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Samstag» 3, Januar 1914.
Abend-Ausgabe.
Nr. 4. ♦ 62. Jahrgang.
Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.
Die Tätigkeit feit,902.
Von Professor Dr. Toulon.
Die am Sonntag, den 4. Januar, nachmittags 1 Uhr, zur Eröffnung gelangende Wanderausstellung im Festsaal des Wiesbadener Rathauses gibt mir Veranlassung zu diesem Rückblick. Ich schicke voraus, daß es heute noch nicht möglich ist, einen zahlenmäßigen Beweis dafür zu geben, daß durch unsere Tätigkeit in der Gesellschaft die Erkrankungen allmählich um so und so viel Prozent vermindert wurden, oder daß etwa durch die. von uns stets wiederholte Mahnung, frühzeitig und von wirklichen Ärzten, nicht von Kurpfuschern, behandeln zu lassen, die durchschnittliche Schwere der Infektion oder die mit Recht so sehr gefürchteten schweren Nachkrankheiten abgenommen hätten. Da ja keine gesetzliche Anzeigepflicht für die Geschlechtskrankheiten besteht, so ist natürlich ein derartiger, einigermaßen exakter Nachweis unmöglich. Vielleicht ab.cr bringt uns eine über das ganze Reich sich erstreckende statistische Aufnahme sämtlicher vom 21. November bis 21. Dezember 1818 in ärztlicher Behandlung gewesenen Geschlechtskranken (natürlich ohne Namensnennung), die soeben aus Veranlassung unserer Gesellschaft bei den statistischen Ämtern zur Bearbeitung liegt, doch manchen wertvollen Fingerzeig.
Bis zum Jahre 1912 hat sich die Zahl der allen Berufen entstammenden Mitglieder der „Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" auf ca. 6000 gehoben, die über 6 0 Ortsgruppen oder Zweigvereinen angehören. Die Tätigkeit der letzteren ist eine sehr vielseitige. öffentliche Vortragsabende und Versammlungen, Vorträge in anderen Vereinen, Krankenkassen, Gewerkschaften usw., . Schülerbelehrungen, Untersuchungen über örtliche Mißstände machten sie an einzelnen Orten zu Zentralen für die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.
Einen glänzenden Verlauf'Haben die drei von der Gesellschaft veranstalteten Kongresse genommen (Frankfurt a. M. 1003, München 1906 und Mannheim 1907). Es wurden dabei folgende wichtige Themata einer eingehenden Erörterung unterzogen: die zivil- und strafrechtliche Bedeutung der Geschlechtskrankheiten, die Aufklärung der Jugend über die Gefahren, die Reform der Prostitution, ■ die Frage der Kasernierung,'daS 'ärztliche Berufsgeheimnis, die individuelle Prophylaxe " sowie das ganze Gebiet der Sexualpädagogik. Auf der 10. Jahresversammlung in Dresden (1011) wurde die sehr einschneidende und viel umstrittene Frage der sexuellen Abstinenz und ihre Einwirkung auf die Gesundheit zur Diskussion gestellt. Daraufhin ivurde unser sexualpädagogisches Programm in bedeutend erweitertem Sinne ausgebaut. Aus der 11. Jahresversammlung zu Breslau (1913) wurden die aktuellen Fragen: G e s ch l e ch t s kr a n k- heiten und B e v.ö l ke r u n g s p r o b l e m verhandelt, ein Bericht über die sexualpädagogische Aktion gegeben und
Münchener Brief.
