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Mittwoch, 7. Januar 5914.
Kbentz-Ausgabe.
Hv. 10. ♦ 62. Jahrgang.
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k^eer, Verfassung und Bürgertum.
Man muß es immer wieder sagen, weil gründliche Umstellungen der Gegner dazu zwingen: in der Be- wsgung die durch die gründlich versohlte Behandlung Vorgänge entstanden ist, steckt schlechter-
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«er, ist schlechterdings n r ch t s von irgendwelcher A b-
L e J 0 " n g gegen das O f f i z i e r k o r p s wahrzu- nehmen. , Wie wäre das auch möglich, da Heer und ST zulanimengchoren und von jodonr Deutschen so ehr als Einheit empfunden werden, daß die Vor- u» von eine«! Gegensatz zunächst beinahe wie ein Mecyter Slyerz wirkt? Aber die konservativen Draht- ■ 1 4 nt l U l ev Hartnäckigkeit, die nur ihr 'wlechtes Gewissen betäuben soll, an der abscheulichen iff-v ^ Ob handle sich hier um einen Konflikt zivi- denk Militärischen Geiste und angeblichen heeres- mndlichen Tendenzen, die nur auf die Gelegenheit dm Armee unter das Joch vermeintlicher demo rratischer Oberherrschaft zu zwingen. Die stete Wioder- z°uing wird diese frevelhafte Unwahrheit freilich nicht
Wahrheit machen können, jedoch dürfen wir die Migcn nicht vor der Gefahr verschließen, daß die fort- ««sttzte lügenhafte Behauptung auf hochgestellte Man- er mst der Zeit Eindruck machen könnte. Eine andere ogluhe Gefahr, daß nämlich die überwiegende Zahl unserer ruhigen, verständigen, sich im inneren Einklang mit dem Volkseinpfinden fühlenden Offiziere in den Strudel gehässiger, parteiisch gefärbter, scharfmacheri- mier Legenden hineingezogen werden könnte, möchten wir einstweilen für so groß nicht halten, überall beruht das beste Berhältnis zwischen unseren Offizieren Mkd der Bevölkerung, es herrscht Vertrauen und Sym pathle auf Herden Seiten, und warum soll man be- lurchten, daß sich das plötzlich ändern werde? Auch sind wrr überzeugt davon, daß die ungeheure Mehrheit der Offiziere, wenn sie so deutlich mit der Sprache heraus wollte, wie sie es aus begreiflichen Gründen nicht wollen und vor allem, nicht können, das Vorgehen ö-es Obersten v. Reuter als ein unzweckmäßiges Mittel Zur Wiederherstellung der Ordnung in Zabern bezeich Uen würden. Es kann in dieser Beziehung unter vergünstigen Leuten, gleichgültig welchem Berufe sie an- llehöreu, überhaupt keinen Streit geben. a Was nun aber gegenwärtig im Anschluß an die i>aberner Ereignisse und an die Reichstagsverhandlun- 6en bo. m Dezember vorgeht, das bedeutet wohl die > ch w e r st e n E r s ch ü t t e r u n g e n, die der Sicherheit unserer verfassungsmäßigenZustände temials bereitet worden ist; wir meinen die Kund- Schungen des Kronprinzen — die durch die jetzigen ^em-entierungs,versuche nicht aus der Welt geschafft werden — und die Teilnahme des Herrn v. Jagow-an «in Neujahrsessen der kommandierenden Generale, gst deren Bedeutung die im Morgenblatt gemeldete Einschränkung: Jagaw sei nur der Gast eines der Teilnehmer, nicht der Gesamtheit gewesen, nichts ändert. In keinem der beiden Fälle kann die Rede oavon sein, daß es sich um eine Abwehr unbefugter Angriffe auf unser Heer handle, sondern es sind be- dttßsfl Herausforderungen nicht bloß des bürgerlichen
