Nr. 11. D onnerstag, 8. Januar 1814.
^ür das Heer befassen. Von eigentlich kriegstechnischen prägen sind im Sitzungsprogramm Erörterungen vorgesehen über die Beschaffung des Samiätsmaterials, der Unterkunft für Mannschaften, Pferde und Geräte, sowie die dringliche Frage des Remontenbedarfs. Ferner sind eingehende Prüfungen zu erwarten über die Beziehungen zwischen Heeresverwaltung und den einzelnen Rüstungsfirmen, über die etwaige Vorzugsstellung einiger weniger an den Rüstungslieserungen besonders beteiligter Firmen, über den Umfang, in dem Landwirtschaft und Mittel st and zu den Rüstungslieferungen heranzuziehen sind. Ebenso wie bei der Marrneverwaltung wird auch der für die Zwecke der Heeresverwaltung erforderliche Grundbesitz einer genauen Prüfung unterzogen. Endlich sollen den Mitgliedern auf ihren Wunsch die Erfahrungen mit dem sogenannten Mittel- preisversahren für Ausrüstungsstücke klargelegt werden^ Die Erhebungen für die Beratungen der Rüstungskommission haben sodann das Verfahren und die Grundsätze festgelegt, nach dem die Selbstkosten bei den staatlichen Betrieben für Heereszwecke berechnet werden. Das Verhältnis von Jn- und Auslandspreisen bei den Hauptartikeln wird gleichfalls den Mitgliedern von sachverständiger Seite dargelegt werden.
* Für die geplante Reuredigierung der Gewerbeordnung hat der Jnteressenverband der deutschen Bekleidungsindustrie an den Staatssekretär des Innern die Bitte gerichtet, für die Vorarbeiten zur Sachverständigenmitarbeit auch Vertreter der im Verband organisierten Ge- werbezweige heranzuziehen, zumal das Vorhaben einer Neuordnung und Vereinheitlichung der Gewerbeordnung einem dringenden Bedürfnis und dem langgehegten Wunsch auch der im Jnteresseiwerband in erster Linie vertretenen Wäscheindustrie und der verwandten Branche entspreche. Diese Gewerbe beschäftigen, wie es in der Eingabe heißt, viele Tausende Arbeiterinnen und sind in ihrer gesamten BetriebS- vrganisation von den Bestimmungen der Gewerbeordnung weitgehend abhängig. Aus diesem Grunde sind die Mitglieder auch in erhöhtem Maß interessiert an einer baldigen Klärung und Vereinfachung der Gewerbeordnung, deren Handhabung in der gegenwärtigen unübersichtlichen Fassung außerordentlich erschwert und zudem eben durch die Unklarheiten mit erheblicher Übertretungsgefahr verbunden ist. Daß ober Bet den Vorarbeiten zur Reuredigierung mit Interessentenkreisen Fühlung genommen wird, dürfte im allseitigen Interesse und auch im Wunsch der zuständigen Behörden liegen.
