Seite 2._Morgen-Ausgabe, 1* Blatt. ^ßw&bü.bsU£V Ifogfrllttte Freitag, N. Januar 1914. Nr. 13.
mit den wichtigsten (gewerblichen) Waren chres Verbrauchs versorgt. So verschieden beide in ihrer ganzen technisch-wirtschaftlichen Signatur sind, so einheitlich und übereinstimmend ist die Tendenz der Konjunttur- gestaltung, die aus ihren Berichten spricht. Im Kohlenbergbau starte Einschränkung der Erzeugung (Hand in Hand damit zwar keine einschneidenden Preisermäßigungen, aber L o h n kn r z u n g e n). In der Eisen- und S t a h I i n d u st r i e Auftrags- vevmindevung, Feierschichten, Preisschleuderei. Und aus der anderen Seite im Detailhandel starker Rückgang der Umsätze (den besonders die großstädtischen Warenhäuser aufs empfindlichste zu spüren bekommen), in der Konfektion überfüllte Läger, die verramscht werden müssen, in der Textilindustrie Mangel an Bestellungen, der zu Betriebseinschränkungen zwingt.
. Man mag mit Genugtuung feststellen, daß diesem Niedergang besonders brüske Begleiterscheinungen — wie Kreditkatastrophen großen Stils — bislang fehlen. Aber die Krisenfolge, die die schlimmste ist, weil sie am tiefsten eingreift und sich am breitesten fortpslanzt, die Arbeitslosigkeit, hat sich längst in bedenklichem, ja erschreckendem Maße eingestellt. Die Arbeitslosenzisfern der Gewerkschaften, die immer noch das zuverlässigste Material zur Beurteilung des Arbeits- marites darstellen, sind (wenn man von den üblichen Saisonschwankungen absieht) einen Monat um den anderen gewachsen. In den großen Zentren, in Berlin, -Hamburg, München, Breslau, wo der Avbeitsmarkt ja regelmäßig etwas übersetzt ist, schwellen die Feiernden zu mächtigen Scharen an. In Berlin hatten die freien Gewerkschaften Mitte November eine Zählung veranstaltet, bei der sich ergab, daß sich bloß in ihren eigenen Reihen (Anders- und Unorganisierte also unberücksichtigt gelassen) rund 25 000 Arbeitslose befanden. Seither soll die Zahl auf etwa 30 000 gestiegen sein. Dabei machen die freigewerklich organisierten Arbeiter noch nicht ein Drittel der gesamten Berliner Arbeiterschaft aus. Am stärksten ist die Erwerbslosigkeit natürlich (abgesehen vom Baugewerbe selbst) in den Hilfsindustrien des Baugewerbes; allen voran in der Holzindustrie. Aber auch bei den Metallarbeitern Lnd die Ziffern sehr ungünstig, bei den Textilarbeitern ist die Arbeitslosigkeit dreimal so groß wie im Vorjahre (und fast noch bedeutsamer ist natürlich der Verdienstausfall durch die Feierschichten und -tage, von denen in den Jndustvieberichten vielfach die Rade ist). Der Avbeitsmangel hat in ganz empfindlichem Maße auch die Angestellten getroffen; Handlungsgehilfen, Bautechniker, auch Konstrukteure und Zeichner sind und werden in großer Zahl stellenlos und die Angestellten- verbände, die diese Einrichtung besitzen, müssen von Monat zu Monat steigende Summen für Stellenlosen- unterstützung auszahlen.
