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Mittwoch. 7. Ianuar *914. HtOI!(}£1t -
Nr. 9. ♦ 62. Jahrgang.
Der Zusammentritt des Landtags.
Nachdeiir in kurzen offiziösen Auszügen der preu- rUjche Staatshaushaltsvoranschlaig für 1914 in seinen wesentlichen Teilen bekannt gegeben wovden ist, wird Ulougen, am 8. Januar, der neugewählte Landtag sich Wni ersten Male versammeln.. Bei der geringen Veränderung, die die Zusammensetzung des Aügoordneten- tzauses dlirch die Neuwahlen erfahren hat, wirv die Konstituierung ohne besonderen Aufenthalt vor sich gehen. ^ Das Präsidium — Graf Schw e r i n - Löwitz Wä Präsident, Dr. Porsch als erster und Dr. von Krause als zweiter Vizepräsident — dürfte ohne irgend welche Opposition neugewählt werden. Mit dieser Ruhe in den äußeren Förmlichkeiten ist aber ^loch nicht gesägt,, daß nun auch die Landtagsverhand- lungen sich in nüchtern-sachlichen Geleisen die nächste oert bewegen werden. Was an Gesetzesstoff bisher angekündigt worden ist, bietet allerdings keinen nennenswerten Grund zu aufregenden Debatten. Die Dhronrede wird erst die nähere Aufklärung über das w erwartende Arbeitspensum für dieses Jahr bringen, tyreiücf) kann man schon jetzt annehmen, daß entsprechend der die r jährigen Erfahrung auch diesmal w der Thronrede an: interessantesten das sein wird, inas sie nicht enthält: nämlich die endgültige Einlösung des königlichen Versprechens einer Wahlreform. Könnte man freilich auf Minister- lvorte etwas geben, so müßte eine Wahlreform dem Landtag jetzt vorgelegt werden. Denn Herr v. Dall- lvitz, der für die innere Politik Preußens verantwortlich zeichnet, hat in zwei aufeinanderfolgenden Etats- debatten verkündet, daß die Vorlegung einer Wahlreform unterbleibe, weil die Gruppierung der Parteien kerne positive Lösung einer neuen Wahlreform erhoffen lasse. Nun aber ist die neue Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses zweifellos so, daß für' geheime und direkte Wahl eine Mehrheit vorhanden ist. Den 201 Abgeordneten der beiden konservativen Fraktionen stehen 73 Nationalliberale, 40 Fortschrittler, 10 Sozialdemokraten und 13 Polen gegenüber. Da das Zentrum mit seinen 103 Mitgliedern den Ausschlag gibt und, wenigstens gemäß seinen programmatischen Versicherungen sogar das Reichstagswahlrecht fordert, ist ziffermäßig eine Mehrheit für geheime und direkte Wahl im neuen Abgoovdnetenhause v o r h a n- den. Die Regierung kann sich nicht mehr auf das künstlich hevbeigeführte Votum der vorigen Legislaturperiode. das allerdings durch die passive Haltung des Zentrums erfolgte, berufen. Die Voraussetzungen ffir eine neue Wachlrefovm gemäß der Dallwitzschen Auffassung sind also vorhanden, und die Regierung hat ausschließlich zu entscheiden, ob sie die Einlösung des königlichen Wahlrechtsversprechens abermals hinauszu- Zögern gewillt ist.
Die politische Gruppierung des Reichstags wird im Abgeordnetenhaus wohl nie so scharf zum Ausdruck kommen, da hier Konservative und Zentrum w den Kultur-, Kirchen- und Schulfragen sehr eng aufeinander angewiesen sind. Immerhin werden 'die Reichstagsdebatten eine preußische Neuanf-
Münchener Schäsflerianz.
Bon Hans Rege «München).
Gestern, am heiligen Dreikönigstag, hielten nach siebenjähriger Pause in München wieder zum ersten Male die Schäffler ihren Umzug und führten ihren altertümlichen Tanzreigen vor. Der Münchener Schäfflerranz ist ein jetzt bereits fest vier Jahrhunderten geübter Brauch, Hessen mit sagenhaftem Geranke durchflochtene Entstehungsgeschichte mit den schlimmsten Pestjahren des Mittelalters verknüpft rst. Nicht Üppigkeit oder gedankenlose Tändelsucht hat in Vor- bäterzeit die Sitte entstehen lassen, sondern ernster Sinn und menschenfreundlichste Absicht sind es gewesen, die den Grund-: stein zu dem heiteren Spiel gelegt haben, das sich bis in unsere moderne geschäftlich rastlose Zeit hineingerettel hat.
