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Freitag, 13. Dezember 1918.

Nr. 581. • 66. Jahrgang.

Zur staatsbürgerlichen Erziehung der Jugend.

Von Stadtschulrat Dr. August Müller.

- In der am 1. Dezember d. I. .ibgeüaltenen Versamm­lung der Freideutschen Jugend wurde beklagt, daß das Wahlrechtsalter auf das vollendete 20. Lebensjahr herab­gesetzt wurde. Vor dem Rräitersruhl der Vernunft könne dies Wahlrecht nicht bestehen. Man muffe direkt Leid empfinden ob der Belastung des jugcndliclsen Gewissens mit der Verpflichtung, dem oeitichenen Recht einen sachgemäßen Inhalt zu geben.

Ist die Klage berechtigt? Der Tatbestand läßt sich nicht leugnen: Unvorbereitet trifft die Jugend daö Wahlrecht. Ohne Kenntnis der Zusammenhänge des f] staatlichen Geschehens, ohne Cttniirfit in das seine Räder- . werk des Staats ganzen ltebt die mänr.adfe und weibliche - Jugend wohl meist ratlos den mit dem zuerkannten Wahlrecht übertragenen Mickten gegenüber. Insofern, erscheint das oerliehene Recht ividec die Vernunft. Allein die Anklage, die in der mangelhaften Vorderer- tung zur Ausübung des Wahlnchts liegt, trifft m. E. nicht sowohl die neuen Machthaber als vielmehr das a l t e S y st e m. das mit kleinen Mittetchen einer großen Sache zu dienen sich befliß, aber nicht sich dazu aufraffen konnte, unsere Jugend iin brld'ainsten Alter neben der intellektuellen Schulung auch der z i e l b e w u ß t e n ' sittlichen Übung teilhaftig werden zu lassen. Mit der bloßen Belehrung mit dem beständigen Mahnen und Warnen allein rjt es nicht getan. Las Buchwissen auf der einen Seite, die Wirkung eines überspannten Autoritätsprinzips auf der anderen haben noch niemals

innerlich freie Menschen geschallen. So konnte auch bis- ' her die meist kümmerliche Belehrung über staatliche Ein- nchtungen, über deren geschichtliche Entwicklung, zeit- ^geschichtliche Bedingtheit und Bedeutung kaum Begeiste­rung für den bestehenden Staat erwecken. Auch die jetzt n Angriff genommene Untcrmclsung durch Vorträge, wie sie die Freideutsch: Iugeud veranstaltet, wird kaum eine wesentliche Besserung erzielen. Ist die Arbeit neu- ► Kal. nach keiner Seite hin innerlich verpflichtend, so dürf­ten viele Jünglinge und Jungfrauen am Wahltage eben­so ratlos dastehen wie ohne B>'lehn:ng. Solange die Jugend nicht in den Stand gesetzt wird, zu beurteilen, was um sie herum vorgeht, selbst anqeleitet wird, durch das Gewirr von Gründen und Gegengründen hindurch geführt, die Lebensbedinaungen der Einrichtungen und Erfordernisse eines modernen Staates emzusehen, so­lange nicht ein Grundstock innerlich bindender Vor­stellungen geschaffen wird aus dein heraus die Stel­lungnahme zu den Problemen des Staatslebcns von selbst erfolgt, solange bleibt die Jugend gezwungen, dem Fremdurteil sich zu unterwe-fen und so zu wählen, wie 's ihre Meister in der Volksversammlung, am Arbeits­tisch oder in der Familie Vorlagen. Der Glaube an ob­jektive Darstellungen qeschichtlich-volitischen Geschehens ist ein Irrglaube. Mit Achtung der Auffassung Anders­denkender zu begegnen, ist das einzige, was von den Dar­stellern verlangt werden kann und darf. Eine Beschrän­kung auf die Darbietuno der ..nackten Tatsachen" nähme den Stoffen ihren Reiz, der behandelten Materie die Seele und damit jedes Interesse.

