Wiesbadener Tsgblatt.
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MontQg» 12 . 3 anuar 1914 .
ktbend-Kusgabe.
Nr. 18 . - 62 . Jahrgang.
Die Krife.
Der Freispruch -des Obersten v. Leutnants Schabt war nach der Rede
Reuter und des juiai: iiuui 'ucL mvve des Anklage- Vertreters mit Sicherheit zu erwarten. Diese Rede luar eine B e r t e i d i g u n g und keine Anklage. Von den Ergebnissen der Verhandlung hätte auch eine andere Darstellung entrollt werden können, eine, die beispielsweise auf die Aussagen der Stäatsanwalte und der anderen Zaberner Juri st e n dasselbe Gewicht wie auf die Aussagen des Gymnasiallehrers Bruck und der Frau Ewers gelegt fjabeu würde. Aber das ist nicht geschehen, und Rückblicke auf den Prozeß selbst kann man sich auch sonst sparen, da es nunmehr gilt, die Folgerungen für die nächste und für die fernere Zukunft zu ziehen.
Es ist n i ch t zu erwarten, daß der Ausgang des Prozesses die so unheilvoll gestörte Ruhe im Lande wiederhersiellen wird. Im Lande nicht uird darüber hinaus auch im Reiche nicht. Die schr.offen.Gegensätze zwischen den bürgerlichen und den militärischen Gewalten in Elsaß-Lothringen werden noch zu ganz anderen als den bisherigen Entladungen Uhren, dessen kann man sicher sein. Die Frage ist nicht, ob ein S y st c in w e ch s e l kommen, sondern vielmehr w a n n er kommen wird. Man erinnere sich des Telegramms des Staatssekretärs Zorn von B u I a ch an den „Lokalanzeiger" nach den Besprechungen beim Kaiser in Donaueschingen, er habe „jetzt keine Veranlassung mehr", zurückzutreten. Dies „j c tz t" und dies „m e h r" könnten nun Wohl u n m i t t e I bare Gegenständlichkeit gewinnen. Aber auch damit wird es vermutlich nicht abgetan sein; manche Tinge sind erst im Werden, und man wird noch merkwürdige Sachen erleben. Es ist überaus bezeichnend, daß gerade der „Lokalanzeiger", ein sich unpolitisch gebendes, dafür aber oft genug um so mehr zu politischen Kundgebungen benutztes. Blatt, jetzt wieder einmal das Barometer eines W i t t e ru n g s u m- schlagcs ist. Der „Lokalanzeiger" schiebt die politische Verantwortung für die Ereignisse in Elsaß- Lothringen der Zivilverwaltung von den örtlichen Instanzen über die Straßburger Regierung hinweg „bis zu den h ö ch st e n S t e I I e n im Reich" zu. und er spricht von der Anhäufung eines „schweren Sündenkontos". „Regieren heiße voraussehen, und wer diesen richtigen Blick für die notwendigen Folgen politischer Aktionen vermissen lasse (gemeint ist namentlich die elsaß-lothringische Verfassung), der gehöre nicht auf einen Posten, der ihm die Entscheidung Über Wohl und Wehe einer ganzen Bevölkerung in die Hand gebe." Das -ist eine starke Sprache und ein star- > kes Stück. Wenn eines der konservativen, alldeutschen * Parteiorgane, die: jetzt gegen den Reichskanzler in An- grisfsfront stehen, diese Sätze geschrieben hätte, würde man nicht weiter überrascht sein, und die Folgen brauchten auch nicht unmittelbare zu seine, aber es gibt zu denken, daß sich die G e g n e r des Reichskanz
lers wie auch des Grafen Wedel und der ganzen elsaß-lothringischen Landesregierung bereits st a r k g c- n u g fühlen, um sich zu dem offenen Zuruf, die eingenommenen Plätze mögen geräumt werden, zu ver- steigen. Eine K r i s e zieht herauf, die meh r als e i n Opfer fordern wird.
