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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf. Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 45V u. 451. Tage» und Platze» wird kein- Gewähr übernommen.

Montag. 5. Januar 1914.

Abend-Ausgabe.

Nr. 6. » 62. Jahrgang.

Graf" Hertling und seine Zukunst.

Der bayerische Ministerpräsident Georg Freiherr v. Hertling wird, wie wir mitteilten, arn 7. Januar, dem Geburtstage König Ludwigs III.. in den Grafen- siaud erhoben werden. Nach zweijähriger Minister - schaft! Andere Minister, wie Crailsheim und Feilitzsch, wurden dieser Würde erst nach 25jährigem Dienst teilhaftig. Avanciert Baron Hertling so rasch, weil er das Glück oder auch das unleugbare Geschick hatte, aus dem Prinzreg enien einen König zu rnachen? Oder liegen die Gründe in der politischen und parlamentarischen Herkunft des bayerischen Ministerpräsidenten? Bon Leuten, die alles gern aus Abkunft, Familie und Milieu erklären, wird darauf hingewiesen, daß Hertling, der als Minister, wie er immer sagt, den alten parlcunentarischen Adam ausge- zogen haben und ii b e r allen Partei- und Konfessions- ineinungen stehen möchte, einen leiblichen Neffen hat, der Mitglied der Gesellschaft Jesu ist, daß er zwei Cousinen und drei Nichten besitzt, die den Schleier genommen und sich hinter Klostermaüern vo-nr Leben abgeschlossen haben, daß überhaupt in der verhältnis­mäßig jungen und d.aher sehr kleinen Adelssamilie der Hertlings inuner Mönche und Nonnen - gewesen sind. So werde im katholischen Bayern nmnches verständlich, und auch für die Zukunft habe gerade ein Hertling mehr Aussicht auf Karriere, als irgend ein Staats­mann, der etwa mehr auf rein persönliche Vorzüge sich berufen dürfte.

Dieser wenig freundlichen Erklärung steheli aber doch auch Tatsachen gegenüber, die die Erhebung in den Grasenstand als Belohnung für besondere Dienste er­scheinen lassen. Der 70jährige Mann nrit denr kurzen Weißen Bärtchen und der professoraten Brille,. Lessen kleines Äußere stark an W i n d t h o r st erinnert, hatte schon im Rejchsta g als Abgeordneter von Münster in Westfalen u.nd als Parteiführer das Glück, bei den Politikern aller Parteien in Len Ruhm und Geruch außerordentlicher Kenntnisse und unüberwindlicher Klugheit zu kommen. Wenn der Präsident anmeldete:Das Wort hat der Ab­geordnete Freiherr v. Hertling", so strömten toe Mit­glieder aller Fraktionen in Len Saal, und sftll wurde es riugsuin im Kreise. Und der untersetzte bewegliche Herr mit dem blassen A sketengesicht wußte immer so geschickt und interessant zu reden, daß er ans der Hohe einer parlamentarischen Berühmtheit blieb.

Nicht minder als Ministerpräsident hat Freiherr o. Hertling bisher bewiesen, daß er im gewandten Lavieren zwischen feindlichen Lagern Meister ist. Und eben diese diplomatische Kunst übt er mit besonderer Lust und Liebe. Sein sehnlichster Wunsch ging lauge Zeit dahin, Gesandter des Deutschen