* Nftchregelung eines Lehrers in Ostpreußen. Die ..Preußische Lehrerzeitung" berichtet über die Versetzung eines Lehrers in Ostpreußen „im Interesse des Dienstes", bei welcher der eigentliche Grund die Agitation des Lehrers gegen die Konservativen und für einen nationalliberalen Kandidaten gewesen ist. Es handelt sich um den Lehrer Beutler in Ortelsburg, der, nachdem er vierzehn Jahre in seiner jetzigen Stelle tätig gewesen war, jetzt plötzlich nach Schmelz
. bei Memel versetzt worden ist. Der Zusammenhang wird nach der „Frkf. Ztg." folgendermaßen geschildert: „Beutler
amtierte in der ursprünglich selbständigen Gemeinde Beutner- dorf bei Ortelsburg. Da dort sein politisches Verhalten von den Konservativen unliebsam empfunden wurde, ersuchte der Schulvorstand um Versetzung Beutlers „im Interesse des Dienstes" unter den lächerlichsten Vorwänden. Die Allen- iteiner Regierung ging im Juni 1912 tatsächlich darauf ein und verfügte die Versetzung nach Bischofsburg, mußte sie aber alsbald wieder aufheben. Im vorigen Jahre wurde Beutner, darf in Ortelsburg eingcmeindet, und der frühere Schulvorstand hörte damit auf. Jetzt, anderthalb Jahre nach dem früheren vergeblichen Versuch, hat der Minister die Versetzung Beutlers aus dem gar nicht mehr existierenden Seutnerdorf nach Schmelz verfügt, Pie Ortelsburger Schuldeputation hat das ruhig hingenommen, obgleich an ihrer Spitze der Bürgermeister Mey steht, für dessen Kandidatur Beutler eingelreten war." — Es handelt sich also hierbei um -inen krassen Fall politischer Maßregelung, der im preußischen Abgeordnetenhaus ein Nachspiel haben dürfte.
" * Handelssachverstündige bei den deutschen Konsulaten. Auf eine Anfrage des Deutschen Handelstags hat die Berliner Handelskammer als Bezirke, in denen die Anstellung von Handelssachverständigen bei den deutschen Konsulaten erwünscht sei, die folgenden bezeichnet: die Balkanstaaten (Sitz Konftantinopel), eventuell Wladiwostok, Mexiko, die Westküste von Südamerika (Sitz Valparaiso und Lima).
* Die Verletzung des Rcdaktionsgeheimnisses durch den „Elsässer" in Sachen der drei Zäberner Rekruten hat, wie wir jüngst erwähnt haben, vom katholischen Augustinusverein Billigung gefunden. Da darauf hingewiesen worden ist, daß auch das Organ des R e i ch s v e r b a n d s der deutschen Presse das Verfahren des „Elsässer" getadelt hat, teilt das Blatt mit, daß der Augustinusverein ein korporatives Mitglied des Reichsverbands sei. Hierzu schreibt die „Frankfurter Zeitung": „Wir glauben, daß das nicht der Fall ist; wäre die Behauptung des „Elsässer" richtig, dann hätte unseres Erachtens der Reichsvcrband nunmehr die Pflicht, sich schleunigst mit der
Wissbaderrrr TaMsit«
Kundgebung des Augustinusvereins zu befassen und zu bekunden, ob er dessen Auffassung von dem vorliegenden Fall teilt oder nicht. Die deutsche Presse hat daS gemeinsame Interesse daran, hier Klarheit geschaffen zu sehen und nicht mit einer Auffassung belastet zu werden, die sie zweifellos weit von sich weist."
1-0. Br. Katz über den Zionismus. In einem Aufsatz über den Zionismus und die deutschen Juden in der „Hilfe" bespricht Br. Eugen Katz auch die Bestrebungen der Zionisten, in Jerusalem eine hebräische Universität zu gründen, sowie ihren fanatischen Kampf für die hebräische Sprache in dem vom Hilfsvereiu der deutschen Juden in Haifa gegründeten Technikum. Br. Katz saßt sein Urteil über den Zionismus wie folgt zusammen: „Aus alledem geht hervor, daß der Zionismus das getreue Widerspiel der antisemitischen Bewegung bildet. Anstatt die Ostjuden ihrer in langer Unterdrückung erworbenen Besonderheiten zu entkleiden und sie zu europäischer Kultur und Arbeitsweise zu erheben, hat der Zionismus die Tendenz, die deutschen Juden auf östliches Niveau herabzuziehen. Die deutschen Juden verlangen auf Grund ihrer ganzen Geschichte, daß sie die verfassungsmäßig ihnen zustehende Gleichberechtigung voll erhalten — die Zionisten schreiben in ihren eigenen Blättern und auch in anderen, die Juden seien in der Tat ein Fremdkörper in Deutschland. . . . Jede im Wesen zionistische Unternehmung ist daher im Grunde ein Baustein zur freiwilligen Aufrichtung eines neuen Ghettos."
