feliatom TsMt.
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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.
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§reitag. 9. Ianriar 1914.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 13. » S2. Ishrgang.
Pfarrer und Presse.
Von Pastor a. D. Kötschke (Berlin).
. Ostpreußen hat sich eine recht sonderbare Lhus- wrache über die angebliche Kirchen- und Religionsfeind- uchkeit der Zeitungen entwickelt. Zunächst hatte sich m der Kreissyno.de ein Geistlicher in beweglichen Klagen über dieses Thenm ergangen. Als dann die Konigsberper Zeitungen die Angriffe abwehrten, antworteten einige hohe Geistliche mit verschärften Angriffen. Der Königsberg,er Generalsuperintendent Schütter sagte: „Der moderne Mensch ist ein Zeitungsmensch. Es Ware eine Wohltat, wenn eine Möglichkeit ge- schaffen würde, daß die Leute wöchentlich nur zweimal die Zeitung läsen. Früher war die Predigt die Zeitung, letzt ist die Zeitung die Predigt," Ähnlich äußerte sich der Geheime Konststorralrat Bock: „Wir leben in einer Zeit wo Massenherdenvieh gezüchtet wird, alles Schablonemnenschen, durch die Presse gemacht und die Umgebung. Wir Pastoren müssen leider die Zeitung lesen, aber sie ist Gift für das Volk."
In diesen geistlichen Äußerungen spricht sich eine Merkwürdige Verkennung der Bedeutung de'- Presse aus. Die Zeitung ist heute eine der wichtigsten Kultur- Mktoren, die es gibt, Herr Schöttler hat. ganz recht, wenn er sagt) heute sei die Zeitung die Predigt geworden^ Die Zeitung bringt täglich nicht nur Nachrichten bis m die fernste Hütte des letzten Gobirgsdorfes und ors zum ärmsten ostelbischen Katenbewohner, sondern vor allem auch Bildungsstoff. Sie bindet den einzelnen an.die große Welt und macht ihn bekannt mit allerlei Wissenschaften. Sie klärt ihn auf über die Dinge der Zeit und bildet für ihn von Jugend auf bis zu seinem Tode die wichtigste Nahrung seines Geistes.
Der Redakteur, der sich der Bedeutung seines Berufes bewußt ist, fühlt sich tatsächlich als eine Art von Prediger. Er totlf die Menschen zusammen mit anderen Faktoren erziehen und voranbringen. Er will sie aus dem täglichen Einerlei aufrütteln und das Be° wußtjeni ihrer Menschenwürde in ihnen Wecken, Es map manchen Geistlichen schmerzlich sein, daß sich heute viel mehr Menschen um die Zeitung scharen als um die Kanzeln in den Kirchen. Aber das gedruckte Wort reicht nun einmal viel weiter als das gesprochene. Auch manche Pastoren werden setzt zu Zeitungsschreibern. Ja, man hat nicht mit Unrecht gesagt, wenn man heilte nach der Art des Apostels Paulus Mission treiben wollte, so uüißtc man eine Zeitung gründen i'nd nliier die Massen werfen.
Natürlich ist auch unter beit Zeitungsmitarbeitern nicht alles Gold, was glänzt. Aber der einzelne Redakteur sieht im Sturm der freien Konkurrenz, und dieser Sturm scheidet sehr bald die Spreu vom Weizen, viel mehr als das bei den Geistlichen der Fall ist, denen der Beavitencharakter zu leicht ein bequemes Ruhekissen wird.
Wir oft kommt es übrigens vor, daß Zeitungen absichtlich nif eine falsche Jührde geleitet werden. Die sagen, offiziösen Nachrichtenquellen stehen in dieser Beziehung z. B. äußerst gering irrt Preis. Da ist es sehr wichtig, daß eine Zeitung sich unabhängig erhält und von dem einmal für richtig Erkannten sich nicht, ab
treiben läßt. Einer der verdientesten Staatsmänner, Cavour, hat einmal gesagt: „Wenn ich nur den hundertsten Teil desfenigen, was ich als Minister log, als Privatmann gelogen hätte, so würde ich es nicht mehr wagen, einem anständigen Menschen die Hand zu geben!" Auch Bismarck hat bekanntlich gesagt, Politik und Moral sei himmelweit voneinander entfernt. Als Staatsmann könne man nicht mehr die Wahrheit sagen. Wir halten diesen Standpunkt nicht für richtig. Jedenfalls sitzen diejenigen, die mit der Moral und der Wahrheit übel umspringen, durchaus nicht gerade an den Redakilonstischen.