Es liegt in der Natur der Dinge, daß man, wenn es einem schlecht geht, für nichts mehr Interesse hat, als für die Aussichten auf Besserung. Darum beschäftigen etliche Erscheinungen, zu denen inan das Ver» trauen hat, daß sie der Wendung nach oben eine trag- fühige Grundlage bieten könnten, die öffentliche Aufmerksamkeit sehr lebhaft. In erster Linie wird da der außerordentlich günstige Stand unseres Zentvalnoten- instituts, der Reichsbank, hervorgehoben. Die Stärke der Reichsbanksitnation beruht einmal auf der Vermehrung des Goldvorrats, die auf die fin Vergleich zum Import sehr stark gesteigerte Warenausfuhr und auf den etwas forcierten Ersatz von Umlaufsgold durch kleine Banknoten zurückgeht, dann und vor allem aber auf der in den letzten Monaten eingetretenen Entlast u n g des Wechselportefeuilles um mehrere hundert Millionen Mark. Der sähe Absturz der Portefeuilleziffern ist nicht ganz von selbst erfolgt; die Großbanken,, die für die kommende Effektenkon- sunktur einen niedrigen Bankzinsfuß brauchen, haben ihn beschleunigt und gefördert, indem sie (unter merk- sicher Einschnürung der übrigen Anlagen) in ihren eigenen Tresors möglichst viel Wechselmaterial sammel- ten. Trotzdem wird der Reichsbankstatus nafiirlich auch weiterhin günstig bleiben, weil ja, die Liquidation der industriellen Hochkonjunktur inzwischen dauernd fort
geschritten ist. Allein billiges Geld ist Mar die Vorbedingung, doch nicht der Habel eines neuen Aufschwungs. Der kann erst kommen, wenn sich im Jn- und Auslande der Bedarf wieder mit kräftigem Rucke zu heben beginnt; und dazu braucht's erfahrungsgemäß nach jedem Höhepunkt, der die Produktionsfähigkeit scharf emporgeschraubt hat, längerer Rekon- valeszenz.
Biel Hoffnung setzt man auf die vortreffliche, deutsche G e t r e i d e e r n t e. Doch darf man auch diesen Faktor nicht überschätzen. Der Mehrerlös für die Landwirtschaft wird auf die allgemeine Konsumkraft nicht allzu lebhaft wirken, weil er in zu engem Kreise bleibt; nur die größeren' Landwirte sind bekanntlich erheblich am Getreideabsatz beteiligt. Wir sind nun einmal kein Farmerland, wo alles floriert, wenn nur viel Korn gewachsen ist. Die Preisern: ä ß i g u n g, die die guten. Erträge bringen und teilweise schon gebracht haben (und die sich noch steigern wird, wenn Rußland seinen Plan eines Kompensationszolls gegen die deutschen Einfuhrscheine wirklich ausführt) wird allerdings teils als Verarbeiter- und Händlergewinn, teils als Konsumersparnis — in der ganzen Breite der Volkswirtschaft fühlbar. Fragt sich nur, ob sie groß genug sein wird, um einem erheblich erhöhten, Jndustriegüterverbrauch Raum zu schaffen. Zunächst totrö ja — das ist bei der seit Jahren herrschenden Teuerung ganz selbstverständlich — ein Preisfall der Lebensmittel dazu verwandt werden — mehr Lebensmittel zu kaufen.
Deutsches Reich.
* Die Kabinettssrder vom 17. Oktober 182V, auf die sich Oberst v. Reut er in seiner Rechtfertigungsrede vor dem Kriegsgericht berief, ist abgedruckt in der Vorschrift über den Waffengebrauch des Militärs und seine Mitwirkung zur Unterdrückung innerer Unruhen. Sie lautet: „Zur Unterdrückung innerer Unruhen und zur Ausführung der Gesetze sind aber die Militärbefehlshaber auch ohne Anforderung der Zivilbehörde selbständig einzuschreiten befugt und verpflichtet, nämlich a) wenn bei der Störung der öffentlichen Ruhe durch Ausschreitungen der Militärbefehlshaber bei Beobachtung des Auftritts nach Pflicht und Gewissen findet, daß die Zivilbehörde mit der Anforderung um militärischen Beistand zu lange zögert, indem ihre Kräfte nicht mehr zureichen, die Ruhe herzustellen; st) auf Wahrnehmung des richtigen Zeitpunktes zum Einschreiten hat der Militärbefehlshaber in jedem Fall sein besonderes Augenmerk zu richten. Sobald aber der Zeitpunkt des selbständigen Einschreitens gekommen ist, gehen auch alle Anordnungen zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung allein von ihm aus und die Zivilbehörde hat sich denselben zu fügen, bis die Ruhe wiederhergestellt worden ist.