finde ns, sondern des unveräußerlichen Rechts- gefnhls, das aus tiefem sittlichen Pflichtbewußtsein -heraus fordert und fordern muß, daß das Heer keine so n d e r st eck l u n g a u ß e r h a I b von Ve r f a s s u n g. Recht und Gesetz einnehme. Wenn man die Dinge E ^ -uitzte hin würdigt, so ergibt sich ein merk- -wuvdlger Zustand: die Armee (um den Begriff für die Männer und die Richtungen, auf die es ankommt, zu gebrauchen) ist ^ mit den gegebenen Verfassungszustän- ven -ganz znfriedsn, aber unter einer Bödingung, nämlich wenn ihr die Sonderstellung belassen wird, die sie innerhalb unseres staatlichen Organismus ein- mmmt. Es ist das ein heikles Kapitel, und man spricht schon darum nicht gern davon, weil sich Mßverständ- mste allzu , leicht einstellen, als erstes und gefährlichstes Es, daß wmand, der das schwierige Thema der Kom- mandagewalt berührt, sofort eines Angriffs auf Prärogative des „obersten Kriegsherrn beschuldigt wird, wahrend es zunächst doch nur darauf ankommt, sich über den -sachverhalt ganz objektiv klar zu werden Wegen der Zaberner Geschichten hat kein Mensch an tdie Koumiandogewalt des Kaisers gerührt, aber gewissen militärischen Kreisen beliebt cs, dem Miß- trauensvotunr des Reichstags vom 4. Dezember und dem nahezu allgemeinen Unwillen der öffentlichen Meinung über strafwürdige Übergriffe diese falsche Aus- legung zu gehen und sich mit ganz unnötiger Heftiq- kest schützend vor eine Institution zu stellen, von der leder Einsichtige weiß, wie schwer sie zu erschüttern Ware, gegen die deshalb gegenwärtig auch keiu Einsichtiger den Kampf anfzunehmen beabsichtigt. Dies muß man sagen, obwohl nicht zir bestreiten ist, daß die verfehlte Behandlung des Falls Forstner ihren letzten, psychologischen Grund darin hatte, daß unsere Militärs aus der eigentümlichen Stellung des Heeres gleichsam-neben der Verfassung zu folgern verleitet werden, das Heer diktiere sich seine Gesetze geivisser- maßen selber, es bleibe außerhalb der Verantwortung die alle anderen Einrichtungen im Rahmen des Staatsganzen zu tragen haben. Man mache sich nur einmal klar, wie u n d e u tlich und ve r s ch w o m m e n das verfassungsmäßige Verhältnis zwischen dem Reichskanzler und den militärischen Gewalten ist. Hat der Reichskanzler dem preußischen Kviegsminister etwas zu sagen? Die Frage ist heikel, die Antwort müßte noch heikler sein. Es sind das alles Sachen, die man am liebsten ruhen läßt, solange sie sich nicht selber regen und rühren. Äller- dings scheint es — darauf wiesen wir gestern schon hin —, als ob die Dinge jetzt m ein Gärungsstadium geraten sind. Das braucht uns freilich nicht aus der Ruhe zu bringen, cs gibt noch andere Mächte als die Arm« und wenn ein Druck erzeugt werden soll, so wird sich der Gegend r u ck einstellen. Schließlich ist der R e i ch s t >a g ja auch noch da.
Neue Ausschreitungen gegen Offiziere im Rcichslande'
" Straßburg, 7. Januar Als gestern abend gegen 8 Ubr Leutnant b. Forstner mit zwei Regimentskameraden nach der Gerichtsverhandlung gegen den Obersten v. Reuter das Gerichtsgebäude verlassen hatte, wurden sie von einer Bolks- nienge erkannt, die sich rhnen anschwß. Die Offiziere nahmen den Weg durch eine, Hauptverkehrsstraße zum Bahnhof. Die Schar der Neugierigen wurde immer, größer. Plötz
lich rief jemand aus der Menge: „Da zieht einer den Säbel!" -iirn wurden Pfuirufe und Schimpfworte laut. Sodann sprangen die Offiziere auf einen Straßenbahnwagen, von einer großen Menge bis zum Bahnhof verfolgt. Zu gleicher üeit langte auch der Oberst v. Reuter in einer Droschke auf dem Bahnhof au. Er wurde jedoch weniger beachtet, da sich die Wut der Bevölkerung gegen die jungen Offiziere wandte.
So eine Darstellung der „Berliner Margen- post", die in anderen Berichten im wesentlichen bestätiat wird.. Diese Vorfälle, die sich ohne weiteres als Ergebnisse der nationalistischen Hetzerei charakterisieren, müssen denn doch äußerst bedenklich stimmen. Daß eine Wiederholung, solcher Kundgebungen — an denen hoffentlich nur unreife Elemente beteiligt waren — an den weiteren Ver- handlungstagcn auf das allercntschiedenste verhütet wird, halten wir für unbedingt erforderlich. Schriftl.
Deutsches Reich.
