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Seite L. Morgen-Ausgabe, 1. Matt.

und dadurch einen Sammelpunkt der geistigen Interessen und der Meinungen aller Juristen ohne Unterschied ihrer Sonder­stellung geschaffen. Der Einfluß dieses weitverbreiteten Blattes auf die Gestaltung der Gesetzesentwürfe, auf die fort­schreitende Entwicklung des Rechtes in Wissenschaft und Praxis, ist von namhaften Kennern stets anerkannt worden. Wie sehr die „Juriften-Zeitung", herausgegeben von Exz. Laband, Exz. Hamm und Justizrat Heinitz, auch fortgesetzt be­strebt iü, neue, noch nicht beackerte Gebiete und Probleme zur Behandlung zu stellen und eigene Anregungen zu geben, geht auch aus dem Inhalt der neuesten Rümmer hervor.

parlamentarisches.

X Doppelmandatare im badischen Landtage. Wie in der

vorigen LegiÄaturvettode, so weist der badische Landtag auch jetzt vier Doppelmairdatare auf, von denen drei der rechten und einer der linken Seite angehören. Es find die Abgeordneten Landgerichtsprcistdent Zehnter (Zent.), Gutsbesitzer Duffuer (Zentr), Fabrikant Neuhauß (Zentr.) und I)r. Frank (Soz.). Ausgeschieden ist aus der Reihe der Doppelmandatare der Zentrumsabgeordnete Fehrenbach, welcher nicht mehr zum Land­tag kandidier:,.. Dafür trat neu ein der Zemrumsabg 'or duete Neuhauß. welcher in Rastatt (Baden) in den Reistag ge­wählt wurde, nachdem er schon viele Jahre Landtagsabgeord-- nettr gewesen war. Da 1.1 badiichen Landtage Rechte und Linke annähernd gleich stark sind (35:38) und Reichstag und Landtag meist gleichzeitig tagen, so haben di: Dippcl- mandatare einen schweren Stand. Sowohl im Reichstag als auch int Landtag können ihre Stimmen ausschlaggebend sein.

Beer und Klone.

= Die Burschenfrage. Den verschiedentlich im Reichstag geäußerten Wünschen nach Verringerung der Zahl der Offi­zierburschen und nach vermehrter Heranziehung dieser aus der Front abkommandierten Mannschaften zum Dienst dürfte die Heeresverwaltung wohl in absehbarer Zeit durch entsprechende Anordnungen Rechnung tragen. Wiederholt schon haben die Dienststellen und Kommandobehörden der Armee zu dieser Frage mit eingehenden Vorschlägen sich geäußert. Ihre Vor­schläge gipfeln darin, daß völlige Abschaffung der Burschen, wie sie radikal gefordert wird, unmöglich ist. Der nn Frontdienst stehende Offizier muß unbedingt eine Burschenhilfe haben, da er für die Instandsetzung seiner bei Wind und Wetter arg mitgenommenen Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke und für die Pflege der Pferde andere ge­eignete Hilfskräfte für Geld und gute Worte kaum ermieten könnte. .Es ist jedoch z. B. Gegenstand der Erwägung, ob unter bestimmten Voraussetzungen für vereinzelte Offiziere die Zubilligung einer Geldentschädigung an Stelle der Burschen ge st ellung in Aussicht genommen werden kann. Die Höhe dieser Abfindung dürfte 500 M. pro Jahr betragen. Bekanntlich rechnet der § 9 des Offizierpensions­gesetzes schon jetzt dem Offizier den Burschenanspruch in dieser Höhe als pensionsfähig an, Der Gedanke aber, sämtlichen Offizieren ohne Rücksicht auf Stellung und Dienst die Burschen zu entziehen und ihnen dafür eine der Leistung des Burschen entsprechende Abfindung zu bewilligen, muß als un­ausführbar bezeichnet werden.

