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Dlenstagj 24. Dezember 1918.
Abend-Ausgabe.
Gewaltige Aufträge.
Fm Nahmen der Maßnahmen der Demobilmachung spielt die Schaffung vo» Stv t st o n d S a r b e i t e n ein« ausschlaggebende Rolle. §S geht bei ihnen darum, der Arbeitslosigkeit, die sich als Folge der Entlassung von Millionen deutscher Männer, di« durch Jahre hindurch unter den Fahnen staiiven, einstellen »wird und einstellen mutz, noch Möglichkeit zu steuern. Wenn es sich früher in Friedenssahren darum handelte, drohender Arbeitslosigkeit durch Notstands- arbeiten entgegenzuwivken, so wurden nicht selten Projekte in Angriff genommen, deren Notwendigkeit von vorulferein nicht unbedingt nach.awicsen war. Man sah daraus, möglichst schnell den Händen, di« noch Arbeit verlangten, sie aber mcht ohne «weiteres finden konnten, Arbeit zu schaffen, und machte sich über Zweck und Nutzen dessen, was geschaffen wuvdc, keine besonderen Cvdmken. Wir waren ja vor dem Krieg ein reiches Land und konnten eS uns leisten, auch einmal Anlagen und Einrichtungen zu bauen, die nicht unbclbinqt notwendig waren, DaS ist durch den Völkerkrieg von Grund äuS anders geworden. Es wäre töffcht, ja freventlich, wollte man bestreiten, datz das deutsche Wirtschaftclebcn unter der Eiimnrkung des Weltbranldes furchtbar gelitten hat, datz es schwer darnicdcrliegt, und datz es gewaltiger Anstrengungen klügster Ilmsicht, strengster Sorgfalt bedürfen wird, um es wieder oufzurieltcn. Die Frage, ob eS je gelingen wird, die deutsche Wirtschaft wieder einmal zu dem gewaltigen Ansehen und der starken Macht zu bringen, d>« sie ehedem befass, vermag beute niemaiiid zu beantworten. Davon dürfen wir wohl überzeugt sein, dass alle Kreise, die fick über die Stellung im klaren finto, die das Reich in der Welt einncbmen mutz, wenn es nicht völlig zugrunde geben will, bereit sein werden, ihr Bestes an ,dcn W i e d e ra u fba u des deuffchen Wirr- schaftSIebcns zu setzen, wie sie es über vier Jahre hindurch bei der Vcrteidiguug des Vaterlandes getan haben.
Bei allen Mahnahmen, die diesem Wiederaufbau dienen füllen, dürfen wir die Tatsache nicht aus dem Auge verlieren, datz Deutschland ein armes Land geworden ist. Zahlenmäßig werden sich di« Verluste, die uns der Weltkrieg beige- bracht hat, vielleicht nie genau angeben lassen. Aber es bedarf einer ziffernmätzigen Darstellung unserer Einbuße an wirtschastlichcr Kraft gar nicht, um uns der Pflichten bewahr werden zu lassen, die wir beim Wiederaufrichten des deuffchen Wirtschaftslebens zu erfüllen haben. Wir werden uns in allen Dingen aus Jahre hinaus, ja, aus Jahrzehnte hin, nach der Decke st recken müssen. Wir werden damit rechnen müssen, datz wir keinen Pfennig ausgeben 'dürfen, der nlebt unbedingt notwendig ist, dessen Zweckmässigkeit sich nickt selbst ncchweist. Dieser Grundsatz mutz auch bei der Schaffun.; de» Notstandsarbeiten beachtet werden. Wir dürfen nicht aufs Elsrstcwohl Arbeiten aufnebmen und durchführen, nur deshalb, damit so Gelegenheit geschaffen wird, der Arbeitslosigkest entgcgenzuwirken. Im übrigen brauchen wir uns wohl kaum lange den Kopf darüber zu zerbrechen, wo Notstandsarbe-iten nötig sind. Vor allem haben unsere Verkehrseinrichtungen durch die gewalt:gen Leistungen, die ihnen der Krieg ausserlegte, Not gelitten und sind durchweg ausbesse- rungsbedürftg. Bereits gbt denn a-uch die preußisch-hessische Eiscnba hg Verwaltung bekannt, dass sie meglickst rasch 150000 bis 200 000 männliche Arbeitskräfte einstellen könne. Für die notmend'ger' Reparaturarbeiten allein weiden 80 000 Arbeiter angesordert. Die G e sam 1 a u ftr äg e. die die Eiseabahnvcrwaltung vergibt, um den schwer zerrütteten Lokomotiven- und Wagenpark wieder einigermaßen instond-ufetzen, belaufen sich aus über 3 Milliarden Mark. ES handelt sich also um ganz qe- waltigx Zahlen. Erfreulicherweise hat die Eisenbahnverwal- ffing drfür Verständnis, daß die von verschiedenen Seiten be- füowortete Anregung, die Vergabung der großen Aufträge möglichst zu dezentralisieren, neben der grossen In- dustrie auch Handwerk und Gewerbe zu berücksichtigen, ihre volle Berechtigung hat.