Worum dreht eä sich eigentlich bei aller staatsbürger­lichen Erziehung? Darum, die Schüler und Schülerin­nen sah g zu macken, den Staat und das in ihm organi­sierte freie Volk und besten Anliegen höher zu ichatzen als das liebe .Ich", airch als die unter dem Staate stehende Parier und sonstigen Interessenzirkel. Es han­delt sich il>o lerzten Endes um eine „tiefgehende Uber- Windung dc-s Egoismus". um „eine weitgehende Er- ; öfunfl von der Tyrannei persönlicher Empfindungen". Diesem Ziele kann aber nur gedient werden, wenn in allen Schuten die Seele zur Seele spricht, ein klarer Kopf, über, dem wacwsnhlenden Herzen des Lebrors wohnend, die Zwiesprache mit dem Schüler hält, in Ar- Geitsgsm.e-iittchaft und Selbstverwaltung die Bahn frei- fnemacht wird zur Übung der Tunenden der organisier­en Gesellschaft, des Staates. Das trockene Buchwissen md c elende Leir'adeuweisheit. von geschäftigen Fabrikanten in verdünnten Truiklein und schwachen Dosen für bequeme und arbnts'ch'n-e Lehrer zurechtge- racht, muffen, soweit ne noch Mo Klassen und Schulen eherrschen, möglichst durch die lebendige Person- i ch k e i t des Lehrenden ersetzt werden, der ge­einte Unterricht daraut angelegt sein, in die Seele des . ernenden das Bedürfnis tief einzupflanzen, zu leben nur neben, sondern mit und für die anderen, und - der ollen Einzelzwecken den Sraatszweck mit klarstem lielbewutztsein zu erstreben. Denn das ist der große tim r Demokratie, daß nichts geschehen darf, zu dein ner einzelne Stellung zu nehmen hat, bejahend er «Meinend, stützend oder ablehnend, innerlich dazu vslichstt, immer nur dein Staat-.' als Höchstes nach 'ästen zu dienen. Darum wird dr: große Forderung

der staatsbürgerlichen Erziehung die sein, das Gefühl und Bewußtsein der Verantwortung für alles, was im Staate geschieht, wurzelhaft lies in Kops und Herz der deutschen Jugend und damit des deutschen Volkes zu ver­ankern. Damit das aber gc'chehcn kann, brauchen wir in den Schulen aller Gattungen Männer und Frauen, die nicht nur durchdrungen sind von der großen Liebe zu unserem Volkstum und seiner Eigenwertigleit, son­dern auch von sozialem Geiste erfüllt, den Zögling ohne Ansehen der Person nach dem Maße der vorhande­nen Naturbedingungen zu voller Auswirkung der physi­schen, geistigen und mor-alischen Kräfte zu befähigen ver­mögen. Es sind Lehrpersonen nötig, die selbst erfülle von dem lebendigen Organismus des Staatswesens, als dessen dienende Glieder ^die gesellschastsbudenden Funk­tionen in der Seele des Schälers in Aktion zu setzen und zur Einheit zu führen imstande sind. Der Lehrende muß nicht nur seine Schüler und Schülerinnen unterrichten, er muß sie vor allem erziehen, ne in Unterricht und ge­selligem freundschaftlichem Umgang mit ihnen in und außer der Schule zu >ittlrck>'m Urteil über die Gescheh­nisse um sie, ihrer Altecs-:«ife entsprechend, anleiten und zu diesem Zwecke so früh fts möglich Anteil nehmen lassen an Verwaltung und Gerichtsbarkeit der Schulen. Im Bunde mit den leoenbejohenden, qesellschaftsbilden- den Kräften in der Seele der Jugend werden Schulleiter und Lehrer mit relativer Leichtigkeit auch der schwie­rigsten Jungen und Mädchen Herr werden. Im Staate ist die Monarchie geschwunden. Auch der Schulmonarch hat sich überlebt. Je mehr der Schul- und Klassen­monarch mit seiner alle kreis Entfaltung erdrückenden Autorität schwindet, desiomehr worden sich die gesell­schaftsbauenden, moralischen Kräfte hervorwagen und Schüler und Schülerinnen in sich dre lebendigen Träger eines lebensfähigen Staates erziehen.

Für die Dorbereitnng der bereits schulentlassenen Jugend freilich dlerbt als kümmerliches Surrogat für die wenigen Wochen zur Nationalversammlung nichts als diebelehrendenVvrtr.ige. Für die weitere Zu­kunft aber sind f r e i e Vo l k s b o ch s ch u l k u r s e einzu- richten, in denen die Bemcher und Besucherinnen u. a. in Geschichte, Volkswirtschaft, HandelSgeoqraphre, Staats­bürgerkunde durch Vorträg; und Übungen, in Rede und Gegenrede eingefübrt and zn klarer Erkenntnis der staatlichen Notwendigkeiten und treistgefühlter Verant- Wörtlichkeit gegenüber dem Dvlksganzen geführt werden können. _

Die Waffenstillstandsverhandlungen in Trier.

Völkerrechtswidrige Abschiebung der deutschen Delegierten.

