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Verlag Langgasse 21

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Sonntag, 15. Dezember 1918.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 585. 66. Jahrgang.

Reichstag oder National­versammlung?

Reichstagspräsident Fehrenbach hat einen Vorstoß gegen die Regierung Ebert-Haase unternommen, indem er die Einberufung des Reichstags ankündigte, aller­dings ohne zunächst Zeit und Ort der Tagung anzugeben. Daraus geht hervor, daß Fehrenbach sich vorbehält, den Reichstag nach einem ander e n Orte als Berlin ein- zuberusen, falls sich Schwierigkeiten für die Einbe­rufung nach Berlin ergeben sollten, Fehrenbach weilt allerdings augenblicklich selbst in der Reichshauptstadt, aber nicht, wie er erklärte, um zu irgendwelchen Ver­handlungen mit de: Regierung die Initiative zu er­greifen. Die Regierung >br>rseits wird das jedenfalls auch nicht tun, nachdem sie in der Antivolt auf die An­kündigung des Herrn Fehrenbach ihm erklärt hat, daß für sie der Reichstag als geietzgeb°ndes Organ infolge der politischen Umwälzung zu eristi-ren aufgehört habe. Auch hat sie ihni weite: »ntgeteilt, daß die An­nahme. von der ausgehend er sich zur Einberufung des Reichstags veranlaßt gesehen hat, irrig sei, da die En­tente keineswegs der jetzigen Reichsleitung die Verhand- lungsfähigkeit abspreche. Wohl aber könnte sic durch das Vorgehen Fehrmbachs in den irrigen Glauben ver­setzt werden, als ob eine vechandlunqssähige Regierung in Deutschland nicht vorhanden lei. Die Regierung wird also wohl Herrn Fehrenbach und den von ihm einbe- rufenen Reichstagsabqeordneren, so weit sie diesem Rufe Folge leisten werden, den Eintritt in das Reichstags-, gebäude verwehren. Es bliebe dann diesen, wenn sie trotzdem darauf bestehen willen zusamincnzutrkten, nichts anderes übrig, als dies an einem anderen Ort zu tun. Aber auch dabei würde, ielbsi wenn ein Rumpf- Parlament zustandekonimen sollte nichts herauskonimen als höchstens weitere Verwirrung der innerpolrti- schen Lage und die Verstärkung des Anreizes für unsere Feinde, das Besetzungsgebiet in Deutschland weiter auSzudebnen oder vielleicht überhaupt zu erklären, daß für sie keine verhandlungsfähige Regierung in Deutsch­land vorhanden sei.

Der alte Reichstag ist tot, die Revolution hat ihn zur Strecke gebracht. 'Dewitz ist an seiner Stelle ein leerer Raum entstanden, der in einem geordneten Staat so bald als möglich ausqefüllt werden muß. Die Ar­beiter- und Soldatenräte, denen gewisse radikale Kreise diese Aufgabe zuweisen wollten, sind dazu nicht im­stande. und es ist deshalb dringend notwendig, die Nationalversammlung aus den frühesten möglichen Termin einzuberufen. Die am 16. Dezember in Berlin zusammentretende Delegiert:nver'ammlung der Arbeiter- und Soldatenräte wird sich ivohl auch in diesem Sinne entscheiden. Herr Fehrenbnch aber und jene Parteien, die hinter ihm stehen, 'ollten es sich doch noch einmal reiflich überlegen, ob sie wirklich den Versuch machen wollen, eine Anzahl von Abgeordneten der rechtsstehen­den Parteien und des Zentrums zu versammeln, um, wie dieKreuzzeitung" meint,die gegemvärtigen Macht­haber der Regierungsgewalt zu unterstützen, damit Deutschland nicht in, Ehaos versinke". Wir befürchten scihr, daß ein derartiger Versuch gerade einen sehr ge­fährlichen Schritt zum (i b r o s darstellen würde. Vor diesem kann uns n ur die Cin h erufung der Natio­nalversammlung bewahren, deren erste Aufgabe es sein muß, durch eine mächtige Kundgebung den deut­schen Volkswillen zur Geschlossenheit nach innen wie nach außen zu dokuinentieren. Das allein tut uns not!

Das moralische Urteil."