* Die Neuausprägung von Silbermünzen. Noch in diesem Monat wird dem Bundesrat eine Vorlage zugehen über die Neuprägung von Silbermünzen, und zwar von Stücken im Werte von 3, 2 und 1 Mark. Trotz reichlicher Prägungen in den vorhergehenden Jahren hält die vermehrte Nachfrage nach Silbermünzen an, was aus den zurückgehenden Beständen der Reichsbank ersichtlich ist. Die im Münzgesetz vorgesehene Quote von 20 M. auf den Kopf der Bevölkerung ist noch nicht erreicht; sie stellt sich vielmehr gegenwärtig nach dem Stand der Bevölkerung vom 1. Dezember 1910 auf rund 17 M. Im vergangenen Jahr sind an Silbermünzen für 20 Millionen Mark geprägt, und zwar 15 Millionen in Dreimarkstücken, 3 Millionen in Zweimarkstücken und 2 Millionen in Einmarkstücken. Außerdem wurde die Prägung von Fünfmarkstücken im Betrage von 20 Millionen Mark vom Bundesrat beschlossen. Es waren seit dem Jahre 1909 als Folge der Ausprägung der neuen Dreimarkstücke keine Fünfmarkstücke mehr geprägt; da aber die Industrie für ihre Lohnzahlungen einen großen Bedarf nach Fünfmarkstücken hat, war die Neuprägung erforderlich. Im Jahre 1912 wurden für 80 Millionen Mark Silbermünzen hergestellt, darunter Dreimarkstücke für 21 Millionen, Zwei- und Einmarkstücke für je 4 Millionen. Fm Jahre 1911 erteilte der Bundesrat die Ermächtigung zur Ausprägung von Silbermiinzen im Werte von 40 Millionen Mark, davon entfielen 30 Millionen auf Dreimarkstücke und je 6 Millionen auf Zwei- und Einmarkstücke. Außerdem gelangten Stücke von einer halben Mark im Werte von 2y 2
Millionen zur Ausprägung. Der finkende Silberpreis vrm rund 85 M. für das Kilo Feinsilber, aus dem nach der Bestimmung des Münzgesetzes 200 M. in Silbermünzen ausgeprägt werden, ermöglicht einen ansehnlichen Überschuß aus den Prägungen für die Reichskasse, der bekanntlich zur Beschaffung der außerordentlichen Silberreserve verwendet wird. Insgesamt sind bisher Silbermünzen nach Abzug der wieder ein- gezogenen für 1,1 Milliarden Mark ausgeprägt gegen fckst 5 Milliarden Goldmünzen, 105 Millionen Nickelmünzen und 23 Millionen Kupfermünzen.
* Eine Zunahme der Berliner Gemeindeschulkinder ist zum erstenmal seit längerer Zeit im laufenden Winterhalbjahr zu verzeichnen. Nach dem amtlichen Bericht beträgt die Zahl der Gemetndeschulkinder 225 540 gegen 224 348 im Sommerhalbjahr 1913, also 1192 Kinder mehr. In den letzten . Jahren war eine kleine, aber stetige Abnahme der Schulkinder zu verzeichnen. Auf welche Ursachen diese Zunahme zurückzuführen ist, steht noch nicht fest; wahrscheinlich ist, daß sie der Bevölkerungszunahme in den Außenstadtteilen guzu- schreiben ist.
parlamentarische!;.
