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Seite 2. Morgen-Ausgabe, 1 maü.

toäre falscher, als wollte der Liberalismus ihnen scheu aus dem Wege gehen.

Fast umgekehrt ist die Entwicklung auf dein Gebiete der auswärtigen Politik vor sich gegan­gen. Der Jahresbeginn stand unter den trüben Aspek­ten eines Weltkrieges, der nur zu leicht aus denr Bal- kanbrand emporlodern konnte. Wer seltsamerweise führte der Balkankrieg gerade den großen Mächte­gruppierungen so deutlich die Nachteile auch eines sieg­reichen Krieges vor Augen, daß allgemein eine Selbst­besinnung Platz griff. Mehr und mehr haben darum sie Großmächte sich einander genähert, und wenn das praktische Ergebnis für Deutschland die deutsch-engli­sche Annäherung mit ihren allerlei Verständigungen über koloniale Interessensphären sein wird, so wird man hier der sicheren Hand des Reichskanzlers und seiner Politik, die uns Vertrauen erwarb, nur zustim­men können. Freilich ist ani Jahresausgang noch nicht alles geklärt, was sich durch den Balkankrieg neuge­staltet hat. Noch harrt die Jnselfrage ihrer endgültigen Lösung, noch muß sich das neue Staatskind der euro­päischen Großmächte, Albanien, konsolidieren und durch die russischen Treibereien gegen die deutsche Militär­mission in Konstantinopel fällt auch ein weltpolitischer Schatten auf den Jahreswechsel.

Auch sonst ist noch nicht alles friedlich auf dem Erd­ball. In China flackert die Revolution erneut an nrehreren Stellen empor, und Mexiko scheint noch lange nicht bei friedlichen Zuständen anlangen zu wollen. Sieht man aber von diesen Unerfreulichkeiten ab, so sind wir doch des Weltfriedens am Ende des Jahves 1913 sicherer als wie an seinem Beginne. Das ist ein Trost auch für die innerpolitischen Zeitläufte. Und trotz allem Mißvergnügen dieses Jubiläumssahres wird man dennoch dem neuen Jahre 1914 zwar in geschärfter Politischer Erkenntnis, aber im Vertrauen zum eigenen Volke hoffnungsvoll entgegensehen dürfen.

Die Ranzlerkandidaten.

Obwohl Herr v. Bethmann-Hollweg im Reichstag am zweiten Tage der Zabern-Debatte erklärte: Ich

habe mein Entlassungsgesuch nicht eingereicht und werde es nicht einreichen, so wollen doch die Gerüchte nicht verstummen, daß wir in der Zeit einer latenten Kanzlerkrise lebe». Offiziös ist bisher auch nicht den Nachrichten widersprochen worden, daß der Kanzler in nächster Zeit nach dem Abschluß der deutsch-englischen Verständigung sich ins Privatleben zurückzuzieheir ge­denkt. Die Nachricht wird im Gegenteil von dem Organe des Herrn^Bassermann erneut kolportiert, und auch van anderer Seite glaubt man, daß die Kulissen­arbeit der Konservativen früher oder später doch ihr Ziel erreichen werde.

In den Zeiten politischer Krise ist noch immer auch die Frage erörtert worden, wer des Kanzlers Nachfolger werden würde. Aus der Tatsache, daß zur letzten Hos- jagd bei Oranienburg neben dem Kanzler von Ministern nur noch _ der Landwirtschaftsminister Frei­herr v. Schorlemer-Lieser zugezogen wurde, schließt man erneut auf seine Favoriienstellung beim Kaiser. Zwei­fellos scheint auch diese Tatsache ein Beweis dafür zu sein, daß sich der Landwirtschaftsminister der persön­lichen Gunst des Monarchen erfreut. Aber es gibt doch sehr gut orientierte politische Kreise, die die Anwart­schaft des Herrn v. Schorlemer auf den Kanzlerposten mit guten Gründen bestreiten. Freiberr v. Schorlemer ist zwar gleich dem Kanzler ohne jede diplomatische Schulung, man weiß aber, daß seine Kenntnisse der auswärtigen Politik wie auch seine Sprachenkenntnisse recht erheblich hinter denen des Herrn v. Bethmann- Hollweg zurückftehen. Seine Wahl durch den Kaiser wäre darum ein nicht unbedenkliches Experiment, und man darf füglich bezweifeln, daß in dieser Zeit welt­politischer Spannungen gerade der unerfahrenste der Kanzlerkandidaten den Vorzug erhalten sollte.