* Ein Rückgang der freien Gewerkschaften. Das „Korre- spondenzblait der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands" veröffentlicht einen „Rückblick auf das Jahr 1913", in dem u. a. ausgeführt wird: Von 48 Verbänden, deren Mitgliederzahlen für das dritte Quartal 1913 vorliegen, hatten 19 einen Rückgang von Mitgliedern zu beklagen. Diese 48 Verbände (einschließlich der Landarbeiter und Hausangestellten) zählten am Ende des dritten Quartals 1912: 2 664 893 Mitglieder, dagegen am Schluß des dritten Quartals 1913 nur 2 549 932 Mitglieder. Der Rückgang beträgt 14 691 Mitglieder oder 0,67 Prozent. Es ist nicht anzunehmen, daß das vierte Quartal des letzten Jahres günstigere Verhältnisse aufzuweisen hätte, so daß die Gesamtmitgliederzahl hinter der des Vorjahres, wenn auch nicht erheblich, Zurückbleiben dürfte.
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Einjährige Reserveoffiziersübungen bei der Marine. Die im Marineetat 1914 vorgesehene gründlichere Ausbildung der Reserveoffiziere des Beurlaubtenstandes wird in der Weise erfolgen, daß jährlich bis zu 20 Seeoffiziere zu einer einjährigen, frerwilligen Friedeusübung in der Flotte herangezogen werden. Marigebehördeu und Reserve- osfiziere sind der Ansicht, daß die bisherigen kurzen Pflichtübungen im Frontdienst nicht mehr genügen. Die großen technischen Fortschritte namentlich im Artilleriewesen, die Steigerung der Schiffsgrötzen, bedingen eine Erweiterung des Dienstes. Die Übungen werden nach einem besonderen Aus„ bildungsplan abgehalten werden. Die Marineverwaltung wird ein Einkleidungsgeld von 600 M. gewähren und die Bezüge erhöhen, um einen Ausgleich zu schaffen.
post und Eisenbahn.
Bestellte Plätze in D-Zügen. ES kommt oft vor, daß vor- ausbestellte Plätze in D-Zügen, die durch das Zugpersonal an den Stcllkästchen vor den Abteilen als solche bezeichnet sind, von anderen Reisenden belegt werden, die dann die Räumung verweigern. Um solchen Mißhelligkeiten vorzubeugen, werden die Fahrpersonale nunmehr mit Pappschildern, welche die Inschrift „Bestellt" tragen, ausgerüstet. Die Schilder werden über den bestellten Plätzen aufgehängt und wieder abgenommen, sobald der Besteller den Platz beseht hat.
Deutsche Schutzgebiete.
Eine Strafexpedition nach Neu-Kamerun. Der stellvertretende Kommandeur der Kameruner Schutztruppe, Major Fabricius, hat zu Anfang Dezember v. I. eine auf etwa sechs Monate berechnete Expedition nach Neu-Kamerun unternommen. Sie wird zunächst die Standorte der 10. Kompagnie in Wolö-Ntem und weiter östlich der 11. Kompagnie in Jwindo nebst Umgebung einer eingehenden militärischen Besichtigung unterziehen. Im Bereich des Postens Rola am Sang» wird eine B e st r a f u u^g der aufständischen Stämme erforderlich sein, die unter Führung des Häuptlings Nguku der deutschen wie auch früher der französischen Herrschaft Widerstand entgegengesetzt haben. Der führende Häuptling hat! kürzlich durch seinen auf eine französische Faktorei
von sich reden gemacht. Oberleutnant v. Raven und der Bezirksrichter Br. ©eger raaren auf die erste Kunde von dem überfall sogleich zur Hnse herbeigeeilt, fanden aber angesichts der geringen zsw Verfügung stehenden Streitkräste den Tod im Kampfe mit den an Zahl überlegenen und mit Schußwaffen wohl ausgerüsteten Eingeborenen. Die Expedition soll nach Bestrafung dreses Häuptlings weiter östlich in den Bezirk Mittel-Sanga-Uham Vordringen, wo das Lager der
Morgen-Ausgabe, 1. Blatt, Seite 3»
6. Kompagnie der Schutztruppe zu Mbaiki vor einigen Monaten einer böswilligen Brandstiftung der Eingeborenen zum Opfer fiel.