Sr. Berlin, 12. Dez. (Griff. Drahtbericht.) Die erste Sitzung der über die Verlängerung des Waffenstillstandes be­ratenden Delegation ist heute vormittag in Trier eröffnet worden. Die Verhandlungen werden in einem v - Zug am Bahnhof geführt. Der bereits gemeldete Abschluß der Mitglieder der deutschen Waffenstillstandskommission wird auch während der Verhandlungen peinlich st durchge- f ührt. Die Mitglieder der deutschen Waffenstillstandskom- mission sind nicht nur von jedem Verkehr privater Art mit der Außenwelt abgeschloffen, sondern auch der Meinungs­austausch mit den Vertretern der deutschen Behörden wird ibnen nicht ohne die peinlichste Kontrolle gestattet. Dieser Vorgang widerspricht jedem Herkommen und steht im schärfsten Gegensatz zu den Bestimmungen des Völkerrechts, um so mehr, als diese Abschließung der Mitglieder der Waffeu- stillstandskommiffien im eigenen Lande erfolgt.

Dke Frage der Kriegsentschädigung.

W. B. London, 12. Dez. (Drahtbericht. Reuter.) Im Laufe einer Rede erwäbute Lloyd George, daß die interalliierte Kommission, die Deutschlands Fähigkeit, Kriegs­kosten zu zahlen, untersuchen soll, noch nicht zusammenge­treten ist. Aber das britische Reichskabinett habe gestern einen Bericht überreicht, wonach es das Kabinett für möglich halte, die ganzen Kriegskosten von Deutschland zu erhalten, ohne die Besatzungsarmee für eine lange Zeit in Deutsch­land zurückzulaffen oder große Posten deutscher Ware anzu­nehmen. Die Konferenz sei der Ansicht gewesen, daß von den Alliierten mit wirtschaftlichen und internatio­nalen Mitteln der nötige Druck auf Deutschland aus- geübt werden könne. Sobald der Bericht der interalliierten Kommission vorliege, werde er der Friedenskonferenz über­reicht werden, die die Forderungen der Alliierten zusammenlegen werden. Diese Forderungen müßten, worin ie auch immer bestehen mögen, vor der deutschen Kriegsschuld kommen. Die Alliierten würden in erster Linie die Interessen der Völker berücksichtigen, mtt denen Deutschland Krieg ge- ührt habe, und nicht die Interessen des deutschen Volkesj vaS ich dieses Verbrechens gegen die Menschheit schuldig gemacht habe.

Gerechtigkeit. aber keine Rache!

W. B. London, 12. Dez. (Drahtbericht.) In einer ande­ren Rede sagte Lloyd George: Die Regierung hat ihr Frie- densprogramm mitgeteilt, es ist ein Programm st r e n a st e r Gerechtigkeit. ES darf keine Rache gebem Gerech­

tigkeit ist nicht Rache. An denjenigen, die dafür verantwort­lich sind, daß die Welt in dieses Glend geführt worden ist, muß, strenge Gerechtigkeit geübt werden. Diejenigen, die den Krieg begannen und unterstützten, müssen bis znm letzten Pfennig zahlen. (Lauter Beifall.) Wir weiden zu diesem Zweck ihre Taschen untersuchen. (Lautanhaltender Beifall.) Es hat keinen Zweck, über einen Weltfrieden zu sprechen, wenn man Deutschland erlanbt, in dem Augenblick, wo der Krieg vorbei ist, seine Armee von 4 bis 5 Millionen Mann von neuem anszubanen. Dieser Versuch muß von Anfang an ver­eitelt werden, und wenn das mit Deutschland geschieht, muß es auch hier geschehen. Den Schutz aber, den die Flotte gewährt, werden wir nichtaufgeben, wer immer das auch verlangen möge.

Völkerbund oder bewaffneter Friede?