=s Die Kriegsfchiffsstapclliiufe des vorigen Jahres. Ab­gesehen von Torpedo- und Unterseebooten sowie von Fluß­kanonenbooten und Hilfsschiffen sind im Laufe des Jahres 1913 folgende Kriegsschiffe von Stapel gelaufen: Deutsch­land: 3 Linienschiffe („König" am 1. März in Wilhelms­haven, „Großer Kurfürst" am 5. Mai in Hamburg und „Mark­graf" am 4. Juni in Bremen), 2 Schlachtkreuzer („Derfflinger" am 14. Juni in Hamburg und „Lützow" am 29. November in Danzig), 1 kleiner Kreuzer („Graudenz" am 15. Oktober in Kiel). Gesamtwasserverdrängung etwa 130 000 Tonnen gegen 84 200 Tonnen im Vorjahr. England: 4 Linienschiffe

(„Benbow", „Emperor of Jndia", „Queen Elizabeth", „War- spite"), 1 Schlachtkreuzer („Tiger"),.5 kleine Kreuzer („Bir­mingham", „Lowestoft", „Nottingham", „Aurora", „Arethusa"), zusammen 160 690 Wasserverdrängung gegen 150 430 Tonnen im Vorjahr. Frankreich: 3 Linienschiffe („Lorraine", „Bretagne", „Provence") mit insgesamt 70 650 Tonnen Wasserverdrängung gegen 46 940 Tonnen in: Vorjahr.

Japan: 2 Schlachtkreuzer („Haruna", „Kirischima") mit 55 880 Tonnen Wasserverdrängung, ebensoviel wie im Vor­jahr. Italien: 2 Linienschiffe („Andrea Doria" und „Cajo Duilio") mit 45 000 Tonnen Wasserverdrängung gegen 7300 Tonnen im Vorjahr. Rußland: 1 Linienschiff für die Flotte des Schwarzen Meeres („Jmperatriza Maria") von 22 800 Tonnen Wasserverdrängung, während im Vorjahr keine Stapelläufe von größeren russischen Schiffen stattfanden. Österreich-Ungarn: 1 kleiner Kreuzer („Novara") mit 3500 Tonnen Wasserverdrängung gegen 49 740 Tonnen im Vorjahr Außerdem sind zu verzeichnen mit dem Stapellauf je eines Linienschiffes: Brasilien („Rio de Janeiro", 28 000

darüber Urkunden oder sonstige dokumentarische Quellen, Die erste gedruckte Notiz über den Schäfflertanz enthält Westenrieders Beschreibung von München aus dem Jahre 1782. Sie lautet: „Alle drei Jahre wird im Monat Februar der Schäsflertanz erneuert." In Buchholzers Geschichte vom Jahre 1796 heißt es dagegen: „Die Schäffler haben alle

sieben Fahre den sogenannten Schäsflertanz, w'e eben im Jahre 1793, der also 1802 wieder erscheint usw." Die sieben­jährigen Pausen dürften somit erst seit dem . Ende des acht­zehnten Jahrhunderts in Aufnahme gekommen sein. Bis zum jetzigen Schäsflertanz 1914 sind sie denn auch regelmäßig eingehalten worden.

Der historische, nach feststehenden Regeln und einer etwas eintönigen alten Weise geübte Reigentanz wird von 21 Schäfslergesellen ausgeführt, die dazu die mittelalterliche Fssttvacht der Schäffler anlegen: Grüne hohe Sammetkappe, die sogenannte Schlägelhaube, mit weißblauem Federstutz, rote mit Silbertressen besetzte Jacke, weiße Weste, über bte sich nach Art der studentischen Couleurbändcr ein schmales Seidenband zieht, das jedoch nicht wie jene in bunten Farben gehalten, sondern tiefschwarz ist, zur Erinnerung an den schwarzen Tod von 1517, das „Pestband". Um die Hüften tragen die Tänzer eine goldgestickte Schärpe mit dem bayerischen Wappen und den Handwerksinsignien Faß, Zirkel und Schlägel. Schwarze Kniehosen, weiße Strümpfe; kleines dreieckiges Schurzfell aus ungefärbtem Leder, weißer uingc- klappter Hemdkragen nebst schwarzer Halsbinde und schwarze Schnallenschuhe vervollständigen die einem schmucken Burschen gut stehende Tänzertracht. Der Reigentanz setzt sich aus einer Anzahl genau emstudierter Figuren zusammen, wobei die Tänzer mit Buchsbaumgrün uummndene Reifen von ungefähr zweieinhalb Meter Länge tragen und schwingen. Die Schluhfigur stellt stets die Reichskrone dar. Zwischen den Tanzfiguren produziert sich der Reisschwinger auf cinenr

