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Nr. 7 * Dienstag, 6. Januar 1914.

Ru&lonö-

Eine internationale Eisenbahntonferenz. Peters­burg, 4. Januar. Die Regierung trifft bereits Vorberei­tungen zur Einberufung der internationalen Eisenbahn-- konferenz. Einladungen zur Beteiligung an der Konferenz werden an die Eisenbahnen- und Dampfergesellschasten Europas, Amerikas und Australiens versandt. Die Konferenz wird u. a. darüber beraten, ob inan die Frachter!, die aus England nach Australien versandt werden, durch Sibirien leiten kann, und ferner wird die Verbindung der koreanischen Häfen mit dem Eisenbahnnetz eine wichtige Frage bilden.

Der Dumaprösident beim Zaren. Zarskoje-Sselo, 4. Januar. Der Kaiser empfing den Präsidenten der Reichs­duma. der über die Arbeiten der Reichsduma eingehend Be­richt erstattete.

Türkei

Enver Bei über seine Ernennung zum Kriegsminister. London, 5. Januar. Der neuernannte Kriegsminister Enver-Pascha gab dem Korrespondenten des „Daily Tele­graph" folgende Erklärungen: „Der einzige Grund, der mich bewog, einen so schwierigen Posten wie den des Kriegs- nnnisters anzunehmen, war der, daß ich an der schweren Auf­gabe der militärischen Reorganisation Mit­arbeiten will. Ich bin weit davon entfernt, kriegerische Be­strebungen zu fördern. Heeresorganisation und Krieg sind durchaus identische Begriffe; !vie man in unserem Fall an- nehmen könnte. Wir wollen und wünschen eine Stärkung unseres Heeres aus dem begreiflichen Wunsche heraus, die anderen Mächte zu zwingen, uns für die Zukunft in Frieden zu lassen."

Weitere französische Gendarmerie-Instrukteure für Klein­asien. Paris, 5. Januar. Einer offiziösen Mitteilung zufolge ist die französische Regierung von der türkischen ersucht worden, ihr weitere fünf Offiziere zur Leitung der Gendarmerie in Kleinasien zur Verfügung zu stellen. ' Be­fehlshaber der Gendarmerie in Klein asten ist der französische General Baumann.

Luftfahrt.

Die National-Flugspende. Der Jahresbericht für i 91 3 der National-Flugspende ist soeben erschienen und er­weist sich als ein ganz stattliches Buch, das durch seinen, in­formatorischen Inhalt den Wert eines historischen Dokuments hat. Gleich das einleitende Kapitel über die Entstehung der National-Flugspende saht die interessante Vorgeschichte der National-Flugspende zusammen. Das bedeutendste Kapitel ist dem Wirken der National-Flugspende gewidmet. Es wird geschildert, welche Überlegenheit Frankreich im Flugwesen über alle anderen Länder hatte, und was Deutschland nottat, um diesen gefährlichen Unterschied allmählich auSzuglcichen. Am meisten _ bedurften wir der Ausbildung von Flug­zeugführern. Der Bericht gibt eine anschauliche Schil­derung, wie durch die National-Flugspende dies Ziel verfolgt und erreicht wird. Voraussetzung für eine Zuwendung aus der National-Flugspende mutzte eine Leistung sein; nach diesem Grundsatz ist die Verwendung der National-Flugspende erfolgt, und man muß zugeben, daß dieser Grundsatz sich als der allein richtige erwiesen hat. Wie richtig er war, beweist das glänzende Kapitel über die Steigerung der Flug­leistungen. Ein besonderes Kapitel ist der Versiche­rung der Flieger gewidmet, die in keinen! Land der Welt ihresgleichen findet. Eine interessante Studie ist das Kapitel der Förderung der Flugtechnik. Sehr lesenswert ist das Kapitel über die Fernflüge der National-Flugspende, die für Deutschlands Ansehen in der Welt so sehr viel bedeuten und uns in mancher Beziehung an die Spitze aller Nationen acstellt haben. Der Bericht wird ergänzt durch eine große Anzahl z. T. aus den Akten der National-Flugspende ent­nommener Anlagen. Aus dein Abschluß des Kuratoriums nach dem Stand vom 16. Dezember 1913 geht hervor, daß bis­her 1715 344 M. verbraucht siud, so daß für das nächste und folgende Jahr noch 3 885 791 M. verfügbar bleibe«. Hiervon sind 300 000 M. für einen Geschwindigkeitswettbewerb 1914 bestimmt und 235 000 M. für einen Flugzeugmotorenwett- bcwerb. Für die Förderung des Flugwesens in den Kolonien sind 100 000 M. bestimmt, und für Wasserflugstützpunkte der gleiche Betrag. Der Wasserslugzeugplatz an der Ostsee erfor­dert einen Zuschuß von 250 000 M., und die Fliegerausbildung der zweiten Ausbildungsperiode einen Aufwand von 776 000 Dkark, während für die Fliegerversicherung 669 570 M. in An­satz gebracht sind. An großen Beträgen sind auherdeni noch 435 000 M. für die Stunden- und Rentenflüge (Städteflüge '-914) in den Etat 1914 eingestellt. Es ist ein erfreuliches Bild, zu sehen, wie das deutsche Flugwesen in seiner Gesamt­heit durch das zielbewußte Hinleiten des befruchtenden Geld­stroms an die richtigen Stellen tatkräftig gefördert worden ist, und es bleibt nur zu wünschen, daß auch die künftige!! Maßnahmen des Kuratoriums der National-Flugspende sich als ebenso zweckentsprechend erweisen mögen.