In dieser Auffassung wird man auch nicht beirrt, vielmehr unterstützt durch die merkwürdige Verhandlung am Samstag im Herrenhause. Allerdings fand Herr v. Bethmann-Hollweg' an manchen Stellen seiner Rechtfertigungsrede gegen die Angriffe des Grafen Jork, wie wir mitteilten, auch Wohl die Zustimmung des Hauses, aber wie s ch w a ch klang sie im Vergleich zu den lebhaften Beifallskundgebungen für den Antragsteller mit seinem offenbaren M i ß t r a u e n s v o t u m! Man muß. zwischen den Zeilen und zwischen den Sätzen lesen, um den Gegensatz herauszufühlen, der den Antragsteller und Herrn v. Bethmann-Hollweg trennt. Im Herrenhause wird v e r b i n d l i ch gesprochen, und so hat man die bedachtsam gewählten Worte innner erst etwas zuz»spitze n, um zu wissen, wie sie eigentlich wirken sollen. Graf Jork entwirft von der Nachgiebigkeit der Reichsleitung gegenüber der Reichstagsmehrheit ein Bild, dessen Anblick freilich jedes ostelbische Herz erbeben lassen muß. Wenn es nach dem Grafen Jork geht, so fehlt nicht viel daran, daß der Reichstag französische K o n v e n t s g e l ü st e im Busen hegt und nur auf die Gelegenheit wartet, mindestens zunächst das Heer zu einem willenlosen Werkzeug des Paria m ents zu machen, worauf sich die weitere Abtragung der bestehenden Einrichtungen von selbst ergeben würde. Man braucht sich bei diesen Verzerrungen unserer wirklichen Zustände eigentlich nicht aufznhalten, aber gerade weil die Darstellung so gründlich falsch ist, bekommt man erst recht eine Vorstellung davon, wie das Reich regiert werden würde und müßte, wenn die Weisheit des Herrenhauses entscheidend zu bestimmen hätte.
Es muß demgegenüber innner wieder gesagt werden: Es ist nicht wahr \ daß es sich bei dem Mißtrauensvotum ber Reichstagsmehrheit, an der ja auch alle bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Konservativen beteiligt waren, um einen „Ansturm der Demo- kvatie gegen die Volksrechte" gehandelt hat. Es ist auch nicht wahr, daß irgend jemand, etwa in den Kreisen der bürgerlichen Demokratie, daran denkt, die Ehre des Heeres 'anzutasten oder ungeschützt zu lassen, daß irgend jemand in den liberalen Kreisen oder denen des Zentrums wünscht und wünschen kann, aus dem Volls- heer ein Parlamentshe^r zu machen. Die Frage ist vielmehr die, ob wir ein Volksheer haben, ob nicht mit der Zeit gewaltige und ^ anscheinend unüberwindliche Schranken zwischen Volk und Heer auf der einen und zwischen den einzelnen ^chmsten des Heeres auf der anderen Seite aufgerichtet worden sind. Herr von Bethmann-Hollweg hat seine Situation am Samstag zu retten versucht, indem auch er sich an dem Kampf
gegen die Windmühlen beteiligte, ja, er hat sich sogar zu einer captatio benevolentiae gegenüber den Konservativen verstiegen, indem er ihnen feierlich — fast so feierlich wie einmal eine preußische Thronrede das ungefähre Gegenteil — versprach, eine Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen sei für alle Zukunft ausgeschlossen. In der Debatte, die man am Samstag nicht beliebt hat, hätte dem Grafen Jork von Wartenburg und der Mehrheit des Herrenhauses gesagt w erde n m ü s s e n, daß weit tiefere und schwerere Eingriffe in die Rechte der E i n z e l- ft ciaic n, als die „kurzen Anfragen" und die „Jnter- pellationsantrage", die Schaffung des einheitlichen bürgerlichen Rechts für das- ganze Deutsche Reich, die Schaffung eines Reichsheeres unter Aufhebung der militärischen Selbständigkeit der süddeutschen Bundesstaaten, die fast einheitliche Durchführung der Reichs- o st und endlich der vor allen Dingen von Bismarck propagierte Gedanke der Reichseisenbahn gewesen sind, alles Dinge, an denen Herr v. Bethmann-Hollweg genau so unschuldig ist wie die „äinitaristisch gesinnte Demokratie". Auch bei der Attacke des preußischen Herrenhauses handelt es sich um eine gewaltsame Verdrehung der Dinge, um — aktive und passive — optische Täuschungen. Wenn von „Beeinträchtigung der Einzelstaaten" die Rede sein kann, so ist es bei Gott nicht Preußen, .das sich über solche Beeinträchtigung zu beklagen hat, am allerwenigsten die preußischen Junker, die van jeher politische und partikularistische Sondervorteile verlangt und durchzusetzen verstanden haben. Die Verhandlungen des Herrenhauses werden vermutlich im Reichstag wie in den süddeutschen Einzellandtagen ein seltsames und lebhaftes Echo finden. Für das preußische Herrenhaus mag der 10. Januar ein großer Tag gewesen sein, für das Reich war es, so
fürchten wir, ein schwarzer Tag!