W. B. Bern, 11. Dez. Der Mitarbeiter des „Berner Bund", der an der Fahrt der Schweizer Journalisten nach den Bereinigten Staaten teilnahm, erklärt in seinem Blatte nachträglich, daß seine Kabelmeldungen über die Rede Wilsoi^ am 27. September in der Schweiz nicht angekommen sinv. Auffallend sei in diesem Zusammenhang, daß die Havas» Meldung gerade diejenigen Stellen der Rede nicht erwähnt, die mit Rücksicht auf die Ausgestaltung der künftigen Welt» ordnung am meisten Interesse haben. Der Mitarbeiter des „Bundes" führt aus: In aller Geschäftstättgkeit und Stille ist ganz nach der Art der alten europäischen Geheimdiplomatie von den drei Ententegroßmächten in England konferiert wor­den. Man hört, daß England und Frankreich bei den kommenden Verhandlungen gemeinsam auftreten werden. Man hört, daß eine dauernde Allianz geschlossen sei. Aus England und Frankreich kommen Äußerungen, die wett mehr aus die Be f e st i g u n g der S i e g e r st e l l u n g als auf die Sicherung des Weltfriedens hinauslaufen, und die mit dem Völkerbund nach dem Wilsonschen Plan oder, um einen anderen wirklich großen Friedenspolittker zu nennen, Lord Grey, nicht im Einklang stehen. Wilson will abrücken von jener Politik, die nun schon so oft dazu führte, daß neue Kriege sich an alten Niederlagen entzündeten. Er weiß, daß die Dauer nicht von dem Matze des Übels abhängt, das der Sieger dem Besiegten zufügt, daß die Kräfte und vor allem die aufrichtige Friedensgesinnung der Völker nicht mehr Bedeutung haben als in der augenblicklichen Lage, die auszukosten manchmal mehr angenehm als verdienstlich und aus die Dauer rühmlich ist. Zwischen zwei Zeitaltern schwebt und schwankt die Menschheit. Hier die alte Gewohn­heit der bewaffneten Selbstverficherung, beruhend auf dem allgemeinen Mißtrauen, das sich nur zuweilen anders gruppiert, dort die Erkenntnis, daß es so nicht weitergeht, daß eine möglichste Änderung nicht auf der Landkarte, sondern in der Politik zu vollziehen ist, wenn eS auf die Dauer besser werden soll. Hier militärische, dort mehr psychologische Lösung: hier Machtpolitik, dort Menschlichkeitspolitik mit ihrem für alle gleichgeltenden Gedanken Gerade diejenigen, die die Gedanken an die europäische Abwehr gegen Amerika denken sollten, sind sicherlich heute zn der Erkenntnis ge­kommen, daß die wirkliche Gefahr für die „heiligsten Gitter Europas" in Europa selber zu suchen ist. Das war «S immer und namentlich im August 1914.

Der Appetit der Entente auf die Besetzung Berlins.

W. B. Berlin, 11. Dez. Gegenüber der Meld-rng, daß der Bürgerkrieg Berlin bedrohe und daß das Volk deshalb den Schutz der Alliierten und die Ausdehnung der Besetzung bis Berlin fordere, schreibt der „B. L.-A.": So beklagenswert die inneren Zustände bei uns auch augenblicklich sind, daß das Volk den Schutz durch die Alliierten und die Besetzung Berlins fordert, ist eine glatte Lüge. Nein, die Entente setzt solche Falschmeldungen nur in die Welt, weil sie nach einem Borwand sucht, größere Gebiete Deutschlands zu besetzen, als ihr nach den Waffenstillstandsbedinguiigen gestattet ist.

Die Aufhebung der Dienstpflicht in England.

W. B. Rotterdam, 12. Dez. (Drahtbericht.) Die „West- minster Gazette" schreibt: Leute, die ihren Wählern erklären, daß sie in dem neuen Parlament für die sofortige Auf­hebung der Dien st Pflicht stimmen werden und ihnen versprechen, -daß Deutschland gezwungen sein wird, alle Rech­nungen der Alliierten bis zum letzten Cent zu bezahlen, sind wertlose Demagogen. Ihre Politik würde eine militärische Besetzung Deutschlands auf viele Generationen hinaus und die Beibehaltung militäri­scher Einrichtungen in ganz Europa während dieser Zeit er­fordern.

W. B, London» 12. Dez. (Drahtbericht. Reuter.) Bonar Law sagte in einer Rede: Min habe die Wahlen nicht bis zur Rückkehr der Soldaten ausschieben können. Die Soldaten würden frühestens am Ende des nächsten Sessionsjahres, also ungefähr im August 1919. zurück sein.

W. B. London, 12. Dez. (Drahtbericht. Reuter.) In einer Versammlung in Bristol sagte Lloyd George, daß das Milttärdienstgeietz aufgehoben werde, sobald die Notwen­digkeit dafür aufgehört habe. Es bestehe nicht die Absicht, es zu erneuern.

Frankreich gegen den Bolschewismus.

W. B. Bern, 12. Dez. Das „Journal des DcbatS" -chreibt: Der Krieg ist nich zu Ende. Wenn Deutschland auch besiegt ist, so steht der Bolschewismus immer noch auf­recht und wird immer stärker, je mehr sich deutsche Truppen aus dem russischen Gebiet zurückziehen. Es -ift wenig wahr- 'cheinlich, daß Deutschland sich vom Bolschewismus anstecken lassen wird; denn Deutschlands Temperament paßt nicht für öie. bolschewistischen Tendenzen. Aber die Manöver Lenins bleiben für die Entente gefährlich und könnten ihren Sü^,