Für den Prinz-Heinrich-Flug 1914 wurde vom Kaiser ein Ehrenpreis für den besten Flugzeugführer gestiftet.

Ein Hydroaeroplanflug Warnemünde - Kopenhagcn- Ehristiania. Kopenhagen, 4. Januar. Anläßlich des ge­planten Hvdroaeroplanfluges Warnemünde - Koprnhagen- Christiania fand eine Besprechung zwischen dem Vertreter des deutschen Lustfahrtverbandes und den Vertretern der däni­schen aeronautischen Gesellschaft statt. Es wurde beschlossen, den Flug zwischen dem 16. und 28. August zu veranstalten. Die Flugstrecke soll von Warnemünde über Kopenhagen-Aar- haus-Frederikshaven oder Skagen mit einer Landung in einer südnorwegischen Stadt nach Christiania gehen, vorausgesetzt, daß die Aeroklubs der drei Länder 50 000 M. für Prämien aufbringen. Sollte Schweden sich beteiligen wollen, ist auch eine Landung in Malmö geplant.

Hu$ Stadt und Land.

Wiesbadener Nachrichten.

Schreibstube für steaenlose »aufleute.

Zu diesem Thema erhalten mir von fachmännischer Seite folgende Zuschrift: „Unter Bezugnahme auf die zu wieder- holtenmalen in Ihrem geschätzten Blatt erschienenen Artikel, die obige städtische Neueinrichtung betreffend, möge es mir gestattet sein, auch einural auf die Mitzstände und Schatten­seiten eines solcken Instituts aufmerksam zu machen sowie die Bedürfnisfrage anzuschneiden. Besteht hier in Wiesbaden,

Missbaderrer tzpKgblaLt» Morgen-Ausgabe, 1. Blatt._ Seite 3.

