w
Ullultrierte
linder» Zeitung
des
Wiesbadener Tagbiatts.
Br. 13.
20. Jabrgsng.
1918.
Alle Rechte für sämtliche Artikel »nd Illustrationen Vorbehalten,
Dor IVog. Zinn (DJmjiküxfc*
von Marie Batzer.
e Glocken beginnen zu läuten, die Straße liegt verlassen und still, kein Mensch weit und breit, denn es ist Bescherabend. Doch nun kommt eine dunkele Gestalt eilenden Fußes durch die stille Weihnachtswelt und trägt an jedem Arm ein weißes Deckelkörbchen. Und wie sie in den Himmel schaut, den Glocken lauschend, verschiebt sich sachte der Deckel an dem einen Körbchen, dann: an dem andern, und plumps, plumps, plumps, fällt ein Gutsle nach dem andern rechts und links aus den schief gehaltenen, weißen Deckelkörbchen, und sie merkt es nicht. Plumps, plumps, püuttps — Sternchen, Herze, Butterlämmchen, Mandelringe, Pfeffernüsse, — plumps, plumps — nun eines rechts, nun eines links, es liegt schon ein ganzes Ende, von einer Laterne zur andern und weiter, ein weg gepflastert mit Gutsle wie im Schlaraffenland.
Zur selben Zeit steht in einem Vorstadthäuschen ein armer Zunge am kalten Gfen. Tränen sind in seinen Augen, und er wischt sie mit den schmutzigen Fäusten weg, daß er wie ein wilder Indianer aussieht. Seine kleine Schwester hockt vor ihm auf einem Schemel und fürchtet sich vor dem großen Bruder, der heute so bös ist.
„wenn du meinst, es gäbe ein Thristkind, so lauf doch und such's!" sagte er trotzig. „Sag ihm, daß wir kein Feuer im Gfen haben und Hunger, — Hunger! o, ich könnt einen ganzen Laib Brot essen und ein Pfund Wurst dazu!" — 0, er sieht so schrecklich aus, der Bruder, als könnte er in seinem Hunger das ganze Schwesteräien aufessen. „Lauf doch und such dein Thristkindchen, von dem du immer faselst," ruft er. Und das arme kleine Schwesterchen, halb in der Furcht vor deni Bruder, halb in der Hoffnung, vielleicht doch das liebe Thristkindchen zu finden, inacht sich auf den weg. Der große Bruder aber preßt sich frierend an den kalten Gfen und wischt mit den Fäusten die Angen. „Ach, so gern wollt' er es glauben, daß es ein Thristkind gibt, — so gern! — Brav wollt er sein und sauber und vieles — wenn's wahr war — und wenn's kommen wollt und helfen." —
Draußen wickelt die kleine Schwester die Hände in die dünne Hängerschürze und geht, das Thristkind suchen, bald hoffnungsfroh und zuversichtlich, bald mutlos, ängstlich Und verfroren. Und wie es zufchreitet durch die stillen, leeren Vorstadtstraßen „tapp, tapp" — ganz leise „tapp, tapp," klingt es geheimnisvoll als „wart, wart — es kommt noch was — was Schönes". — Und wie es nun Schrittchen um Schrittchen macht „tapp, tapp" — da liegen auf einmal Sternchen, Herze, Butterringe, Ulandelkränze, Pfeffernüsse, halt so echte, rechte weihnachtsgursle auf der Straße und immer gleich zwei, eins rechts, eins littks ain Wege, „wie vom Himmel runter," sagt das
kleine Mädchen und bleibt andächtig stehen. Ts liegen noch viele Gutsle, immer mehr, von einer Laterne bis zur andern und weiter, eine lange Straße mit Gutsle. Und das Schwesterchen tat, was ihr auch getan hättet, es wickelte schleunigst seine Hände aus der Schürze und sammelte eifrig die guten Sachen. Jetzt hebt es ein Sternchen auf, jetzt ein Herzchen, jetzt ein Lämmchen, ein Ringchen^ au, sogar eine Brezel! So geht es wielter mit frohem Lachen, alles kommt in die Schürze. Ganz leise jubelt e^ droben und lacht, es klingt wje ein kleines, frohes Glöckchen. Auf einmal bleibt das Schwesterchen stehen und sagt laut ln die Stille: „G, jetzt weiß ich's, das ist der weg zum Thristkind!" —
Das Schwesterchen geht weiter. Da liegen noch ein Butterlämmchen, ein Zimtstern, eine Schokoladenmuschel, ein Mandelriirg und zuletzt noch zwei Herze aus der Steintreppe vor einer geschlossenen Tür. Das Schwesterchen bleibt stehen und bedenkt die Sache — gewiß wo Hut da das Thristkind. — Nein, wphnen tut es ja im Himmel, aber einmal im Jahr kommt es doch auf dis Erde, an Weihnachten, und geht in die Häuser, und diesen weg ist es gegangen bis in dies Haus, das sieht man ganz deutlich an den verlorenen weihimchtsgutsle. — „Nun niuß ich ait dem Haus da schellen, wenn ich zu ihm will," denkt Las schlaue Schwesterchen weiter. G, was für ein schön geputzter, goldner Schellenzug da hängt. Schwesterchen hebt sich auf die äußersten Fußspitzen, strebt sich, langt nach dem Glockenzug, zieht an. Ganz leise, leise, ganz zag klingt's durchs Haus — v, wie das Schwesterchen Herzklopfen hat! — •
„Guten Tag, ich — ich wollt hier ein bißchen zum 'Thristkind, — bitt schön!" — Sie zeigt die Gutsle im Schürzchen, „ich Hab' den weg gut gefunden!" Sie lacht über all das Glück, und daß sie so klug war und durch die Gutslespur den weg zum Thristkind gefuirden hat.
„Soll ich sie nun wieder hcrgeben, die schöneiz Gutsle?" erkundigt sie sich ängstlich.
Die Frau, die dem Rinde die Türe aufhält, muß lächeln. „Nein, die Gutsle darfst du behalten, und komm herein ins warme Zimmer, da reden wir weiter."
Schwesterchen geht leise auf den Fußspitzen und hält den Atem an — was wird es alles erleben! Körbe voll Gutsle, puppen, Bälle, Kleider, warme Strümpfe und Rappen stehen da. „weißt du," sagt die liebe Frau und nimmt das Kindchen an der Hand, „Thristkind hat mir Las alles gegeben zum Austeilen. Siehst du, Thristkindchen selbst, das weißt du doch, läßt sich nie von einem Rind sehen und macht darin keine Ausnahme, aber mir kannst du alles sagen, und ich will ihm alles ausrichten."