WissZmdsrrer TagÄatt.

Mittest im weltpolitischen mrd diplomatischen Ge­triebe steht Fürst Lichnowsky, den man nächst dem Landwirtschaftsminister als allssichtsvollen Kanzler­kandidaten nennt. Es ist zweifellos, daß Fürst Lich­nowsky in. der knappet: Zeit seiner diplomatischen Tätigkeit Erfolge aufzuweisen hat. Man wird das Urteil über sie freilich bis zu denr Tage zurückstellen müssen, all dein das deutsch-englische Abkommen in seinem ganzen Umfange bekannt gegeben wird. Inner- politisch ist der Fürst ein völlig unbeschriebenes Blatt. Er ist Mtglied des Herrenhauses, hat sich aber dem Parteibetrieb bisher vollkommen ferngehalten. Aus seinen künstlerischen Neigungen glaubt man eine libe­ralisierende politische Auffassung folgern zu dürfen, aber Leute, die es wissen können, setzen seine Betätigung in künstlerischer Hinsicht mehr aus das Konto seiner geistvollen Gattin als auf sein persönliches. Richtig ist gewiß, daß Fürst Lichnowsky als Mann von Welt- ersahrung und ausgezeichneter Bildung dem Gedanken­kreis des politischen Junkertums entwachsen sein dürfte, was ihn den Konservativen zwar verdächtig machen könnte, den Liberalen aber deshalb noch nicht als „libe­ralen" Kanzler erscheinen lassen dürfte.

Der dritte^ im Bunde der Kanzlerkandidaten ist Freiherr v. Hertling, der bayerische Ministerpräsident. Es läßt sich nicht leugnen, daß Freiherr v. Hertling bei all seinen Fehlgriffen doch bewußt gestaltend seine Politik treibt und sich nicht erst mit den Ereignissen abfindet, wenn sie an ihn herantreten. Er übt aus die Reichspolitik zweifellos schon heute einen größeren Ein­fluß aus, als nach außen hin erkennbar ist, und man weiß nicht, ob er nicht lieber der „heimliche Kanzler" bleiben will ohne die Verantwortung und die Bürde, die das Amt nun einmal mit sich bringen. Seltsam ist, daß alle drei Kanzlerkandidaten katholisch sind. Einen „starken Mann" zu spielen hätte wohl von allen dreien höchstens Herr v. Schorlemer Lust. Nach dem Herzen der Scharfmacher wäre ein bearbeitungsfähiger „krasser Außenseiter" aber wohl noch besser!

Politische Übersicht.

Dee preußische Etatvoranschlag für 1914

ist,^ wie wir mitteilten, auch in diesem Jahre in offi- ziösen Auszügen vor dem Zusammentritt des preußi­schen Abgeordnetenhauses veröffentlicht. In Einnahmen und Ausgaben balanciert der Etat für das neue Jahr mit 4 666 921 953 M., aber es ist dabei natürlich zu be­rücksichtigen, daß' es sich um einen Bruttoetat handelt. Hat die Regierung sich zu f r ü Here n Veröffent­lichungen, als in den Vorjahren üblich war, bequemt, so kann man doch nicht behaupten, daß die Etataus­stellung diesmal durchsichtiger, klarer und über- sichtlicher geworden wäre. Man vermeidet noch immer Nettoetats zu geben. Gleichwohl lassen die offiziösen Veröffentlichungen deutlich erkennen, daß in Preußen Wohlstand herrscht. Die Ressortansprüche sind offenbar in weitestem Umfange erfüllt worden, und dennoch ergibt der Vergleich der ordentlichen Ein­nahmen mit den ordentlichen Ausgaben einen Über­schuß von 236 668 591 M. Dieser Überschuß wird dem Extraovdinarium zur Verwendung überwiesen und außerdem erhält der Ausgleichsfonds eine Stärkung um 79 151 981 M. Einer Anleihe badarf es «ich t. Dieser günstige Stand der preußischen Finanzen in einer Zeit rückläufiger Konjunktur und star­ker finanzieller Anspannung der Steuerzahler für Reichszwecke sollte dem preußischen Landtag die Frage nahelegen, ob nun nicht ernsthaft mit den angeblich provisorischen Zuschlägen zur Einkom- m e n st e u e r Schluß zu mächen ist. Man wird ja sehen, ob die Thronrede die Reform der direkten Steuern ankündigt. Verzichtet der Finanzminister auf diese im vergangenen Landtag vergeblich angestrebte Reform,