In der Zeit bon 1462 bis 1517 wurde München dreimal >n fürchterlicher Weise von den Schrecken des schwarzen Todes heimgesucht, der ü!ber italienische Häfen nach Europa eingeschleppten asiatischen Beulenpest. Die erste dieser Seuchenperloden dauerte von Weihnachten 1462 bis Michaelis 1463. Die nächsten großen Pestjahre Münchens waren die Jahre 1515 und 1517. Dann verschonte der schwarze Tod die schwergeprüfte Stadt über ein Jahrhundert lang. Aber im Lahre 1643 ist sie noch einmal in furchtbarer Ausbreitung tviedergekehrt. Sie raffte die im Verhältnis zur damaligen Bevölkerung ungeheure Zahl von 15 000 Menschen weg. Bei ötcfcr letzten Periode waren die Vorsichtsmaßregeln weit ui,i. lassender getroffen als bei den früheren Epidemien; trotzdem konnte ihr doch nicht so bald ein Damm gesetzt werden. Es waren dazumal in München nur zwei Tore offen, das Neu»
läge erleben; denn in einem Zwischenruf hat Herr v. Heydebrand dem Reichskanzler schon zu erkennen gegeben, daß die Welfenfrage im Wge- ordnetenhause beim Etat von den Konservativen angeschnitten werden wird. Mit der Welfenfrage allein dürfte es aber nicht sein Bewenden haben. Im Gegenteil kann man mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß die Konservativen in den schützenden Gehegen des Dreiklassenparlaments die ganze deutsche Politik auf- rollen werden und daß hier all das gesagt wird, wofür die Konservativen im Reichstag keinen Resonanzboden hatten.
Die Litike lvird zwar notgedrungen diese Kämpfe auf dem aufgezwungenen Boden annehmen müssen, aber sie wird auch nicht säumen, den spezifisch preußischen Fragen ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Schon jetzt ist das F i d e i k o m m i ß g e s e tz und die Reform der inneren L a n d e s v e r w a l t u n g angekündigt worden. Hier bietet sich eine dankbare Gelegenheit, aut die Notwendigkeit großzügiger Reform- arbeit liinzuweiseu. Es ist leider anzunehmen, daß die Negierung ui der Frage der Bindung des Grund und Bodens immer noch jener veralteten Anschauung huldigt, daß die Fideikommisse zur Erhaltung alten Familienglanzes notwendig seien, und zweifelsohne wird das neue. Fideikommißgesetz darin kaum eine grundlegende Wandlung in den bisherigen Anschauungen der preußischen Regierung aufweisen. Demgegenüber ist es doppelte Pflicht, diesem Regierungspro- granun, das zugleich dasjenige der Konservativen ist, die liberale Forderung auf Jnaugurierung einer großzügigen i n n e r e u Kolonisatio n gegenüberzustellen. Der neue Etat zeigt ja nach dieser Richtung hin eine bedauerliche Versäumnis. Eine ganze Million setzt Preußen in der Zeit seines Überflusses für dieses wichtige Knlturgebiet in den Etat ein! Die Reform der Landesverwaltung ist so brennend geworden, und die Rcformbedürstigkeit unserer innerem Verwaltung ist so groß, daß für diejenigen, die einer modernen Staatsanffassung huldigen, sich sin außerordentlich weites Tätigkeitsfeld eröffnen wird.
Schon diese Andeutungen zeigen, welche wichtigen Erörterungen die l evorstshende Tagung des Landtags bringen kann. Sie werden von allen Vertretern einer modernen Staatsauffassung in _ dem Bewußtsein zu fuhren iein, ^oß die Modernisierung Preußens in gleichem Maße seinem kulturellen Ansehen nach außen und seiner innerdeutschen Mission als führender Bundesstaat den besten Dienst leistet. ______
Deutsches Neich.
