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Nr. 17

Sormtas, 11. Januar 1911.

MirsvKvrKrr

Morgen-Ausgabe, 1» Matt.

Seite 5.

?ereins iesbaden, welche di« erste und zweite Stelle « >n der Tabelle der Ligaspiele einnehmen. Sollte Frankfurt ! den Sieg erringen, so ist der Futzballverein im unbestrittenen besitz der Nordkreismeisterschaft, gelingt es jedoch dem Sport­verein, zu siegen, wozu nach den letzten Erfolgen der Wies­badener Mannschaft einige Hoffnung besteht, so kann Wics- bÄen, wenn die weiteren Ergebnisse auch günstig sind, noch der Meistertitel zufallen. — Infolge schlechter Bodenbeschaffen­heit fiel das angesetzte Verbandsspiel Offenbacher Viktoria- Germania Wiesbaden am vergangenen Sonntag aus. Heute Sonntag treffen sich auf dem Exerzierplatz an der Schier­steiner Straße Offenbacher Fußballklub 99 und Germania 1 . Das Spiel beginnt 2 Uhr 10 Min.

* Eissport. Bei gutem Nachtfrost sind die Eisbahnen der Wiesbadener Sportplatzgesellschaft wieder geöffnet. — Auch die Eisbahn au der Adolfshöhe ist wieder eröffnet.

* Das Billardturnier in Köln. Das Ergebnis der Schluß- Partien ist folgendes: vr. Ludwig (280:5,845) gegen Drescher (163:3,705), Nassau (250:4,629) gegen Scharchendorff (223:5,575), Sambarth (250:4,629) gegen Dr. Baum (193:3,574), Sambarth (250:5,952) gegen Drescher (149:3,634), Nassau (250:5,205) gegen Haering (206:5). Das Ergebnis ist somit, daß die nationale Meisterschaft zweiter Klasse von Baum an Sambarth übergeht. Die genaue Klassifikation der Endspiele lautet: 1. Sambarth (Mannheim), Meisterschaft von Deutschland und Wanderpreis des Deutschen Billard­bunds, fünf Partien gewonnen, eine verloren; I)r. Ludwig (Göttingen), vier gewonnen, zwei verloren; 3. Nassau (Essen), vier gewonnen, zwei verloren; 4. Dr. Baum (Frankfurt), drei gewonnen, drei verloren; 5. Drescher (Mainz), drei gewonnen, drei verloren; 6. Haering (Solingen), zwei gewonnen, vier- verloren; 7. Schnarchendorff (Mannheim) keine gewonnen, sechs verloren.

* Das Lawntennis-Match Berlin-Paris wurde am Frei­tag in Auteuil fortgesetzt. Der Deutsche Froitzheim, der am ersten Spieltag noch nicht mitgewirkt hatte, schlug den Fran­zosen Gault 6:1, 6:3. Ferner siegte O. Kreutzer 7:6, 6:2 gegen Poulain und Robert Kleinschroth 6:4, 6:3 gegen Guillemant. Dagegen erlitt Frhr. v. Bissing durch Canet 6:2, 4:7, 7:5 eine knappe Niederlage; es gelang ihm aber mit R. Kleinschroth als Partner gegen Micard-Bermont 6:4, 7:5 zu siegen. Froitzheim und Kreutzer unterlagen gegen Canet-Guillemant 4:6, 6:4, 6:2. Zum Sieg der deutschen Mannschaft fehlen nur Noch 5 Punkte.

st. Die Oxford-Canadians schlugen im Beisein des deut­schen Kronprinzen am Donnerstagabend eine Mannschaft des Berliner Schlittschuhklubs wiederum mit 4:1 Toren. Die Canadier waren den Einheimischen besonders in dem blitz­schnellen Erfassen der Situation und der Stocktechnik über­legen. Der Kronprinz ließ sich nach dem Spiel die Mann­schaften vorjtellcu.

Oie Wetterlage.