Neue Eingänge beim Reichstag. Dem Reichstag ist eine Bekanntmachung des Reichskanzlers zugegangen, in der die Übergangsbestimmungen für die hausgewerbliche Krankenversicherung nach der Reichsversicherungsordnung enthalten sind. Ferner hat der Staatssekretär des Innern statistische Zusammenstellungen über die Arbeitsverhältnifse im Bereiche der Reichsmarineverwaltung im Jahre 1912 überwiesen. Weiter liegt eine Anfrage des Zentrumsabgeordneten Br. Trendel vor, der die Vermutung ausspricht, daß im Herbst 1913 große Mengen Gerste als Futtergerste zu dem Gerstenzollsatz ohne Denaturierung abgefertigt worden sind. Der Abgeordnete fragt an, welche Maßnahmen der Reichskanzler zu treffen gedenke, um dieser Entgehung der höheren Verzollung Einhalt zu gebieten.
fjeer und §lotts.
Vier Brüder gleichzeitig bayerische Generale. Durch die zum Geburtstag König Ludwigs III. erfolgten Ernennungen tritt jetzt der in der deutschen Armee einzig dastehende Fall ein, daß vier Brüder zu gleicher Zeit der aktiven Generalität angehören. Es betrifft dies, wie dem „Lokalanzeiger" gemeldet wird, die Brüder Schoch. Der älteste, Generalleutnant Gustav Ritter v. Schoch, befehligt die 5. Division in Nürnberg, der zweite, Generalleutnant Albert Ritter v. Schoch, führt die 1. Division in München, der dritte, Generalmajor Emil Schoch, ist Brigadekommandeur in Augsburg und der vierte, Generalmajor Karl Schoch, solcher in Neu-Ulm.
über die Verdingung der Verpflegungsbedürfniffe des Heeres sind neue wichtige Bestimmungen herausgegeben worden. Hinsichtlich der Bezugsquellen ist bestimmt, daß in erster Linie Produzenten, landwirtschaftliche Genossenschaften, Bauernvereine usw., sodann möglichst solche ortsangesessene Geschäftsleute zu berücksichtigen sind, die mit den betreffenden Berpflegungsmitteln Handel treiben. Die Herbeiführung eines möglichst umfangreichen Wettbewerbs liegt im Interesse der Truppen. Wesentlich ist dann das Verbot der Verwendung ausländischer Fleisch- und Gemüsekonserven. Gemüsekonserven dürfen die Truppen auch unmittelbar von der Privatindustrie beziehen.
— Zur Brrlrgung drs dritten Geschwaders von Wilhelmshaven nach Kiel schreibt die „Neue politische Korrespondenz": Der Umstand, daß das dritte Geschwader nunmehr Kiel als Hauptliegehafen erhalten hat, ist, wie man wohl bestimmt annehmen darf, nicht auf strategische Rücksichten zurückzu- füfiren, Bisher waren wohl aus Rücksicht auf die Abmessungen des Kaiser-Wilehm-Kanals die größten Schiffe in der Nordsee vereinigt. Zu diesem Zweck hatte der Verband der Aufklärungsschiffe, der aus großen und kleinen Kreuzern besteht, getrennt werden müssen (große Kreuzer Wilhelmshaven, kleine Kreuzer Kiels, da für den ganzen Verband neben dem ersten und dritten Geschwader ldie beide aus Großkampfschiffen bestehen) in Wilhelmshaven nicht genügend Raum war. Jetzt ist es offenbar angesichts der forffchreitenden Erweiterung des Kaiser-Wilehm-Kanals möglich geworden, das dritte Geschwader nach Kiel zu verlegen. Dadurch fit in Wll- helmshaven Platz geschaffen, um den Verband der' Aufklärungsschiffe in einem Hauptliegehafen zu vereinigen, was natürlich im militärischen Interesse liegt. Der Begriff des Hauptliegehafens hat ja strategisch überhaupt nur bedingte Bedeutung, da die Teile der Hochseeflotte jederzeit marschbereit sind. Seine Bedeutung liegt darin, daß den Schiffen für ihre Ruhezeiten ein bestimmter Hafenplatz an-
