Rr. 592. Donnerstag, 19. Dezember 1918.
Wiesbadener Taablalt.
Abend-Ausgabe. Erste« Blatt. Sett« 8.
Wiesbadener Nachrichten.
Der Postverkehr.
Di« hvöfiye PosDivektion teilt uns mit: Da in den mitten Postbestim7!MNyen einige Änderungen einige- reten sind^ werden die jetzt gültigen Vorschriften beifolgend vochmwils übersandt:
1. Alle Mitteibungen (mit Ausnahme der telegraphischen und telephonischen), die für die besetzten Gebiete bestimmt
werden sogleich befördert. Sie werden aus der Post ist durch die svsuzösische Verwaltung geprüft.
2. Zugelvssen sind ferner: a) Briese und Telegramme nach Msaß-Lothrungen und dem Gebiet von Saarbrücken insoweit, als sie aus die Industrie Bezug haben; d) diejenigen Mitteilungen innerhalb Deutschlands (Briefe imd Telegramme), welche sich nur auf die Rohstoff- und Lebensmittelversorgung b^iehen.
Diese Sendungen werden jeden Morgen um %9 Uhr von der belutschen Post bei der französischen Verwaltung, Parkst ratze 9, abgeliefert. ,-
Die Briefe müssen offen bei der Post eingsliefert werden. Alle anderen Arten von Postsendungen sind bis «ft weiteres gesperrt. Von der Postbeförderung ansgeschloffene Sendungen werden an die Absender zurückgegeben. Die Absender haben ihre genaue Anschrift — Name, Stratze und Hausnummer — auf den Sendungen anzugehen.
Städtisches Notgeld — deutsches Notgeld, f
Im Lauf der letzten Jahre machte sich immer mehr ein Mangel an Kleingeld bemerkbar, der zuletzt unter dem Einfluß des ungünstigen Ausgangs des Kriegs und der inner- politischen Umwälzung zu einer großen Kalamität wurde. Verursacht wurde er zum Teil durch ven Bedarf der Heeresverwaltung zur Löhnung der Truppen, zum Teil durch das Bestroben im Geschäftsverkehr, Geschäfte nur gegen bar abgu- schiüeßen. und dann leider vor allem durch das völlig unvernünftige Hamstern und Aufsparen von Metallgeld und Reichs- bonkiiolen, wodurch man sich in weiten Kreisen der Bevölkerung einen Schatz sichern wellte. weck man annahm, da ff -°r bei evcnt. wirtschaftlichem oder politischem Zusammenbruch immer noch einen gewissen Wert behalte Die Reichsbank versuchte, dem Mangel durch Ausgabe von Reichs-kaffen- scheinen, Silber-, Nickel- und.Kupfermünzen abgubelfen, ober trotzdem wurde die Knappheit an Zahlungsmitteln so groß, daß einzelne Bundes st a a t e n, Badern voran, ferner Städte und Gemeinden, die Ausgabe eigenen Geldes übernehmen mußten.
Diese Seliftthilfe hat natürlich, wie alle anderen ein- zefftaullicben und kommunalen Krirgsmaßnahmen. seine Licht- u«d Schattenseiten. Der Mangel an Kleingeld und manche seiner unerfteulichen Begleiterscheinungen sind verschwunden, aber nur im engbegrenzten städtischen Geschäftsleben/ während jeder Geschäftsverkehr darüber hinaus fast noch mehr behindert ist als vorher. Dies gilt besonders für unsere Stadt. Auch Wiesbaden hat bekanntlich Gutscheine zu HO Pf., 5, 10 und 20 M. ausgegeben, ebenso aber auch die Städte Biebrich a. Rh.. Mainz, Höchst uiw. Hier wäre zu wünschen, daß diese Gelder auch außerhalb der Genie in den. in denen sie Esgeyeben sind, wechselseitig als Zahlungsmittel anerkannt würden. Die Bedenken, di« noch vor wenigen Monaten gegen eine solche Vereinbarung sprachen, nämlich daß eine große Unsicherhsit entstehe, scheinen uns inzwischen hinfällig geworden zu sein, nachdem sich die Bevölkerung allerorts so ganz und gar an die verschiedenen Notgeldscheine gewöhnt hat. Vor allem iäber sollte der hiesige Maoiffrat irgend welche Maßnahmen treffen, damff wenigstens sogleich dos Notgeld der Stadt Biebrich, ideren Mrtschosts- beziehungen zu unserer Stobt doch so eng 'verknüpft sind, als wären bvwe Städte ein einziges Geineimve'sen, in Wiesbaden überall im öffentlichen Verkehr angenonimen wird. Hierbei denken wir notiirlich nicht an die Gutsbeine einzelner Prtvat- unternehinnngen und gaveMicker Betriebe, 'wie z. B. der Firma Kalle u. Co., für das wir uns nicht erwärmen können, und das aus si na nzpeli tischen Erwägungen so schnell wie möglich wieder eingezogen w«erden sollte.
