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Sonntag- 11. Ianuar 1914.

Deutschlands wirtschaftlicher vorteil in Serbien.

(Von unserem Wiener Korrespondenten.)

HW. Wien, 9. Januar.

Österreich hat im verflossenen Balkankriege sein wirtschaftliches Übergewicht am Balkan v e r - 1b ieit. An die Stelle der Türkei, die einer der besten Abnehmer der österreichischen Jndustrieerzeug- Nstse war, sind Staaten getreten, die teils ihre politische Gegnerschaft zur Habsburgischen Monarchie auch «ruf das wirtschaftliche Gebiet übertragen, teils aber in llnanzieller Abhängigkeit von anderen Staaten sind und daher auch wirtschaftlich nach dieser Richtung hin- neigen. Die Spekulation des Grasen Berchtold auf die Annäherung Bulgariens, die schon Volitisch so merkwürdige Früchte getragen bat, ist auch w wirtschaftlicher Beziehung s e h l g c > ch lagen. Bulgarien, das finanziell vor dem Siaatsbantsrott steht, braucht dringend Geld. Bekommt es sein Anlehen in Frankreich, wird es seine industriellen Bestellun­gen ebenfalls dort machen, schließt cs sein Anlehen mit Deutschland ab,- wird es auch seinen industriellen Be­darf dort decken. Griechenland hat auch bisher leine Artilleriebsdürsnisse in Frankreich gedeckt. Jetzt werden auch noch Eisenbahnbestellungen hinzukommen, die für den Ausbau der lhessalisch-mazedonischen Ver­bindungsbahn notwendig sind. In Serbien aber besteht, wenn auch kein ausgesprochener, so doch ein tatsächlich vorhandener B o y k o t t der österreichischen Waren, Volk den handelspolitischen Verhandlungen Zwischen Österreich und Serbien, die schon im Novem­ber hätten begonnen werden sollen, ist es wieder sehr still geworden und es ist offenkundig, daß Serbien diese Verhandlungen hinausziehen will, bis es alle seine staatlichen Lieferungen anderwärts vergeben hat, um keinerlei Kompensationen geben zu müssen. Erst vor ganz kurzer Zeit hat Serbien eine große Schienen- lieferüng an Frankreich vergeben, obwohl die kon­kurrierenden österreichischen Gesellschaften wesentlich billigere Offerten gestellt hatten. Dasselbe dürfte der Fall sein, wenn Serbien an den Bau der Donau-Adria- Bahn schreitet. Die Orientbahn frage ist voll­kommen versumpft und nur das eine sicher, daß Ser­biens Wunsch nach Verstaatlichung dieser Strecke nicht in Erfüllung gehen wird. Die politische Spannung zwischen Wien und Belgrad hat seit Abschluß des Bal- kankricges eher zu- als abgenommen, es ist selbstver­ständlich, daß bei einem so fanatischen Volke, wie . es die Serben sind, diese politischen Reibungen auf wirt­schaftlichem Gebiete zu Repressalien führen und daß Österreich die unglückselige Politik des Grafen Berchtold u. a. auch mit dem gänzlichen Verluste seines bisher 46 Millionen jährlich betragenden Exportes nach Serbien bezahlen wird.

An Österreichs Stelle in SeMen tritt sichtbar Deutschland. Es ist ganz offenkundig, daß die Bestrebungen der -deutschen Industrie, die durch den Balkankrieg hervorgerufene Neugestaltung für die

Nachdruck verboten.

Das Selbstportrait.

Bon Heinrich Leis (Wiesbaden).

Als rch die weiten, hallenden Säle der Gemäldegalerie durchschritten, wandte ich mich um und blieb wieder vor dem Bilde stehen. Was ich ringsum sah, Werke der verschiedensten Schulen, scharf von Linien umrissene Körper, weich vcr- schwimmende Form und Farbe, Menschen oder Statur er­müdete mich und ließ mich teilnahmslos lveiterschreiten. Es dämmerte schon. Am Eingang, wo der Wärter saß, brannte ein mattes Licht. Ich hatte meinen Nerven wohl zu viel zu- genilltet an diesen: Tag, und war in jener seltsamen Stim­mung, wo zahlreiche, ganz verschiedenartige Eindrücke durch- einanderfließen, den Sinn für das Tatsächliche verschieben, und in ihrem spielenden Hin und Her, halb ohne unseren Willen, merkwürdig unscharfe Bilder erzeugen. Dazu kam noch das Halbdunkel des Saales, das die Töne der Farben mit einem Schein von Leben aus dem Rahmen hob.

