kaltes Zimmer mit steinernem Fußboden und einer Decke u§ eichenen Brettern. Er benutzte das letzte Tageslicht, um ow recht- Hand des Täufers, die aufS Kreuz hinwies, zu vouen- dc». Unter dem Fenster erschollen Schritte, Stimmen wnr-

!Laß niemand herein!" wandte sich der Meister an Ftancesco Melzi.Sage, ich wäre krank oder nicht »u Haust.

Der Schüler trat aus den Flur hinaus, um die ungc- ßctencn Gäste abzuweisen, verbeugte sich aber tief, als er den König erkannte, und öffnete ihm die Tür. ^

»eonardo fand kaum Zelt, das Bildnis oer Monna Gioconda, das neben dem des Jahannes stand, zu verhüllen; er tat dies immer, da er es fremven Blicken nicht aussetzen wallte. _ .

Der König trat in die Weristätte ein.

Er war vierundzwanzig Jahre alt. Seine Verehrer be­haupteten, es läge in seiner äußeren Erscheinung schon so viel Erhabenes, daß man ihn gar nicht zu kennen brauche, um zu wissen, daß er der König sei- In der Tat war er wohlgebaut, hochgewachsen, gewandt, außergewöhnlich stark iind bcqtanb

*) Entnommen aus: Mcreschkowskis Leonardo da Vinci. Historischer Roman. Volksausgabe mit 16 Bildern. Schulze u. Co.. Leivzia.

rtzerst liebenswürdig zu sein. Sein schmales und weißes esicht aber, mit dem schwarzen, krausen Kinnüart, mit der edrigen Stirn, der feinen, spitzen, wie nach unten gezogenen ase, mit den kleinen, schlauen, wie geschmolzenes Blei änzenden Augen, mit den roten, feuchten Lippen hatte neu unangenehmen Ausdruck. Cs trug den Stempel üsternheit, ähnelte teils emem Afstst teils einem Bock und ännerte so an das Gesicht eincs^Kauns.

Mit höfischem Gebrauche,schickte sich Leonardo ^an, vor

ranz das Knie zu beugen. L-och dieser litt es nicht, beugte ch selbst zu dem Künstler herab und umarmte ihn. , Wir haben uns lange nicht gesehen, Leonardo , stgte : herablassend,wie steht es mit ^deiner Gesundheit? Malst x viel? Hast du nicht neue ^lder?"

. Ich bin immer unwohl, Aia;estat , antwortete Leonardo nd "ergriff das Portrait Manna Lisas, um es zur Seite zu

^H^Was ist das?" fragte der König, auf das Bild zeigend, "will altes Bildnis. Sire; Ihr habt cs bereits gc-

Eincrlei, zeige es mir. Deine Bilder sind daß, st öfter man sie sieht, sie desto mehr gefallen."

.Als Leonardo zögerte, trat einer aus-dem Gefolge heran, 90 fr die Leinwand herunter und enthüllte Manna Gicconda.

Leonardos Gesicht verfinsterte sich. Der König ließ stw auf einen Sessel nieder und sckaute das Bild lange schwel­gend an. ,

Wunderbar", sagte er cnduch, wie wieder ins Bewußt» sein zurückkehrend,das ist das herrlichste Weib, das ich je in meinem Leben gesehen habe! Wer ist es?"

Madonna Lisa, die Gattin des Florentirier Bürgers Gioconda", entgegnete Leonardo.

Hast du sic var langer Zeit gemalt?"

schiedenhcit abgelehnt. Man braucht dabei blost an gewisse überschwängliche alldeutsche Redensarten irnd Entgleisungen zu denken, an Oldenburg-Januschau mit dem Leutnant nno den zehn Mann zur Säuberung des Reichstags, an gewisse Vorkommnisse in Zabern und Verlautbarungen darüber zu erinnern. Diese Art Preußengeist lehnt allerdings die Mehrheit des Reichstags, das Zentrum und auch ein Teil der süddeutschen Konservativen ab. Es kommt einem manchmal vor, als ob g e!v i s s c konservative Kreise, durch die Rückschläge ihrer Politik nervös gemacht, Gespenster sähen und von einer Art Verfolgungswahn befallen seien. Die Konservativen täuschen sich, wenn sie meinen, daß heute noch mit dem Landrat und dem Polizeigeist allein konservative Politik gemacht und konservative Erfolge erzielt werden können."