Darüber _ hinaus wäre es wünschenswert, wenn der Magistrat unserer Sladt auch die Initiative ergreifen wollte um in diesbezüglich« Verhandlungen mit der Stadt Mainz uwd. so weit dies unter den obwaltenden Umständen möglich mit den anderen Nochlar st ädtcn zu treten, nm die wechselseitig« Anerkennung des städtischen Notgeldes herbe-- zufübren. In Baden ist dies bereits der Fall. Nach einem Ministe-riäMeschluß scllen die von badischen Städten una Kreisen ausgege-ber.en Notgeldscheine zur Verbefferung des Zahlungsmittelum laufs in ganz B öden von den staatlichen
Kaffen an Zahlnnasstatt angenommen werden. Handelt eS sich hier mich um die Maßnahme einer einzelstaatlichen Regierung, die dazu ohne weiteres die Befugnis bat, so wird es doch auch möglich sein, ähnliche Bestimmungen ank Grund freier Vereinbarungen zwischen den einzelnen Stadiverwal- tungen herbr-izufübren. Auf jeden Fell aber sollte etwas geschehen, um dem Notgeld der einzelnen Städte einen größeren Umlauf und durch gegenseitige Anerkennung immer mehr den Charakter als deutsches Notgeld zu verleihen, im Interesse des Geschäftsverkehrs in den einzelnen Kommunen sowohl wie der gesamten deutschen Volkswirtschaft. W. E.
— Eisenbahnsperrr. Das Botriebsamt Wiesbaden gibt folgendes bekannt: Infolge der Besetzung der Brückenköpfe ist der durchgehende Eisenbahnverkehr vollständig gesperrt. Die Züge ab Wiesbaden verkehren nur bis Rüdes- heim. Höchst, Langenschwalbach und Niedernhausen.
— Die französische Zeit ist nach einer Anordnung des Regierungspräsidenten anzuwenden in dem ganzen Gebiet des Mainzer Brückenkopfs für olle Dienstzweige mit Ausnahme des Eisenbahndienstes, für welchen die deutsche Zeit die maßgebende bleibt.
— Keine Legitimation zum Besuch der Theater und Ber- anstaltungen. Um Jrnümer zu vermeiden, wird daraus hm» gewiesen, daß der Besuch der Theater und sonstigen Veranstaltungen nicht an eine Legitimation gebunden ist. D-e gestern ergangene Bekanntmachung richtet sich nur an >di« Inhaber der" Theater und Vergnügungsstätten, die verpflichtet sind, solchen Herren der französischen Besatzung, die sich im Besitz eines Ausweises des militärischen Verwalters der Stadt Wiesbaden befinden, jederzeit freien Eintritt zu gestatten.
— Wiederaufbau des Wiesbadener Handwerks. Die
, hiesige Bäckerinnung ist hinsichtlich «der wirftchaftlichen ' Wiederausrichtung ihrer durch den Krieg geschädigten Mitglieder vorbildlich vorgegangen. Sie hat 5000 Bk. zur Verfügung und nötigenfalls weitere 5000 M. in Aussicht gestellt, UM diese ihre Mitglieder zu unterstützen. Es wäre zu wünschen, wenn auch andere Innungen, sofern sie die Mittel dazu haben, in ähnlicher Weise Vorgehen möchien.
— Der Dank an die OrtSschulinspektoren. Infolge der Anishedung der geistlichen Ortk-schnlaufsicht in Preußen, die durch Erlaß des MinftteriumS für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 27. November d. I. erfolgt, spricht die hiesige Regierung den aus ihrem Nebenamt der Schulaufsicht ansscheidenden Ortsschulinspektoren Anerkennung und Dank aus für ihre auf diesem Gebiet geleistete treue und selbstlos« Mitarbeit.