Hochwasser und Überschwemmungen in Sicht!

w. Bingen, 10. Januar. Die N a h e ist abermals stark gestiegen. Der Wafserftand hat au der hiesigen Eifen- bahnbrücke den ganz ungewöhnlichen Stand von 6 Meter er­reicht. Bei Kreuznach beträgt die Wasserhöhe der Rahe 5 Meter. Die tiefergelegenen Stadtteile sind unter Wasser gesetzt. Die Ahr ist auf weite Strecken aus den Ufern getreten. Die Saar ist so stark gestiegen, daß die Schiffahrt eingestellt werden mußte. Der Oberrhein ist in den letzten 24 Stunden um 1 Meter gestiegen. Der Mittelrhein ist vorerst zwar nur langsam in die Höhe gegangen, doch mutz auch hier ein schnelles Anschwellen des Wassers erwartet werden, und das um so mehr, als Neck a r und M a r n ebenfalls stark steigen. Es mutz mit größter Be­stimmtheit mit Überschwemmungen gerechnet werden.

Düsseldorf, 10. Januar. Infolge Hochwassers brachen heute nacht die Deiche der Düffel, wodurch die in den Niede­rungen belegenen Stadtteile überschwemmt wurden. Menschen sind nicht verunglückt.

Hückeswagen, 9. Januar. Das Hochwasser der Wupper steigt" mit großer Schnelligkeit da es unaufhörlich regnet und auch die Schneeschmelze noch fortdauert. Weite Strecken Landes sind überschwemmt. Die Niederungen gleichen großen Seen In Burg an der Wupper haben verschiedene industrielle Werke und Schleifereien den Betrieb einstellen muffen. Auch die Westdeutsche Kleinbahn mußte den Verkehr einstellen, weil bei dem Elektrizitätswerk Prehersmühle. von dem die Bahn den elektrischen Strom bezieht, das Waffcr in den Maschinenranm eingedrungen ist.

wb- Greifswald, 10. Januar. Das Hochwasser sinkt an­haltend, doch ist das Wasser gefroren in den Straßen, so daß der Verkehr noch stark behindert ist.

Die Überschwemmungen an der Ostseeküste, wb. Berlin, 10. Januar. In der vergangenen Stacht hat die Ostsee den Landweg zwischen der See und dem Bukower See an drei Stellen zerrissen. Der Bukower See steigt rapid. Der ganze Ort steht völlig unter Wasser. Aus den Fluten ragen höchstens noch zwei bis drei Dächer hervor. Von der etwa 100 Köpfe starken Bevölkerung ist noch nichts bekannt. Zwischen dem Jgmunder- und dem Bukower See ist gleichfalls ein großes Stück Land von den Fluten fortgeriffen worden. Von Köslin ist Militär zur Hilfeleistung abgegangen. — Auch aus dem Seebad Kranz, wo der Schneesturm große Ver­heerungen der Uferpromenade anrichtete, werden Schädigun­gen und Störungen infolge des Schneesturmes gemeldet.

wb. Königsberg i. Pr., 10. Januar. ' Infolge des gestrigen Schneestnrmes sind zahlreiche Verkehrsstörungen eingetreten. Am Einfahrtssignal der Station Konradswalde der Labiauer Strecke blieb ani Morgen der Personenzug 902 stecken. Die Vorlegemaschine fuhr so scharf auf den Zug, daß er entgleiste sznd die Zuginsaffen durcheinandergeworfen wurden. Es gab iedoch keine erheblichen Verletzungen.

Starker Schnee im Odenwald.

Heidelberg, 10. Januar. Gestern nacht ging im Odenwald heftiger Schneefall nieder der in den Wäldern der näheren und werteren Umgebung Heidelbergs erheblichen Schaden ve ursacht bat. Durch Schneeoruch wurden allem «m Könrgstuhl Hunderte von stammen geknickt. Durch dre se- kr-altiaen Schnee- und Waffermcmen sind die Flüsse und Bache des Odemvolds in bedrohlichem Maße angesckwollen In Weinheim und verschiedenen anderen Orten des WeschnrtztaiLs werden die Wasserwehre wegen Hochwassergefahr alarmiert.

