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Verlag Langgasse 21

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Mittwoch. 25. Dezember 1918.

_ Wegen des Weihnachtsfejtes erscheint die näct>ste „Tuablatt"-Ausgabe am Frcltuguuchmlttag.

Weihnachten 1918.

Von Pfarrer Heinz Beckmann.

Schon immer hat es .imw oaer toridite Menschen ge» geben, die behauptete'!, Weihnachten :ei cm Fest für die Kinder und solck>e. die sie Uev buben. und in diesen,^zahre hören ll-l, es noch mehr als sonst: Wenn dre Äinb« nicht wären, dann könnte man das Fest Nlcht fetern. Wie gut nur. datz die Kino.:-' da sind, Denn nun sind wrr doch wieder mitten in all unserer Rai und hinweg über all unsere Sorge emgelaucht worden in den Zauber und in den Glanz dieser Tage, nun sind wir doch wieder hincingewandert in das 'ckön? Wcihnachtsland. Datz wir nur recht heimisch darinnen würden. Denn so gewitz die Botschaft der Weihnacht ul-er die Grenzen der Zelten und Völker hinüberg-.elst io gewitz sind die Formen, woher sie im einzelnen >uch sunnmen inögen. in denen wir das Fest feiern, bestes Gut des ddutfchcn Volkstu.ns. Das Tiefste und Feinste das .'? ,n sich barg, das Zarteste und Stillste, dessen es mhig Uvtv, hat es hmgebreilet wie einen leuchtenden Teppich, daj; des ChrntkindleinS Fuße darüber liefen in diese Tage hinein. Auch die betden anderen grotzen Feste des christlichen Glaubens haben wir mit manchen sinnigen Litten umgeben: wir haben ihnen allen gleichsam das wieder zu irhenkni gesucht, wonrit sie unsere Seele, die deutsche Seele, gesegnet hatten. Aber an keinem Ort hat unser Her, so gern geweilt und nach immer neuen Liedern fiir seine Ergriffenheit gesucht, wie an der Krivpe. in der das Kindlcin lag. So kommen wir recht eigentlich zu uns selber zu Gast, wenn wir tn Stille und Tiefe mil aller Hingmommenheit diese Tage feiern.

Und was tut »ns allen. waS tut unserem Volk in seiner Gesamtheit mehr not in diesen Tagen, als datz wir in die besten Lande unseres Lebens wandern. Wir geben durch furchtbare Zeiten hindurch. Alle haben eiir Gefühl dafür llnd die die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens unverhüllt anschauen musst-,,. satzt ein Grauen, wenn sie den Blick in die kommenden Seiten richt in. Nicht um dem Ernst auf ein paar arme ieliae Augenblicke zu entfliehen — wahrlich, auch das w sie schon etwas wert —. nicht, um irgendwie der Gegeniuart zu ennsinnen, wandern wir in unserer deutschen Seele. Land, 'andern um neugckräftigt daraus hervorzugehen. Wir n-ollm und sollen einen neuen Glauben an uns':' Volt, m uns selbst aus diesen Tagen beimbringen. Menschen, die mit solchen Tiefen und Herrlichkeiten des inneren Lebens acieonet wurden.

di? deutschen Menschen ne in der Gestaltung des Weihnachtsfestes ofsendarten, hiben der Welt und der Menschheit noch Dienste zu leisten. Und ,m Bunde mrt all den guten Geistern, die in unserem Bolkstuin zu Weihnachten lebendig sind, werden wir auch fähig bler- hen und wieder werden, auch unsere Art und imscren Ton tni, bönoin-usinaen. in d 's g'.otze ewige Lied, das die

Morgen-Ausgabe.

Menschheit ihrem Schöpfer singen soll. Darum, wenn es je gegolten hat, datz man aus aller Tagcsarbeit mnd Tagestast je und je hinabsteigen mutz tn die Brunnen» stuben des Lebens, gilt in dieser Zeit unserer schweren Not, ist das Gebot der Stunde vor allem dies, datz w,r ganz heimisch werden in den Innerlichkeiten des deut­schen Wesens. .