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Doch damit vom „Preußcntag" im Herrenhause zurück zu den elsaß-lothringischen Dingen, die ja mit seine Veranlassung sind. Wir sagten schon, die Rückblicke auf den Prozeß kann man sich sparen. Weit wichtiger als über das, was geschehen ist, zu grübeln und zu trauern, ist es jetzt, für die Z u k u n f t vor.zuoeu.gen, dafür Sorge zu tragen, daß der Fall Zobern ein vereinzelter bleibt. Zu diesem Zweck ist es notwendig, den Draht zwischen den Zivil- und den Militärbehörden, der anscheinend seit langer Zeit zerrissen war, wiederherzustellen, und Vorbedingung hierfür ist es wiederum, die Zuständigkeiten der beiden Behörden in einer dem Gesetz und dem Rechtsgefühl entsprechenden Weife a b z u g r e n z e n. Es muß festgehalten werden, daß der Oberst v. Reuter und die beiden Leutnants nicht freigesprochen wurden, weil sie etwa gesetzmäßig gehandelt hätten, sondern weil ihnen der gute Glaube zuerkannt wurde; und im Gegensatz zu dem nichtkompetenten Berliner Polizeipräsidenten v. Jagow hat der doch in diesem
Feuilleton.
Residenz-Theater.
Samstag, den 10. Januar: „Pupvenklinik." Lustspiel in drei Akten von Franz v. Schönthan und Rudolf
Man sagt, das; berühmte Redner ihre Ansprachen mit leiser Stimme beginnen, um die Zuhörerschaft auf diese Wer,e nur Konzentration zu nötigen. Das scheint auch dre —schrak des Residenz-Theaters zu Anfang des neuen Jahres zu fern; dieser Anfang war jedenfalls sehr bescheiden, sehr lesie,^ fast tonlos. Ja, es war ein falscher Ton, denn dieses seltsame Lustspiel — o heilige Cacilia, vergib ihnen — spielt gleichzeitig ’n Dur und Moll, brr!
Baron Haspe ist ein schlechtes Subjekt in optima forma; die Verfasser maskieren ihn aber als liebenswürdigen ^Schwerenöter. Er hat Frau und Kinder vor vielen Jahren skrupellos verlassen, sich niemals unr sie gekümmert, die tapfere Frau sich allein durchs Leben schlagen lassen, und kommt nun eines schönen Tages an, verlobt mit einer reichen Amerikanerin, um die Ehescheidung zu betreiben. Seine erwachsene Tochter und sein Sohn Erich stiegen ihm jubelnd um den Hals (wie wahr!), er wird gerührt und die Kinder umhegen ihn in freudiger Aufregung. Die Gemütlichkeit steigert sich bis zu sentimen- lalen Liedern — Moll. Dazwischen aber klingt ein rauher Ton, das dürftige Zimmer spricht von Armut, vom aufreibenden Kampf ums Dasein, und b.mt den Wänden starren die lädierten Puppen, die die verlassene Baronin zusammenkleistern soll, mit großen, verwunderten Augen geisterhaft auf U« Familienszene" — Dur. Dieser Akt ist, wie man sieht, unübertrefflich in seiner Verlogenheit und Geschmacklosigkeit, die anderen beiden sind nur albern. Daß die Eltern wieder zusammenkommen müssen, ist ohne weiteres klar, aber da ist jfoch der fatale zweite Akt, in dem irgend etwas geschehen muß. ^ehr einfach, der Baron ladet zwei Verwandte seiner Braut,
die natürlich ausgemachte Kaffern scm müssen, zum Frühstück ein. Es gibt eben immer wieder Leute, die cs komisch finden, wenn einer auf der, Bühne das Messer durch die Zähne zieht, oder ein anderer crnstopft, daß er zu ersticken droht. Mit solchen Niedlichkeiten „fristet" der zweite Akt sein kümmerliches Dasein. Im dritten Akt werden die Verfasser treuherzig; sie lassen einen Trottelgrafen aus der Gemütskiite steigen und lassen ihn sehr gerührt sprechen: daß der Neffe Haspe in einer Anwandlung von antikem Heroismus auf den amerikanischen Mammon glatt verzichtet habe, das wäre groß, — das wäre ritterlich, das wäre et cetera p. p. Tatsächlich hätte die Amerikanerin diesen Herrn v. Haspe an die Luft gesetzt, der die Tatsache seiner Ehe vornehm zu ignorieren geruht hatte. Was soll man nun zu dem Gefasel dieses Grafen und zu der.Harmlosigkeit der Schwankdichter sagen? Nun, der eine Täter wird ja diese Sünde bereits büßen müssen; vielleicht ist ihm aufgegeben worden, das Stück so lange nach Humor und Geschmack zu durchsuchen, bis er beides findet, also nie, der Arme, Sisyphvs II. Und der andere berühmte Zeitgenosse mag sich seine nächste Zigarette damit anzündcn.