das kein Handels- und Jndustrieplatz, sondern ein Kurort ist, ein Bedürfnis für eine städtische Schreibstube? Ich glaube, berechtigt zu sein, diese Frage entschieden zu verneinen, denn i. ist in unserer Kurstadt nur sehr wenig Arbeit für Schreib­stuben vorhanden, 2. sind private Unternehmen bereits in mehr als ausreichender Anzahl am Platze, und 8. gibt es hier eine nur verschwindend kleine Anzahl von stellenlosen Kauf- leuien. Die letzteren sind meist nicht am Platz ansässig, son­dern sogenannte „reisende Kausleute", die von Stadt zu Stadt wandern und entweder gar keinen Trieb zu einer dauernden Tätigkeit haben oder aus Mangel an den nötigen Kenntnissen keine Stellung bekommen können und deshalb gut täten, um­zusatteln. Wer bietet dein Kaufmann,, der seine schriftlichen Arbeiten einem derartigen Institut auvertraut, die Gewähr, daß seine Aufträge richtig, sachgemäß und prompt erledigt werden, wie dies von seiten privater Schreibstuben geschieht, bei denen der Inhaber für alle Fehler seiner durchaus ein» gearbeiteten und geschulten Angestellten verantwortlich ist? Wer bietet ihm eine Gewähr dafür, daß von seiten der stellen­losen Kausleute, unter denen sich häufig alle möglichen un­lautere!! Elemente befinden, nicht von den der Schreibstube überwiesenen Schriftstücken unter Verletzung der Diskretion ein Gebrauch gemacht wird, der geeignet ist, den Auftraggeber schwer zu schädigen? Ich glaube, daß diese Gesichtspunkte sehr viele abhalten werden, einem sulchen Institut Aufträge zu erteilen. Daß die stellenlosen Kaufleute nicht gerade die besten Arbeitskräfte sind, ist selbstverständlich. Man hat damit schon in anderen Großstädten, in denen solche öffentliche Schreibstuben bestehen, traurige Erfahrungen gemacht, und es ist auf Grund der vielen Reklaniationen von seiten der Auftraggeber in verschiedenen Städten bereits dahin gekom­men, daß in den öffentlichen „Schreibstuben für stellenlose Kausleute" nicht mehr die letzteren, sondern fest engagiertes Personal beschäftigt wird, um auf diese Weise den ewigen Reklamationen der Kundschaft zu entgehen! In diesen Städten ist also der eigentliche Ziveck der Gründung vollkommen über den Haufen geworfen worden, und es bestehen dort lediglich noch städtische Konkurrenzinstitute für die dortigen steuerzah­lenden Inhaber privater Schreibstuben! Wer weiß, ob es auch hier nicht einmal dahin kommen wird. Und wie steht eS nun mit der wohltätigen Absicht bei dieser neuen Ein­richtung? Kann ein Institut, welches geeignet ist, hiesige steuerzahlende Bürger (die Inhaber privater Schreibstuben) schwer zu schädigen, als ein „wohltätiges" bezeichnet werden? Ich glaube kauin, daß jemand hierzu den Mut finden dürfte. Meine Ansicht ist, kurz gesagt, die, daß diese neue Einrichtung ein Schmerzenskind der Stadtverwaltung werden dürfte, an dem sie wenig Freude erleben wird, und ich glaube, daß der Magistrat seinen Mißgriff bald einsehen und dieses „wohl­tätige Institut" in der Versenkung verschwinden lassen wird."