* Zum Geburtstag König Ludwigs III. Die „Nordd. Mg. Ztg." schreibt: König Ludwig von
Bayern begeht am (• ‘^ onu ^£ öre Feier seines 69. Geburtstages. Zum ersten llcale seit seiner Thronbesteigung erscheint dem Monarchen dieser festliche Tag. Mit dem bayerischen Volk gedenkt ganz Deutsch- ,land in aufrichtiger Verehrung des nationalgesinnten Herrschers und jerner unablässigen Tätigkeit im Dienste der ihm obliegenden hohen Pflichten. So erhobt sich von neuem der Wunsch in den Herzen,
I Hauser- und das Jsartor. Verde Tore waren stark bewacht, und niemand durfte^ ohne -Vorweisung der Gesundheitspässe und genaueste Untersuchung tu die Stadttore hinein. Angekommene Briefe an Kausteutc wurden geräuchert und bas Geld mit Essig gewaschen-. An den Ein- und Ausgängen der Straßen waren eiserne Ketten befestigt, um damit eine Sperre herzustellen, wenn die Ansteckung in der einen oder anderen Straße zu besürch-en war. Aber da die Leute der Sperre nicht achteten und durchschiüpstcn, so wurden mehrere Straßen, in denen sich Pestkranke befanden, mit Brettern verrammelt. Auf den Straßen wurden Feuer unterhalten und Wacholderisträucher verbrannt.
Während der Pest von 1517 waren aber noch keine so umfangreichen und nach unseren heutigen Hygienischen Begriffen auch kaum als zweckmäßig anzusehende Maßregeln getroffen. Tausende starben dahin. Alles schwebte in furchtbarer Todesangst; alle Häuser und Läden waren geschlossen. Außer den Totengräbern und Besträucherern wurde niemand in den Straßen gesehen. Die Landleute getrauten sich nicht in die Stadt und es trat ein großer Mangel an Lebensmitteln ein. Das Elend hatte die höchste Stufe erreicht, und selbst nach dem Verschwinden der Pest wagte sich lange Zeit niemand aus dem Hause; aller Verkehr stockte. Die Ärzte konnten gegen das Übel nicht helfen, und man befürchtete, daß die herrschenden Zustände zu neuen Krankheiten Anlaß geben würden. Da geriet ein einsichtsvoller Bürger, dessen Name oer Nachwelt jedoch nicht aufbcwahrt wurde, aus den Gedanken, seine Mitbürger durch ein lustiges Schauspiel aufzuheitern, statt mit ihnen zu jammern und zu klagen. Dieser wackere Mann gehörte zur Zunft der „Schäffler", wie in Süddcutschland, Österreich und in der Schweiz die in Norddeutschland Böttcher
daß König Ludwig noch ein langes segensreiches Wir- ken beschieden sein möge, zum Wohle Bayerns und des gesamten Vaterlandes.
* Zur Einigung zwischen Ärzten und Krankenkassen.
Unter dem Vorsitz des Regierungspräsidenten von Schmeling und im Beisein des Vertreters des Handelsministeriums Oberregierungsrats Gerboled und des Vorsitzenden des Leipziger Ärzteverbandes _ Professor Hartmann fand gestern im Anschluß an die in voriger Woche im Reichsamt des Innern getroffenen Vereinbarungen in Stettin eine letzte Verhandlung zwischen Vertretern der Ärzte und der Krankenkassen stall. Nach fast zwölfftündiger Beratung wurde _ nachts gegen ll. 1/2 Uhr eine völlige Einigung der beiden Parteien erzielt.
* Der sozialdemokratische Arzteverein, über dessen Gründung wir vor einiger Zeit berichteten, legt Wert darauf, festzustellen, daß es sich nicht um eine Organisation handelt, die in irgendeiner Weise in den Konflikt zwischen Ärzten und Krankenkassen eingreifen sollte. Das gehe schon daraus hervor, daß ein großer Teil seiner Mitglieder auch Mitglied anderer Berufs- Vereine,, speziell des Leipziger Verbandes fet. Die Ausgabe des neugegründeten Ärztevereins soll im wesentlichen eine sozial-medizinische sein.
* Die Beerdigung des Mannheimer Ehrenbürgers Reiß. Gestern vormittag %12 Uhr fand die feierliche Bestattung des Geheimrats Reiß im städtischen Krematorium in Mannheim statt. Es nahmen daran teil: die Spitzen der staallichen und städtischen Behörden sowie zahlreiche prominente Persönlichkeiten. Beinahe alle Vereine von ganz Mannheini hatten Abordnungen mit ihren Fahnen entsandt. Die Bestattung war eine allgemeine KundgÄmlig für die Beliebtheit des Verstorbenen.