Donnerstag, 1. Januar 1914. Nr. 1.

so sollte es sich das Abgeordnetenhaus doch sehr stark überlegen, ob es die damals für drei Jahre gedachten Zuschläge unbesehen weiter bewilligen soll.

Gegen Len „Mrchenaustritt in Hurra- stimmung"

wendet sich mit sehr maßvollen, sehr eindringlichen Wor­ten in seiner „Ethischen Kultur" Dr. Rudolf Penzig, ein Mann, der selbst schon vor 45 Jahren — damals etwas, ganz Ungewöhnliches — aus Gewissensgründ en die Kirche verlassen und dadurch sein Amt verloren hat,, ein Mann also, der ein besonderes Recht hat, hier gehört, zu werden. In einem ausführlichen Aussatz über die jetzige unsaubere Kirchenaustrittsbewegung sagt er u. a. folgendes:

Ein Wort noch über die Verquickung politischer Gesichtspunkte mit der im wesenllichen doch rein religiösen Angelegenheit. Zwar dürften es nicht eben religiöse Beweggründe gewesen sein, die in das Erfurter Programm der Sozialdemokratie die Forderung anfnehmen ließen: „Religion solle Privat­sache werden", aber sachlich kam der Programmpunkt aus die vollständige Ablehnung einer Vermischung poli­tischer Betätigung mit dem religiösen Innenleben der Genossen heraus. . . . Dies scheint sich nun zu ändern. Die rastlose Arbeit des „Komitee K o n f e s s i o n s° I o s", das immer wieder darauf hinwies, wie man der p o li t i s ch e n Reaktion am sichersten Abbruch tun könne, wenn man die Verbündete des Staats, die Kirche schwäche, hat endlich auch hervorragende Führer der Sozialdemokratie zu Predigern des Kirchenaustritts gemacht.

Über die ungeheure Tragweite eines Partei­beschlusses, der etwa Len Kirchenaustritt den Ge­nossen auch nur empfehle, wird man sich sowohl für die Kirche selbst wie für den Staat klar sein. Uns inter­essiert, hier -aber zunächst die sittliche Seite. . . . Je dringender man im Namen der Wahrhaftigkeit den Bekennermut zum Unglauben fordern muß, dort, wo innerste Überzeugung dem Kirchenglauben fremd gegen- übersteht, desto ernster muß davor gewarnt werden, bloße Gleichgültigkeit höheren Lebensfragen gegenüber oder gar politische Verärgerung und Verbitterung zu Raigebern in solchen Ent­scheidungen zu machen. Steht den Tausenden, die jetzt in einer gewissen Hurrastimmung die Austritts­erklärung unterzeichnen, für die schweren Stunden ihres Lebens wirklich eine fest gegründete Lebens» und Weltanschauung zu Gebote? Wer will, wer kam: die Verantwortung übernehmen dafür, daß man Lahmen die Krücken wegnahm, mit der Be­gründung, es sei viel menschenwürdiger, auf eigenen Füßen zu stehen? Hier liegen noch zentnerscAvere Fragen der Volksbildung ungelöst.

. . . Wer nicht auch den Elendesten, Bildungs­unfähigen, kurz der Masse Sterbenstrost und Lebens­lust zu geben imstande ist, der sollte es sich überlegen, an die Masse zu gehen. . . . Geistige Umwälzungen, wie es ohne Zweifel die Abkehr der Masse unseres Volkes, wie der Kulturmsnschheit überhaupt, von der kirchlichen Bevormundung darstellt, lassen sich durch künstliche Gewaltkuren Wohl verfrühen, wie eine unzeitige Geburt, aber stets auf Kosten der Frucht.

