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Sonntag, 4. Januar 1914.
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Nr. 5. o 62. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
Zur Zprachenfrage im Reichsland.
Wie wurde der Gesinnungswechsel der elsaß-lothringischen
Bevölkerung in der Sprachenfrage möglich?
II.")
Von Geh. Regierungsrat Dr. Hetzer (Wiesbaden).
^Bis zum Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 wehrten sich die Elsaß-Lothringer.wie im vori
gen Artikel klar bewiesen ist — gegen die Ausrottung ihrer deutschen Muttersprache und forderten die Beibehaltung derselben, besonders im Religionsunterricht. Koch bevor der Friede zu Frankfurt geschlossen war, hatten sie dies Ziel weit über ihre Wünsche, hinaus durch Deutschland erreicht. Denn am 14. April 1871 ward in den Deutsch sprechenden Gemeinden die deutsche Sprache als allgemeine Wsterrichtssprache eingeführt. In den Gemeinden aber, in denen die französische Sprache vorherrscht, sollte diese nicht nur im Religionsunterricht, sondern bis auf weiteres überhaupt als Unterrichtssprache in allen Klassen zngelassen werden. Und schon vier Tage später erschien die Verordnung, welche, die. allgemeine Schulpflicht gebot. Die Aufsicht über die Volksschulen führten weltliche, den Bezirks- Präsidien untergeordnete Schulinspektoren, in den höheren Schulen die unter dem Oderpräsidenten stehenden Direktoren, während , der, Geistlichkeit lediglich die Aufsicht über den Religionsunterricht blieb. Die in Deutschland gehegte Erwartung, daß diese Verordnungen von der deutschen Bevölkerung des Reichslands mit Jubel begrüßt werden würden, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil verhielt sich die überwiegende Mehrheit recht kühl und zurückhaltend und verstimmte dadurch die altdeutschen Beamten. Ohne jede Fühlung mit den Alteingesessenen übertrugen diese Beamten die in der Heimat gelernte Methode rechtskundig-schematisch auf..das Neuland und verstießen durch Verwaltnngs- matzregeln und preußischen Schneid gegen lickgewor- dene Sitten'und Gewohnheiten. Am empfindlichsten aber fühlten sich die katholischen Geistlichen getroffen, die nun ihren Einfluß auf die Erziehung der Jugend schwinden sahen. So entstand bald zwischen Alteingesessenen und Eingewanderten ein gespanntes Verhältnis. wozu besonders die katholische Geistlichkeit, die überall die Herrschaft über die Schulen für dre Kirche in Anspruch nimmt, ihren Teil redlich beitrug. Und während vorher zwischen Ober- und Unterelsassern um) zwischen diesen beiden und den Lothringern ferne Ein- tracht geherrscht hatte und Kosewörter, wie Wackes und Päxer, gegeneinander zur Anwendung gekommen waren, so, fühlten diese drei verfeindeten Verwandten den „Hergelosfenen" und „Hungerleidern" gegenüber sich plötzlich als Freunde und Bundesbrüder. Nun kann ein Völkchen, das zwei Jahrhunderte hindurch mit einem großen Volke in staatlicher Gemeinschaft lebt, seine nationalen Eigenheiten nicht rein und ungetrübt erhalten; mehr oder minder wird es von dem zahlreicheren und es beherrschenden Volke abfärben. Um die deutsche Bevölkerung des Reichslandes heute Ai!
r -' *) Üergl. 'Mitttvoch-Morgen-Ausgabe (Nr. 607 des Jahrgangs 1913 ).