Soweit will ja nun c.nch das derzeitige Minkstecium für Volksbildung. Kunst und Wrssensckfast das Wech- nachtssest gefeiert wissen. Ec perwahrt sich ausdrücklich doaegen. datz mit den übrigen Schulandachjen auch das Weihnachtsfcst aus de Schule verschwinde. Aber tch weitz und glaube, datz der weitaus grötzte Teil des deut­schen Volkes auch der ugcnklichrn Weihnachtsborschaft noch ein offenes Herz bereit halb Und ich glaube weiter, datz es seinen guten Sinn bat, wenn ich auch darüber in einer Tageszeitung ein Wort sagen darf. In seinem Buch: „An Deutschlands Jugend" sagt Walther

Rathenou das schöne Wort: „Eines haben wir vor allen anderen Völkern voraus. -sin?;. dis keine Ruhmredigkeit gestattet unö keinen Neid heraussirdert: die Härte und Schwere der metaphysischen Pflicht". Und darum können und.wollen wir auch hier nicht vorübergehen an dem metaphysischen Sinn des Weihnachtsfcstes, an der Bot- sckraft. die die ewige Welt verbindet mit der Welt unserer armen Wirklichkeit. Mögen wir zur Weihnachtserzählung stehen, wie wir wollen — das ist der tiefe Gehalt, der uns allen sie immer wieder zu einem Gleichnis macht, dessen Kraft nicht verloren geb-m kann:

Heil'ec Nacht, so kehrst du wieder,

Wie die Welt tid* einst gesehen.

Da die Palmen lauter rauschten,

And versenkt in Dämmerung,

Erd und Himmel Worte tauschte«.

Woite der Perlündigung,

oder schlichter und deutscher eaS gleiche ewrge Geheimnis: Das ewige Licht scheint da l>erein. Viele stehen in schmerz- lichem Zweifel abseits wichen Beltrauens, datz die Gott- l>eit Erde und Menschheit treundlich grüht. Und gerade in unseren Tagen ist das vieler grötzte Not, datz sie irre geworden sind an solcher sinnvollen und die Menschen zu Zielen führenden Leitung einer ewiaen Liebesniacht. Aber das ist uns allen gemein — das Wissen darum, datz die Welt nur hell ist, wenn diese Botschaft irgendwie un­ser Herz bezwungen yat. Datz nur das ewige Licht selbst der Welt einen neuen Schein geben und mitten in der Nacht leuchten kann. Und Wartende sind wir darum alle, Menschen, die vor 'wn Hintergründen des Lebens hoffend stehen und glücklich sind, wenn sich Türen aultun und Lichter herausleucksien. llnd in solchen Zeiten stcrnenloser Nacht wie der unseren sind die Träger der Zukunft 'd i e Menschen, die in nch das große Leuchten tragen. Das Lenkten der stillen und festen Zuversicht, datz doch nicht das große Schweigen das lebte ist. sondern daß es wahr ist. was der Dichter sinat. datz Erd' und Himmel Worte tauschen. Worte der Verkündianua. Ge- rade in unseren Tagen dürfen Nur nicht in Müdigkeit und Verzagtheit an senn »,ctavhvsisch-m" Pflicht vor- überaeben. sondern unser Herz sollen wir offen halten,

Nr. 601. • 66. Jahrgang.

daß das ewige Licht h?r?lnsche'men kann. Wie wir einen strahl seines Glanzes und seiner. Wärme saiien, das ist für die Stelle, an der >oir hier schreiben, gleich. Daß nur davon unsere Welt, in der wir leben, emen neuen Schein bekomme. , . _ , ,

Manche glauben sagen zu kennen, datz dl? BotichaN der ewigen Nacht in dieser stunde der Geichichte sich fassen lasse in das alte Wort lener heiligen Nacht: Uno F r r e d c a u f E r d e n. Es ist nicht leicht sur uns, da- von zu sprechen. Man könnte uns sagen, wrr griffen jctzt in der Not unserer Niederlage und unscies Zutain- menbruches nach diesem ewigen Wort als nach einer letz­ten Rettung für unter, Geschick. Aber viele, viele m deutschen Landen wissen, daß solches Urteil ungerecht wäre und sie nicht tlifst. Sw glauben, daß es in der Tat eine ernste Arbeit derer, die guten Willens sind, sein muß, in Men Ländern und Völkern darauf zu sinnen, wie die Völker in gegenseitiger Achtung vor ihrer Eigenart und vor ihrem Beins an der Menschheit ihre Wege friedlich neben,:',nai'.dergehen tonnen. Deutsche Denker und deutsche Dichter buben wahrlich mcht water und nicht weniger innig an der Gestaltung dieses Wcib- nachtswortes als die Denker :>nd Dlcy.er anderer Volker

gearbeitet. . . ., ar , .