Reiches beim Vatikan zu werden; wirkte er doch für die Errichtung dieses Postens überaus eifrig in Rom und in Berlin. Bezeichnend ist ja auch, daß er in Fragen der auswärtigen Politik tätiger als irgend­einer seiner Vorgänger ist, daß der Bundesrats-Aus- schuß für die auswärtigen Angelegenheiten jetzt häufi­ger eiuberusen.wird als früher, daß er mit Schilderun­gen der auswärtigen Lage mitunter früher in die Öffentlichkeit tritt, als, der Reichskanzler und als dein Reichskanzler vielleicht lieb ist. Beim letzten Be­suche des Kaisers in München siel es auf, wie Staats­sekretär v. Jagow in stundonlaugen Konferenzen nüt dem bayerischen Mnisterpräsidenten Msammen- saß, was eine ganz unerhörte Erscheinung ist. Wächst Hertlings Einfluß ans die Reichspolitik? Seine nächt­lichen Schlafwagenveisen nach der Reichshauptstadt, sein geheimnisvolles Austauchen und Verschwinden in der Wilhelmstraße hat immer etwas Unheimliches, fast nervös Machendes für diejenigen, die die auswärtige Politik bisher für eine Domäne preußischer Staats­leute hielten. Es heißt auch unter den Eingeweihten, daß der Kai s c r von der Persönlichkeit des Freiherrn geradezu entzückt sei und sich nach dien Audienzen stets in diesem Sinne zu seiner nächsten Umgebung äußere. Hertlings politische Rolle scheint also mit dem höchsten bayerischen Ministerposten noch nicht ansgospielt zu sein. Steht der 70jährige Königsmacher vor unbe­grenzten politischen Möglichkeiten? Sein Unglück ist, daß er int protestantischen Darmstadt als Katholik und bayerischer Edelmann geboren wurde und infolgedessen unwiderstehlich ins Lager des Zentrums hinüberge- zogen wurde, wo ihm zwar bedeutende Erfolge und Ehren zuteil wurden, aber für immer der Ruf k o n- f e s s i o n e l I e r U n p a r t e i l i ch k e i t verloren gehen mußte, den gerade der Katholik aufMweisen hätte, der den höchsten politischen Gipfel im Deutschen Reiche er­klimmen will.Graf" Hertling wird nach wie vor seiner ganzen Säatur und Richtung -nach ein konser­vativer Mann, also im deutschen Staatsleben m den größten Dingen prädestiniert sein. Aber wer einmal das Zepter eines Ze n t rums führers geschwungen hat, kann es gerade noch im (paritätischen!) Bayern zum ersten Minister bringen, aber er wird jenes Zepter doch niemals mit denr Regierungsstab vertauschen dür­fen, der nach Bethmanns löblichem Streben über allen Parteien des Reiches geschwungen werden soll.

Freiherr v. Hertling wird sich an dem Tage, da er die Grafenwürde empfängt, wohl kaum solche, Gedanken und Sorgen machen. Wenn er heute die Bilanz seiner Tätigkeit zieht, hat er keinen Grund, mit sich selbst unzufrieden zu sein. Der Prinzregent ist, bei seinen: Regime König geworden, und Graf Hertling gedenkt sein politisches Meisterwerk m:t der Reform der bayerischen Ersten Kammer zu vollenden, wo­mit er sich neuen Dank zu erwerben und über die frühe Standeserhöhung prompt zu quittieren hofft.

Der PariserParfifal".

Paris, 2. Januar.

Des Kapellmeister-Direktors Andre Messager Erscheinen rt Gralstempel kurz nach Mitternacht wurde mit rauschendem Beifall begrüßt. Seine Künstler zogen ihn vor bre Rampe «b niemand vermochte genau zu sagen, üb dre Ovation d s ikolletierten und befrackten Generalprobenpublimm^ mehr ,m oder Wagner galt. Nach unserer unmaßgeblichen Jl tu ung: mehr Messager. Dieser feintalentierte WagnerMvar- ler war pariserisch genug, für das schon bei der "Götter ammerung" erfolgreich erprobte Foyersouper destkate ckuf- lerksamk-eiten versprechen zu lassen -und doch wayrmd des stuels für einige religiöse Stimmung zu sorgen, d z- rinister Caillaux führte seidenknisternde Damen wahrend der instündigen Pause gar in ein benachbartes elegantes R s u> ant, wo sie -gedämpft aus -den Nebensälen die Wiener Walzer iner Zigeunerkapelle herüberklingen hörten. In aitw ; I ^0= tschen Ländern ist ein schneller Übergang von weltlicher stunde zu frommer Erbauung nicht so schwer. Ohne Zeichen on Ermüdung folgten reizende junge Damen,

sinn für den Tango zu haben schienen -und auch für oiejen dpernckbend ihre neuesten türkischen oder persischen Pump- öschen, grasgrün und rosa, ange,zogen hatten, mn iangen Erzählungen Kundrys und des Gurnemanz. Das Buhnen, veihfestspiel war sehr sinnreich und merklich ,n c,n Weih-

l,, *?£ l-<* di- MM and fiaOe er reichlich verdient. Selten noch hatte man rn »em'ä-eaterwarenhaus der Großen Oper so sehr das Gefühl >on geleisteter, bedeutender künstlerischer Arbeit. Es waren ienüa^dn Nroben abgehalten worden trotz descahier des S? e L Noristen- und Maschinisten-Syn.dikate vor Überanstrengung schützt. Man hatte auch nicht ge,Part - m Äegenteil. Die vielverklagte Direktion Messager - Brouffan sat zeigen wollen, daß si- gelernt hat, nüt dem N-eMapp°rat rmzugehen,,üeradc wo man ihr den bishengen vermögenden