Verkehrsstörungen in Bayern, wb. München, 10. Januar. Infolge des letzten Schnee- falles haben sich wieder große Verkehrsstörungen ein­gestellt. Stellenweise liegt der Schnee noch 2 Nieter hoch. Die Gegend von Nordhalben ist von der Zufuhr von Lebens­mitteln abgeschnitten.

Neues aus aller Welt. _ ■

Große Bernsteinfunde. Danzig. 10. Januar. Seit Jahren ist Bernstein nicht in dieser Menge, vor allem aber nicht eine solche Qualität zutage gefördert worden, als nach der Sturmflut an der Küste der Tanziger Bucht, hauptsächlich von Weichselmünde bis Kahiberg. Es sind bis zu einem hAben Pfund schwere Stücke gefunden ivorden. Für das beste Stuck Bernstein wurden 20 M. bei der Königl. Bernstemavnahme- stelle, Oestlich-Neufähr, gezahlt. Stücke im Werte von.5 bis i0 M. waren reine Seltenheit. Es befanden sich auch vielfach Stücke darunter, die noch mit Torf und Moos besetzt waren ■— ein Zeichen, wie schwer die See auf Grund gearbeitet haben muß. In den Ortschaften Oestlich - Neufähr und Bohniaa waren allein über zwei Zentner Bernstein gesammelt worden.

Rettung einer Schiffsbesatznng durch einen Schiffsjungen. Paris, 10. Januar. Durch die Geistesgegenwart eines Schiffsjungen wurde die ans acht Personen bestehende Mann­schaft des Seinedampfers „Colibci" gerettet, der an einen Pfeiler der Pariser Brücke angerannt war. Schon war der Hinterteil des Dampfers überschwemmt, als der 16jährige Schiffsjunge, bis zum Gürtel im Wasser stehend, das Rettungs­boot los machte und über Bord brachte so daß die Mannschaft gerettet werden konnte. Das Schiff sank in wenigen Almuten.

Zum Brande in Lichtenau. Lichtenau, 10. Januar. Bei dem Amtsgerichtsbvand in Lichtenau (Westfalen) sind der Kaffenbeftand, die Grundbücher und ein Teil der Akten gerettet.

Hinrichtung eines Mörders. Hildes heim. 10. Jan. Der Dienstknecht Marx aus Grosdorf, der die Dienstmagd Auguste Äliegebiel aus Wartjenstedt, mit der er ein Liebes­verhältnis unterhalten hatte, ermordete und deswegen seiner­zeit zum Tode verurteilt wurde, ist heute vormittag 8 Uhr hin- aerichtet worden.

Zum Untergang des „Oklahoma". New D o r k, 10. Jan. Die Berichte des geretteten Kavitäns Gunter von dem „Oklahoma", geben immer noch keine Klarheit darüber, wie der oft bewährte Tankdampfer durchbrechen konnte. Wahr­scheinlich hatte der Dan! eine schwache Stelle, die dem Anprall der gewaltigen Sturzseen nicht gewachsen war. Eine Explo­sion hat nicht stattgefunden. Der Besatzung der „Bavaria" wird das höchste Lob gespendet. „Der Heldenmut der Deutschen kann nicht laut genug gepriesen werden", sagte Kapitän Gunter. Das von dem dritten Offizier Knöckel befehligte Rettungsboot der „Bavaria" holte in haushoher See mit noch nie dagewesener Kaltblütigkeit die seit zwölf Stunden Schiff­brüchigen unter größter Gefahr vom Bug des geborstenen Schiffes. Die Leute sollten sämtlich Carnegie-Medaillen er­halten " über das Rettnngsiverk des zuerst an der Unfallstel.e angekommenen spanischen Dampfers „Manuel Calvo" wird dagegen sehr ungünstig geurteilt. Der Spanier lavierte, wie seitens der Geretteten behauptet wird, planlos umher, ließ auch ein Boot zu Wasser war aber froh, als er es wieder einge- holt batte, und dampfte von dannen, ohne sich weiter um das Schicksal der Schiffbrüchigen zu kümmern. Da jede Möglich­keit ausgeschloffen ist. daß noch mehr Seeleute aerettet wor­den sind, sind 27 Alaun der Besatzung des „Oklahoma" er­trunken.