W .B. Christians«, 13. Dez. In der norwegischen Zeit­schriftUkenS Revh" schreibt der bekannte norwegische Schrift­steller Rolf Hjort Schoeven unter der ÜberschriftDas moralische Urteil" u. a.: Die englische Presse erblicke in der Auslieferung der deutschen Flotte daö moralische Urteil der Welt über Deutschlands Bestrebungen als Welt­macht. Den Gegner als moralisch minderwertig hinzustellen, ihn en canaille zu behandeln, sei der häßlichste Zug der eng­lische» Mißgunst, anstatt ihn als den verlierenden Teil in einem Jnteressenkonflikt zu betrachten, wie sie die Welt schau vielfach gesehen und noch viele sehen werde. Die­selbe Neigung bestimme Englands Forderungen auf Aus­lieferung Kaiser Wilhelms und seine Verurteilung. England führe keine Kriege, sondern strafe nur seine Gegner. Im Namen der Moral mache es Anspruch darauf, die Rolle der Weltpolizei zu spielen, was sich unleugbar als sebr einbringend erwiesen habe. Je heftiger der Widerstand gegen diese englische Weltpolizei sei, desto strenger falle bekanntlich die Strafe aus. Deshalb sei die Jung­frau von Orleans verbrannt und Napoleon depor­tiert worden, und nun solle auch Kaiser Wilhelm im Namen der gekränkten Moral geopfert werden. Wer Krieg gegen Albion führe, sei kein ebenbürtiger Gegner, sondern ein Missetäter, der verurteilt, bestraft und gebrandmarkt werden müsse. Bier Jahre lang sei das rechtdenkende eng­lische VolkSgewisien eifrig damit beschäftigt gewesen, den

Kaiser in die Hölle zu schicken: jetzt schlage man die Teufels­insel vor, ein Gedanke, der nicht schlecht sei, wenn man be­denke, daß ein Ort gewählt sei, der daran erinnert, daß es auch moralische Justizmorde gäbe.

Wilsons Ankunft in Brest.

W.B. Amsterdam, 14. Dez. (Drahtbericht.) Das Reuter- sche Bureau meldet, daß Wilson bei seiner Ankunft in Brest mit Geschützsalven von den Kriegsschiffen und Forts be­grüßt wurde. Die ganze Stadt war mit amerikanischen und französischen Flaggen geschmückt. Auf den Hügeln, von denen aus man den Hafen überblickt, hatte sich eine große Menschen­menge aufgestellt, die dem Präsidenten zujubelte. Die ersten Personen, die Wilson begrüßten, waren Pichon, Tardeu, Laygnes, der Bürgermeister von Brest, Herbesthal, der amerikanische Botschafter in Paris, und Oberst Paul so­wie die Generale Pershing und B l i ß. Der Präsident fuhr sofort nach Paris weiter.

Der Beginn der Friedenspräliminarien.

Basel, 14. Dez Nach einem Pariser Bericht der Neuen Korrespondenz glaubt man in divlomatiscken Kreisen, daß die Friedenspräliminarien am 13. Januar beginnen werden.

Gegen die unerbittlichen Forderungen.

W. B. Amsterdam, 12. Dez. Die Blätter besprechen die letzte Rede Llovd Georges. Die sozialdemokratische ZeitungHetVolk" schreibt: Daß zu den Idealen, die dieWort- führer der Ententeregierungcn während des Krieges gepredigt haben, und die sie in den Friedensbedingungen zu verwirk­lichen trachten werden, auch einiger Edelmut gegen­über dem geschlagenen Feind gehört, ist eine Erwartung, die die Erfahrungen der letzten Wochen nicht gerade gestärkt haben. Jetzt, wo der deutsche Imperialismus und der preußische Militarismus besiegt sind, wird eS immer deutlicher, daß die Regierungen, die ihre Haltung gegenüber dem repu­blikanischen Deutschland womöglich noch verschärfen, die poli­tische Ohnmacht und den wirtschaftlichen Untergang des deut- schen Volkes beabsichtigen.Nieuwes van dem Dag" schreibt- Wir schen durchaus nicht ein, daß die britische Flotte hauptsächlich eine Dk>ensivwaffe ist. Jedenfalls werden die französischen Staatsmänner, von denen man keinen Mangel an historischen Kenntnissen erwarten darf, die Erklärungen Llovd Georges anders auffassen als seine Wähler, die viel­leicht weniger historische Bildung haben.

Die Rückkehr der amerikanischen Kriegsflotte.