Deutsches Reich.

* Volk und „Parteigeist". Zu den Auslastungen der amt­lichen „Nordd. Allg. Ztg.", die weder rechts noch links mit dem Kanzler versöhnt haben, die Gefahr einer Kluft zwischen Heer und Volk wegen Zabern habe nur entstehen können, weil sich der Parteigeist dieser Vorfälle' habe bemächtigen können, bemerkt das größte nationalliberale Blatt, die „Kölnische Zeitung": „Damit wird ein Gesichtspunkt festgelegt und eine Art der Betrachtung verewigt, die n i ch t u n wider­sprochen bleiben darf. Es ist eine Tatsache, an der wohl nicht zu drehen und zu deuteln ist, daß nach den ersten Reden

Viertel vor drei. Der Mond stand hoch über dem Hauberg und die Ebereschen warfen lange bläuliche Schatten über die Straße. Da wandte sich Jakob auf dem Bock um:

„Herr, wir hätten nicht fahren sollen."

„Warum?"

„^i: der Neujahrsnacht geht er um."

..Wer?"

..Der Spukdoktor."

„Ach, Unsinn! Nur vorwärts, wir sind gleich auf der Höhe."

Jakob drehte sich um und schwieg. Ein eigentümliches Gefühl beschlich den Doktor, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte, das die Glieder schwer machte und doch wieder die Sinne verschärfte. Er sah wieder das ernste Gesicht seines Vaters, als er ihm die Geschichte von dem Spnkdoktor er­zählte, und er wollte wieder lachen, aber cs gelang ihm nicht. Um ihn herum schienen die alten Ebereschen sich zu verneigen und sich lautlos zurückzuschleichen. — Ach, was; Man hatte doch ein wenig zuviel gekneipt. Wenn wir doch erst oben wären, dachte er.

Der Weg machte nun einen scharfen Bogen und lief als heller Streifen zwischen finsteren, dichtverwachsenen Fichten weiter. Der Mond war hinter denselben untergegangen. Leise begannen die Fichten sich im Winde zu bewegen und ließen die hartgefrorenen, lockeren Schneekristalle tri stetigem Regen auf den Boden rieseln. Keuchend legte sich der Schimmel ins Geschirr, er hatte in dreser Schneewehe mit dem Wagen eine schwere Arbeit. Der Doktor scch träumend auf den Weg, aus dem sich ein seiner dunkler Strich hinzog und gleichlaufend zu ihm noch einer. Es fiel dem Doktor aus, daß er sie erst jetzt bemerkte. Und wenn es eine Räderfpur war, so war es kein Bauernfuhrwerik gewesen, dazu war sie zu zierlich. Auch fehlten die Stapfen der Pferdehufe. Oder war es gar keine. Räderspur, aber was sollte es denn sein? Der Doktor wandte sich an seinen Kutscher:

„Jakob, ist das vor unS eine Räderspur?"

„Ja, Herr."

„Hast du sie schon lange bemerkt?"

„Nein, Herr."

„WaS für ein Fuhrwerk war es denn?"

»Weiß nicht, HerL"

Langsam und bedächtig kamen die Antworten des alten Kutschers, der offenbar in tiefen Gedanken auf seinem Bocke saß. Auf einmal drehte er sich auf seinem Sitze herum und sagte, auf die Spur deutend:

„Das war kein Wagen gewesen, denn ohne Pferd kommt kein Wagen diesen Berg hinauf."

„Ja, ja", sagte der Doktor, „hier war kein Pferd, hier war kein Pferd." Und wiederum kroch ihm ein ganz eigen­tümliches Gefühl die Kehle hinan.