Ein eigenartiger Selbstmord. New Dort. 10. Januar. Am 19. Dezember fand man in Berwick im Staate Pensil- vanien die Leiche eines Deutschen namens Lichtenfels. der in guten Vevmögensberhältniffen lebte. Die polizeiliche Unter­suchung ergab, daß Lichtenfels sich für 30 Dollar einen .Mann gemietet hatte, um sich erschießen zu lassen. Lichtenfels war lebensmüde geworden und hatte sich entschlossen, aus dem Leben zu scheiden. Er war iedoch zu religiös und konnte einen Selbstmord nicht mit seiner Auffassung von einem WeiterlÄben im Jenseits vereinigen, Uni über solche Gewissensbisse hin- wegznkommen, mietete er sich in einer Kneipe der Stadt einen Mann, der ihn gegen Entgelt erschießen würde. Der Mörder konnte bisher noch nicht festaenommen ivevden.

Stnrmwcllen decken Geheimnisse auf. New D o r k, 9. Januar Die gewaltigen Wellen, die der Orkan an der Küste von New-Jerfey hervorrref. haben zwei Leichen ans Land geworfen und dadurch das geheimnisvolle Verschwinden zweier Personen aufgedeckt. In einem Falle handelte es sich um einen schrecklich verstümmelten Körper, an dem der Kopf ein Arm und ein Bein fehlten. Es war die Leiche des Fliegers Jewel. der bei einem Fluge spurlos verschwunden war. Sein Motor muß explodiert und dann der Apparat mit ihm ins Meer gestürzt sein, über das Verschwinden der anderen Per­son. Jessie Maccam. waren allerlei Gerückte im Umlauf. Sie gehörte zur reichsten, vornehmen Gesellschaft Brooklyns und man nahm an. daß sie sich in Europa befinde. Jetzt ivtrü ein unglücklicher Sturz ins Meer als Todesursache angerumwmen

Die Fabern-prozeffe.

Zum Sreispruch im Rsrrter-Prozstz.

Die Aufnahme des Urteils im Reichsland.

++ Straßburg, 10. Januar. (Erg. Drahtber. d „Wiesb. Tagbl.") Die Vevkundrgung des Freispruches von Oberst v. Reuter und Leutnant Schabt verursacht tiefe Bewegung und st e i g e r t die E r r e g u n q. Un­verständlich wird es allgemein gefunden — so berichtet der Korrespondent des „Berliner Tägtzbl." — wie das Gericht die Aussagen der Offiziere und eines Belastungszeugen, des Oberlehrers Brocke, höher ein schätzen konnte als^ das objektive Urteil der Justiz- und Zrvilbehdrden. ^>n Saale nahmen derOberst und der Verteidiger dre OH u et wünsche der Gene­rale entgegen. Eine ganze Bloche hat man gebraucht, um diesen Prozeß zu fuhren, und das Urteil lautet so, wie man es vom ersten ^-ag an rm Volke erwartet und befürchtet hat. Die Aufnahme des Urteils wird in ganz Elsaß-Lothringen di« allerun- günstigste sein und der Landtag wird nächstenDiens- ta,g das Sprachrohr des delermgten, aber ohne Sühne bleibenden Volkes werden. Nur einen Vorteil hat . der Prozeß gebracht: Die Vsvhanolung hat aller Welt ge­zeigt, daß ein solches System nicht länger beibehalten werden darf. Der Oberst leibst ist durchaus ein Ehremnann, in seiner Art ern einheitlicher und ganzer Charakter, aber im modernem bürgerlich-demokratischen Verfassungsstaat ist seine Auffassung unerträglich. Diese alle Rechtssicherheit einfach abschaffende Auffassung aber ist die herrschende iw Murtar und durch das Urteil des Kriegsgerichts sanktioniert. Dies muß allen, die noch einen Sinn für Recht und gesetzliche Bürgschaft, haben, m entschlossenem Kampf« g,egen solche Zustände zusammenführen.