Nun gibt's vergnügte Gesichter; nicht nur, weil Weihlachten war und die meisten Menschen sich vor unbequemen beschenken nur dadurch retten konnten, daß sie sofort wieder andere damit erfreuten, sondern weil.es wirklich Winter ist: dichter, weißer Schnee und strahlend blauer Himmel nach stürmischen Tagen. Sogar die beiden Weihnachtstage hatten nichtiges Wetter, wies sonst eigentlich nur noch, in den üblichen Festgeschtchten .und -Novellen vorkommt; und nun entvölkert sich die Stadt und eilt in die Berge. Seit Wochen sind ille Zimmer in.Garmisch, Partenkirchen, Mittenwald, Ober» ammer.gan, Bayerischzell, Schliersee, Kitzbühel, Kohlgrub und nie all die unzähligen Orte heißen, an denen jetzt Hochsaison ist^vergeben. Jeder „bessere" Mensch gönnt sich eine Winterfrische, und die altmodischen klagen, daß keine jungen Leute mehr zu ^Lanzgesellschasten und Tees auszutreiben sind — aber sie haben eben herausgefunden, daß eine Skitour, eine Rodelpartie oder ein Tag droben aus dem Eis des entzückenden Rissersees (über Garmisch) bedeutend lustiger Ulid gesünder ist als ein stundenlanges Diner bei Ministerialrat N. oder eine ästhetische Unterhaltung bei Privatdozent N. Trotzdem zeigt der. Faschingskalender eine schwindelnd hohe Zähl öffentlicher und Bereinssestlichkeiten an; am 7. Januar beginnt der Karneval.und bis zum 81. sind in einzelnen Hotels 24 Bälle, das macht oft, da ja einige Tage verboten sind, zwei und. drei Bälle pro Abend im selben Hotel. Am Heil, Drei-Königs-Tag findet nach altem Brauch und der üblichen siebenjährigen Unterbrechung der Schäfflertanz wieder statt, und zwar zuerst als Huldigungstanz vorm König. Die Schäffler tragen dazu eine althi.storische, kleidsame Tracht, erhalten feierlich eine Fahne verliehen und werden zum ersten Tanz durch ihren Vorstand aus., ihrer Herberge herborge, rufey; auch, ein altes Stück „Metel mit der Butten", das seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr.aufgeführt wurde, bringen sic diesmal wieder neben ihren alten Tanz- weisen. übrigens tanzen sie im allgemeinen im Freien, auf Straßen und Plätzen und nur aus Einladung in Hotels und Privathäusern. Es ist sehr hübsch, daß diese alten volkstümlichen Sitten erhalten werden. — Eine andere, nachahmens-
die Beziehungen der Geschlechtskrankheiten zum Eherecht diskutiert.
Von praktischen Erfolgen ist zunächst .. zu verzeichnen die Aufhebung der in dem früheren Krankend ersicherungsgesetz enthaltenen Beschränkungen zuungunsten der Geschlechtskranke n und die unmittelbar damit zusammenhängende Verbesserung und Verallgemeinerung der Behandlungsmöglichkeiten (selbständige Krankenhausabteilungen, größere Bettenzahl). Durch Wegfall der z. T. entehrenden Härten und Beschränkungen bei der Hospitalbehandlung ist der Widerwille der Bevölkerung gegen dieselbe beseitigt worden.
An den Universitäten sind überall Lehrstühle für Venereologie eingerichtet worden, die zum Prüfungsgegenstand erhoben wurde. Kurse für S e x u a l h h g i e n e an den Universitäten für die Studenten aller Fakultäten werden in jedem Semester gelesen, vielfach existieren solche Kurse auch für ältere Schüler, S e m i n a r i st e n und Fortbildungsschüler. Bei der Entlassung der Abiturienten und Fortbildungsschüler werden, ivie auch in Wiesbaden, vielerorts wenigstens aufklärende und warnende Vorträge, meist von Ärzten, gehalten. Auch in, manchen großen Fabriken werden die Arbeiter beiderlei Geschlechts belehrt.
Ein sehr lebhafter Anstoß wurde gegeben zur Reform der die Prostitution und „Kuppelei" betreffenden Abschnitte des Reichs st rafge s c tz b u ch s. Eine über das ganze Reich verbreitete große a u ß e r p a r l a m e n t a r i s ch e, aus den angesehensten Autoritäten zusammengesetzte Kommission wurde durch die Gesellschaft berufen zur Klärung dieser Fragen und zur Einwirkung auf die gesetzgebenden Faktoren. — Eingaben gegen die Behandlung Geschlechtskranker durch K u r p f u s ch e r und gegen die einschränkenden Bestimmungen über die Ankündigung und Verbreitung der Schutzmittel zur Verhütung der Geschlechtskrankheiten hatten wenigstens teilweise einen Erfolg.
Fast ivichtiger noch, als diese praktischen Erfolge ist die geradezu einmütige Billigung unsere'r"B"eftre- buugen bei dem einsichtsvollen Teil der Bevölkerung und der völlige Umschwung in dem Verhalten der periodischen und Tagespresse gegenüber unseren Bestrebungen: an die
Stelle absoluten Fgnorierens oder dunkeln Ändeutens ist namentlich in der führenden Presse Deutschlands eine offene, freimütige und oft in hohem Grade verständnisvolle Besprechung der schwierigen Probleme getreten, deren Erörterung sich unsere Gesellschaft zur Ausgabe gestellt hat und an deren Lösung sie mitzuarbeiten bestrebt ist.
