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Verlag Langgasse 21

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Mittwoch, 11. Dezember 1918.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 577. 66. Jahrgang.

Beschleunigung der National- versammlung.

Es kommt immer anders. Vor wenigen Tagen hatte der Volksbeauftragte 5>anie, der als Vertrauensmann der unabhängigen Sozialisten den Reichskanzler Ebert kontrolliert, einem amerikunischen Pressevertreter ver­sichert:Sie haben sich ia überzeugt. wie ruhig es in Berlin und in ganz Deuffchland isi. es ist jetzt nicht ein­mal notwendig, daß bei uns eine besondere Schutztrupps für die Regierung gebildet wird." Und knPii ist ihm das Wort entfahren, da gingen dieHeeresberichte aus der Rcichshauptstadt" in die Welt hinaus, so daß man sich in ganz Deutschland und leidcr auch im Ausland ein Bild davon machen kann,wie ruhig es in Berlin ist". Der Haasesche Optimismus war um fo unverständlicher als es in Berlin seit etlichen Tagen nicht nur die Spatzen von den Dächern pfiffen, wildern auch das Organ der Spartakusgruppe offen verkündetes daßes los­gehen solle".

Der Freitag, Samstag und Sonntag waren in der Tat recht unruhige, leid-r teilweise auch blutige Tage in Berlin, und es sieht nicht so aus, als ob es so bald besser werden solle. Was nun die offiziösen F e st- st e l l u n g e n und Erklärungen zu den Berliner Putschversuchen und Krawallen betrifft«, so sind sie mit "iirfecrfter Vorsicht aufzunehmen. Offenbar hat die ge­mäßigte Sozialdemokratie sich genötigt gesehen, den Unabhängigen Sozialisten, mit denerrFie sich zwar in die Regierung teilt, aber zugleich in heftigem Kämpft lebt, erhebliche Zugeständniss: in bezug!; auf die Einräumung einer angeblich geplantenreack-tionären Gegen­revolution" zu macken. ES ist wirklich ein vergeb­liches-Bemühen. darüber lsimnegzutä nicken, daß die Ber­liner Putschversuche von den Licdknechtianern ge­macht wurden, und daß -s nur eine Gefahr der Ge g e n- revolution gibt, nämlich die von links. Hat sich doch Herr Liebknecht, der so empört über die Ausrufung Eberts zum Präsidenten der Republik ist, gestern auf der Straße' von einen, Mitglied seiner weiblichen Garde zum Präsidenten proklamieren lasten.

Im übrigen zeigen alle diese Putschversuche, von welcher Seite sic auch kommen, daß der gegenwärtige Zu- stand der chronischen Unordnung, der sich immer mehr der Anarchie nähert, un h a llb rr und unerträglich ist. Wenn das verhältnismäßig '.chwache Häuflein der Spartakusgruvvc derartig die Straße zu beherr- schen vermag, so trägt die Schuld daran die S ch w ä ch e der Regierung, die, obwohl sie an den ^zurückkehrenden Frontsoldaten, die ihre Ent'chlostenhsit, für Ruhe und Ordnung einzutreten, bekunden, einen starken Rückhalt hätte, von ihren Machtmitteln nicht hinreichend Gebrauch zu machen wagt. Vielleicht freilich auch nicht kann, weil die gemäßigten und unabhängigen Sozia­listen in der Regierung an zioel verschiedenen Strängen ziehen.

Jedenfalls kann das jetzige Provisorium der Anarchie nicht so weiter gehen, weil es mit seiner Desorganisation, seinen wilden Streiks, jemer Verschleuderung ungeheurer wirtschaftlicher Werte uns üe»l völligen Versagen unserer Wirtschaft und der Hungersnot cnigegenführt. Weil es ebenso die T r e n n u n g s g e l i, >t e im Deutschen Reich selbst wie die Raubgeluite unserer Gegner begünstigt und so den Reichszertall befördert, weil es endlich den so dringend notwendigen Frieden immer weiter hinausschiebt. Denn un'ere Gegner haben unzweideutig und erst jetzt wieder erklärt, daß sic uns weder Brot noch Frieden gewähren werben, so lange nicht bei uns eine autoritative, ans die Ra iionalversamm- l u n g gestützte Regierung eingemtzt ist, welche den Willen und die Macht hat, für Ordnung zu sorgen.