Nun war man auf der Höhe des Berges und hi« Land­straße bog in scharfem Winkel um die Waldspihe herum. Von hier aus konnte man, etwa noch eine halbe Wegstunde ent­fernt, das Ziel der nächsten -Fahrt, das Dorf Bmaenheim, : r unbestimmten Umrissen liegen sehen. Der Schimmel hatte sich in einen gleichmäßigen fördernden Trab gesetzt und wun­derte sich im Stillen darüber, daß der alte Jakob es gang vergessen hatte ihm an dieser Wegstrecke ausmunternd mit der Peitsche die Flanken zu kitzeln. Aber den alten Kutscher schien der Frost ein ganz Stück kleiner gemacht zu haben, so in sich zusammengekauert saß er auf seinem Bocke. Nur seine grauen, von dichten Augenbrauen überlagerten Augen starr­ten scharf nach vorne, die Landstraße entlang, alz ob sie irgend etwas erwarteten, etwas Außergewöhnliches, etwas, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte und mochte. — Immer näher kamen die Häuser Binnenheims. In einem derselben, das etwas abgelegen war, schimmerte aus einem kleinen Fenster das Licht einer Petroleumlampe. Es war das Haus, in welchem das kranke Kind lag. Dorlhin lenkte der Kutscher das Gefährt des Doktors. Der Doktor sprang aus dem Wagen und wendete sich an den Kutscher:

„Jakob, komm' herunter vom Bock und vertritt dir ein bißchen die Beine, ich habe hier wohl länger zu tun, du wirst auch steif gefroren sein."

Der Jakob rührte sich nicht, sondern schüttelte nur seinen eisgrauen Kopf und meinte:

„Werden sehen, Herr." Und dabei streiften seine grauen Augen scheu und kurz den zurückgelegten Weg bis zur Waldecke.

Der Doktor trat in das niedrige Zimmer, warf Hut und Pelz auf die in der Ecke stehende buntbemalte Truhe und trat an das Lager des Kindes. Der Vater kam ihm vom

Bette aus entgegen und erzählte ihm, wie das Kind sich in wilden Zuckungen geworfen habe und wie es seit einer halben Stunde wieder ganz ruhig geworden sei, und eS habe sich nie­mand getraut, daS Kind, anzurühren, selbst die Mutter nicht, aus Angst, es könne erschrecken, und dann könnten die schreck­lichen Krämpfe wiederkommen. Die Mutter saß am Tisch und sah mit rotvenweinten Augen immer nur hinüber nach dem Bettchen des Kindes. Der Doktor ging nun vollends hin zu der kleinen Lagerstätte. Auf dem Stuhl vor dem Bett lagen in einer großen Schüssel die Kompressen, und ein fernsäuer­licher Essigduft verbreitete sich von dort in der Stube. Der Doktor hob &tc wollene Decke, die über den kleinen Jungen gebreitet war, in die Höhe, ein prüfender Blick und im röt­lichen Schein der emporgehaltenen Petroleumlampe starrten ihm zwei glanzlose, gebrochene Augen entgegen. Das Kind war schon seit einer halben Stunde tot. Wieder kroch dem Doktor das eigentümliche Gefühl in die Kehle, und als er sich beim Weggehen noch einmal umdrehte, malte ihm daS in der Zugluft der geöffneten Türe flackernde Licht ganz merkwür. dige Schatten in die Ecke, wo das Bettchen de? Kindes stand. Es sah beinahe aus wie ein kleines Männchen mit einer hohen Zipfelmütze- Und dann tönte es in seinem Rücken wieder wu ein helles Kichern. — Wo hatte er das doch erst vorhin gehört)

Langsam drehte Jakob die Dorfstratze hinunter seinen Schimmel, und stumm lehnte der Doktor in seinem Wagen. Im Schritte ging es die Landstraße entlang der Waldecke zu. Auf einmal unterbrach die Stimme des alten Jakob das ein­förmige Knarren der Räder: „Herr", und dabei deutete er

vor sich hin den beschneiten Weg entlang, „sie ist fort."

Der Doktor fuhr aus seinen Gedanken auf:

„Was ist fort, Jakob?"

„Die Spur, Herr."

Am nächsten Morgen saß der Doktor mit nicht ganz ein- ivandSfreiem Schädel an seinem Schreibtisch und ließ sich noch einmal die merkwürdigen Erlebnisse der vergangenen Sil­vesternacht durch den Kopf gehen, als es an der Tür klopfte. Auf sein Herein schob sich die verschneite Gestalt des Binnen, heimers in das Zimmer. Er wollte den Todesschein holen.

„Wann ist das Kind gestorben?" fragte der Doktor.

„Um viertel vor drei, Herr Doktor."