gann zu malen! Allerdings nicht im landläufigen Sinne, nicht etwa in Wasserfarben oder Öl, sondern auf das Pflaster kreidete er in allerhand Farben zahllose Gemälde von des Daseins Leid und Freud mit heiligen und weltlichen Sujets, Landschaften voll Ritterromantik, Portraits von im Augenblick populären Politikern, Vollsaposteln, ganze Szenen aus aktuellen Melodramen, ganze Vorfälle aus der Tageschronik, Lloyd George und einen überaus beliebten Varietssänger kreidet er hin. Gar oft sind diese Bilder so voll rührender Naivität, daß wir ihm ohne Zaudern eine Münze m die hm- gehaltene Mütze werfen. So zaubert er auf die Prosa des Pflasters nächtliche Poesie. Auch er will sein Fest, sein Neujahr haben, und so umkreidet er alle Bilder mit dem obligaten Ätistelzweig und oft mit Reisig. Mit zittriger Stimme erzählt er unS, daß die Feicrtagsernte zwar hinter Sen Erwartungen geblieben sei, ihm aber doch nicht die gehobene Stimmung verderben könne. Ja, ohne diesen nächtlichen Maler scheint uns London ganz undenkbar. ...
Doch kehren wir zurück zu dem blendenden „Strand", zu der wilden Jagd der Lichtertransparente in Gold, Grün, Rot und Gelb. Wie sie von allen Seiten aufflammen! Wie sie Bovril, den bekannten Mimen und Manager Sir Herbere Tree und Jaeger-Unterwäschc gleichzeitig anpreisen! Wie sie auf unser fast schmerzlich berührtes Auge einstürmen! In ihrer ewigen Zirkulation, der ewigen Bewegung scheinen sie uns wie ein Symbol der nimmermüden Riesenstadt, der nimmermüden Londoner Nacht. . . . Und in das Tohuwabohu dieses Notturno Dringen die schmetternden, fast zur Raserei treibenden Mißtöne einer „handorgan", die von weihnachtsfreudigen, blutjungen Mädeln auf offener Straße umhüpft wird. Gar manche dieser Londoner Straßenkinder verblüffen uns durch ihre Gelenkigkeit, die eine Zukunft im Ballett verheißt. Endlos ziehen sich die schwarzen Ketten der Leute hin, die sich vor den Theatern und Music-Halls besonders jetzt zu Tausenden und Abertausenden anstellen. Da wird nicht gedrängt und gestoßen, alles wickelt sich in schönster Gemütlichkeit, in wahrer Feiertagsstimmung ab. Auf daß sich das
wartende Publikum nicht langweile, führen viele „Künstler" bereits vor dem Theater ihre Produktionen auf; als da sind: Akrobatenstücklein, Gesangsduette, Solodarbietungen verschiedener Instrumente, Unter ihnen gibt es auch „Rezitatoren" und sogar „Schauspieler", die sich mit den paar Pennys ein bescheiden Stücklein Brot verdienen können. Auch sie haben offenbar bessere Tage gesehen, haben einmal höherer Kunst gehuldigt.