verstehen, müssen wir uns daher die Grundzüge des französtschenNationalcharakters klar machen. Ein vortrefflicher Zeuge dafür ist Ludwig XIV. _ „Das gemeine Volk", sagt er in einem Schreiben an seinen Minister, „ist eine Bestie ohne. Verstand, welche je nach dem Zusammentreffen vonUmständen und letdenschastlichenEr- regungen, in die man es versetzt, manchmal den albernsten Lügen ebensoviel Glauben schenkt wie den Wahrheiten des Evangeliums." Mit höflicheren Worten finden wir dieses Urteil über die Bewohner Frankreichs in Casars' „Tagebuch vom gallischen Krieg" (IV, 5): „Die Gallier pflegen Reisende und Kausleute auch gegen ihren Willen anzuhalten, zu umstehen und aus- zusragen. Was diese ihnen erzählen, glauben sie, und 'fassen daraufhin Entschlüsse, die sie hinterher bereuen müssen," In der Kenntnis dieser Charaktereigenschaften bearbeitete Ludwig XIV. sein Volk durch _ die Publizistik für seine großen Ziele. Davon nur einige Proben: Karl der Große hätte nicht als römischer
Kaiser, sondern als König der Franzosen (Franken gleich Franzosen) die Welt beherrscht; die Weltherrschaft gebühre daher ihm (Ludwig XIV.). „Daher müsse, der König von Frankreich", ruft Charles Sorel in einem 1664 erschienenen Buch, „der wahre und einzige. König oder der König der Welt genannt werden." Und Aubery, ein Advokat am Parlament zu Paris, erklärt sämtliche Kaiser nach Karl V. für nicht rechtmäßig gewählt, weil bei ihrer Wahl ketzerische Kurfürsten mitwirkten. Das Deutsche Reich bestehe daher nicht mehr. Die französische Herrschaft aber sei süß und angenehm, und der Besitz der französischen Krone sei nächst der Gottheit das höchste Gut." Der große französische Dichter und legitimistische Staats, mann Chateaubriand, sagt etwa zweihundert Jahre später von seinen Landsleuten: „Es gibt in Frankreich wunderbar viel Geist, aber Kops .und gesunder Menschenverstand fehlt: zwei Phrasen berauschen uns." Wie wetterwendisch ein solches Volk ist und wie leicht es durch Phrasen erregt werden kann, zeigt die Geschichte Frankreichs, bis. auf den heutigen Tag. Ohne jede Einwirkung auf die Entwicklung des Gemütslebens der von Natur einfachen, besonnenen, durchaus verständigen Elsaß-Lothringer konnte dies unmöglich bleiben, zumal da Deutschland nach dem unseligen durch Religionshaß vernichtend wirkenden Dreißigjährigen Krieg dem glänzenden Hof und Volk , Ludwig XIV. gegenüber ein armseliges, i" sich uneiniges, zerfleischtes Land war, das nichts bedeutete. So konnten die französischen Präfekten vor 1870 der Wahrheit gemäß berichten, daß die Elsaß-Lothringer trotz ihrer Spöttereien über die Welschen" und trotz ihres Widerstrebens in der Spvachensrage Franzosen „pur le coeur" geworden taten In ihrer Bewunderung sur die „Krauste nation", deren Zeitungen ihnen die Prussiens in Bild und Schrift noch kurz vor den ersten Schlachten (1870) als bärtige ungewaschene, minderwertige Barbaren"
geschildert hätten, waren auch bie Elsaß-Lothringer von dem leichten und schnellen Swgeszug Frankreichs
•'1 Berlinund von dem ihnen selbst beschiedenen Kriegsrnhin vollkormuen überzeugt Daher empfanden auch' sie die schweren, durch „brutale Übermacht und
Verrat" — wie die Franzosen in ihrer Eitelkeit be
haupteten — erlittenen Niederlagen schmerzlich uns trauerten um Frankreich ebenso, wie um ihre eigenen Söhne, Brüder, Verlobten, die mitgekämpst, mitgelitten hatten, und die nun der kühle Rasen deckte, den katholischen Kirchen fanden noch in spateren Zähren für die gefallenen „Landsleute" Trauergottesdienste statt, und protestantische Damen, die vorher mit Geringschätzung auf die katholischen Kirchen herabgeschaut hatten, eilten nun zu diesen Gottesdiensten, um ihre Gebete mit denen der Katholiken zu vereinigen. Die Franzosen aber verstanden diese Stimmung vortrefflich auszunutzen, indem sie für die von i&nen „brutal losgerissenen Landsleute", die sie vorher „töte carrt^ genannt, deren „moeurs" und „usages" sie