Neben der Eisenbahnverwalffing erscheint di« Wasserbauverwaltung mit stattlichen Projekten auf dem Plan. U a. sind für Bauten zur Vollendung des Mittellandkanal s sofort §00 Millionen zu vergeben. Dabei ist allerdings di« alte Forderung aufs neue zu erheben, datz der Ausbau des deuffchen Wafferstratzennetzes, der ohne Frage eine zwingende Notwendigkeit ist, aus Grund eines Programms durchycsübrt werden soll, das die einzelnen Kanal- und Konalisierungsprojekte nach ihrer Bauwürdigkeit gruppiert. Die Erfabrung, die wir während des Kriegs auf dem Gebiet des Verkehrswesens machen mutzten, haben sich zur Erkenntnis verdichtet, daß nur eine planmäßig betriebene Wasscustrassenpolitik die Gewäbr dafür in ssch schließt, dem deutschen Wirtschaftsleben ein Netz von schiffbaren Strömen and Kanälen zur Verfügung itellcn zu können, das die Interessen des Gefamtwirffchastsletens des Reichs wirklich fördert. Leider sind alle Bemühungen um ein solches Waffer- straßenbauprrgramm. dis von Len verschiedensten Seiten während des Kriegs unternommen wi:rden, dass gänzlich er- folglos verlaufen. Dazu kommt, dass zu befurchten steht, die ungünstige wirtschaftlich« Lag«, in die Deutschland durch den Krieg geraten ist, werde eine gewisse Mutlosigkeit, einen Mangel an Unternehmungsgeist a-.'ch, noch der Richtung hin zeitigen, datz man sich an die Inangriffnahme der Vervollständigung unseres Wa'serstrass-ennetzks nicht hcranwagt. Eine solche Weisung der Dinge wäre sehr zu bedauern. Wir ver- kennen nickst und haben eingangs dieser Zeilen mit allem Nachdruck betont, datz Deutschland beute arm ist und sich nach der Decke strecken muß. Allein, der Ausbau sffner Wasserstraßen gehört ctfme Frage zu den unaufschiebbar n b t - wendig gewordenen Unternehmungen. ES verstcbt sich von selbst, datz nicht gleich auf einmal olle Wünsche nach dem Ausbau des WasierstrassennctzkS erfüllt werden können. Man wird d« wichtigsten «ttd bauwürdigsten auSwählen und sie
zunächst durchführen müssen. Welcher Art aber auch immer di« Nofftandsarbeiten sein mögen, entscheidendes Prinzip mutz bleiben, datz auch für sie dos Gebot st r e n g st e r Wirtschaftlichkeit Geltung bct. Die gewaltigen Aufträge, di« die Verwaltungen unserer Veriehrseinrichtungen vcrgebcn können, werden mithelfen, die Arbeitslesigkeit wirksam zu bekämpfen. Dabei kann eS nur von größtem Nutzen fern, planmäßig und haushälterisch zu verfahren.
Ein Aufruf Hrndenburgs für den Schutz des Offiz ierkorps.
