Jeder Mensch muß nach seiner Weise denken; denn er findet auf seinem Wege immer ein Wahres oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs Leben hilft. Nur darf er sich nicht gehen lassen, er muß sich kontrollieren; der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen. Goethe.
Die Stiesel.
Von Egon Hillgenberg.
Ein Paar Stiefel sind eine schöne Sache, — wenn man sie nämlich besitzt —, namentlich in den jetzigen Zeiten. Unschätzbar sind aber ein Paar derbe, wasserdichte Schaftstiefel; nicht gerade zur Besuchszeit auf dem Smyrnateppich, wohl aber an den Füßen des Soldaten, der bei dem regelrechten „Dreckwetter" im Eilmarsch durch alle hoch aufspritzenden Pfützen der mit auch sonst allerlei lieblichen Überraschungen versehenen galizischen Landstraße tapst. Die Füße bleiben trocken, mag sich auch noch so viel Schmutz bis obenhin auf besagten Stiefeln sammeln. Schön sehen sie ja dann zwar nicht aus; aber blitzblanke Lackschuhe kann man ja schließlich nach dem Kriege wieder anziehen.
Weniger angenehm wirken die guten Schaftstiefel nachher abends im Quartier, wenn sie das an und für sich harmlose Bestreben haben, sich infolge der Nässe wie ein Igel zusammenzuziehen. Wenigstens sind die Füße dieser Ansicht; und tatsächlich fühlt man so was wie die Nähe des siebenten Himmels, wenn man sie mit etwas Mühe von den Füßen hat und todmüde auf das — lieber nicht näher zu untersuchende — herrliche Lager sinkt.
Leider folgt auf jede schöne Nacht ein Erwachen; und diesmal war's ein Erwachen mit der Aussicht auf einen 25 Kilometer- Marsch nach der Front zu. Mein erster Blick fiel auf die Uhr und zeigte mir, daß ich noch 1V 4 Stunden Zeit hatte; mein zweiter auf meine Stiefel, die haarsträubend schmutzig und heimtückisch zu Füßen meines „Bettes" standen und mit den anderen im Raum befindlichen Stiefeln an Schönheit des „Schutzfärbungsüberzugs" wetteiferten. Ich kratzte mich hinter den Ohren und nahm dann mit kühnem Griff die Langschäftenen vor; erst mal den linken; der ging immer leichter anzuziehen als der rechte! Also, was soll ich sagen? Er ging weder leichter noch schwerer, sondern überhaupt nicht anzuziehen! Ich versuchte, ihm mit den verschiedensten Methoden beizukommen. Zunächst durch Sanftmut. Er blieb verstockt. Dann durch sehr kräftiges Ziehen. Er blieb verstockt, ein Zug in meiner Hand und die Haut an der Innenseite meines rechten Zeigefingers an dem Zug. — Ich ging zum Stampfen über, worauf Peter Gräfe schrie, ich solle nicht solchen Krach machen. Er wolle in Ruhe Kassee trinken. (Das hätte ich auch gern gewollt.) Kamerad Mutzurek gab mir freundschaftlichst einen Rat: „Mußt sich Stibbelanzieherr dazwischen stecken!" (Und das in einer galizischen Scheune!) — Jetzt lag ich auf dem Rücken und stemmte den Fuß gegen die Oberkante meines Lagers, worauf ich die Augen gehäuft voll von Mörtel bekam. Ich hüpfte wie ein lahmer Rabe im Zimmer umher zum lebhaften Interesse aller Kameraden, die alle beim Kaffee saßen, bis auf Karl Esemann, der natürlich noch schlief. Und der Unteroffizier sagte: „Beeilen Sie sich! In 25 Minuten müssen wir antreten!"
Mittlerweile war auch die Haut an der Innenseite des andern Zeigefingers futsch; aber ich hatte ja noch weitere acht Finger zur Verfügung und versuchte es nun mit den Mittelfingern. Herrgott, 25 Minuten! ! Und was sollte erst mit dem rechten Stiefel werden! — Die Angst beflügelte den eilenden Fuß: ein gewaltiges Auftrampsen, daß Karl Esemann entsetzt aus dem Schlaf auffuhr, und das Unmögliche war Tatsache geworden: der Stiefel saß! Er saß wirklich! Fest und unerschütterlich! Und die Kameraden schrieen: „Hurra!" — Nur Karl Esemann hatte nicht mitgeschrien, kam jetzt langsam angewatschelt, machte sein schlafmützigstes
Gesicht und sprach gemütlich: „Sag' mal, warum ziehst du eigentlich meine Stiefel an?"