Wiesbadener Tsgblatt»

Tonnen), Chile („Almirantc Latorre", 28 500 Tonnen), Spanien („Alfonso XIII.", 15 700 Tonnen) und die Türkei („Reschadieh"", 23 500 Tonnen). Kein größeres Kriegsschiff lies 1913 von Stapel in den Vereinigten Staaten von Amerika, die im Jahre 1912 zwei Linienschiffe mit 54 860 Tonnen Deplacement zu Wasser brachten. Die Gesamtwasser- verdrängung aller in: Jahre 1913 von Stapel gelaufenen größeren Kriegsschifffe wird bei deren Fertigstellung rund 685 000 Tonnen betragen gegen 470 000 Tonnen im Jahre 1912. Die Bautätigkeit, so weit sie in den Stapelläufen eines Jahres überhaupt zum Ausdruck komrnt, ist also 1918 recht lebhaft gewesen und sie steht nur hinter der des Jahres 1911 (695 000 Tonnen) zurück. An Großkampsschiffen, von denen jetzt im ganzen 110 auf dem Wasser schwimmen, sind im Jahre 1913 von Stapel gelaufen 21 gegen 16 im Jahre 1912 und 27 im Jahre 1911. Auf Stapel stehen zurzeit noch 36 Großkampfschiffe, nämlich 8 englische, 6 russische, je 4 deutsche, französische, amerikanische und italienische, 3 japanische, je 1 österreichisch-ungarisches, chilenisches und griechisches. Da in Deutschland bereits ein Schiff des Bauprogramms für 1912, nämlich der Schlachtkreuzer „Lützow", im Jahre 1913 von Stapel gelaufen ist, so ist für 1914 ^ nur der Stapellauf eines einzigen deutschen Groß­kampfschiffes, nämlich des Linienschiffes „Ersatz Branden­burg", zu erwarten, falls nicht schon eines oder das andere der drei Schiffe des 1913/14-Bauprogrammes in diesem Jahr zum Stapellauf fertig werden sollte.

Ein Taucherbafsin für die Unterseebootsbesatzungen. Eine eigenartige Einrichtung plant die Marineverwaltung im In­teresse des Dienstes der Taucherausbildung für das Unter­seebootswesen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre hat es sich als notwendig erwiesen, die Besatzungen der Unter­seeboote durch besondere Übungen mit der Handhabung der Rettungseinrichtungen der Unterseeboote vertraut zu machen, und zwar unter Verhältnissen, wie sie bei etwa eintretenden Unfällen im Bereich der Wahrscheinlichheit liegen. Um derartige Übungen ausführen zu können, wird auf der Marinestation in Kiel, dem Sitz der neuen Inspektion des Unterseebootswesens, ein Taucherbassin für die Unter- seebootsbesatzungen gebaut werden, das für diesen Zweck be­sonders auszurüsten sein wird.

Schifssbewegungen. Eingetroffen: S. M. S. „Goeben" mit dem Chef der Mrttelmeerdiviston am 3. Januar in Piräus. S. M. S. „Hertha" am 3. Januar in Santa Lucia (Kleine Antillen). S. M. S. „König Albert" am 5. Januar in Victoria (Kamerun). S. M. S. „Luchs" am 1. Januar in Hoihow und am 5. Januar in Hongkong. Reichspostdampser „Adolf Wocrmann" mit denr Ablösungstransport von S. M. S. „Möwe" auf der Heimreise am 2. Januar in Neapel.

Kusland.

G stsrreich-Unaarn.