Gewisse Pastoren mögen es hier und da übel emp- sinden, wenn die Zeitungen über religiöse Fragen einem freien Standpunkt Raum geben und die Leser nicht ahne weiteres bei der Orthodoxie festhalten wollen. Aber modern gerichtete Geistliche, die ihre Zeit vergehen, sind den Zeitungen geradezu dankbar, wenn sie mithelfen, das Volk an ein freieres Denken und an ein sittliches Empfinden ohne die alten Krücken zu gewöhnen.
Übrigens beabsichtigt der Verband der ostpreußischen Presse, die seltsamen Leistungen der geistlichen Herren noch ganz besonders aufs Korn zu nehmen. Sie dürften dabei die öffentliche Meinung ganz auf ihrer Seite haben. Wir glauben, daß auch die Pastoren im allge- meinen sicher von ihren ostpreußischen Amtsbrüdern etwas abrücken werden.
wirtschaftsbilanz.
Von Br. Erwin Stcinitzer.
Man hat in den letzten Monaten vielfach darüber gestritten, ab die Herabsetzung der Intensität des wirtschaftlichen Verkehrs, unter der wir gegenwärtig leiden, als richtige „Krise" oder bloß als vergleichsweise harmlose „Einsenkung der Konjunktur" zu werten sei. Im Reichstag haben sich zwei Staatssekretäre sür die zweite, „mildere" Auffassung eingesetzt: der des Schatzamts,
als er sich genötigt glaubte, seinen Etat gegen den Vorwurf allzu optimistischer Einnahmenveranschlagung in Schlitz zu nehmen, und der des Innern, als er nach Moulenten und Argumenten suchte, um der Ablehnung tatkräftigerer Arbeitslosenfürsorge von Reichs wegen möglichst viel von ihrer Bitterkeit zu nehmen. Aus Industrie und Handel dagegen wurden mancherlei Stimmen laut, die von Beschönigung nichts wissen wollten und den tiefen Ernst der Lage scharf betonten. Sachlich hat dieser ganze Disput im Grunde wenig Bedeutung; denn beides, Krise wie Einsenkung, sind relative Begriffe und ihre Grenzen sind fließend und willkürlich. In guten wie in schlimmen Zeiten ist das Bild der Volkswirtschaft bunt zusammengesetzt; in der Helle aufstrebender Konjunktur bleiben mehr oder minder breite Flächen beschattet und im trüben Kolorit des Niedergangs sind stets ermge freundliche Lichter aufgesetzt. Je nach dem Blickpunkt des Beschauers schwankt deshalb der Eindruck, den er von dem Gesamt- ton empfängt.
Es gibt ja eine Anzahl Wirtschaftszweige, ^ au § besonderen Gründen _ abseits vom allgemeinen Konjunkturverlaufe ihr eigenes ^ebensteuipo haben. Die
Fabriken und Werkstätten beispielsweise, die sich mit der Herstellung von Eisenbahnmaterial befassen, werden sich guter Geschäfte erfreuen, wenn die Eisenbahn-, Minister der Bundesstaaten, vor allem der Preußens, große Bestellungen vergeben. Nichts aber zwingt die öffentliche Verkehrsverwaltung, nur während der Zeit allgemein lebhafter Umsätze ihre Anschaffungen, zu inachen; sie kann die Befriedigung ihres Bedarfs im Interesse des Ausgleichs der Beschäftigung verteilen, und es liegt sogar sehr nahe, daß sie just in der Periode des Rückgangs an die Ausfüllung der Lücken und an die Behebung der Mängel schreitet, die die gesteigerten Ansprüche der Hochkonjunktur zutage treten ließen. Geschieht^ das (wie es bisher anscheinend geschehen ist), dann ist in dieser einen Industrie wenigstens deni Ab- gleiten Einhalt getan und in einem bestimmten (in dem Falle freilich zismlich engen) Bezirke des Wirtschaftslebens eine gewisse Widerstands- und Aufschwungskraft bewahrt und sichergestellt. Weiter: ein Rüstungseifer, wie er gegenwärtig alle europäischen Staaten ergriffen hat, muß natürlich den Kriegsmateriallieferanten Beschäftigung und Profit in Fülle bringen, gleichgültig, ab es sonst im Lande gut oder schlecht geht. Denn die Konsumkraft sür ihre Produkte wird einfach zwangsweise — durch Extrasteuern oder Schulden _ — zu der erforderlichen Höhe emporgsschraubt. Einige andere Industrien entbehren zwar der äußeren Stütze konjunkturunabhängiger, staatlicher Kundschaft, tragen aber i n sich selbst die spezielle Eignung, ihren Absatz stabil zu erhalten oder sogar auszuweiten, wenn er sich für die anderen zusammenzuziehen beginnt. Man denke an die Elektrizitätsindustrie, die sich durch großzügige Selbstfinanzierung Jahre hindurch eine außerordentlich stetige Beschäftigungszunahme gesichert hatte und bei der auch jetzt die Ermattung, soweit sie vorhanden ist, nur leise zu sein scheint. Man denke an die chemische Industrie, deren Spezialitätenmonopol so stark ist, daß sie ziemlich unangreifbar über dem Auf und Nieder der Konjunktur steht.