Aus dem brausenden Gelächter vernahm ich dann seine Erklärung, daß er meine Stiefel gestern abend daneben in die Ecke gestellt habe! Was blieb mir übrig? Ich zog mit Mühe den linken Stiefel wieder aus, mit Mühe meine beiden eigenen an und kam gerade noch zum Abmarsch zurecht! —
Wie sagt Bischer? „Tücke des Objekts!"
Weihnachts- und Neujahrssitten.
Mitgeteilt von W. Dieterich, Bierstadt.
Jedesmal, wenn in der Silvesternacht die Glocken ihre eherne Stimme weithin in die Lande erschallen lassen und der Menschheit künden, wieder ist ein Jahr in den nner- meßlichcn Abgrund der Weltenewigkeit gesunken, steigen alte Bilder, liebwerte Jugenderinnerunqen in mir auf rind lassen mich wieder im Geiste etu Stück meiner ungetrübten Kindheit erleben. O herrliches, glückseliges Gedenken!
Fern abgeschlossen vom rastlo,en, hastigen Drängen und Treiben der oft so selbsüchtigen und „llatscksüüitigen" Welt durste ich ebnen großen Teil meiner Jugend verleben. Umgeben von herrlichen Tannen- und Buchenwäldern, in einem lieblichen Tälchen lagen die wenigen Häuser, unter deren Bewohner sich althergebrachte Sitten und eigenartige Ge- br/äuche erhalten haben. B-sonders war es oie Zeit nra Äoeihnachr uird Neujahr, die diese Sitten neu anfleben ließ sie unverfälscht voir Geschlecht zn Geschlecht wei'.rvfeanzre.
Wie erwarteten wir Jungen vor dem Feste sehnsüchtig den „Ausscheller", der auch zugleich Schäfer und Nachtwächter war, wenn er mit gewichtiger Stimme verkündete: „Heit Mittag werrn Christbecm gehaage". Aus jedein Hause ging jemand mit in den nahen Ficknenwald und durfte sich sein Bäumchen selbst abhauen, das kostenlos abgegeben wurde. Welch „lieblichen Düfte" durchzogen das Haus, wenn oie Miitter tie leckeren Butterkuchen und Kringen bereitete, die unter Aufsicht eines darin erprobten alten Bauern im Gemeindebackhaus gebacken wurden. Am Spätnachmittag des heiligen Avends war alles „gerichtet" und gerüstet; demi am Abend ging alt und jung, alter Sitte sorgend, in die Dorfkirche. Mochte der Schnee noch so hoch liegen, der Wind Ilvch so eilig brausen, sie ließen sich nicht abhalten, von den umliegenden Dörfern herbeizueilen und die „Kirchspiels- kirche" zu füllen. Ein unvergeßliches Bild, wie sie in ihren alten Vauerntrachten, einzeln und mehrere zusammen, die meisten eine „Leuchte" tragend, den Hügel hinaufzogen, auf dem das alte Gotteshaus stand. Wie andächtig lauschten die durchfurchten, eigenartigen Bauerngesichter den Worten des ebrwürdigen Pfarrers, der schon ein Menschenalter hier gestanden und zu ihnen geredet. Wie stürmten wir Jungen noch Schluß des Gottesdienstes den Hügel hinab, dem srennd- lichcn Schulyause zu, wo uns inzwischen das Christkind beschert hatte. Waren es auch meist nur nützliche Kleinigkeiten, sie erfreuten uns weit mehr als all der Tand, womit man heute die Jugend zu beglücken sucht. In jedem Hause gab es den Aoend ein Nationalgericht! Sauerbraten (das in Essig getegre Halsstück des geschlachteten Schweines) und Kartoffelsalat mit Speck hergerichtet.