DieDeutsche Tageszeitung" äußert sich:Die Preußen­debatte im Herrenhause, die sich an den Antrag des Grafen Dort von Wartenburg anschlotz, wird wohl überall als ein be­merkenswertes Zeichen der Zeit und als eins der be­deutsamsten parlamentarischen Ereignisse dieser Tage gewürdigt werden. Ihre Bedeutung erscheiilt um so größer, als die Zustimmung der liberalen Mitglieder des preußischen Oberhauses. zu den sachlichen Ausführungen des Antragsstellers zeigt, daß in den wirklich führenden Schichten Preußens doch eine viel einheitlichere preußische Gejinnuitg besteht, als die Parteikämpfe iit der Presse und auch in der Zweiten preußischen Kammer erkennen lassen könnten."

Zum Schluß seien hier noch die Auslassungeir des sozial­demokratischenVorwärts" wiedergegeben:Das war ein

Tag, den die Junker loben werden! Triumph auf allen strate­gischen Linien int okkupierten Ausland, wie im Herzen Borussiens, im preußischen Herrenhaus. Zunächst wird der Reichstag nach Roten vermöbelt. Die Einführung derkurzen Anfragen", besonders aber das Mißtrauensvotum im Reichs­tag sind dem Herrenhaus höchst zuwider. Was braucht man sich um die Souveränität des Hauses derKerls, die auch Diäten wollten", zu kümmern. Aber vielleicht geht dem Reichstag doch einmal die Geduld aus und er klopft dieser gelinden Ungeniertheit einmal ein paar drüber."

Deutsches Reich.

* Vermögensbildung in Preußen. Obwohl große Sum­men sicher nicht versteuert werden, obwohl die Vcrmögens- statistik alle Vermögen unter 6000 M. unberücksichtigt läßt, ferner solche bis 20 000 M deren Besitzer keine 2000 M. Ein­kommen versteuert, macht die Vermögensbildnng rresige Fort» schritte in Preußen. Das steuerpflichtige Vermögen stieg von 63 578 Millionen Mark im Jahre 1896 auf 82 410 Millionen Mark im Jahre 1905 und auf 104 057 Millionen Mark im Jahre 1912.

Eine Denkschrift über die Produktionserhrbungen ist

im Reichsamt des Innern ausgearbeitet worden, der eine im Kaiserlichen Statistischen Amt bearbeitete Anlage bcige- geben ist, welche eine übersichtliche Zusammenstellung der ge­samten Erhebungen darstellt. Diese Zusammenstellung ist zugleich als Ergänzungsheft zum 3. Vierteljahrshost der Statistik des Deutschen Reichs im Buchhandel erhältlich. In der Denkschrift wird der Zweck der Erhebung, die Art und Weise ihrer Durchführung und ihr Umfang dargelegt und u. a. mitgeteilt, daß bei den bisherigen Erhebungen 568 Sachverständige aus den beteiligten Kreisen mitgc- wirkt haben. Wie die Denkschrift hervorhebt, ist der Erfolg der Erhebungen außer der Mitwirkung der Bundesregie-

Vor zehn Jahren."

Ist sie immer noch so schön?"

Sie ist tot, Majestät."

Mastre Leonard de Vainst", sagte der Hofpoet Saint- Gelais, indem er den Namen des Künstlers nach fraiizösischer Art aussprach,hat fünf Jahre lang an dem Bilde gearbeitet und es nicht beendet, wenigstens, wie er selbst behauptet."

Nicht beendet?" staunte der König.Was willst du denn noch, ich bitte dich? Sie lebt ja, nur die Sprache fehlt ihr."

Run, ich muß gostchen", wandte er sich wieder an den Künstler,du bist zu beneiden, Leonarda. Fünf Jahre ge­meinsam mit einem solchen Weibe! Du kannst dich über dein Schicksal wahrlich nicht beklagen; du bist glücklich gewesen, Alter! Und wie hat der Gatte es nur mit ansehen können? Wenn sie nicht gestorben wäre, du würdest wohl heute noch daran malen?"

Er fing zu lachen an, kniff seine glänzenden Augcn^ noch mehr zusammen und wurde so einem Faun immer ähnlicher; der Gedanke, Monna Lisa sei ihrem Manne treu geblieben, kam ihm nicht in den Sinn.

Fa, mein Freund", fügte er lachend hinzu,du hast Ver­ständnis für Frauen. Welche Schultern, welche Brust . . ."

Leonardo schwieg; er war leicht erblaßt und hatte seine Augen niedergeschlagen. ,,, ...

Um ein solches Bild zu malen, genügt cs incht, Künstler zu sein", fuhr der König fort,man- muß in alle Geheimnisse des Frauenherzens Einbringen können in jenes Labyrinth des Dädalus, in jenen Knäuel, den d-r^ Teufel selbst nicht abwickeln kann! Seht, sie scheint so ruhig, so bescheiden, so sittsam zu sein, hat wie eine Rönne die Hände gefaltet, kann kein Wässerchen trüben lernt sie aber näher kennen, sucht ihre Seele zu ergründen"

Leonardo trat zur Seite und gab sich den Anschein, als