verspottet, deren deutsche Mundart sie als „palen« horrible", als „jargon grösster et i ncomprehensi b 1 e ", als „idiome tres d/geneiü" verabscheut hatten, aufrichtige Trauer Vorgaben. So trat im Reichslande das Vergangene ftnmer weiter in den Hintergrund, so wuchs das Gefühl der Zugehörigkeit zu Frankreich und die durch ihren Propheten Gambetta rege gehaltene Hoffnung am den „Sieg der immanenten Gerechtigkeit". Auch die sich einstellenden materiellen Verluste beeinflußten diese Stimmung. Viele Fabriken des Elsaß hatten ihre Erzeugnisse ausschließlich in Frankreich abgesetzt. Den nun' an der Grenze erhobenen Zoll konnten sie aber nicht tragen und so gingen sie ein oder sie wurden nach Frankreich verlegt. Auch der bis 1870 rege Handel begann zu stocken. Immer verhaßter wurden da die „Prussiens" oder „Schwaben". Hatten die Elsaß- Lothringer früher gefürchtet, daß ihnen durch Annahme der sranzösischenSprache ihre altgewohnten deut- schenSitten undGebränche genommen werden würden, so wollten sie jetzt, in.dem sie — Mmigstens die „Honoratioren" — in Gegenwart von altdeutschen Hungerleidern Französisch sprechen, den Beweis sichren, daß sie „etwas Besseres" seien. Und so hörten sie, wenn sie Altdeutschen begegneten, frühzeitig .auf, ihren ditschen Dialekt zu „babbeln" und sprachen Französisch, wobei namentlich die Männer, die oft nicht Französisch konnten, eine klägliche Rolle spielten, während die Frauen darin eine größere Fertigkeit besaßen, obwohl auch sie daheim das deutsch-französische Lexikon oft zu Rate ziehen mußten und dabei, wie der Klatsch gern m berichten wußte, manchmal recht unliebsam irregeführt wurden. So soll eine Dame, welche sich für einen französischen Kaffee vorbereitete, Waschküche, im Elsaß „Buchküche" genannt, mit „ventre de cuisine" („Bauchkiiche") übersetzt haben. Und doch wurde in den höheren Mädchenschulen inehr sranzöselt, als von der deutschen Regiernna erlaubt war. Die Franzosen aber, welche ihre Armee der deutschen gleichwertig gemacht zu haben glaubten, schürten nun immer offener. Ohne Krieg, so prahlten sie. werde Deutschland das Reichsland zn- rückgeben müssen; denn es sei zu arm, um eine so ,„ rn f«. sh rmap wie Frankreich plane, dauernd unterhalten zn'tonnen. Und da erschien auch schon „dre Verkörperung des Sieges" aus dem Plan, der General Boulmg-r auf seinem Kunstreiterrappen, und sah sich van einer wild erregten Menge umjauchzt. Nun glaub
Rachdruck verboten.
Klaus Karstens' Wiederkehr.
Von Wilhelm Mießner.
Die, Bahn hielt vor einem Stationshaus. Helder
oaren-verschneit, und von der Chaussee hinter dem Hause war lichtst zu sehen: Eine einzige Wagentür klappte, sonst waren rlle Fenster bereift, und nicht eine Seele machte sich dahinter iemerkbar. Wie ein großes Spielzeug dampfte der Zug da» )on. Ter Mann, der jetzt zwischen den Schienen stund, schien ;u grinsen, als ihn der weiße Dampf der Mascyme einen Lugenblick überschattete. „Alle. Wege haben ein ö' el / sagte :r zu sich ermunternd und ivunderte sich nicht, daß niemand (am, ihm semen kleinen Koffer abzunehmen. Dann stand er plötzlich vor dem Stationshanse auf der anderen Seite und fa£) die Straße hinab, über ihren untersten weißen Rand guckte ein Mauerkranz herüber, ein Tor, und dahm.er eine Stadt. Sie war schwer zu unterscheiden von irgend einer anderen Stadt,, und doch hätte er nicht gewußt, wohin anders er setzt sich wenden sollte. Er machte eine Festung daraus und glaubte an Schießscharten, und feindliche Geschütze.
Seinen Koffer hatte er abgegeben. . Der Schiwe knirschte unter seinen Füßen- und er kam sich vor wie ein Eindringling oder ein Dieb in einem fremden Hans. Eben fuhr ern Wagen an dem anderen Ende der Chaussee in das . Gehölz hinein, und das Klappern der Speichen hatte etwas Ausschreckendes, wie wenn Treiber durch eine Schonung gehen. Und ganz Plötzlich brach das Geräusch, ab, wie von der Kälte aufgesressen oder vom Wald übergeschluckt. . .