In Omitara in Deutsch-Südwestafrika ist am 16. Dezember v. I. eine Telegraphenanstalt für den internationalen Verkehr eröffnet worden. Omitara liegt etwa 12 Kilometer östlich von Otjiwero. Die Wortgebühr für Telegramme nach Omitara ist dieselbe wie nach Windhoek. Sie beträgt gegenwärtig 2 M. 76 Pf.
KUSlKNö-
Österreich-Ungarn.
Mitteleuropäische Wirtschaftskonferenz. Budapest, 6. Januar. Die Mitteleuropäische Wirtschaftskouserenz setzte heute die Beratung über die Frage der Vereinheitlichung und Vereinfachung der Eisenlbahntransportbe- d i n g u n g e n fort. Einen breiten Raum nahm die Erörterung über die Parität der Meistbegünsftgung ein. Während der ungarische Referent Szajbely bedingungslose Parität bei der Meistbegünstigung befürwortete, wurde das von andere^ als undurchführbar bezeichnet. Die deutsche n Referenten erklärten den gegenwärtigen Zustand hinsichtlich der Parität als das Mindestmaß, während der österreichische Vertreter den Gesichtspunkt des Verhandelns von Fall zu Fall in den Vordergrund rückte. Betreffs der Meistbegünstigung nahm der Vertreter Österreichs den gleichen Standpunkt ein wie bei der Parität, während die deutschen Referenten deren Ausnahme in eine größere Anzahl von Handelsverträgen verlangten. Der Präsident Weckerle erklärte die unterbreiteten Resolutionen für angenommen, außer die Punkte über die Parität der Meistbegünstigung, wo es nicht gelungen ist, eine Einigung zwischen den Deutschen, österreichischen und ungarischen Referenten herbeizuführen. Als vierten Punkt der Tagesordnung be» handelte die Konferenz die Vereinheitlichung der Bestimmungen über die Erwerbsgesellschasten. Für den Deutschen Verein sprach Professor Karl Lehmann (Güttingen), der ausführte, daß die Vereinheitlichung der ^ grundlegenden Normen sich für Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung in Mitteleuropa immer mehr. als notwendig erweise. Der frühere Justizminister Klein hielt einen eingehenden Vortrag. — Im Anschluß an die Verhandlungen fand eine vertrauliche Besprechung der Vorsitzenden der Wirtschaftsvereine Deutschlands, Österreichs und Ungarns statt, die unter Hinzuziehung hervorragender Fachleute im Hinblick auf die bevorstehende Erneuerung der Handelsverträge sich mit der handelspolitischen Lage befaßte.
England. •
Die Aufwendungen für die Landstreitkräfte. Die gewaltigen Geldausgaben des Jnselreichs für seine, im Vergleich zur deutschen, verschwindend kleine Armee werden bei uns vielfach unterschätzt. Großbritannien verausgabt für sein stehendes Heer, so weit es dem englischen Budget zur Last fällt (also ohne Indien), derzeit im Jahre über 676 Millionen Mark, d. i. mehr als die Hälfte dessen, was Deutschland für seine Landmacht insgesamt auswendet. In dem Jahrzehnt 1901/10 hat Großbritannien für seine gesamte Wehrmacht zu Lande 9,6 Milliarden Mark verausgabt, während die stärkste Militärmacht der Welt, das Deutsche Reich, in dem gleichen Zeitraum für denselben Zweck nur 8,7 Milliarden Mark ausgegeben hat.