* Zum Geburtstag des Königs von Bayern. Die Feier des 69. Geburtstags des Königs Ludwig III. wurde gestern abend M, Uhr durch eine große militärische Serenade und Zapfenstreich der vereinigten Musikkorps der Münchener Garnison auf dem Max-Josephs-Platz vor der Residenz ein- geleitet. Das Königspaar, der Kronprinz und die . übrigen Mitglieder der Königsfamilie hörten die Musik-varträge am offenen Fenster der Residenz an. Der König empfing in den reichen Zimmern der Residenz eine große Anzahl militärischer Aufwartungen.
* Ei» Sondergcsandter des Präsidenten Wilson in Deutschland. Als persönlich Beauftragter des Präsidenten Wilson und Sondergesandler des amerikanischen Handels- departements ist, Charles Ferguson in Berlin eingetroffen. Er hat den Auftrag, die Stimmung unter den deutschen Großkapitalisten und die Ansicht der Reichsregierung festzu- stellen, wie ihre Stellungnahme zur Wilsonschen. Trustpoli- tik sei.
* Die württembergischen Fortschrittler über die schwebenden rcrchsländischen Frage». Unter großer Beteiligung aus dem ganzen Lande wurde gestern in Stuttgart die
der württembergischen Fortschrittlichen Volkspartei abgehalten. Nach der Annahme von zwei Entschließungen zugunsten der Linderung der Notlage der wein- bautreibenden Bevölkerung und zugunsten der baldigen Jn- LÄ 11 ® der Neckar-Kanalisierung mit oder ohne Schifs- fohrtsabgaom sprach der Reichstagsabgeordnete v. Paver über die Rerchspoliti.k". Er sagte u. a.: „Die Volkspartei b 'f ^ ett ” I, ^ en . Bestrebungen der Konservativen und die "Zutage tretenden Bestrebungen der Alldeutschen, den Reichskanzler zu stürzen, nicht mit machen. Das schone Kapital von Vertrauen, das sich der Reichskanzler auf rem Gebiete der a u s w ä r t i g e n P o l i t i k, namentlich in unserem Verhältnis zu England, erworben habe, wäre dadurch verloren gegangen. Wenn das Kronprinzen-Telegramm an den Obersten v. Reuter sich bewahrheitete, so wäre das aus das tiefste zu bedauern. Es würde eine beunruhigende Aussicht eröffnet und zeigen, daß der Prin^ wohl noch 'in eine strenge Schule gehen müsse, bis er sich der hohen Bedeutung seiner Stellung bewußt werde." Darauf sprach der Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Knntz aus Kolmar über „Zabern und die Elsaß-Lothringer".' Er sagte- Die Lage im Elsaß sei vor den Verhandlungen im Reichstag höchst kritifch gewesen; es habe alles auf dem Sviele gestanden Das erdrückende Mißtrauensvotum, das der Reichstag dem Kanzler erteil.e, habe aber rm Elsaß gewaltigen Eindruck ge-
Parsifal in der Berliner Königlichen Oper.
Berlin, 6. Januar.
Es war wohlgetan, mit der Antwort auf die Bayreuther dreitfrage wenigstens bis nach der Aufführung in der Berliner Königlichen Oper zu warten. Zwar kann nicht ein ver- ^nzelter Eindruck, kann nicht die Leistung einer Bühne cnt- Icheiden, ob dem Weihefeftspiel, seitdem es sozusagen vogel- ist, die Weihe des Hauses allenthalben beschieden sein ?'rd. Uber welches Kunstwerek auf Erden wäre gegen Pro- wnation geschützt? Weder sind für die Neunte- Sinfonie in s^tadt und Städtchen die genialen Dirigenten geboren, noch wr den „Faust" (ach, noch viel weniger!) die Goethcschen Schauspieler; auch prüft nicht der Pförtner des Dresdener Zwingers die Äugen der Besucher, ob sie nicht etwa solche 'lugen sind, die die Sixtinische Madonna beflecken. . - - Aber ^ eine kann heute, da mit dem Gralswunder Erhebung und Erschütterung verklingend in uns abebben, gesagt werden:
Fähigkeit zum Werke ist, fern von Bayreuth, einmal erwiesen worden. Von, denen, die den „Parsifal" gaben, und b°n denen, die ihn empfingen. Von den Künstlern und vom Publikum. Nicht das Unzulängliche wurde Ereignis, aber oas Unvergleichliche, hier ist es getan.