Zuletzt führt ein Pärlein zum höchsten Gaudium der Zuschauer einen übermütigen Tango auf. Der Tango ist so aktuell, so up-to-date, eine solche Macht geworden, daß ihn wohl lange kein anderer Tanz ausstechen wird. Den Lon- donern ist er so in die Glieder gefahren, daß sie trotz der Abneigung der Queen Mary, dem Einspruch der Geistlichkeit, allem Puritanismus und aller Prüderie zum Trotz ihn mit einer unerhörten, echt unenglischen Leidenschaft lernen und tanzen- Das Zauberwort Tango erweist sich allüberall als zugkräftigste Reklame. Ihn tanzt man mit wahrem Feuereifer in den zahllosen Nachtklubs, die jetzt in und um den berühmten Leicester-Square gleich Pilzen aus dem Boden schießen. Die Londoner sagen, Leicester-Square, der Fleischmarkt, wäre der „kontinentalste" Platz der Weltstadt. In feinem märchenhaften Lichterprunk mutet er wie ein Ausschnitt aus „Tausend und Eine Rächt" an. Wie prachtvoll erschimmert die „Alhambra"-Mustc-Hall in den buntfarbigen Lampenketten! In grellroten Riesenbuchstaben flammt'an der Fassade „Tango" auf und verschwindet wieder. Hinter jenen mit Reisig geschmückten, verhängten Fenstern des Nachtklubs sieht man die Pärchen im Tango huschen. . . .
Man sperrt den Londonern die Restaurants Punkt halb nach Zwölf, auf daß sie ja recht brav und moralisch bleiben. So sind denn findige Geister auf die erlösende Einrichtung der „Nachtklubs" verfallen, die „Privat"-Cinrichtungen sind. Über diese Klubs zieht sich bereits dunkles Gewölk zusammen, den Puritanern werden sie mit jedem Tag mehr ein Dorn im Auge. . . . Sogar der Krüppel auf dem Pflaster nmlt den Tango in seinen armseligen Kreidefarben. Tangoplakatc und
Tangobretter führt der „Sandwichman" auf Brust und Rücken, „Tango! Tango!" brüllen die Boys und RÄlame- macher der Hotels. Der Tango überflutet noch den Ragtime!
Auf den großen braunen Wagen der „Tram" mit ihren Paris nachgeahmten Imperialen gleiten wir in Gesellschaft von Nachtarbeitern aller Art, Kanalräumern, Stratzenarbei- tern in Leder- und Cordhosen in das Herz der City zurück. »Uns eil«, des morts" hießen sie einmal die Pariser. Jetzt begreifen wir's! Die Stille der City, die wir sonst nur im Amcisengekrabbel des Tages kennen, macht uns förmlich Angst. Alles verriegelt, verrammelt. Uns ist, als wären wir in eine wildfremde Welt geraten. Hier und da wird sie von Wasserströmen überschwemmt, die sie von Staub des Tages säubern sollen. . Wo sind der City tausendfältige Geräusche, ihre tausendfältigen Leidenschaften? Nirgends ein einziges offenes Lokal. Stundenlang schleichen wir so durch die „Stadt der Toten", bis sich endlich eine gastliche Pforte auftut, eine von Lockharts entsetzlichen Wirtschaften, wo die Ärmsten der Londoner Bevölkerung sich durch ein Frühstück gegen Frost und Kälte stärken. Dort bekommen wir um einen Penny eine uns zu frischem Leben ausmunternde Tasse Tee. Der Beinlöffel, eher ein Klöppel zum Zerstampfen des einen Stückchen Zuckers, das wir miterhalten, ist an die Tasse gebunden, denn Lockhart hat mit den losen Löffeln böse Erfahrungen gemacht. . . .
Wir schreiten hinaus in die scharfe Luft. Ans dem leisen, fahlen Dämmergrau treten uns wieder die Umrisse des gespenstischen St. Paul-Doms entgegen. Wie melancholisch tönt der tiefe Glockenbatz herab! Nach und hach macht sich das eine und das andere Gefährt hörbar. Ein Trupp Polizisten zieht vorbei. Die Giebel und Türme von Ludgate Hill nehmen sich immer deutlicher aus. Der Morgen fängt allmählich an. Und das Märchen versinkt, die Prosa des Tages tritt in ihre Rechte. Eine schwindsüchtige Sonnenscheibe versucht hinter den steilen Dächern emporzusteigen und das graue, rußgeschwärzte Themsebahel ein klein wenig zu Le-, scheinen. ...