Aber das wissen wir auch, datz es eine schwere Arbeit ist. datz solcher Friede nicht emmch aus der Natur der Mcnsck-en wie eine reife Frucht hervorivachsl ein Blick in die Geschichte des Tages -eigt uns. was es mit der Redensart auf sich liat, wmu die Vöcker nur zu sagen hätten, dann wäre duiernder Frieden —. sondern datz der Friede herauskommt aus mühstltg:: Geschichte^ Wie schwer er zu gestalten ist. da? können wir daran erfahren, wenn wir versuchen, ihn :vlrklich durchzusetzen m unierem Volk oder in noch kleineren Gemeimchaften, ia 'n Familie und Freundschaft. Wer aber wirklich von Weihnachten herkommt, der wird liilerd'n^s den heiligen und ernsten Willen mitbrinaen, überall in, Leben in seinen Beziehun. gen etwas auch in der Wirklichkeit des Tages darznstellen von dem, was er selber erfahren hat: Fneden. Und wie- derum — zum dritten Male jetzt — wie höchst notig ist oerade für uns in di'Km Augenblick unseres Lebens die Feier des W-ibnachtsseste;. das Sermischwerden ,n dem Gedanken der Weihuach»: was lr.uichtcn wrr ,n unserem Volk nötiger als die Gesinnung eines Friedens., der dem anderen achtungsvoll begegnet und ihn zu seinem Leben komn,?n läßt, und 'agen wir es aetrost: Was

braucht nicht nur uai-'r Volk, fonhtr»i die Volker der Erde nötiger als solchen Frieden.

Eine Rede Wilsons.

Havak meldet: In einer Rede gelegentlich der feierlich«./ Verleihung der Ehrendoktorwürde in der Sorhonne erklärte Präsident W i l s o n. er stimme mit der Aniichl überein, daß der Krieg nicht nur ein Krieg zwischen Nationen, sondern auch ein Krieg zwischen zwei Kulturstämmcn gewel-n sei. einem System des Angriffs, welckzes sich aller geistigen Fähigkeiten bediente, um die Menschheit zu bezwingen, und eines anderen Snstcms welches die Erinnerung an die höchsten Mensch-

Glocken.

Vvn Mara Schelper (Wiesbadens.

ES schlwingrn die Glocken gar seltsamen Klang,

Go klangen sie nie-,

Sie läuten so schicksalsschwere, glüMche Melodie.

Sie sagen von müden Jahren,

Die müde wie Knechte waren.

Sie kb-gen um tiefstes Erleiden, lim Abschiedncchmen und Scheiben,

Um Hunger, um Not,

Um — den — Tckd. ,

Sie brausen wie Sturmwind — wir ÄriegeSwwt,

See weinen um lenzjung veogosienes Blut.

Sie weinen-

Und doch! —

— Jetzt singen sie wieder. — Sie singen noch!

Sie singen-,

Datz uns der Friede naht, — — —

Und hielt der Tod auch bittere Mahd,

Und wachtet Enttäuschung auch schwer im Land Und fritzt uns am Herzen der Zorn wie ein Brand Und quält uns die Qual — und verzehrt uns die Pein,

-Friede wind sein.

Und Wut und Glut und Blut und Not Und der Tod Werden uns fremder.

Weih nach-» ist heut.

Und ein Jauchzen ist auch im Glockengeläut;

Es jauchzen die Glocken!

Ich kann sie verstehn:

Deutschland wird nicht untergehnU

(29. Fcrtsei.-"-".- Nachdruck verboten.

Die wedernanns

Noamn von Ilse Dorr Tanner.