Wieder ein Schritt aufwärts in der Rangordnung der Herzogin von Hohenberg. Wien, 3. Januar. Alljährlich gibt das Qberhofmeisteramt des Kaisers am Neujahrstage eine Liste für den Gebrauch der auswärtigen Vertretungen an den Hof- und Staatsbehörden heraus. In dieser Liste sind der Reihe nach alle Persönlichkeiten des kaiserlichen Hauses und zum Schluffe die obersten Staatswürdenträger aufgezählt, bei denen Glückwünsche vorzubringen sind. In dieser Liste fehlte bisher die Gemahlin des Erzherzog-Thronfol­gers, die Herzogin Sofie von Hohenberg. In der dies­jährigen Liste wird nun zum erstenmal, und zwar nach der Erzherzogin Maria Theresia, Witwe des Erzherzogs Karl Ludwig, Bruder des Kaisers, und nach dem Erzherzog-Thron­folger Erzherzog Franz Ferdinand selbst die Gemahlin des Thronfolgers unter dem Titel „Ihre Hoheit die Herzogin von Hohenberg" angeführt. Erst dann folgt der Erzherzog Karl Franz Joseph mit seiner Gemahlin, der Erzherzogin Zita.

Die Mitteleuropäische Wirtschaftskonferenz. Budapest, 5. Januar. Die Mitteleuropäische Wirtschaftskonferenz (vgl. Drahtbericht in der Morgen-Ausgabe) beriet über ausgewählte juristische Fragen im Text der Handelsverträge. Professor K o b a t s ch (Wien) beantragte, daß die Regelung einzelner materieller Fragen durch die Verträge als wünschenswert aus­gesprochen werde. Lusensky (Berlin) erklärte, die An­regung, Gegenstände nichtzollpolitischen Charakters aus dem Text der Handelsverträge auszuscheiden und in Sonderver­trägen zu ordnen, sei bereits in der Berliner Wirtschafts­konferenz im Jahre 1909 gegeben worden. Redner bean­tragte, eine Kommission zur weiteren Bearbeitung einzu- setzen und ihrer besonderen Berücksichtigung die Schiff-

großen Fasse mit seinen Künsten. Die Mitführung einer Fahne beim Schäsflertanz datiert erst aus neuerer Zeit. Ihre alle sieben Jahre wiederkehrende Überreichung von der vormaligen Tänzerkorporation an die _ neugebildete gibt der Schäfflerzunft Gelegenheit zu einer Feier im engeren Kreise. Die jetzige Fahne stammt aus dem J«hee 1888. Sie ist der Tanzkorporation aus freiwilligen Beiträgen her Münchener Bürgerschaft gestiftet. König Ludwig II. war der erste, der eine Spende dazu hergab. Das bayerische Kömgshaus hat sich überhaupt der Pflege und Erhaltung alter Handwerks­bräuche sehr geneigt gezeigt.

Der ersten Vorführung des Schäsflertanzes, die vor dem Residenzschlosse unter den Fenstern der Königszimmer statt­findet, folgen dann während des Karnevals, der dieses Jahr mit dem 23. Februar seinen Abschluß findet, tägliche Wieder­holungen des Tjanzreigens in den revschiedensten Stadt­gegenden. Auf besondere Einladung tanzen die Schäffler wahrend dieser Zeit auch in geschlossenen Räumen aus Ver- einssestlichkeiten oder in Privathäusern. Die Entlohnung der Tänzer, an deren Ausdauer und Gewandtheit nicht ge­ringe Anforderungen gestellt werden, ist nach festen Sätzen geregelt. Zugelassen zur Ausübung des Tanzes werden vom Fachverein der Schäffler, der als der rechtliche Nachfolger der ehemaligen Schäfflergunft der Veranstalter der Umzüge ist. nur moralisch einwandsfreie Männer iw Alter von 19 bis 29 Jahren, die eine vollkommene Ausbildung als Schäffler­gesellen ^Nachweisen können und Mitglieder des Fachvereins der Schäffler sind. Von den vor sieben Jahren sich stark regenden Gegnern des alten Brauches, die das öffentliche Auftreten der Schäffler als Tänzer mit unseren heutigen Be­griffen von Handwcrkerehre und Bürgerstolz für nnverein- bar erklärten und den Schäsflertanz abzuschaffen wünschten, hört man in diesem Jahre nichts. Die alten wie die jungen Mitglieder des Münchener Fachvereins der Schäffler find mit