Parsümfabrikanten Rauchs für em neues, nicht ungefähr­liches Experiment zum Nachfolger gibt. Zunächst hatten sie nicht das Opfer gescheut, dieZtuynenlogen zu verdecken: die Mitglieder des Jockeiklubs, me hinter dem Vorhang, vor der ersten Kulisse dem Spiel beiwohnen wollen wie einst Lud­wig XIV der mitten unter 1 eineneonMions ordinaires* zu sitzen wünschte, waren umuhtbar geworden, da übermalte, feine Drahtgitter rechts und links über die vier ominösen Logen gespannt wurden.. Das so lächerlich unmoderne Bühnenbild wurde mit emem .schlag nach zeitgemäßen An­sprüchen wirksam verwandelt.

Ein heißes Bestreben, sich streng an das Bayreuther Muster zu halten, mag obgewaltet haben; ihm nahegekommen zu sein, ist dem französischen' nach phantastischer Unabhängig, Seit strebenden Temperament hoch anzurechnen. Die einzelnen Bilder boten zwar manchen Anlaß zur Kritik, standen aber hoch über der Theatermache,-die diele befürchtet hatten- Gralstempel überwältigten die Höhe und Tiefe des archstekw- nischen Aufbaus; leider war die Rückwand hinter dem Altar zu leuchtend rot -gemalt, um nicht beim Erlöschen des Licht-, störend zu wirken. Auch fehlte der von Wagner vorgcschrre- bene Baldachin, und des Auportas Lager war ein allzu prosaisches Sofa. Die Wandeldekoration und der 3°**° »arten übertrafen vielleicht Bayreuth an dekorativem Effekt, ohne Verstoß gegen Wagners ^deen. Dagegen rollte wiederum Kundry in einem Blumenkrankeriwagen heran, der lachyasl war, und die Blumenmädchen, für deren Kostümierung man Pinchon freie Hand gelasfen hatte, dünkten uns zwar nicht ungefällig dem Auge, doch etwas zu sehr Folies-Bergsres. Die sezessionistische Landfchast im Reiche des Grals, nicht übel abgetönt zur Karfreitagsstimmung, schlängelte nur zu ungeschickt den Bach des heiligen Quellwassers durchs W'estn- grün Kundry und Gurnemanz marschierten immerfort darin herum.

Orchester an erster Stelle, Chöre und Solisten erwarben sich das höchste Lob. Der Parstsal des stimmbegabten Frantz würde nützlich noch einige Bayreuther Schule durchmachen,

Die Auszeichnungen in Bayern, wij. München, 4. Januar. DieKorrespondenz Hofsmann" meldet: Der König empfing gestern vor­

mittag die Staatsminister FreHerrn v. Hertling, Fre:- herrn v. Soden-Fraunhofen, v. Thelemann, v. Breun:g und den Kriegsminister Freiherrn Kreß v. Kressen­stein sowie die ersten Präsidenten der berden Kammern des Landtages in Audienz, -um ihnen hierbe: (wie bereits angekündigt) die anläßlich des Allerhöch­sten Geburtstages verliehenen Auszeichnungen bekannt­zug-eben. Der erste Präsident der Kammer der Reichs­räte Graf Fugger v. Glött wurde in den erblichen Fürstenstand, der Vorsitzende des Ministerrates Freiherr v. Hertling in den etlichen Grafen st and erhoben. Sütatslninister v. Soden-Frauenhofen er- hielt das Großkreuz des St. Michael-Verdienstordens, der Kriegsminister das Großkreuz, des Verdienstordens der bayerischen Krone; Justizminister v., Thelemann und Finanzminister v. Brounig wurden in den erb­lichen Adelsstand erhoben. Der Präsident der Kalnmer der Abgeordneten v. Orterer erhielt den Titel und den Rang eines Geheimen Rates mit dem Prädikat Exzellenz. ___.

politische Übersicht.