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Der Verfasser der vorstehenden Zuschrift meint, die neue Einrichtung, in der er ein unbequemes Konkurrenzinstitut der privaten Schreibstuben erblickt, würde mit der Zeit zu einem Schmerzenskind der Stadtverwaltung werden. Hier befindet er sich in einem tatsächlichen Irrtum: Die Stadt­verwaltung hat mit der Schreibstube für stellenlose Kaufleute nicht das mindeste zu tun; diese ist eine Einrichtung des Ar­beitsamts, das zwar von der Stadt gefördert wird, aber nicht unter der städtischen Verwaltung steht. Für die Schaffung einer Schreibstube für stellenlose Kaufleute scheint doch wohl ein Bedürfnis vorhanden zu sein; anders wäre es nicht zu verstehen, daß di« berufenste Vertreterschaft der Kauf­leute, der „Kaufmännische Berein", sich für die Er­richtung der neuen Wohlfahrtseinrichtung ausgesprochen hat, der er wahrscheinlich selber näher getreten wäre, wenn das. Arbeitsamt die Sache ' nicht in die Hand genommen hätte. Leider gibt es, wie einwandsfrei festgestellt wurde, in Wies- bäden eine große Zahl stellenloser Kaufleute, übrigens will die Schreibstube nicht nur stellenlose Kaufleute, sondern stellenlose Angehörige der schreibgewandten Berufe überhaupt beschäftigen, zu denen u. a. auch die Techniker gehören. Für sachgemäße und diskrete Behandlung der Schreibaufträge übernimmt die Schreibstube des Arbeitsamts, die dem Leiter der kaufmännischen Abteilung untersteht, ebenso die Garantie wie die privaten Schreibstuben. Keineswegs kann ganz allge­mein (wie das oben geschieht) gesagt werden, daß die stellen­losen Kaufleute nicht gerade die besten Arbeitskräfte sind. Es ist verständlich, daß die privaten Unternehmer von der öffent­lichen Schreibstube wenig erbaut sind, wenn es sich indessen um die Erfüllung sozialer Ausgaben handelt, kann auf etwaige private Interessen einer ueinen Minderheit von Personen nicht so viel Rücksicht genommen werden, daß die soziale Arbeit unterbleibt. Für selbstverständlich halten wir allerdings das, daß die Schreibstube des Arbeitsamts nicht für Schund­preise arbeitet Ob sich die neue Einrichtung, die jeden­falls von den besten Absichten getragen wird und Unterstützung verdient, auf die Dauer vewahrt, muß abgewartet werden. Die Bedenken, die gegen die dauernde Lebensfähigkeit der­artiger Institute erhoben werden, sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Es wäre aber grundfalsch gewesen, hätte man dieser Bedenken darauf verzichten wollen, wenig­

stens die Probe auf das Exempel zu machen. Wir hoffen, daß sie gut ausfällt!

Ehrenurkunden.

Im zweiten Halbjahr 1913 wurden von der Hmrdels- kammer Wiesbaden 51 Ehrenurkunden fiir 35jährige Tätig­keit in einem Betrieb verliehen. Im Kreis Wiesbaden- Land erhielten Ehrenurkunden Martin Klein. Joh. Reitz und Karl Schmitt bei der Frrisia Karl Graeger in Hochheim a. Ai.; Heinrich Sohn bei der Firma Kalle u. Co. in Biebrich; Karl Rücker bei der Firma Dhckerhofs u. Widmann, A.-G-, in Bieb­rich; Packmeister Franz Wohlfahrt bei der Firma C. Bachem u. Co. in Hochheim a. M. — Im Untertaunu's kreis erhielt Maschinensührer Johann Kilb bei der Firma I- Feir- abend in Niedernhausen eine Ehrenurkunde. — Im Kreis Höchst erhielten Ehrenurkunden die Aufseher Gerhard Klös, Valentin Kaltenbach, Fakob Hesseiner 1., Martin Hemp, Michael Schmidt 6., Frnrdr. Boes 2., Philipp Kurz 2., AkohS Wolf 9., Heinrich Kimpel 1., Johann Versbach, Georg Kilb 4., Johann Bruch, Philipp Freund 1., Theodor Grün U Wert Wirth 2., Franz Dörrhofer 2., Wilhelm Wölfinger, sämtlich bei den Farbwerken vorm. Meister, Lucius u. Brüning in Höchst a. M.; Karl Fischer, Franz Kiefer, Rudolf Birkenbach, Peter Weinmann, Heinrich Rams, Aufseher Wilh. Winter und Jakob Schmidt bei der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron; Monteur Anton Beck und Andreas Petri bei der Maschinen- und Armaturenfabrik vorm. H. Breuer u. Co. in Höchst a. M.; Schreiner Johann Malkmus bei der Firma Mannes u. Kyritz in HofhÄm; Laborant Heinrich Nein bei der Firma Dietsch, Kellner u. Co. in Griesheim; Werkführer Philipp Hessemer bei der Zellulosefabrik Okriftel Ph. Offenheimer in Okriftel;