Mtttvoch, 7. Januar 1914. Nr. 9.

fahrtssragen zu empfehlen. Die Verwendung der Zeugnisse wissenschaftlicher Anstalten für die Verzollung soll ausgebaut u:tb die Auskunftserteilung über die Zollsätze in einem weiteren Unrfang als bisher vertraglich gesichert wer­den. Der Präsident W e k c r l e erklärte den Antrag Lusensky auf Einsetzung eines S u b k o m i t e e s für angenommen. Auch sollen die im Haager Prozeßübereinkommen von 1905 vorgesehenen Abmachungen bezüglich des unmittelbare:: Rechtshilseverkehrs zustande gebracht werden. Die Rotariatsnrkunden des Vertragsstaates sollen im anderen Staate keiner anderen Beglaubigung bedürfen. Sodann wurde die Frage des unlauteren Wettbewerbs berate::. Justizrat Kahn (München) betonte in Übereinstimmung mit den anderen Referenten, daß in jedem Staate ein Spezial­gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb erlassen werden muß. Der Code civil genüge nicht. Auch Frankreich erließ spezielle zivilrechtliche und staatsrechtliche Gesetze. Redner empfahl, an die Spitze eine Generalklausel zu setzen, welche jede gegen die guten Sitten gerichtete Handlung verbiete und außerdem besonders typische Fälle einer Regelung unter­werfe. Die Ankündigungen in der Presse verlangten eine besondere Regelung, da Voraussetzungen für eine Unter- lassungsklage gegen eine preßgesehlich verantwortliche Per­sönlichkeit zumeist nicht gegeben sind. Der Prinzipal ist für ein schuldhaftes Verhalten der Angestellten haftbar.

Belgien.

Grenzwachtposten an der luxemburgische» Grenze. Paris, 6. Januar. Der Pariser „Eclair" erklärt, daß die belgische Regierung zwischen Namur und der luxemburgischen Grenze sechs starke Grenzwachtposten zu errichten im Begriffe stehe, die sich aus militärdienstfreien Leutxn zu rekrutieren hätten. Aufgabe dieser Posten wäre es, einer Invasion (?) entgegenzutreten und besonders den Eisenbahnlinien scharfe Aufmerksamkeit zuzuwenden. Von einer Errichtung kleiner Forts längs der luxemburgischen Grenze sei Abstand ge­nommen worden.

Krankreich.

Kennzeichnende Verstimmung über Lloyd Georges Ab­rüstungsruf. Paris, 6. Januar. Anläßlich der jüngsten * Äußerungen Lloyd Georges über die Einschränkung der Flottenrüstungen, die von einem Teile der französischen Presse lebhaft kritisiert wurden, schreibt der Senawr Henry Beranger in der „Action": Die Wahrheit, die alle Fran­zosen kennen müssen, ist die, daß die gegenwärt:ge englische Regierung im Begriffe ist, ihre Politik gegenüber Deutschland gründlrch zu ändern. Seit Monaten verhandeln England und Deutschland über wichtige Abkom­men, betr. Zentralafrikas, Kleinasiens und des amerikanischen Handels. Die Ära des britischen Imperialismus, welche einst mit solchem Lärm von Chamberlain eröffnet wurde, ist nun- mchr vom Ministerium Asguith mit Verlust endlich abge­schlossen und durch einen enthaltsamen Radikalismus L 1a Lloyd George ersetzt worden.

Eugene Fournitzrc. Paris, 6. Januar. Heute nacht ist infolge eines Herzschlages auf der Straße der Professor an der Polytechnischen Schule und ehemalige sozialistische Deputierte Eugene F o u r n i tz r e, der bei seiner Partei großes Ansehen genoß, im Alter von 67 Jahren verschieden.