Ich bin nicht zu einem Ritter des Amsortes geioeiht, ich wag nicht wissen, ob die Priesterlichen von Bayreuth Wolken- Ichatten über der lachenden Aue sahen und beklagten. Doch chchl nur aus eigenem Hochgefühl, nein, aus der Gemein- “"“ft vieler Hundert bewegter Herzen heraus kommt der
Dank: „Uns ward wohlgetan! Und wäre denn wirklich solcher Lohn, der dem Werke wurde, geringer zu achten als das Opfer eines idealen Dogmas?
Auf manche äußerliche Ähnlichkeit mit Bayreuth mußte und durfte verzichtet werden. Daß statt der soinmerlich grünenden Natur auf dem pesffpielhügel der tosende . Lärm der Weltstadt die heilige Stätte umgab/ empfinden doch nur die abhängigsten Geinüter aw Odium. Das freilich ist nicht zu leugnen: die Bayreuth-Prlger bringen ausgeruhte, festtäglich gestimmte Nerven mit, und ihren Tag lenkt nichts ab von dem Ziele ihres Wallcns. Jedenfalls war es vernünftig, sich nicht sklavisch an das Reglement von Bayreuth zu halten und nicht etwa (wie es in Charlottenbnrg geschaht die Fanfarenklänge von der Zinne des Theaters in den Straßenlärm zu schmettern. In Bayreuth mahnen diese Klänge die Festgenossen, die sich im Grünen weithin ergehen, zur Sammlung. Hier in Berlin hatte sich 111 «« Pansen niemand aus dem Hause verloren, und Richard Wagner würde auf den veräußerlichten Effekt seine Definition von „Wirkung ohne Ursache" anwenden. Daß m der Hofloge des Opernhauses der Kaiser und sein Gefolge repräsentierten, war, obwohl es als eine Reminiszenz an die Furstenbesuche in Bayreuth gelten mochte, nicht von übergroßer Wichtigkeit. Auch daß man durch dämpfende Dekoration und gedämpfte Beleuchtung des Zuschauerraumes den schlichten Stil des Wagncrhmffes, das zur Weltabkehr und Kimsteinkehr pje Sinne sammelt, gewissermaßen „markierte", ist kaum betrachlenswert. All das wöge spöttisch leicht, hätten nicht die, die zu schauen, zu hören und sich zu erbauen kamen, einen einmütigen schönen Willen mitgebracht — und die anderen, die dem Meister dienten, mehr als guten Willen, nämlich eine starke Tat.
der Berüm? Könwl^"^rein gehofft werdenTd^g^'in am mtreueste/anl??E" Pf* bie Tradition von Bayreuth am getreuejtcn aufleben wurde. Denn viele Fäden neben seit
von dort
bellbte ibnen 8? 5: ^ Wagner-Werke in Berlin neu des Meisters l ? £tf L 0n& ' beE Hochgeschätzte Jünger
Sein Erbe der Meister-Dirigent von Bayreuth!
Dirwe«° gewiß^maßen verwaltete jetzt Leo Blech am Ltüna Er hob das herrliche Orchester zur EnE
hatte in " ^ fem£E ?I dfte CmpDV - Auch von den Sängern Bübn- , bEn sicheren Besitz schon von der Bayreuther «JE ^gebracht, der Meisterschule, die auch künftig in der om p, »»Erscheinungen der ruhende Pol bleiben wird. Es geziemte ,rcy, der einzelnen künstlerischen Leistungen aus- gvi-enken. Doch in dem Sängerkrieg auf Mant- uuvat, der jetzt im In- und Ausland eröffnet ist, bescheide man 9ch, das weithin Gültige hervorzuheben. Der Gurnemanz Paul Knüpfers wird nirgends übertroffen werden. Seine E-tun me floß wie tönende Güte und Weisheit. Gesanglich war auch der Parsifal K i r ch h o f f s eine Offenbarung; doch des «angers robuste Männlichkeit störte den Glauben an den nndlich-reincn Toren. Dagegen packte John F o r s e l l, der schmerzgeguälte Amfortas, die Zuschauer mit intuitiver schauspielerischer Macht, und die Kundry der Frau Leffler- Burckard hatte den Dämon in Gesang und Spiel. Den Jugendglanz - der Lilith, den verführerischen, fühlte mehr unser Ohr als unser Auge.
Vor allen Strebcnd-Bemühten verdient vielleicht die Palme der Mann, der hinter ihnen stand: der Lenker des Weihefestspieles, der ungenannte Regisseur Graf Hülsen- H a e s e l e r. Es kann dem Intendanten, dessen Neigung -prr