Ottomar Pörtner bei der Firma Rötger u. Co. in Höchst a. M. — Im R h e i n g a u k r e i s erhielten Ehrenurkunden Theodor Steinmetz, Martin Oefsner, Heinrich Herke bei der Firma Rud. Koepp u. Co. in Ostrich; Johann Rau bei der Firma A. Wilhelms, G. in. b. H., in Hattenheim. — Im Kreis Wiesbaden-Stadt erhielten Ehrenurkunden Vorarbeiter Peter Menz bei der Firma S. I. Meyer; August Bacher bei der Firma Fr. Kappler; Frau Käte Bremser bei der Firma A. Weber u. Co., G. m. b. H.; Buchhalter Joseph Thiel bei der Firma Gustav Erkel, C. W. Poths Nächst; Fraulein Paula Kunz bei der Firma I. Hertz; Kaufmann Wilhelm Winter bei der Maschinenfabrik, G. m. b. H.; Küfer Heinrich Back bei der Firma Adam Voltz, G. nt. b. H.; Buch­halter Franz Dreymann bei der Wiesbadener Staniol- und Dketallkapselsabrik A. Flach; die Schneider Wilhelm Woerner und Georg Kolmar bei der Firma Fr. Vollmer.

— Die Einberufung des Kommunallandtags. Der Kom­munallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden ist aus den 3 0. April d. I. nach der Stadt Wiesbaden einberuseu. Regierungspräsident Dr. v. Meister wurde als Stellver­treter des Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau zum Königl. Kommissar für den Kommunallandtag ernannt.

— Die katholische Gemeinde Wiesbadens ist nunmehr in drei selbständige Pfarreien geteilt. Mit 1. Januar 1914 ist die St. Bonifatiuspfarrei geteilt und sind die bisherigen Seel- sorgebezirke der Maria-Hilskirche und der Dreifaltigkeitskirche eigene Pfarreien geworden. Die Einführung des Herrn Dr. Hilsrich als Pfarrer der Maria-Hilskirche wird am 11. Januar erfolgen, die des Herrn Dr. Hüfner als Pfarrer der Dreifaltrgkeitskirchs arn 18. Januar. In allen drei Pfarreien wird die Wahl eines besonderen Kirchenvorstandes und einer eigenen Gemeindevertretung stattsinden. Die drei Pfarreien werden dann zu einem Gesamtverband vereinigt werden, dessen Vorsitzender Herr Stadipfarrer G r u b c r ist.

— Müll und Kehricht. Ein hiesiger Landwirt, ein „alter Wiesbadener", schreibt uns: „Ich lese soeben, daß man wieder einmal den Müll und Kehricht loszuwerden sucht, und plant, das Zeug mit der Bahn sogar über den Rhein zu schaffen, um es dort der Landwirtschaft nutzbar zu machen. Man sagt, der Magistrat habe sich vergeblich bemüht, in der Nähe eine passende Ablagerungsstätte zu finden. Demgegenüber möchte ich behaupten, daß man sich nicht an die richtige Stelle gc- !oandt hat. Denn wenn Müll und Kehricht verladen und den Landwirten m die Nähe ihrer Ortschaften verbracht werden sollen, und zwar kostenlos, so meine ich ganz bestimmt, daß durch alle Bahnstationen bis nach Idstein hin und noch weiter, eventuell Hahn, Wehen, Bleidenstadt und alle anliegenden Orte, Müll und Kehricht zu landwirtschaftlichen Zwecken nutz­bar geinacht werden kann. Wenn mit den Anliegern der Ge­meinden verhandelt und denselben ein in der Stahe der be­treffenden Bahnhöfe gelegener Platz gestellt würde, so müßte es doch ein leichtes sein, ihnen versuchsweise einige Waggons hinzuschassen, zumal, wenn das alles den betreffenden Land­wirten so nahe an ihre Gemarkung und so billig geliefert wird und alle Gemeinden in den betreffenden Gegenden den Kehricht als Dünge- und Berbesserungsmittel für ihre mit­unter recht kalten Böden nötig hätten. Auch wäre es an der Zeit, wenn die betreffenden landwirtschaftlichen Bezirksver- eine es den Landwirten klar machten, welchen Wert Müll und Kehricht hat und welcher Nutzen ihnen dadurch erwächst. Auch gibt es in jedem Ort arme und invalide Leute, die sich dazu eignen, den angefahrenen Dungstoff zu sortieren, von Glas und Sonstigem zu reinigen. Mit den dadurch zutage kom­menden Steinen, Schlacken, Scherben usw. könnten die Ge­meinden, wie es auch in der Gemarkung Wiesbaden geschieht, ihre Wege verbessern. Wenn alle Tage ein paar Waggons an die betreffenden Orte abgeführt und der Rest im Ver­brennungsofen verwertet würde, könnte dem übel auf Jahre hinaus abgeholsen werden und den Landwirten bliebe manche Mark für Düngemittel erspart, die jedenfalls bei den ver­schiedenen Bodenarten nicht so geeignet zum Auflockern und Murbemachen des Bodens sind als gerade dieser Kehricht."