Steigende Sterblichkeit unter den schwarzen Truppen. Paris, 6. Januar. Die Sterblichkeitsziffer der in Süd­frankreich garmsonierenden schwarzen Truppen ist weiter im Steigen begriffen. Auch gestern ist wieder ein neuer Todesfall vorgekommen. Im 22. Kolonialinfanterie- Regiment sind allein 175 Mann dienstuntauglich geworden. Sie waren bei der Aushebung von den Ärzten als pracht­volle Rekruten bezeichnet worden.

Italien.

Der Nachfolger Rampollas. R o m, 6. Januar. Für den verstorbenen Kardinal Rampolla hat der Papst am ver­gangenen Freitag den Kardinal F e r r a t a zum Sekretär des Sant' Uffizio ernannt. Ferrata, einer der ältesten Kirchen­fürsten. gehörte schon früher diesem Amtskollegium an. Kar­dinal Serafino Vannutelli wäre eigentlich an der Reihe ge­wesen; dieser aber hatte aus Gesundheitsrücksichten abgelehnt. Ferrata ist durch seine Ernennung eines der einflußreichsten Mitglieder des heiligen Kollegiums geworden. Nach dem Tode Rampollas sieht rnan in ihm eine Hauptstütze der päpstlichen Macht. Das Großpriorat des Malteserordens, das durch den Tod Rampollas ebenfalls frei wurde, ist dem Kar­dinal B i s l e t i übertragen worden. Diese Würde kann nur dem Sproß einer adeligen Familie verliehen werden, der zu­gleich zum Rat des Ordens von Malta gehört. Dies ist bei Bisleti der Fall. Das Amt bringt übrigens dem Inhaber jährlich 50000 Franken ein. Mit diesen beiden Ernennungen

Feuereifer für die Erhaltung ihres Privilegs eingetreten und es scheint, als werde sich die in dem Getriebe einer modeinen Großstadt so merkwürdig ausnehmende Sitte doch noch recht lMge erhalten.

Aus Kunst und Leben.

* Wie ein Blinder das Sehen lernt. Me von Augen­ärzten angestellten Beobachtungen über das Sehen nach ge­heilter angeborener Blintcheit haben gezeigt, daß der operierte Blindgeborene bte ihn: vorgelegten Gegenstände erst durch Befühlen richtig deutet. Das Sehen muß erlernt werden, wie die Neugeborenen es tun. über einen derartigen inter­essanten Fall berichtet Geh. San.-Rat Br. Augstein in der neuesten Nummer der „Umschau", Wochenschrift über die Fortschritte in Wissenschaft und Technik (Frankfurt a. M.).

Cs handelt sich hier um einen 15jährigen blindgeborenen Zög­ling. Der Knabe unterschied sich in den ersten Wochen nach der Operation gar nicht von einem Blinden und lief auf alle Gegenstände auf. In der vierten und fünften Woche trat die Möglichkeit ein, Tischen und Stühlen aus dem Wege zu gehen, wenn er es mit einiger Mühe fertig brachte, zentral zu fixieren, d. h. die Gegenstände genau in der Sehachse zu haben. Er hatte also noch kein „Gesichtsfeld", d. h. keine Möglichkeit der Wahrnehmung von der Seite. In den nächsten Wochen stellte sich alsdann auch „Gesichtsfeld" ein, während die Sehschärfe» also die zentrale Wahrnehmungsfähigkeit, be­deutend zunahm. _ Es ergibt sich also die gewichtige Tatsache, daß neben dem bisher ausschließlich betonten seeRschen Vor­gänge, durch den der Tastsinn Lehrer und FühWr des optischen \ Sinnes wird» für die Anfangszeit auch das Verhalten der / Netzhaut eine Rolle spielt. Sie ist zunächst nicht fähig, Bilder der Außenwelt i» einer für die Nervenbahnen verwendbaren Form aufzunchmcn. \