— Fleischvertrilung. Mt Rücksicht auf die Verkehrsstockungen bat dw Bezirksfleischstelle der Stadt vorschußweise eine größer« Viebmenye überwiesen. Da gleichzeitig die Anf- occhterhaltung des Betriebs im städtischen Kühlhaus infolge des gegenwärtigen Kohlenmangels sehr erscln-ert ist, kann dos Fleischamt die augenblicklich größeren Fleischvorräte nicht aus länger« Zeit aufbswahren. Es wird däber in dieser Woche sowohl auf Fleischkarten, als aus Fleischbezugsscheine die doppelte Fleischmenge verausgabt. Leider wird es nötig werden, zum Ausgleich dafür noch Neujahr eine fleischlos» Woche einzulegen.
— Die blauen Bezugsscheine für Jackenkleider, Mäntel und Oberröcke sind bis 24. Dezember d. I. bei den einschlägigen Geschäften einzukiefern, da dieselben von diesem Tag an für ungültig erklärt werden.
— Lrichenfund. Am 16. d. M., abends gegen 6 Uhr. wurde auf dem Verbindungsweg zwischen der Dotz'heimer- uno Scharnhorsts:raße nach dem Elsässerplatz eine Frühgeburt männlichen Geschlechts, welche in ein 2 Meter langes und 1-80 Meter breites Bettuch sowie einen bräunlichen und einen blaugrouen Packpapierbogen eingeschlagen und mit einer Korsetikovdel umwickelt war, gefunden. Die Kriminalpolizei erbittet Mitteilungen, welche zur Feststellung der Herkunft geeignet erscheinen, aus Zimmer 17 im Direktionsgebäude.
— Kleine Notizen. Die 181. Vertragsühung des Wiesbadener Konservatoriums findet nunmehr bestimmt am Sonntag, vormittags 11 Uhr, im Saale des Konservatoriums, Rheinstraße 64, statt.
Vorberichte über Kunst, Vorträge und Verwandtes.
, * Raffauische« Landesiheater. Pina Alexander Wolffz Volks- tümlichcs Schauspiel „Vrcznsa" mi: ter Musik von Karl Maria von Weber ist wieder in den Spielplan ausgenommen worden und geht morgen Freitag (Ab. 8' in Szene Die Titelrolle spielt Fräule-n Reimers, in den weiteren Hauptrollen sind di: Drmen Doppil- bauer, Kuhn und die Herren Albert, Bernhöst, Herrmann, Leyr- niann, Rcdius und Zollin beschäftigt (Ans. 4% Uhr, neue Zeit.) Der Barverkauf beginnt am Borstellungsrage, vormittags 8 Uhr.
Aus Provinz und Nachbarschaft.
FC. Kassel, 18 Dez. Generalleutnant ©olbotf, btsVw Krmmandcur der 52. R c lerve-Jiftantcrie-T iviiion, der nach mehn lähriger Abwesenheit im Feld« gestern, von Frankfurt a. M. tomiuenb. aus dem hiesigen Bahnhos eintras und dort von seiner Gattin erwartet wurde, erlitt beim Aussteigen aus dem Zug« gerade als ihn seine Göttin begrüßen wollte, vo: Freude "es Wiedersehens einen Herzschlag und starb aus der Stelle in den Arme» seiner Frau.
Gerichtssaal.
FC. Die Butz« eines Feldhüters. Auf einem Rundgang durch
die Gemarkung Bierstedt begegnete eines Tages der dortige Feldhüter zwei Frauen aus Scnnenberg und ftug: „Wohn, des Weges? Ihm wurde die Antwort: „Zu einem Bauer nach Kloppcnherm, um Ka-tosieln zu holen." Der Feldhüter ließ die Frauen passiere», beobachtete aber, daß sie r.W auf der Landstraße blieben, sonder» seldeinwärts ginge» Ta in ftagl.che- Zeir viel: Felddiebstähle vor» kamen, glaubte der Feldhüter, die Frauen batten Ähnliches vor. fft eilte nach, stellte sic und gab seinem Bedenken Ausdruck. Die Fra» erhob den Arm. um ihrer Empörung Luit zn machen. Da schlug aber scheu der Fcllbütcr mit s«iuem Stock zu und der Frau sine» Finger an der Hand entzwei. Es erfolgte Anzeige sowie die Er» hidung einer Vriraiklopc Das hiesige Schossengericht hat« sich iii einer seiner letzte» Sitzungen mit diesem Falle zu beschäftigen. Das Ergebnis war, daß der Feldhüter zur Erledigung samt- licher in dieser Angelegenheit in Frag« kommende» Sachen sich bereit erklärte, eine Buge Von 500 M. zu zahlen.