— Verschollen? Im „Amtsblatt der Königl. Regierung"' lesen wir folgende Bekanntmachung des Amtsgerichts 4 Hier­selbst: „Der Kommissionär Ernst Bücker in Wetzlar hat be­antragt, den verschollenen Chemiker Karl Siinon S u t h (alias Freiherr Manfred Karol Simon Peter v. Maderny- Suth), zuletzt wohnhaft in Wiesbaden, für tot zu erklären. Der bezeichnete Verschollene wird ausgefordert, sich spätestens in dein vor dem Unterzeichneten Gericht, Zimmer 100, auf den 19. September 1914, vormittags 10 Uhr, anberaumten Aus- gebotstermin zu melden, widrigenfalls die Todeserklärung er­folgen wird. An alle, welche Auskunft über Leben oder Tod des Verschollenen zu erteilen vermögen, ergeht die Aufforde­rung, spätestens iin Aufgebntstermin dem Gericht Anzeige zr machen." Man wird sich noch der merkwürdigen Affäre des Herrn Suth-Maderny erinnern, die vor nahezu 20 Jahren hier gespielt hat und in die auch die Schriftstellerin Helene v. Götze ndorff-Grabowsky verwickelt war, die den bayerischen Pre.mierleutncmt a. D. Adrian b. M a d e r n y ge­heiratet hatte und Suth, der sich nun „Manfred" nannte, adoptiert haben sollte.

Spinnstuben und Soldaten. Eine hübsche Sitte scheint sich in der neueren Zeit in den ländlichen Spinnstuben Hessens und Nassaus einzubürgern. Wenn die Hausschlachtungen im Gauge sind und die Kreppeln gebacken werden, dann sammeln daheim auf den Dörfern die Mitglieder der Spinnstube eine richtige mit allerlei Würsten und sonstigen Schlachtleckerbissen und Kreppeln gefüllte Soldatenkiste zusammen, um sic ihren Kameraden, die in der Ferne des Königs Rock tragen, zu über­senden. Oft fügt auch eine besondere Hand ein blinkendes Silberstück dem realen und immer hochivillkommenen Gruß aus dem Heimatdorf bei. Diese schöne, begrüßenswerte Ge­pflogenheit ehrt die Dorfgenoffen nicht minder als den jungen Kameraden in der fernen Garnison; sie dürfte aber auch zweifellos geeignet sein, das starke Band der Zusammen­gehörigkeit zwischen Land und Stadt, so weit es den Soldaten angeht, nicht durch fremde Einflüsse zu lockern. Und darum hat sie, so Mosaischen Zwecken sie auch dienen mag, einen ge­wissen volkserzieherischen Wert.

— Holzversteigerung. Am Samstag fand im Stations­gebäude der Station Chausseehaus die erste Holzversteigeruiig in der Königl. Oberförsterei Chausseehaus, die besonders aus den Orten des Untertaunuskreises stark besucht war, statt. Die Preise für Bucheuscheitholz waren etwas höher wie die des Vor­jahres. Für das Klafter = 4 Raummeter wurden durch­schnittlich 26,25 M. erlöst.

— Die Reunion im Kurhaus am vergangenen Samstag erfreute fick wieder reger Beteiligung. Es hatten sich etwa ein Viertel Tausend Besucher eiugesunden. darunter viel Tanzeisrige. die dem Vergnügen nnt Eifer und Ausdauer bis zulest huldigten.