Nnftknnv.
Eine Gärung innerhalb der „Nationalisten". Petersburg, 6. Januar. In Kiew, dem Ausgangspunkt und Zentrum der russischen Nationalisten, ließen sich dieser Tage im Nationalistenklub drei Anführer der „linken Nationalisten" die Duma-Abgeordneten Demtschenko, Sawenko und Tschtchatschow, über die Spaltung innerhalb der natio- naltstischen Dumafraktion vernehmen. Sie wollten vor ihren aufgeregten Wählern die Neubildung des linken Flügels der Nationalisten rechtfertigen, sie gaben aber dabei Erzählungen zum besten, welche die Stimmungen in gewissen Kreisen kennzeichnen. Laut ihren Berichten soll die russische Volksvertretung momentan eine sehr kritische Zeit durchmachen. Sie sei in Gefahr, da ein Sammelsurium von Politikern gegen die Duma agitierten und mit Macht ihre Auflösung anstrebten. So hätte sich zu diesem Zweck in Petersburg ein besonders mächtiges Triumvirat gebildet, bestehend aus dem Grafen Witte, Gregor R a s p u t i n und dem Fürsten Meschtschersky. Im vergangenen Herbst sei im Ministerrat die Frage der Dumaauflösung direkt aufgeworfen und diskutiert worden. Die Regierung hätte schließlich von dieser radikalen Maßnahme abgesehen, aber daran die Bedingung geknüpft, daß ein Block der Nationalisten und Oktobristen zustandekomme. Damit befaßten sich nun laut Sawenkos Versicherung die linken Nationalisten, denen übrigens in der Versammlung selbst der Vorwurj gemacht wurde, daß sie vor Kokowzow kröchen.
Die Erklärung dieser prächtigen Erscheinung war nicht schwer. Wie bereits erwähnt, verliert das Licht beim Durch- vringen des Eises einen Teil seiner Wärme, und diese schmilzt nach und nach die Kristalle, aus denen sich d:e Platte zusammensetzt. Das einzelne Kristall verschwindet, aber das Schmelzwasser bewahrt seine Form, und an Stelle des sechs- strahligen Kristallsternes erscheint eine sechsblättnge Wasserblume. Thndalls Experiment über die „Eisblumen , wie man auch diese zierlichen Gebilde genannt hat, stammt aus dem Jahre 1857, neuerdings hat der Genier Professor Schocntjes diese Untersuchungen wieder ausgenommen, doch können "wir hwr nicht weiter darauf eingehen. ,
So überraschende Aufschlüsse nun aber auch die ^Wissenschaft über den wunderbar gesetzmäßigen Ausbau des Eises, über den ungeahnten Formenreichtum der Schneesternchen und Eisblumen gebracht hat, eine Frage vermochte sie doch nicht zu beantworten, die nach der Ursache der geheimnisvollen sechszahl. Schon Kepler fragte 1611: „Our autean
äexangula1" Drei Jahrhunderte sind seitdem verstrichen, .mb iioch immer ist keine befriedigende Antwort gefunden. Hier bietet sich noch ein weites Feld für neue Untersuchungen dar. ——— —
Aus Tunk und Leben.