In anderem Sinne und in anderer Weise fällt das Baugewerbe aus dem allgemeinen Schema des Kon- zunkturverlaufs heraus. Es lag bereits in der Krise als im übrigen das Wirtschaftswetter noch strahlend freundlich war. Überspekulation, Schwindel, vielleicht auch allzu starke Steuerbelastung und vor allem eine Kreditklemme, die gerade in den Darlchnsformen, deren der Realitätenverkehr bedarf, zur schlimmsten Kreditnot ausartete, waren die Ursachen. Die ineisteil dieser Momente haben durch die langanhaltende Stagnation an Gewicht eingebüßt; und man darf deshalb annehmen, daß, sobald die Erleichterung des Geldmarkts einige Fortschritte gemacht hat, das BaugÄverbe zu den ersten Wirtschaftszweigen gehören wird, in denen sich erneute Aktivität regt. Wartezeit für die neue Bedarssbildung hat cs ja reichlich hinter sich.
Das sind so die besonderen Nuancen im Bilde der gegenwärtigen Lage — die Hellen wie die dunklen. Seine allgemeine typische Färbung wird am deutlich- sten durch die große Erwerbsgruppe illustriert, die der Gesamtproduktion ihren Unterbau — die Produk- tionsmittel und Produktionsstoffe — liefert, und durch die andere, die die Masse der Bevölkerung unmittelbar
Londoner Nachtleben»
Von Karl Wichmann.
London, um die Jahreswende.
Manche, viele heißen London nicht nur tagsüber, sondern selbst am Abend eine Prosawüste. Das ist eine arge, ganz böswillige Verleumdung. In keiner anderen Großstadt dünkt uns die Nacht eigenartiger, eindrucksvoller, erlebnisreicher als in dieser Siebenmillionen-Riesenwelt. So heiß, weht uns das tausendgewaltige, tausendfältige Leben entgegen, st stürmisch umbranden uns von allen Seiten die hochgehendeu Wogen. Die Nacht hat ihren Zauüermantel über diese früher rauchgeschwärzte, düstere Welt geworfen, hat sie in ein wundervolles Märchen verwandelt. Und zu keiner Zeit ist dieses Märchen traumhafter, farbenreicher, lockender als gerade jetzt um die Jahreswende. Da tritt etwas einzig Fest» liches hinzu, wie man es sonst bei keinem andern Anlaß hier erlebt, etwas Festliches, das alles mitreißt in der Stadt, wo sonst die Menschen nur st selten mitzureihen sind . . - , In den dichtesten Verkehrstrubel stürzen wir uns, in den mit seinen zahllosen Giebeln und Türmen sür die City st unendlich charakteristischen, steil zur St. Pauls-Kathedrale ansteigenden Ludgate Hill. Riesenhaft, tiefschwarz, gespenstisch thront der edle Bau mit den gewaltigen Kuppeln und bebt sich ü 0 n dem stahlblauen Nachthimmel ab. Und ihm zu büßen streckt sich die Straße mit dem Ameiscngewtmmel von Menschen und Fuhrwerk hin, zucken und flackern die weißen L»ternenlichter, das Orange der mächtigen Gaslampen, das Blau und Rot und Grün der Auslagenbeleuchtung. Und zu den ernsten, traulichen, wohllautenden Baßklängen von der Kathedrale her wird da unten die kakophonische Sinfonie ir. «llen Tonarten aufgespielt, die „Motorbusse" quieken um die
Wette, die Autos tuten und klirren, die Schaffner laden brüllend zur Mitfahrt ein, die Zeitungsausrnfer preisen mit Stentorstimme ihre Ware an. Wir schlängeln uns durch die dunklen Massen hin, fahren auf bei einer Benzinexplosion, vernehmen gleichzeitig das Gewinsel eines „Christmas"- Chores und das nervenzerrüttende Geklapper und Geplärre einer Drehorgel. Dann kommen wir an einem fadenscheinigen Fiedelgreis vorbei, der das^dünne Sümmchen seiner schwindsüchtigen Geige wie ans Ironie in den Trubel und die Wirrsal mit hineintönen laßt.