„Ah — ich verstehe'" Gerda lachte ihr helles, fftn- gendes, herzbezwingendes Lachen: „Ich Hab's ja gleich gesagt — so wie Sie m-i Ihre Schwestern schilderten — wo sind sie denn übrigens? Ich sehe nc gar nicht, und doch mußten mir d'.e hinimelblawm oder rosaroten Kleider doch anfgefallen sein."

„Fräulein von Kötb-ran haben die Freundlichkeit, meine nlilgeladene Schwester in dem ihr fremden si reis- bekannt zu mackien —" er wollte mehr sagen, lnolll; etwas hinzufügcn, um den spöttischen Worten die Spitze abzubrechen, aber er kumte es nicht. Er fügte nur hin­zu: „Die Dainen tragen nickt Blau und Rosa."

Der Tanz begann. Dr? erste Pause benutzte Jobst, um seine Schwester Gerda zu,zuführen. Sabine sah interessiert in das hübsche, sinne, beivegli.he Gesichtchen und konnte aus dem kurzen iiur oberflächliche Dinge berührenden Gesellschattsge'pr.ich dock leimt feststellen, daß Helene und Käthe kein Verständnis und keilte Sym- pathie für dieses perwebnte und auf seine Verwöhnung pochende Menschenkind haben konnten, das anMinend den Bruder sehr bevorzugte.

Jobst hätte sich gar zu gerne wahrend der Tanzpausen einmal etwas länger mit i?erda unterl,alten, hätte so gern die Gewißheit gehabt Di, g:lt,l thr mehr als die anderen, die sie umschivarinen. Mehr als einmal kam c» wirklich wie Eifersucht über ihn, daß ex kein beson­deres Recht daraut hatte in ihrer Nähe nt weilen, von ihr beachtet zu werden. In iein Erinnern traten die kurzen Halbstunden und Viertelstunden, d,e sie neben- einander auf der Waldschnelie gegangen waren — ganz in der Einsamkeit. Er hätte sie nehmen und in die Ein­samkeit tragen können. Wie hatte er sich so sehr während

des kurzen Charlottenbuig'r Ferienaufenthaltes nach dem Wiedersehen mit ib-- gesehntI — Wie hatte ihn ihr liebliches Bild immer veriolqt.

Die Geigen stimmt°n zu einem neuen Tanz. — übri- gens — er blickte aus seine Tan-,karte — hatte er zu die- sem nun kommendm Tanze >kathe van Kötterau engagiert, er ^ah sich nach ihr um — damit er sich nicht der Versäumnis, zu spät zu ko in men. schuldig machte — sie saß in einem kleinen Kreise von Damen und Offizieren in einer zur Laube ausgesialt?ten Ecke des Saals, und wie schon daheim hatte ihre veränderte Erscheinung ihn in Erstaunen versetzt.

Gab es wirklich weibliche Wesen, die erst durch an­dere in die Kunst, sich gefäll-z zu kleiden, eingeführt wer­den mußten? War das seiner Schwester Sabine Vorbe­halten gewesen?

Es schien so, denn wenn er Sabine N'agte: „Willst du mit mir zu Felde gehen?" hatte sie während der letzten Wochen immer geantwoct't: ...'kein — laß nur, ich gehe nachher mit Helene und Käthe, nur haben oben die Schneiderin und müssen h'lfen. daß dis Ballkleider fer- tig werden."

Das warme, lebendige Kerzenlicht flimmerte über dem lichtbraunen Haar lall, -?, das den schmalen, feinen Kopf jetzt, von Sabi le frisiert, so kleidsam umrabmte. Zu dem warmen Teint p."::e das elfe.ebei.ifarbige Kleid, das mit buntfarbigem, ruf Goldtull gestickten Ausputz versehen war. ein seyr altes griechi'ches Kreuz von Gold- filigran fchmückie aen Halsausschnitt. Helene trug ein zartgrünes Kleid mit weißer Stickerei auf Silbertüll und eine Schnur echter Perlen, wie Frau von Kötterau ihm erklärt hatte, ein Fainiliene-bstück, das stets nach alter Anordnunq im Oberkötterauer Famillengesetz die älteste unvermählte Költeran trug, das aber niemals rn den Besitz einer einzelnen Persönlichkeit überaing. son­dern Familienüesitz blieb. c