Herr Kelle r gab den Haspe mit Elan, doch konnte auch er über die Disharmonie und Armut des Stückes nicht hm- wegtäuschen. Frl. S a l d e r n spielte die Gattin mit einer gewissen anmutigen Resignation, ab über die Rolle oder als charakteristische Färbung, gleichviel, si^ stand ihr nicht übel. Frl. H o r st c n und Frl. Erle r waren als Tochter und Sohn lieb und drollig. Die Herren Miltner, Beug, Hager und Ziegler sowie die Damen A g t e und R u f taten das Ihre. _ a.
Nus Kunst und Leben.
* Georg Rücker f. Heute nacht starb im Paulineustift der beliebte Charakterdarsteller des Residenz-Theaters Georg Rücker. Das Theater und die Besucher verlieren mehr wie einen S ch a u spiele r in dem Dahingeschiedenen. G. Rücker war Künstler durch und durch und bei allem Können be
scheiden, ein liebenswürdiger Mensch, ein selten angenehmer, neidloser Kollege. 1869 in München geboren, studierte er bei dem Königs. Bayerischen Hofschauspieler Professor Heinrich Richter, um alsbald eine Reihe guter Engagements zu bekommen. Seit gehn Jahren wirkte er in Wiesbaden und hat manchen Besucher durch seine starke, innerliche Kunst erbaut, gepackt und erschüttert. Es ist vorgekommen, daß berühmte Gäste im Residenz-Theater einzogen, daß ihnen zu Ehren das Haus d'.chtbesetzt war und daß schließlich Georg Rücker die Gäste im Spiel übertraf. Seine Bescheidenheit wird ihn wobt so lange an Wiesbaden gefesselt haben, denn es ist verwunder- lich, daß ern so großer Künstler nicht schon lange ein glänzen- des^-lnerbieten nach der Hauptstadt erhielt. Für uns war cs W,0 ut , daß er blieb, vielleicht auch für ihn. Denn in dem raschlebigen Berlin ivürde er schnell vergessen worden sein. Hier aber sind viele, die sein Andenken treu bewahren, die sein Hrnscheiden schmerzlich trifft. Georg Rücker hinterläßt eine klaffende Lücke. Wer wird imstande sein, sie auszufüllen?
* . B. v. N.
^ Königliche Schauspiele. Karl Goldmarks vieraktige Lper „D i e Königin von Sab a", als prunkvolle Sonntagsvorstellung besonders beliebt, ging gestern zum 25. Mal in Szene. Die großen effektvoll aufgebauten Ensemblesätze der Oper und daneben die geschmackvolle szenische und dekorative Ausstattung verfehlten auch diesmal nicht ihren Anreiz. Die. musikalische Wiedergabe stand auf beträchtlicher Höhe. Die Gestalt der „Königin von Saba" wird jetzt durch Fräulein Engl er th verkörpert, welche durch machtvolle Erscheinung, durch die edle Plastik der Bewegungen und jugendlich temperamentvolle Gesangsdarbietung hervorragt. Namentlich dgZ Septett — wohl die wertvollste Nummer der Partitur — und die großen Finales wurden durch die kraftvolle stimmliche Unterstützung dieser Künstlerin zu nachdrücklicher Wirkung gebracht. Doch ließ Frl. Englerth auch im Liebesduet? des 2. Aktes die getvünschten weicheren Akzente vorwalten. Mit ihr einte sich Herr Schubert, der als „Assad" — so weit ihm diese Partie nicht zu hoch liegt — manche recht gute