Reben ihm haben sich in einer endlosen langen Kette, in dürftige Lumpen gehüllt, die berühmt gewordenen Weihnachtshausierer von Ludgate Hill aufgepflanzt. Aus ihren Händen zappelt und krabbelt's, am Boden kreucht das wunderlichste Spielzeug. und jedes Stück aus dieser Märchenwelt, die das Zippbrlein zu haben scheint, ist für einen Penny, sage einen Penny, zu erstehen! Noch lange, nachdem wir diesem Getümmel van Schlangen, Drachen, rauchenden Negerlein, piepsenden Hähnchen entflohen, gellt uns das heisere „Penny; Penny! Nur einen Penny!" in den Ohren. Blanke Kupfermünzen rollen hin, während kleine Weihnachtsballons in allen Farben vor uns aufsteigen.
Hier finden wir die interessanteste Sammlung von Londoner skle'.neleute-Physiognomien, wie man sie im besten modernen Drama auf den hiesigen Brettern nicht realistisch« sehen kann. Diese rotgetrunkenen, fast kupferfarbenen Gesichter der Männer in Kavpcn und der Weiber in Matrosen- mützeii, ihre abgefrorenen Nasen, verschwollenen, hervorquellenden Augen, die überlauten Anpreisungen in ihrem
fettigen Akzent -. diese lebendige Wirklichkeit packt uns mehr
als alle Bühnenkunst. Und unwillkürlich denken wir daran, daß diese Gestalten zumeist ihre besondere Geschichte haben. . . . Gar manche von ihnen haben bessere Tage ge
sehen, das verrät auch hie und da ein übriggebliebener Samtkragen, eine Helle Weste, Hinter all dieser Schäbigkeit stecken vielleicht einstige Spekulanten in Millionen, , . - Auch die zerzausten Blumenverkäuserinnen, die uns die trotz der beißenden Kälte prächtigen Rosen unermüdlich unter die Nase halten, haben sich gewiß einmal etwas Schöneres als Ludgate Hill von ihrer Zukunft träumen lassen! Jawohl, unter diesen stimmeistigen Hausierern befinden sich Gestrandete aller Arten; und dem praktischen Sinn des Briten zum Trotz ^^vchphon, Philologen. Kein Geringerer als der dichter Francis Thompson, den man jetzt sozusagen auszu- graven anfängt, hat noch vor wenigen Jahren hier im Rinn- I te ' n . dm Straße gestanden, Zündhölzchen feilgehalten und cabc, seine grandiosen, gedankenschweren Schöpfungen zur Welt gebracht. . , ,
.. London ist das Reich der Gegensätze. Wenige Minuten spater stehen wir in der Welt Whistlers, an dem bei Nacht «äzig schönen „Embankment" mit der samtschwarzen, stets bewegten Themse, dem fahlen Lichtschimmer auf beiden Ufern, den glitzernden Sternen über dem majestätisch dahinfließenden Strom, Auf den Bänken der Anlagen, in der reichsten Stadt der Erde, liegen Obdachlose, Ausgehungerte mit weißen Gesichtern. Aus ihren Augen glotzen, starren ganze Kapitel des Londoner Elends. Und im Licht einer Laterne, den Rücken gegen die Ufermauer des Embankment gelehnt, gewahren wir einen halbsitzenden, halbliegender! Krüppel, einen einstigen Soldaten, dem im Bnrcnkriege Heide Beine abgeschoffen wurden. Als er wieder nach der Metropole zurückkam oder man ihn vielmehr znrückbrachte, konnte er keine Arbeit mehr finden. Schon war er dem Verhungern ganz nahe — denn so lohnte ihm und tausend anderen das Vaterland die treuen Dienste — da gab chm, wie er uns.erzählt, die gütige Vorsehung eine rettende Idee ein ^ er he -