Die Begründung des Urteils.

wb. Straßburg, 10. Januar. Die Begründung des Urteils, die vom Verhandlungsleiter vor Bekanntgabe des Urteilstenors - verlesen wurde, verbreitet sich zu­nächst in großen Umrissen unter chronologischer Schil­derung der Vorgänge in Zabern. Zunächst werden die einzelnen Fälle, Belästigungen und Beschimpfungen von Offizieren, die Steinwürfe und Ansammlungen auf der Straße und die Ungenügendheit der Polizei festgestellt, ebenso die Verhetzung des Zaberner Publi­kums durch der; „Zaberner Anzeiger", dessen Artikel

sogar auf der Straße angeschlagen wurden. Dann kamen die beleidigenden Zurufe und Rufe wie „Viva In France" und „Merde la Prusse", wie durch Zeu­gen sestgestellt wurde. Es kann keinem Zweifel unter­liegen, daß alle diese Ansammlungen und Zurufe den­selben Zweck hatten. Gegenüber den Bekundungen der Zaberner Zeugen aus dem Richterstande, die angaben, von einer Ansammlung nichts gesehen und Johlen nicht gehört m' haben, betont das Urteil, es sei nicht ausge­schlossen, daß diese positiven Wahrnehmungen den Juristen entgangen sein möchten, da ja auch Pausen in dem Rufen lind Pfeifen eingetreten seien.

Dis Vsrufungsverhandlung gegen Leutnant v. Sorstner.

wb. Straßburg, 10. Januar. (Eig. Drahtber._ d. „Wiesb. Dagibl.") Im weiteren Verlause der (bereits im gestrigen Abendblatt gemeldeten) Verhandlung gegen Leutnant v. Forstner gab Oberst v. Reuter als Zeuge die Erklärung ab, daß er seinen Offizieren unter Hinweis auf die Instruktionen über den Waffen- gobrauch den strikten Befehl erteilt habe, keiner- lei Beleidigungen zu erdulden und im Notfälle die Waffen zu gebrauchen.

Die Beweisaufnahme ergab im übrigen das gleiche Bild wie in der ersten Verhandlung. Es wurde festgestellt,

daß der Schuhmacher Blank, ein äußerst kräftige) Mensch, von vier Leuten festgehalten war, sich dann aber von zweien losriß.

Leutnant v. Forstner erklärte, er habe damit rechnen müssen, daß der Schuhmacher Blank, der bei seiner Festnahme dem Fahnenjunker Wiß zwei _ Schläge ver­setzt habe, auch ihn schlagen würde. Einem Schlage aber hätte er unter allen Umständen Vorbeugen müssen, denn nach geschehener Tat wäre das Ehrenkleid der Armee geschändet und sein Verbleiben in der Armee ausgeschlossen gewesen. Der Anklagevertreter beantragt darauf Freisprechung, dementsprechend auch das Gericht . (wie bereits gemeldet) ein frei­sprechendes Urteil fällte.

Die Urteilsbegründung.

wb. Straßburg, 10. Januar. Die Urteilsbegründung im Prozeß Forstner stützt sich auf § 53 des Reichs­strafgesetzbuches, betreffend Notwehr. Das Gericht hat anerkannt, daß der Schuster Blank tatsächlich den Aus­druck: „Warte, Jung, du wirst gemetzt!" gebraucht hat. Der Fahnenjunker Wiß, der den Ausdruck hinter sich vernahm, drehte sich um und sah einen Mann, der in die Tasche griff, als wolle er ein Messer hevmrszichen. Er habe diesen Mann mit Bestirnmcheit als den Schuster Blank bezeichnet, da kein anderer in Frage kommen könne, da eine zweite Person nicht da war. Leutnant v. Forstner konnte annehmen, daß Blank sich auf ihn stürzen wolle. Notwehr lag in vollem Um- fange vor. *

pressestimmen.