Kassel, 21. Dez. In <’inein »on 5er „Kasseler Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten Ausruf, gegeben im Großen Hauptquartier Wilheluistzöhe, Weihnachten 1916, blickt Generatfeibniarscl»rll r>. Hiudenburq auf die gewaltigen Kriegsleistungen d?s ?ur Wehrhaftigkeit erzogenen deutschen Lottes in Waffen zuruck, das nicht vor einer Welt von Femden ziisamineugebrocksen sei. Hierzu befähigt sei es durch oas heitige ff e u e r der Vaterlandsliebe, dem Will e n zum S r e g e und dein Geist der Treue. Das deutsche. Heer sei dahin,' zerfetzt, aufgelöst^ obwohl bis zuletzt zesür.htet und geachtet von den Feinden. Len £) :, i vorcii, hoch und niedrig, komme als Erziehern »nd «uh'.ern des Volksheeres unbestreitbar ein hoher Anteil an dem Ruhme zu. Es sei eine kleinliche Rache, ihnen die Abzeichen und Waffen abzusprecksen und sie als unfähig der Befehlsgewalt zu erklären. Die sfecsiorung der nationalen Kraft des dcutsckien Volkes von Grund auf fer die Absicht jener vermeinenden zersetzenden Geister, die am Werke seien, um die Neugestaltung des Reiches auf gesunder politischer und w irr! h amtlicher Grundlage zu hemnren. Trotz mancherlcl Krankhelts-Er- scheinungen, vereinzelt m -Fällen von Selbstsucht» Ei:el- keit und Unwayrhaftiah'ir kehre das deutsche Offizier- korps gesund und tto-rf ns dein Krieg zurück. Das deutsche Offizierkorps ict kerngesund: seine Lebensaufgabe sei das Wohl der 8 e < a m t h e rt und die E h r e des deutschen Namens. Darum habe es sich auch in den Dienst der neuen Regierung gestellt: uin den Zu- sammenbruch unseres nationalen und wirtschaftlichen Daseins zu verhindern. Dabei muß es aber erbittern, wenn in kleinlicher Rache die Autorität :m Heere untergraben wird. Alle jene aber, die sich als Schmarotzer im deutschen Offizierkorps gezeigt hoben, sollten und müßten obgeschüttelt werden. De"- Aufrnf schließt:
Wenn ich als Oberbefehlshab-r des deutschen Feld- beeres am Ende meiner militrrffchen Laufbahn meine Stimme erhebe für meine Kameraden und Untergebenen, meine treu esten Stütze n in Kampf und Not, so möge man darin auch ein heiliges Vermächtnis aus der Veroongenbeit entnehmen fiii die neue .Zeit. siir die glückliche Zukunft unseres Volke? und für die Einheit der deutschen Stämme niit der streu Mahnung: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen."
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WMons Dökkerhnndsqedanke.
Der mnerikanlsche Pressedienst meldet au9 New Dork: Die führenden amerikanischen Blätter räumen Wilsons Plänen für einen Völkerbund einen hervorragenden Platz ein. Mit grossen Überschriften kündigen sie an. daß der Präsident eine mächtige briffsche Flotte befürworte, datz er jedoch einem Völkerbund große Wichtigkeit beimttzt. Es wird erklärt, datz er gelegentlich seiner Reise nach London dem englischen Premierminister versichern werde, daß er nicht auf einer unklugen Einschränkung der Flotte bestehen werde. Die...New Bork World" sagt u. a.: Der Präsident ist der Ansicht, daß ein Völkerbund unzertrennlich vom Frieden sei. Andere Blätter sagen, daß. indem der Präsident über Sie Freiheit der Meere sprechen wird, er dem britischen Premierminister versichern werde, datz es nicht seine Absicht sei, eure solche Eiuschräokung der britischen Flotte zu
Nr 600. * 66. Jahrgang.
t>erlangen, welche die Sicherheit der Reiches gefährden könnte. Er werde jedoch betonen, datz auch der Plan eines Völker« bundes das Reich stärken würde. Der Präsident wird in allen seinen Besprechungen die Gelegenheit ergreifen, seine Ansicht auZzudrücken, daß keine Nation das Recht für sich beanspruchen dürfe, die Rolle eines Herren auSzuüben oder dem anderen die Art seiner Handlungen vorzuschreiben. ES ist klar gesagt worden, datz die Regierung der Vereinigten Staaten die Wendung des Krieges nickt nur als einen Sieg der Waffen betrachte, und daß der Sieg unvollständig sei ohne eine Vereinigung der Völker zur Sicherung des Weltfriedens.
Wie der Londoner Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung" erfährt, beabsichtigt Wilson, die Ansichten der leitenden Männer der alliierten Mächte getrennt anzuhören, um sie dann zusammenzustellen und miteinander zu vergleichen. Der Völkerbund solle einen Teil des Friedensvertrages kilden, und was die Frage der Entschädigungen betreffe, sa sollen zunächst die am meisten gerechtfertigten fcstgestellt uild erst dann soll über die Mittel entschieden werden, durch die Deutschland dafür aufkommcn kann. Der Besuch des Präsidenten Wilson erkläre sich durch Bedenken, die wegen gewisser wesentlicher Punkte der als Fricdcnsgrundlage angenommenen 14 Artikel sowie wegen gewisser Zweifel entstanden seien, die in bezug auf die Verwirklichung des Völkerbundes gehegt würden. v
Friedenskonferenz — Flottenkonkurrenz.