Die Gesellschaft selbst unterrichtet die Mitglieder durch die „Mitteilungen" und die „Zeitschrift zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten", in der auch die Resultate unserer großen Enqueten über die Wohnungsverhältnisse der Prostituierten, das Animierkneipenwesen, die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten in den einzelnen Bevölkerungsgruppen, die Quellen der Infektion, das Geschlechtsleben der Jugend usw. usw., niedergelegt sind.
Merkblätter für die verschiedenen Geschlechter und Altersstufen, auch für die Eltern, waren bis 1912 über
werte Huldigung für die Königin hat sich die Lehrerin einer höheren Töchterschule ersonnen. Sie riet ihren Schülerinnen, statt der üblichen, überflüssigen und selten nützlich zu verwertenden Weihnachtsarbeiteu doch praktische Wollsachen für arme Kinder anzufertigen, und brachte mit ihnen über elf- hundert hübsche und gute Geichenke zusammen, die der Königin für ihre zahlreichen Wohltätigkeitsstiftungen übergeben wurden. Das Beispiel ist nachahmenswert, und dadurch, daß die Kinder nicht direkt die Geber sind, fällt aller Hochmut den Armen gegenüber fort.
Der K u n.ftv er ei n widmete seine Räume im Dezember dem Andenken Hans von Bartels. Noch einmal konnte man sich von Harzen an einer Kollektion seiner frischen, gesunden Bilder erfreuen, in denen wirklich Meer- und Strandluft ivehl, ilnd deren Gestalten in all ihrer stark . realistischen Darstellung von einem Zauber umgeben sind, der dem tiefen Verstehen, dem unendlich feinen Empfinden des Künstlers für diese Weit, d;e sich ihm immer von neuem offenbarte, entspringt. Nun gehen die Bilder in alle Winde auseinander. — Einem selbst aber bleibt die Erinnerung an einen großen Künstler und einen selten gütigen Menschen im Herzen. Auch Paul W. Mh ardt begegnete man im Kunst, verein mit einer kleinen Sammlung seiner bekannten Rokoko-
und Biedermeier-Interieurs, . die immer geschmackvoll und liebenswürdig sind .-7 und im Gegensatz zu dieser zarten Kunst stand seine Serie altspanischer Bilder mit herben, aber in der Farbe köstlich erhaltenen Madonnen aus dem 14. und 15. Jahrhundert.
Das Schauspielhaus unterwarf sich der Mühe einer Aufführung einer neuen Zar-Peter-Tragödie, die sich „Peter und Alexe!" benennt, von Henry Heiseler stammt und den bekannten Konflikt zwischen Vater und Sohn behandelt; ein technisch gutes, glattes und auch nicht undramatisches Werk, dem also nur eine Kleinigkeit fehlte: dichterisches Können.
Dennoch wurde dem Stück — und mit Recht! -. der Beifall
nicht versagt, und ebenso wenig ein äußeres Milgehen dem kriegerischen Schauspiel „Kamps" von John Galsworthy, das an derselben Bühne das Weihnachisfest einleitete. (Erstaufführung am 23. Dezember.). Aber es machte mir trotz seiner starken Effekte bedeutend weniger Eindruck als vor> wenig Wochen desselben Verfassers „Justiz". Diese' Streikrcden,
6 Millionen verbreitet, davon ca. 4 Millionen aus Kosten der Gesellschaft selbst.
Weiterhin sorgen ca. 15 verschiedene Flugschriften zum Preis von 20 bis 80 Pf., die auch am Eingang der Wiesbadener Ausstellung käuflich sind, für die Propagierung unserer Bestrebungen.
Und nicht zuletzt tut dieMmsere morgen um 1 Uhr zu cr- öffnende Wanderausstellung, über deren Objekte, ihren Wanderzug, über deren außerordentliche Besuchszisfern in den Städten die Leser ja schon seit Wochen unterrichtet wurden.
Die Gelegenheit, sich in so bequemer und billiger Weise (siche Anzeigenteil) über das für jeden Wissenswerte durch Anschauung zu unterrichten, wird so bald nicht zum zweitenmal geboten werden. Hoffen wir, daß sie auch unsere Bevölkerung und die der Umgebung zu ihrem Heil in weitestem Umfang benutzt.
Deutsches Reich.
* Zur Erinnerung an die Befreiung Danzigs vor hundert Jahren fand gestern vor dem Friedrich-Wilhelm-Schützenhause eine von der Stadt Danzig veranstaltete Gedenkfeier statt. Das Kaiserhoch brachte Oberpräsident v. Jagow ans. Der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher, Kommerzienrat Münsterberg, hielt die Festrede. Später folgte ein Zapfenstreich vor dem Artushof.