Wieder bekam sein Gesicht etwas Grinsendes. ^ ,-Dasi dir einen.schlechten Tag ausgesucht, Klaus KarstenS , sprach er zu sich, „heimzukehren, grad als ein leichtfertiger Vogel,
der du bistzdftnLe'btag, und der nun kein Futter mehr findet tim- sanier Sckinee und Kalte. Und er ärgerte sich über das Quietschen des festen Schnees unter seinen Füßen und tapste fortan immer einen Futzbreit vom Rande in den weißen Schneehaufen an der Chaussee hin zur «tadt. Und Grinsen und Weinm lagen dicht beieinander ans seinen mageren singen und stritten sichst"» die Muskeln aus seinen Backenknochen daß cs ordentlich wie Zucken hin und her ging, als schL eine unsichtbare Hand daraus. In der KAte s°Me cs sich jetzt rot, und aus den dünnsten Stellen brach, rm,vw letter Schein durch. Nun mochte seinetwegen dw große ck ^ rechnung kommen und vielleicht der Tod. - Brest , auch der Frühling. Wenn man so im Schnee v«rsmft, dann wird'e« helle in uns, wie das Antlitz eines Toten ans dem
Lake» des Sterbebettcs- Alle Leidenschaften munden m m
Pittiacktes siaiaaen und Scywergen, wenn etnmai der nnn»
S t.S£M' <!• «*ÄW 8« f»W« » «“-
scn Gedanken stob der Schneeatem dilrch senr Hirn « lachte plötzlich grell aus über das Wort „Reue , das dar n ausflatterte wie ein roter petzen im Winde.
o u Eis erstarrt war alles Denken in ihm, und cr sumil- nichts als die bittere Notwendigkeit seines Wesens. Der Variier, den sein Herz gegen dieses Werb die ganzen payre hindurch getragen hatte, umspannte seine Brust uiüVinem kalten eisernen Ring, und cr schlug semen Stock rn Quarten und Terzen durch die Lust und srcute sich an diesem Taktieren seines wehmütigen L-chneids. Wollen sehen, ab es^ mm geht. Alle Rätsel lösen sich von selbst, wenn man sich incy; um sie kümmert.
Sa kam er dicht vor der Stadt an einem Wald vorüber, der lag auch völlig verschlafen im Schnee, und cS war eine Totenstille um ihn, als ob alles Leben auch hier vor ihm zurückwich wie vor dem Winter. Ein Paar aste Vmnner
schaufelten an der Mauer einen Weg auS. „Hallo, ihr
Leute, wo ist das Haus der Frau Karstens und ihre Schule?"
„Da zeit dat hier in ens weg ant anner Tor!"
Das Männchen hatte ihn dabei neugierig angesehen, und Klaus Karstens spürte etwas wie Scham in seine Wangen steigen. Er sah sich um, und wie sie allesamt, auch die anderen, hatten ansgehört zu arbeiten, so in den Schneebergen standen, fast wie Ertrinkende,-da ging es ihm kalt den Racken hinauf: „Eine verflixte Welt, die gleich in so ein bißchen Schnee bis an den Hals versinkt", dachte er, und dann ließ er sich ganz von dem erhabenen Schauspiel überwältigen. Und er sehnte sich nach Jungen, die sich in dem Schnee hernm- balgten und ihn für ein Spielzeug nehmen. Aber da. Städtchen schien aüsgestorben. Wo Frau Karstens unterrichtet, da gibt cS ivohl keine Kinder. — Er hatte am st echten einen Sprung hoch in die Lust gemacht, und cs kriboelte >Y in den Finaern, sich nach dem Schnee zu bücken ™ Schneeschaufler zu bombardieren. Aber die waren langsi in ihre Arbeit vertieft und bückten sich über ihre. eW®' es in Klaus Karstens auftauchzte: „Seht nur, wre dwse alte, gelehrten Hühner mir das Körnlein Weishcii Kehricht suchen." ,
Klaus Karstens war noch fast cm innger M nn zu nennen. Wenigstens hatten seine Bewegungen estv ^ Bubenhaftes. Dabei neigte cr immer zum Komische . Wie ein Gnom, der sich nur schwer auf seinen Beinen halten kann, fiiig der kräftige Kerl an zu torkeln, wenn ihm etwa^ Komi- sches cinfiel oder etwas, das er dafür hielt. Und wenn er icbon einmal redete, so war es, als hatte auch ieme Stimme ins Gleichgewicht verloren. Bald schrie er krampfhaft etwas . raus und wurde im nächsten Augenblick so leise, daß er sich selbst nicht verstehen könnte. „Dü hast kein rechtes Verhältnis zu dir selbst", hatte ihm einmal Frau Elisabeth gesagt..