Der FunFspruch M e r s e a (engl.t vom 20. Dezember meldet: Marineministcr Daniels teilt« in der Konferenz den Gouverneuren der Vereinigten Staat«» mit, dass mindestens ein Jahr vevgchen würde, bevor die Nation wieder zu nor- malen Fvi<denSv«rhcltn.ifl«n zurückkebren und die Demobilisierung mög>l'ch m«rdcn würde. Er bemerkte ferner, datz die amerikanisch« Flotte so vevarötzert und gekcsffgt werden müsse, dass eS den Derriniaten Cteaten möolich gemacht werde, für die internationalen Polizeikräste ebenso viel Ein- heilen wie jede andere Naffon aufzustcllen. Mr. Daniels fügt« fedöch hinzu: „Ich bin davon überzeugt, dass die Frie- denskonftrenz der K o n k u r r e n z in den grossen Flottenrüstungen ein Ende fetzen wird.
Neutrale Urteile zu den FrredenserSrterunq««»
Ehristiania, 21. Dez. &i« neue norwegische Tageszeitung. daS Organ des norwegischen Bauernbundes, „Nation"» behandelt in einem bemerkenswerten Artikel den Unterschied zwischen Wilsons Friedensidealen und den Nachernfen Lloyd Georges und Elemenceaus, die darauf ausginqcn, das deutsche Volk nach der Auslieferung aller Kolonien, der ganzen Kriegsflotte und wahrscheinlich auch der Handelsflotte für Jahrzehnte zum Frondienst für die Entente zu zwingen, also zu Sklaven zu machen. Das Blatt fragt, wie sich dies mit den amerikanischen Idealen vereinigen lasse und meint. Neutrale» die während des ganzen Weltkrieges begeisterte Anhänger der Ententcsache gewesen seien, sähen mit Enttäuschung und tiefem Beklagen dieser Hochflut von Rache entgegen» worin der Völkerbund untergehen müsse. Ter Artikel wendet sich schliesslich in scharfen Worten gegen die englische Flcttenrüstungspolitik, die England zur allein dip See beherrschenden Weltmacht machen solle« Wenn Enaland dem Völkerbund nicht traue, ahne den englischen Wcchthund, so stelle es damit die anderen Staate» rar die bittere Notwendigkeit, ihrerseits ein möglichst starte» Heer als Wachthund aufzustellen.
Der König von Italien ln Paris.
Nach einer HavaS-Mcld'ing traf der König von Italien am 20. Dezember, begleitet vom Herzog von Piemont und den Ministern Orlando und Sonnino, ein» Poincare und Clemenceau empfingen sie ans dem Bahnhof. Am Abend besuchte der König mit dem Herzog von Piemont den Präsidenten W i l > o n und sodann P o i n c a r e. bet dem er 40 Minuten verweilte. Es folgte dann ein Festabend bei Poincare, woran alle politisihen Persönlichkeiten, die sich! in Paris befinden, teilnahmen. Beim Essen brachte Poin- eare einen Toast auf d-n König aus. .Er gedachte des Gegensatzes zwischen jenen Tagen, da Italien den Franzose» Hab« HilfStrnppen senden müssen und den jetzt erreichten Erfolgen und wies dann auf die italienische Politik hin, die sich schon ,m Jahre 1902 endgültig vom Dreibund abge.» wendet babe und Frankreich die Versicherung gab. dah Italien an keinem Angriff auf Frankreich teilnehmcn würde. Italien sei entsprechend seiner tiS dabin verfolgten Politik trotz der verlockenden Angebote Österreich-Ungarns neun Monate nach Kriegsausbruch an die Seite Frankreichs q«. treten. Der Erfolg der darauf folgenden Kämpfe, Müssen und Entbehrungen sei die Einigung des ganzen italienischen Vokkes unter dem erb-ebenen Hause Savoyen. Diese Grösse Italiens sei grösstenteils dem unmittelbaren persönliche« Eingreifen des König» zu verdanken, welcher die alten voliti. rchen Verbindungen Italien; gelöst habe. Frankreich und Italien, die durch Abstammung und Kulffir zusammenge» bören, würden nun auch durch die Waffenbrüderschaft für immer verbunden sein. Sie seien Verbündete im Kriege gewesen und wollten nun auch im Frieden verbündet durch Gestibl und Überzeugung bleiben. — Auf den Toast Poincare» antwortete der König von Italien mit dem Dank für den Empfang, den er geffinden babe und nannte die von« Präsidenten betonte Vcrbiadung zwischen Frankreich und "Italien eigen neuen Beweis ffir die Unsterblichkeit der alte« ruhmvollen lateinischen Raise. DeS Sieges Sonne leucht« über die Erfüllungen der Hoffnungen Frankreichs und I taliens , die WiederlLhr der einst Frankreich durch di«