* Ein Geschenk der Stadt Zoppot an das Kronprinzenpaar. Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Zoppot hat den Ankauf einer im Nordende Zoppots gelegenen Billa beschlossen, die dem Kronprinzenpaar als Sommer- aufenthalt zur Verfügung gestellt werden soll. Das Kronprinzenpaar, welches wiederholt seine Vorliebe für Zoppot und die Sec geäußert hat, hatte vorher die Villa und ihre Anlage besichtigt und war von ihrer schönen Lage und der herrlichen Aussicht entzückt. Das Kronprinzenpaar akzeptierte "das Zoppoten Villenangebot durch folgendes Telegramm;
„Wir danken dem Magistrat und den Stadtverordneten der Stadt Zoppot herzlich für die freundlichen Neujahrswünsche. Wir sind hocherfreut über die Mitteilung des heutigen Beschlusses und hoffen, oft bei ihnen verweilen zu können. Wilhelm. Cecilie."
* Der Gesetzentwurf zugunsten der Altpensionäre. Aus
Reichstagskreisen schreibt man der „Rhein.-Wests. Ztg.": Ein Gesetzentwurf über die erweiterte Fürsorge für die Mpen- sionäre und Althinterbliebenen dürfte, nachdem er im preußischen Staatsministerium und im Bundesrat durchberaten ist, aus jeden Fall noch bis zum Frühjahr an den Reichstag gelangen. Dieser wird bei seiner Entscheidung vor einer wichtigen grundsätzlichen Frage stehen, die von großer Bedeutung ist, weil das Bestreben dahin geht, in der Versorgung der Pensionäre ein neues Recht zu schaffen, das für alle späteren Besoldungsreformen von einschneidender Bedeutung sein muß. Bei den Pensionsgesetzen wurde bisher die Gewährung einer rückwirkenden Kraft auf die bereits pensionier-
-Versammlungen, die Konflikte zwischen Kapital und Armut, Arbeitgebern und -nehmern hat man schon sehr oft und besser angehört und miterlebt. Auch hier zerbricht der Kampf die beiden Großen und Führenden der sich gegenüberstehenden Parteien — die Verhältnisse aber werden nicht geändert. Vorläufig bleibt also die Lösung der großen Kampffrage immer noch ein, Problem. — Das Gärtnertheater feiert wahre Triumphe mit der Eyslerschen Operette „Der lachende Ehemann", die sich allerdings auch stofflich und besonders musikalisch hoch über die Machwerke der letzten Jahre erhebt. Die Musik ist sein und melodiös, die Instrumentation sehr sauber und bei der geradezu vorzüglichen Darstellung aller Rollen — besonders Seiüolds in der Titelrolle und des reizenden Frl. von Moosburg als seine Frau — darf man offen gestehen, daß das Gärtnertheater endlich einmal wieder eine Münchens würdige Aufführung bietet. Was man dort in den letzten Jahren erlebt hat, war wirklich kummervoll! — Die „Kammerspiele" benutzten die Festtage, um in ihrem wenig günstig gebauten Saal eine kleine Verbesserung durch Erhöhung der Hinteren Sitze vorzünehmen. Sie brachten uns ^ann „Die Sippe" von Ludwig Thoma, diesen höchst harm- ^asen, aber sehr lustigen Familienscherz g 1a Benedix, dem auch die Rührszenen nicht fehlen, und der hier, z. B. im Gegensatz zu Berlin, bei brillanter Besetzung großen Beifall erntete. Wozu gewiß ein guter Schuß Lokalpatriotismu» kommt — aber die Münchener mögen gern die steifen, engherzige» Norddeutschen sehen, die ihre Anschauungen noch gar nicht geändert haben — und es auch nie dazu bringen werden! — Von literarischem Interesse und von künstlerischer Bedeutung war dagegen fast zum Schluß des Jahres die Aufführung von Herbert Eulenbergs Jugendwerk, der Tragödie „Anna Walewska". Von allen Werken des Dichters ist es wohl das in sich geschlossenste, dramatisch beste, wenn es auch nicht den dichterischen Zauber von „Belinde" noch die erschütternde Tragik von „Alles .um Geld" erreicht. Die Peinlichkeit des Stoffes — : die (Liebe vom Vater zur Tochter — wird es der großen Menge kaum nahe bringen können; der Reiz der Sprache und einige meisterliche Szenen, die neben zu breiten des Anfangs stehen, berechtigen aber durchaus dazu, Eulenberg auch mit diesem Werk neben unsere besten Dramatiker zu stellen.' Leider unterstützte die Darstellung den