W.B. Washington, 14. Dez. (Drahtbericht. Reute») Der amerikanische Marinesekretär Daniels teilte mit, daß alle Großkampffchiffe der amerikanischen Flotte, die sich jetzt in Europa befinden, mit Einschluß der Dreadnoughts-Ge­schwader. die mit der britischen Flotte Zusammenarbeiten. in die heimischen Gewässer zurückkehren und New Kork am 23. Dezember erreichen würden.

Lloyd George und die Abschaffung der Dienstpflicht.

W.B. London, 14. Dez. (Drahtbericht.) In einer Unter­redung sagte Lloyd George, er wünsche jeden Zweifel dar­über zu beseitigen, daß er für die Abschaffung der Dienst­pflichtarmeen in allen Ländern sei, die für die L e i d e n ver­antwortlich seien, die die Welt durchzumachen hatte. Alle Delegierten, die Großbritannien auf der Friedenskonferenz hätte, müßten auf dieses Ziel hinarbeiten.

Die französische Rheinflottille.

Basel» 14. Dez. Die Neue Korrespondenz berichtet aus Paris: DerMatin" schreibt: Die französische

Flottille auf dem Rhein, deren erste Einheiten be­reits unterwegs sind, wird Kanonenboote, Wachtschiffe und Jagdboote umfassen. Sie wird unter dem Kommando eines Korvettenkapitäns stehen und in fiinf Gruppen eingeteilt sein. Jede der Gruppen wird von einem Schiffskapitän kommandiert werden, dem ein Schiffsfähnrich beigegeben wird.

Die italienischen Adria-Ansprüche.

W.B. Bern, 18. Dez. Der Chef des italienischen Admiral» stabeS Taon de Revel erklärte einem Mitarbeiter der Tribuns", Italien brauche die ist rische Küste, ferner die dalmatinischen Inseln, die Purzelari-Jnsel und die Quarnero-Jnseln. Außerdem müsse Italien Einheiten der österreichisch-ungarischen Flotte als Ersatz für verloren- gegangeue K r i e g s s ch i f fe zur Einverleibllvg in die italie­nische .Handelsflotte verlangen. Was mit dem Rest der öster­reichisch-ungarischen Flotte geschehen solle, darüber möge die Friedenskonferenz entscheid?». Wenn sich aber ein Freund­schaftsverhältnis zwischen Kasten und den Völkerschaften der Ostadria entwickeln solle, so dürfte nur Italien eine Kriegsflotte in der Adria halten. Dagegen könne sich die Handelsschiffahrt aller Adriastaaten frei entwickeln.

Italienische Überschreitung der Demarkationslinie.

W.B. Laibach, 13. Dez. iKorrefpondenzbureau Laibach.) Nach hier eingelaufenen Berichten überschritten die Italiener an einigen Punkten der Jnnerkrain und Oberkrain die Demarkationslinie. Die Laibacher Nationalregierung erhob bei der gemeinsamen südslawischen Regierung in Belgrad Einspruch.

Die dänischen Ansprüche.

W.B. Kopenhagen, 12. Dez. Das Regierungsblatt Politiken" schreibt in einem ArtikelNordschleswig" über

die übertriebenen Forderungen an Land, die von

gewissen Kreisen Dänemarks bei der bevorstehenden Lösung der nordschleswigschen Frage erhoben werden, u. a.: Zn

einen: Zeitpunkt, wo das Interesse für NordschleSwig^ in Dänemark zur Aufstellung von übertriebenen Wünschen fiihrte, setzte der nordschleswigsche Wählerverein mit Be­stimmtheit die nationalen Rechte des dänischen Volkes fest und schuf dadurch die Bedingungen für die einzig richtige Lösung der nordschleswigschen Frage. Alle Tendenzen, die darauf hinauslaufen, daß Dänemark nur versuchen soll, sich mög­lichst viel Land gebiet zu sichern, werden am politi­schen Verständnis und wachen Wirklichkeitssinn der nord­schleswigschen Bevölkerung abprallen.

Frankreich und Luxemburg.

W .B. Rotterdam, 12. Dez. Der Brüsseler Korrespondent desNieuwe Rotetvd. Courant" meldet: In Brüssel herrscht der Eindruck, daß die Gerüchte über die Wegnahme ^der Scheldemündung, über die Wegnahme von See- ländisch-Flandern und Südlimburg darauf zurückzuführe.t seien, daß Frankreich den Wunsch habe, sich das Groß­herzogtum Luxemburg einzuverleiben und dafür Belgien diese holländischen Gebiete als Entschädigung über­lasse Von amtlicher Seite wurde diese Nachricht weder be­stätigt noch dementiert.