* Der deutsche Erfinder des Telephons-. Die zweite Januarwoche ruft uns in zwei Gedenktagen die lange verkannte und vergessene Gestalt eines deutschen Erfinders ins Gedächtnis, dem wir die eigentliche Schöpfung des Fernsprechers verdaitken. Gestern. am 7. Jantiar, waren 80 Jahre vergangen, seit Philipp R c i s zu Gelnhausen, wo heute ein Denkmal sein Andenken wach erhält, das Licht der Welt er
blickte, und am 14. Januar sind 40 dahin, daß er in
bescheidenen Verbältnissen ferne Augen zur letzten Ruhe schloß, ohne mit seinen epochemachenden Ideen durchgedrungen zu sein. Eine leidenschaftlrche Liebe zur Physik bestimmte Leben und Bildung des jungen Mannes, der den Kaufmannsstand verlieh, um seine naturwissenschaftlichen Studien pflegen zu können. Er wurde schließlich als Lehrer an der Garnier- schen Erziehungsanstalt zu Friedrichsdorf bei Homburg v. d. H. angestellt und widmete sich nun seinem Lieblingsplan, ein „Telephon" zu konstruieren. Solche „Telephone" waren schon seit längerer Zeit in der elektrischen Technik heimisch, es waren Apparate, die auf elektrischem Wege mittels hörbarer Zeichen Signale nach entfernten Orten übermittelten. Der Versuch, die damals bereits ziemlich vervollkommnte Telegraphie auch auf die Sprache zu übertragen, lag in der Luft. Reis ging von der Beobachtung des Physikers Page aus, der schon 1837 festgestellt hatte, daß z. B. eine Stricknadel einen kurzen Ton von sich gibt, wenn in einer sie umgebenden Drahtspule ein galvanischer Strom entsteht und aufhört oder periodisch seine Stärke verändert; er konstruierte nun einen ganz einfachen Apparat, den er am 20. Oktober 1861 im Hörsaal des Physikalische» Vereins zu Frankfurt a. M- pm erstenmal einer zahlreichen Zuhörerschaft vorführte. Dieser Tag ist der Geburtstag des Telephons. In dem Vortrag, durch den Reis seine neue Erfindung erklärte, ging er vom menschlichen Ohre aus. „Wie hier infolge der zum Trommelfelle gelangenden Schallwellen dieses in Schwingungen versetzt wird, welche ein mit derselben Geschwindigkeit erfolgendes Aufheben und Niederfallcn dcs Hammers ans den Amboß (Knöchelchen im Ohr) bedingen und hierdurch nach dem
Labyrrnth gelettet und dem dort endigenden Gehörnerv über- mntclt werden, so läßt Reis in seinem künstlichen Ohre den ® rora Ctn£r an das Hämmerchen einerseits und an den ftdernden Amboß andererseits angeschlossenen galvanischen Ese durch die gegen die Membrane drängenden Schallwellen abwechselnd unterbrechen und schließen. In diesem Strom- unterbrecher — dem „Geber", wie wir heute sagen — liegt oa» Wesentliche der Reisschen Erfindung." So schuf er also em „künstliches Ohr , das seine Zwecke in geradezu tounder- >amer Weise erfüllte. Er betonte ausdrücklich, „daß außer dcr mcnschlichen Stimme ebensogut die Töne guter Orgelpfeifen und des Klatners reproduziert werden können, wenn man den Apparat auf den Resonanzboden des Instruments setze." Sogar bei verschlossenen Fenstern, und Türen mäßig laut gesungene Melodien wurden in einer Entfernung von etwa 300 Fuß deutlich hörbar. Reis brachte dann seinen Apparat auch in den Handel und ließ ankündigen, daß der Mechaniker Wilhelm Albert in Frankfurt a. M. das Instrument zu einem billigen Preise etwaigen Liebhabern überlasse. Seine Erfindung fand jedoch keine Beachtung, nirgends wurden seine Bestrebungen unterstützt. Selbst eine angesehene Zeitschrift, die „Poggendorfschen Annalen", weigerten sich, eine wissenschaftliche Erörterung von Reis über sein Telephon aufzunehmen und sandten ihm die Arbeit zurück mit dem lakonischen Bescheide: „Unglaubhaft." Zwei Jahre nach dem Tode des „Vaters des Telephons" trat dann ' der Amerikaner Graham Bell mit seiner Erfindung des elektromagnetischen Fernsprechers hervor, der wahrscheinlich die Erfindung von Reis gekannt hat, aber nun erst mit seinem Apparat der Idee des Fernsprechers zu ihrem Weltstege verhalf.