Jenes Bild aber, das ich vorher schon lange betrachtet. Zog meine Aufmerksamkeit von neuem an. Vielleicht, weck ich den Maler, dessen Selbstportrait cs darstellte, seit Jahren kannte, lind zweifellos war es ein Meisterwerk, wie mir schien, das beste im Saal. Ich fand in den Angen den schroffen, ungeselligen Zug wieder, das verschlossene, mißtrauische Wesen. Und doch auch den unbefangenen Blick, der von enger, kindlicher Freundschaft zu reden wußte, von rührender Offen­heit zu dem, der einmal daS Glück hatte, dem seltsamen Manne näherzutreten.

Er war mir außerordentlich zugetan in den Jahren, die unserer ersten Bekanntschaft folgten, bis er, unbefriedigt, doller Pläne und Erwartungen, in die Fremde grng. Er schrieb mir oft seitdem, und ich war stets vertrant mit allem.

Morgen-Ausgabe.

Steigerung ihres Warenabsatzes auszunützen, von der serbischen Regierung begünstigt werden. In Belgrad ist bereits Berlin Trumpf. Die Kaufleute empfehlen ihre Waren alsdeutsche Erzeugnisse", in den Kaffee­häusern werden von Tag zu Tag mehr deutsche Blätter aufgelegt, die serbischen Zeitungen, die früher hauptsächlich die Wiener Blätter übersetzten, zitieren jetzt immer mehr die deutsche Presse, zur Re­organisation der serbischen Post wurde auch ein Experte ans Deutschland berufen, die deutschen Handelsreisen­den sitrd gern gesehene Gäste. Dir. Schlieben ist infolge Betreibens von Wien zwar nicht mehr deutscher Konsul in Belgrad, erlist aber dort geblieben und tritt nunmehr an die Spitze der neugegründeten S e r- bischen D i s k o n t g e s e l l s ch a s t, für die _ er in Deutschland .Kapital ausgebracht hat. Er ist nicht _ in letzter Linie durch das Auftreten Österreichs gegen ihn bei der serbischen Regierung persona gratissima und eine der seste st e n Stützen für die Verbrei­tung der deutschen Industrie-Erzeugnisse in Serbien. Es fehlt daher in der österreichischen Presse nicht an A n griffe n gegen ihn, wobei er n. a. auch beschul­digt wird, mit den zahlreichen österreichfeindlichen ser­bischen Blättern in .Belgrad unter einer Decke zu stecken und den Boykott österreichischer Waren zu betreiben. Tatsache ist, daß Serbien den größten Teil seiner Munition, Waffen, Maschinen, Metallwaren aus Deutschland bezieht, daß Deutschland aller Wahr­scheinlichkeit nach auch bei den Lieferungen zu den zahl­reichen geplanten E i s e n b a h n b a u t e n in Serbien berücksichtigt werden wird und daß es, Belgrader Be­richten zufolge, nicht ausgeschlossen ist, daß die Er­neuerung der serbischen Artillerie durch Krupp dnrchgeführt wird, während bisher die Creuzot-Werke der Lieferant waren. Die Berliner Firma Julius Berger hat die Konzession sür die mit deutschem Gelbe zu erbauende Linie U e s k ü b - M o n a st i r er­halten, von wo die Linie zum Ochrider See weiterge- führt werden soll. Deutsches Kapital arbeitet eifrig in Serbien: das große Kohlenbergwerk beiGewgheli geht in deutschen Besitz über, mit deutschen Gelbe er­baute Fabriken entstehen, in Belgrad ist die Errichtung eines deuffchen H a n d e l s b u r e a u s im Zuge. Diese wirtschaftliche Betätigung Deutschlands in Serbien wird noch z u n e h m e n, sobald die Tätigkeit des n-eu- gegründetn deutschen B alkan expo rt- Ver­ein e s ihre Früchte tragen wird. Stellt man dem- gegenüber, daß Österreich, welches bisher fast aus­schließlich industriell in Serbien dominierte, nicht ein­mal die Aufrechterhaltung der bisherigen drei öster­reichischen Konsulate in Mitrovrtza, Uesküb und Prizrend erreichen konnte, daß die nnt österreichischen Gelbe ar­beitende Bank Andrej,evic u. Cre, rn Belgrad die ein­zige von den Belgrader Großbanken ist, die leine Konzession für die Errichtung einer Filiale in den neuerÄerten serbischen Gebreten erhielt, daß die öster­reichischen Konkurrenten der staatlrchen Lieferungen, obwohl sie nachweisbar die billigsten Offerten stellen, systematisch und .konsequent übergangen werden, daß die Lsterreichiscyen Handelsreisenden in