Finnland.

W. B. Helsingfors, 13. Dez. Der Landtag bewilligte das Abschiedsgesuch des ReichÄverwesers Swmhamfoud und beauf­tragte den General Mannerheim als Reichsverweser die höchste Gewalt auszuüben. Bis zu seiner Rückkehr wird die höchste Gewalt von dem Stawtsrat ausgeübt werden. Do: Beschluß itmnfte mit 73 gegen 27 Stimmen gefaßt-

Eine Protrstrundnvie des Wiener Staatsrats.

Wien, 13. Dez. Di; Karrekpvndenz der deutsch-öfter, reichischen Nationalversammlung teilt mit: Der Staats­rat hat heute über die f o l l w a h r e n d e n Ei nb r üch e in das Gebiet von Dennch-Böhmen beraten und auf An­trag des Staatssekretärs Bauer beschlossen, an sämtliche auswärtige Regierungen eine Zuschrift zu richten, in der die Verwirklichung des Selb st de stimmungs­recht es der Deutschen in den Sudetenlanden durch Vornahme ein.-r Volkse b st i m m u n a unter Leitung einer neutralen Kommission und gegebenenfalls, unter Assistenz von neutralen Truppen angeregt wird. Der Staatsrat hat es abqelehnt, gegen die feindliche Gewalt der tschechischen Truppen Gewalt N'ieder aufzubieten und so die Kriegführung über den Waffenstillstand hinaus zu verlängern. Er erwartet, daß die feindseligen Vorstöße der tschecho-slowakiichen Kriegsmacht im Lager der En­tente sÄbst Verurteilung finden werden.

Rumäniens Vertreter ans der Friedenskonferenz.

W.B. Amsterdam, 13. Dez. Einer Blättermeldung ans London zufolge würde der rumänische Gesandte-in London. M i s u, zürn Vertreter Rumäniens auf der Friedenskonferenz ernannt.

Rumänische Übergriffe in Siebenbürgen.

Sr. Budapest, 12. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Reichs- rumänische Truppen besetzten die Erdgasrqerke Nagharmas und Cissarmas in Siebenbürgen, die bekanntlich der D e u t s ch e n B a n k als Pachtobjekt gehören. Die ungari­schen Gendarmen wurden von den rumänischen Truppen ver­haftet und gefesselt verschleppt.

Aktives Staatsbürgertmn.

Bon Dr. Alfred Mayer. <

Die Zipfelmütze, die auf des Bürgers Haupt sitzt und seinen Schlaf behütet hat. hat ihn bisher bewahrr, nicht nur den Dingen in die Augen zu sehen, sondern auch mit fester Hand die Zügel seines Geschicks zu er­greifen. Eine unglückliche pi s i v e Politik hat ihn zum Spielball extremer Gewalten gemacht, von den Annexionisten hat er sich übertölpeln, von der Revolution überraschen lassen.

Es ist beschämend, daß man sich die Frage von derr 'Unabhängigen ins Gesicht werfen lassen muß: Wo wäret denn ihr, als es galt, aas alte Regiment zu stürzen? Wie lange braucht ihr denn noch, ihr Bürger, um euch von denr Schrecken zu erholen, den euch der November- sturnr in die Glieder gejagt hat? Wohin sind denn eure Ideale verflogen, die ihr im Mund trugt?

Geben wir es nur zu: Wir haben geschlafen und viele von uns schlafen noch und werden weiter schlafen. Und mag uns der Sturm der Reaktion uni die Ohren pfeifen oder das Feuer der Spartakusleute um uns lodern, die Zipfelmütze scheint diesen die beste Medizin dagegen.

Das Bürgertum, das demokratische Bür­gertum zumal wird nicht eher die politische Stellung einnehmen, die dem Maß 'einer Kenntnisse, dem Maß seiner Fähigkeiten, dem Maß seiner persönlichen und sozialen Machtmittel entspricht, ehe es sich nicht zun: aktiven Staats dürqertum bekennt. Jeder einzelne ist verantwortlich, jeder von uns trägt Schuld, jeder von uns hat dies in diese:: Jahren der politischen Ohnmacht büßen müssen.

Sorgen wir dafür, daß der Hohn und die Vorwürfe

unserer politischen Feinde imS nicht mehr treffen. Ar-