# Berlin, 10. Januar. (Erg. Drahtber. d. „Wiesb. Tagbl.") Die Berliner Abendblätter beschäftigen sich heute eingehend mit dem Straßburger Urteil in dem Prozeß gegen den Obersten v. Reuter und Leutnant Schadt. Blätter libe­raler Parteirichtung betonen mit Recht, daß nicht die Person der Angeklagten durch den Freispruch getroffen ist, sondern das System, und daß dieses sich auch durch die letzten Ver­handlungen als unhaltbar erwiesen hat. — Die „B o s s. Z t g." schreibt: Mit dem heutigen Urteil kann der „ganzs Spektakel von Zabern" nicht abgetan fein. Es wird unum­gänglich sein, für die Zukunft den nötigen „Kontakt" zwischen Zivil- und Militärbehörden herzustellen, und die Zuständig­keiten in einer dem heutigen Recht und Rechtsgefühl ent­sprechenden Weise genau abzugrenzen, insbesondere aus der Dienstinstruktion die Kabinettsorder von 1820 auszumerzen und neben der Autorität des Militärs den Rechtsschutz der Bevölkerung ausreichend zu verbürgen. Man wird auch gut tun, der Eigenart der Bevölkerung Rechnung zu tragen, um nicht überall die gleiche Schablone anzuwenden. — Das „Berl. Tagebl." erklärt, daß mit solchen Ungesetzlich­keiten, wie sie die alte Kabinettsorder darstelle, endlich reiner Tisch gemacht werden müsse. Für das umfassende Reichs­militärgesetz habe man bisher keine Zeit gehabt. Vom Reichstag müsse man nunmehr erwarten, daß er dem Straß­burger Urteil die unerläßliche Korrektur hinzufügt, indem er die Handhabe, deren der gutgläubige Oberst sich bediente, die ungeheuerliche staatsfeindliche, alle gesetzliche Sicherheit auf- hebende Kabinettsorder aus den Tagen des duukelsten Abso­lutismus, für rechtsungültig erklärt. — Der „B örsen- kurier" schreibt: Wenn das Kriegsgericht der 39. Division in Straßburg geglaubt hat, mit diesem Urteil und ferner Be­gründung dem verletzten Rechtsgefühl im deutschen Volke Genüge zu leisten, wie man annchmen muß, so wird damit nur ein weiterer Beweis dafür erbracht, wie weit die im Militärverhältnis stehenden Personen den rechtlichen Kämpfen und Zielen der überwiegenden Mehrheit des deut­schen Volkes verständnislos gegenüberstehen.

Die konservative und alldeutsche Presse bricht natürlich in ein Triumphgeschrei wegen des Freispruchs aus. — Die „P o st" jubelt. Moralisch verurteilt ist die Zivilver- ivaltung von Zabern und darüber hinaus. Erhobenen Hauptes kann Oberst v. Reuter und sein Leutnant den Gerichtshof ver­lassen. Die Zivilgewalt bleibt auf der Anklagebank. — Im ähnlichen Sinne spricht sich die „K r e u z z e i t u n g" auS. Man wird dies Urteil als ebenso erfreulich !vie gerecht be­grüßen. Es ist geeignet, die Beunruhigung, die durch das Urteil gegen den Leutnant v. Forstner in weiten Kreisen ent­standen war, zu dämpfen. — Die „T ägl. Rundschau" behauptet: Die Gründe für das völlige Versagen der Zivil- Verwaltung lagen an dem vollkommenen Mangel an Staats- gefinnung der elsässischen Beamtenschaft, der eng zusammen- hing mit dem Wesen der Elsaß-Lothringer, vom Reich immer mehr Freiheiten und Rechte zu fordern, ohne selbst den ernsten Versuch zu machen, sich dem Reich zu nähern. — Die^„Drut­sche Tageszeitu ng" behauptet, cs habe in Straßburg ein System vor Gericht gestanden, aber nicht das „bewährte" militärische System, sondern das der unverantwortlichen Zuchtlosigkeit bei regierten und mangelnden Energie bei regie­renden Kreisen in den ReichÄanden; das rohstem einer Ab­änderung der notwendigen Begrifft von Zucht, Ordnung und