was er in seinem Inneren bewegte. Er schrieb mir von Freuden und Enttäuschungen seines schweren Künstlertums, das ihn ganz erfüllte und ferne beste Kraft aufsaugte. Aber immer mehrten sich seine Klagen, seine Zweifel, ob er ern wirklich Berufener sei oder nur ein Dilettant ohne Schöpfer­kraft, der sein Leben einem verfehlten Ziel opferte, während neue. Werke, die mir zu Gesicht kamen, mich immer wieder durch die schaffe, geschlossene Komposition, die bunte, lebens­volle Abtönung der Farben und das meisterhafte Beherrschen der Form in Bewunderung versetzten.

Wenn er über Mutlosigkeit klagte, über menschliche Schwäche und die Unmöglichkeit restlosen Ausdrucks dgr Ge­fühle, von seinem Bangen vor dem Ende, das ihn ereilen möchte, ehe er sich selbst gesmnmelt, und bag ihm doch Erlösung scheine aus dem Gewirr zielloser Wege so schrieb ich das alles einem Nervenleiden zu, über das er mir ebenfalls msi- geteilt und das ihm wohl sein ruheloses, unermüdliches Schaffen zugezogen haben mochte. Agg Gedanken, die ihm gegolten, fanden sich in meiner Erinnerung wieder ein, wie ich in die unergründliche Tiefe der schwermütigen Augen sah. Von wie viel Kämpfen verriet das bleiche Pergament der Wangen, verrieten die R>lnzeln um den Mund und ans der Stirn'

Die Galerie war fast leer; ganz i n der entferntesten Ecke des Saales stand ein breitgebauter, behäbiger Mann, ein Aus­länder offenbar, der mit kritischem Blick und unermüdlicher Geduld auf ein ganz zerfließendes Farbenchaos starrte. Er hielt einen dickleibigen Führer krampfhaft in der Hand, in dem er blätterte; sein Augenglas erhob er bald mit impera­torischer Geberde aus den Rücken seiner breiten, stumpfen Nase, bald drehte er es überlegend zwischen den Fingern. Ich sah ihm zu und lächelte ein wenig. Der interessierte Eifer des Fremden mußte belustigend wirken. Wie ich mich zum Gehen wandte, streifte mein Blick noch einmal, ganz zufällig, das

Nr. 17. » 62. 3KhrKKNg°

ganz Serbien auf verschlossene Türen stoßen, so ist es evident, daß Österreich den serbischen Markt end­gültig verloren hat und daß an dieser Tatsache auch Handelsverträge kaum mehr etwas ändern können. In dem Schuldkonto des Grafen Berchtold nimmt dieses Blatt nicht die letzte Stelle ein. Deutschland hot dadurch ein neues wirtschaftliches Betätigungsfeld ge­wonnen, das es nicht unausgenützt lassen darf.

Brauchen wir Religion?

Sonntagsbetrachtung von Pfr. Encke in Sinn.