wc. Hcte'diedslähle. Ein Maschinenwörter hat da» von einem hnsigen Hotel in Um ge letzte Vertrauen ichwer mißbraucht. Er hat zum Teil gemeinsam »nt einem bekannten Mechanik w Stuhl«, Wasche, Tafelgeschirr. Teppiche, Läufer, Klerdungsslucke, Bettdecke» ukw. sowie zwei Scklrcine und einen Stallhasen, Gegenstände rm Gesamtwerte von weit über 2000 M., gestohlen und sie in lern Heu» »erbracht, welche« er mit einem lunqcn Mädchen «Ute. Da» Mädchen, da« sich hierbei der Hehlerei schuldig gemacht haben soll, hat ferner bei seiner Herrschaft, wc es eine Monatsstelle innr hatte, mehrere Flasche» Vlein entwendet. Die beiden Schweine wurde» an Ort und Stelle geschlachtet. Feder nahm eines der Tiere a» sich, und diese wurden dadurch kür sie zum Verräter, al, ihr «et» bczw. Fleisch gelegentlich einer Durchsuchung ihrer Wohnung ge,un- den wurden. T ic diesige Strafkammer verurteilte den Mosch inen» Wärter zu sechs Monaten Gesängnis, indem sie einen Monat davo» als durch die erlittene Untersuchungshaft verbüßt ansah. den Mecha. niker zu zwei Monorcn einer Woche Gefängnis, während für dal Mädchen Vesch>lusi auf Einstellung des Bersahrens erging, weil seria Stiastate» unter den Gnadenerlaß sielen bezw. ein Freispruch aut grundsätzlicheu Erwägunge». _
Handeisteil.
Industrli uni Handel.
• Verwertrine ran Heeres«»t. Nachdem den Snedt*
teuren die Auflösung der Lacer von Heerescrut an der Froat übertragen worden ist wird letzt bekannt daß das Reichs- verwertunesamt sich besondere Verteilung dieser Waren Vorbehalten hat und demnächst weeen des Vertäuung^ Dianes mit den z.uständieen Wirtschafts-Organisationen 1 b V erbindung setzen wird. . .
* Über die BtfreiunR ron der Lnxusstener hat das
Reichsschatzamt ceeeniiber dem Deutschen Industrie- unc H a n cl e 1 s l a e eine bemerkenswert® Erklärur.s aheeeeben. Danach können sich die Firmen, die nach 8 20 des l.'msalzsteuerseselzes Befreiung von der Luxussteuer verlangen, weil der Erwerber Wiederverkäuler ist. die Handhabung dei Vorschriften dadurch erleichtern, daß sie nicht bei Uder Bestellung oder Entnahme durch einen Wiederverkäufer, der ihnen auf Grund schon längerer Geschäftsl.ezielnineen als zuverlässig bekannt ist. die tatsächliche Vorlegung der darüber nach 8 21 von den Utnsate- steuerämtern ousz.ustellenden Bescheinigung _ verlangen, Eine Bezugnahme aid die bereits erfolgte Mitteilung genügt unter einander bekannten vertrauenswürdigen Firmen. Auch trage es zur Erleichterung bei. wenn die Mitglieder von Verbänden sich gegenseitig durch Vermittlung ihrer VerbaLdsleitungen die Bezeichnung und Geltungsdauer der Bescheinigungen mitteilen würden Weiter wird empfohlen. die Geschäftepapiere mit einem entsprechenden Aufdruck zu versehen. Alle diese Erleichterungen befreien aber den Veräußerer nicht davon, in Zweifelsfällen auf Vorlage der Bescheinigung zu bestehen: tut er das nicht, so bleibt er. wie das Reichsschatzamt ausdrücklich betont, verantwortlich. _
Die Abend-Ausgabe umfaßt fl Selten.
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