Rechtspflege und Verwaltung.
5vjähriges Dienstjnbiläum. Der Präsident des Oberlandeskulturgerichts, Wirkt. Geh. Oberregierungsrat Dr. Hermann Metz, feiert am 9. d. M. sein 50jähriges Dienstjubiläum. Er stammt aus einer kurhessischen Beamtenfamilie und ist am 27. Januar 1842 in Todenhausen, Kreis Marburg, geboren. 1881 als Hilfsarbeiter in das landwirtschaftliche Ministerium berufen, wurde er bald darauf in gleicher Eigenschaft an das Oberlandeskulturgericht versetzt und 1888 zum Oberlandeskulturgerichtsrat ernannt. Am 1. August 1891 wurde er Präsident der Generalkommisston in Frankfurt a. d. O. und am 1. November 1907 Präsident des Oberlandeskulturgerichts. 1908 wurde Metz zum Wirklichen Geheimen Oberregierungsrat mit dem Range der Räte erster Stlaffe ernannt. Seit 1907 ist er ernanntes Mitglied des Landesökonomiekollegiums. — Metz' Verdienste liegen besonders auf dem Gebiete der inneren Kolonisation durch Begründung von Rentengütern. In Anerkennung dieser Verdienste hat ihm die Universität Greifswald 1906 die Würde eines Dr. jur. honoris causa verliehen.
' Die „Deutsche Juristen-Zeitung" tritt mit der soeben erschienenen Neujahrsnummer in ihren 19. Jahrgang ein. Als ältestes der bestehenden juristischen Organe, die sich mit allen Fragen des Rechts und der Verwaltung beschäftigen, hat sie als erstes vor 19 Jahren eine neue Richtung in der juristischen Publizistik eingeschlagen und als Zentralorgan des gesamten deutschen Juristenstandes alle irgendwie juristisch interessanten oder wichtigen. Fragen in den Kreis ihrer Erörterung gezogen
' heißenden Faßbinder benannt werden. Der Ausführung seines Planes schlossen sich die Schäffler alle willig an, und ans seine Anregung liehen sich auch die Metzger herbei, einen eigenartigen derblusiigen Fastnachtsscherz in Szene zu setzen, den sogenannten Metzgersprung.
Während die von der Pest Verschonten bleich und abgc- magert, vom Elend zusammengekauert, in ihren noch immer fest derschluffenen Stuben saßen, erscholl eines Tages auf einmal fröhliche Musik in den Straßen. Alles eilte an die schon lange nicht mehr geöffneten Fenster, und siehe dv: die Schäffler zogen in aufgeputzten Scharen nach dem Marktplatz, wo sie mit grünbelaubten Reifen einen Rundtanz aufführten, und die „Gret'l in der Butten" — an deren Stelle später die „Hanswursten" traten — ergötzte alt und jung mit ihren Späßen. Alles strömte aus den halbausgcstorbenen Häusern dem Zuge nach und lachte herzlich. Manche, die e'.n- ander längst tot geglaubt, trafen sich. Bald wurde cs wieder lebhaft in den Straßen, die Glocken ertönten zu Dankgcbeten, alles kehrte zur Ordnung und zur Arbeit mit erstarktem Mute zurück. Da hiermit die Schäffler ihren Zweck erreicht hatten, durchzogen sie nach dem Tanze in feierlichem Zuge unter den Klängen fröhlicher Musik sämtliche Straßen der ganzen Stadt. Nach Beendigung des Tanzes der Schäffler sprangen die Lehrlinge der Metzger in den Fischbrunnen, zum Zeichen, daß die Luft und das Wasser wieder rein seien.
Wieviel von dieser in Schriften des 18. Jahrhunderts nic- dergelegten Entstehungsgeschichte des Münchener Schäfflertanzes historisch zutreffend ist und wieviel die Sage Hinzuge- fügt hat, ist schwer festzustellen, da sie bis dahin lediglich auf mündlicher Überlieferung beruht. Denn weder das Münchener Stadtarchiv noch die Zunstladen enthalten