Brcurchen wir Religion oder kommen wir auch ohne sie aus? Diese Frage hat die Menschen schon vielfach beschäftigt und taucht immer wieder von neuem auf. Man hat bisweilen gemeint, je größer der Fortschritt in der wissenschaftlichen Erkenntnis sei, desto mehr schiene die Religion den Menschen eine überflüssige Sache zu sein. Noch zu keiner Zeit haben die Natur­wisse n s ch a f t e n solch riesenhafte Fortschritte ge­macht Wie in der nnsrigen, die Technik hat nie solche Triumphe gefeiert wie heutzutage, und trotzdem ist gerade in unserer Zeit das religiöse Interesse größer denn je. Das wäre an und für sich nicht wun­derbar, denn der Mensch ist von Statur für die Reli­gion veranlagt, wenn auch diese Anlage nicht bei jedem Menschen gleich stark Vovhanden und entwickelt fft. Wenn nun aber tatsächlich bei vielen Tausenden das religiöse Interesse geschwunden ist, so hat diese Er­scheinung hauptsächlich darin ihren Grund, daß diesen Menschen die Religion nicht mehr auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen scheint. Wäre dies bei der Reli­gion wirklich der Fall, dann hätte sie tatsächlich ihr Daseinsrecht verwirkt. Daneben aber erkennen ebenso­viel andere mit Freuden, daß gerade die Religion mit beiden Füßen in der Wirklichkeit drinsteht und durch ihr Vorhandensein das Leben erst lebenstvert macht, weil sie die Menscheii einen Sinn des Lebens ahnen läßt. Die Menschheit, soweit sie vom Christentum be­einflußt war, hatte sich durch lange Jahrhunderte hin­durch daran gewöhnt, die Relegiorl als eine Sache an- zuschen, deren Hauptzweck sei, bcn Menschen in die Ferne zu weisen, und den Schwerpunkt des Lebens in eilt Jenseits verlegte, demgegenüber das Diesseits mit seinen Freuden und Leiden, seinen Kämpfen und Ar­beiten fast völlig zurücktrat oder höchstens dadurch seinen Wert bekam, daß es dem Menschen Gelegenheit gab, sich die nötigen Garantien für die Aufnahme in das Jenseits zu verschaffen. Noch heute fassen recht viele Menschen die Religion so auf, als ob sie bloß dem Menschen die Bedingungen Vorhalte, von deren Er­füllung es abhinge, ab erin den Himmel kommt" oder nicht. Das könnte man ja nun schließlich gelten lassen, wenn dabei nicht leider vielfach die Hauptsache vergessen würde, nämlich die Bedeutung der Religion sür das diesseitige Leben und wenn jene Bedingungen nicht der Art wären, daß ihre Erfüllung für viel« schon des­halb eine Unmöglichkeit bedeutet, weil inan da allerlei glauben, d. h. für wahr halten und annehuren müßte,

Bild. Seltsame Täuschung des. Dämmerlichtes mir lvar, als habe der charaktervolle Kopf leicht den Mund bewegt. Ich trat zurück und sah scharf auf das Portrait. Es lag in jenem Reize halben Lebens, den das Helldunkel toten Gegenständen verleiht. ew hatte den Eindruck, etwas müsse geschehen, der Kopf müsse zu mir reden. ... Die Falten um den Mund schienen noch tiefer, und das kastanienbraune Haar lvar von ein paar ü'äden silbernen Graues durchzogen. Mir war cs r- tC r-* ~ r ;2 lltn - Bor die Stirn des Bildes glitt ein dunkler, länglicher schatten; ein roter Tropfen quoll über den fleisch­farbenen Ton des Kopfes, knapp oberhalb der Brauen, und ran langsam, ganz langsam die Wange herab. Ich stand verstört. .Alles ivar nur ein Spiel der Dämmerung, zweisel- i 0 ;' Erfindung meines Gehirns, meiner Nerven, ein Werk seltsamer Reflexe. . . .

Der Wärter trat zu mir und forderte mich zum Gehen auf; es sei Zeit, die Säle zu schließen. Er mochte wohl er­staunen über nreiue Blässe und Aufgeregtheit. Ich schloß die Augen, vom plötzlichen Schein seines Lichtes geblendet. Und daun, in gewaltsamer Fassung, sah ich nur noch den herben, strengen Kopf, wie er mir erst erschienen; den roten Fleck, den mir daS Düster vorgetäuscht, ließ das gelbliche Licht der Laterne nicht mehr erkennen.

Ein wenig ruhiger machte ich mich auf den Heimweg; das Erlebnis ging mir nicht aus dem Sinn, so sehr ich mich selber einer grundlosen Torheit schalt, und mischte sich, noch vergrößert und beängstigend, in meinen Schlaf. Anderen Morgens, beim Frühstück, blätterte ich in der Zeitung; da fiel mein Auge auf die Nachricht vom Selbstmord eines jungen, sehr vielversprechenden Malers, der offenbar in nervöser Überreizung oder, wie man sagte, aus Verzweiflung über ein unheilbares Leiden Hand an sich legte. Ich las und verstand. Er hatte sich in einem seiner Anfälle von Schwermut durch die Schläfe geschossen.