Der Kronprinz und Ffztt v. Deimling.

Die eigentümliche Mitteilung derTäglichen Rundschau" wird noch von sich reden umchen. Das Blatt verzeichnet, wie wir schon mitteilten, Straßburger Gerüchte, wonach der Kronprinz seinerzeit den General v. Deimling telegraphisch zu seiner und des Obersten v. Reuter Haltung beglückwünscht und zun: Ausharren ermutigt habe. Als hierauf die plötzliche Besetzung des Krolchrinzen nach Berlin in Straßbuvg bekannt wurde, lvollte man darin eine Mrkung jenes Tele­gramms sehen. DieTägl. Rundsch." fügt hinzu, s:c habe über diese Gerüchte bis jetzt geschwiegen, Werl eine Bestätigung nicht zu erlangen tvar. Numnehr tauche die Meldung auch in einer Pariser Zeitung aus, stelle aber, offenbar nur eine Variante der erwähnten Gerüchte dar und eirtbehre ebenso der Bestätigung. Das soll denn Wohl heißen: Fehlt die Bestätigung, so fehlt auch die Widerlegung, und die betreffenden Ge- rüchte dürfen hiernach ebensogut geglaubt wie nicht ge­glaubt werden. Man kann aber auch sagen, daß es aris Wichtigeres ankomnit als auf. Glauben oder Nicht­glauben, nämrlich darauf, daß der Sachverhalt in ein­wandfreier Weise f e st g e st e I l t wird. Solange solche Behauptungen in nicht faßbarer Weise von Mund M Mund gingen, war sclbstverständlich nicht zu bean­spruchen, daß ihnen von berufener Seite begegnet werde Jetzt aber liegt eine -bestimmte Darstellung vor eben die in derTägl. Rundsch.", und es dünkt uns verdienlich, daß das Blatt, das für ferne Mrt- teilung ja nicht einzustchei: wünscht, sondern sie eben

daqeaen begreift man wieder die Hochachtung, die Frau Cosima vor Delmas (Gurnemanz) empfindet; Mlle. Brdval ist durchaus von Wagnerschem Feuer beseelt, versagte aber stimmlich gar oft. Liestelly (AmfortaS), Journet (Klingsor), Greste (Titurel), Mmes. Gall, Laute-Brun, Daumas, Cam- predon, Bugg, Lapehrette, Courbitzres und Kirsch als Blu- menmädchen boten über das Durchschnittliche Hinausreichen-

1914 wird die Große Oper viel, viel künstlerischen und materiellen Erfolg mitParstsal" haben jedermann wird einmal das geheimnisvolle Werk hören wollen, das Wagner allein für Bayrenth bestimmte. Aber dann? Wenn die Ren- gierde der Menge befriedigt ist, wird die kleine Gemeinde der Berufenen nicht mehr genügen. ... .

Die Kreuzfahrer hatten einen heiligen Gral nach Genua gebracht. Während des Revolutionskrieges raubten die Fran­zosen das Heiligtum aus der Kathedrale. Als aber die Ge­lehrten der Akademie der Wissenschaften in Paris erkannten, daß der angeblich von Herodes dem Kaiser Augustus ge- schenkte Becher nicht aus einem Smaragden geschnitzt war, sondern nur aus byzantinischem Glas ^bestand, sandten sie den Genuesern ihren Gral zurück leider so unvorsichtig ver­packt, daß er aus der Rückreise zerbrach. WirdParsifal, wenn man ihn Bayreuth zurückgeben wird, nicht auch unter der Entweihung der weiten Reise gelitten halben?

Karl Lahm.

*

Die Brüsseler Oper, das ThvLtre de -la Monnaie, ührte am 2. Januar Richard Wagners »P^llftat m iner öffentlichen Generalprobe unter der mustlalychen ^ei- ung des Leipziger Operndirektors Otto Loh se aus. Tue ssttelpartie sang der deutsche Heldentenor Heinrich H enses ms Hamburg in französischer Sprache. Dre Aufführung, btc iach Bayreuther Muster stattsand, war namentlich von Nustkern, Künstlern und Gelehrten aus dcni ganzen Lande tark besucht und machte einen tiefgehenden nachhaltigen Ein- >ruck. Namentlich die Leistungen der beiden deutschen Künst- er fanden allgemein Anerkennung.