Statt daß wir iminer wieder die Alliierten ebenso würdelos wie hoffnungslos um Milderung der barbarischen Wa'fensilllstoildsbeüingunaen a n - flehen und um Zuwendung von Nahrungsmitteln, sollten 'wir lieber alle unsereKmfte daran setzen, einmal aus der Desorganisation mt eigenen Lande herauszukommcn und zweitens dirrch die Schaffung g e- ordneter Zustände unseren Gegnern den Beweis un­serer Verhandlungsberechtigung zu liefern, die sie jetzt ausdrücklich bestreiten. Ter Weg zur R uh e im Innern, zum Biot und zum Frieden führt über die N a t i o n a l >' e r j a m m l u n q, deren be­schleunigte Einberufung am Montagabend hier in Wies- baden auch der 122 Vereine umfassendeWies­badener V e l k s a u L s ch u ß" in einem Telegramm an die Reichsregierung gefordert hat. Auch aus zahl- reichen Einzelstaaten und sogar von der Berliner sozial- demokratischen Parteiorganisation wird die Forderung gestellt, mit den Wahlen nickst bis zum 16. Februar zu warten. In der Tat wäre -'s verhängnisvoll, wenn wir über die Zwirnsfäden rechniicher Schwierigkeiten fallen wollten. Es steht viel, es sicht alles, es steht der Lriede, es steht das Reich, es steht die Zukunft Deutsch­

lands auf dem Spiel. Und deshalb inuß die Losung aller, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, lauten' Beschleunigt die Wahlen zur Natio­nalversammlung!

*

Eine befristete Note der Alliierten zur Herstellung der Ordnung in Deutschland?

Br. Genf, 10. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Tie Z u - sammenziehung der Truppen der Alliierten an der deutschen Grenze dauert fort. DieTimes" schreibt: Der Sieg der Liebknecht-Truppe in Deutschland dürfte für die Alliierten die Aufforderung sein, in Deutschland die Ruhe wiederherznstellen. Wie derTemps" berichtet, liegt eine Note der Alliierten an Deutschland, in der eine sofortige Auflösung der gesamten Arbeiter- und Soldatenräte ver­langt wird, der Pariser Konferenz zur Beschlußfassung vor. Die Rote, die nach Wilsons Ankunft abaesandt werden soll, stellt eine vierwöchige Frist zur Wiedereinsetzung der rechtmäßigen Behörden, nach deren Ablauf die Alliierten selbst die Bekämpfung des Bolschewismus in Deutschland in die Hand nehmen dürsten.

Der Einzug der Garde in Berlin.

, IV. B. Berlin, 10. Deg. (Drahtbericht.) Der heutige Em-üg von Fronttrupven, welche vom Gru-newald her Teile der Garde und Abordnungen ~ aller Reichskontingente nach Berlin führten, erfolgte bei feuchtem nebligen Wetter. Die Häuser ' in den EmzuySstrahen, Berliner Straße, Kaiserallee, Kurfürstendamm und Unter den Linden waren mit Fahnen, besonders schwarzweitzrolen und schwarzrotgoldenen, mit Teppichen und^Tannengrün reich geschmückt. Die Säulen des B ran denbiürger Tores waren von Girlanden und Kränzen umMinden. Zwei Banner über der mittleren Durch­fahrt zeigten Hie InschriftWillkommen in der Heimat" und Friede und Freiheit". Den Pariser Platz unffaumten FlagyenmgW, auf deren Schilder der Berliner Bär sich zeigte. Den- Eingang der' Straße Unter den Linden faßten zwei Obelisken ein. An der Ecke der Friedrichstraße erhob sich «ine Ehrenpforte. Die zum Einzug bestimmten Truppen waren auf dem Heidelberger Platz anqetreten, Sechs Lanzen­reiter erösfueten den Zug. Ein Musikkorps folgte, alte Armee­märsche steckend. Dann kam die Garde-Kavalleriefchützen- div-fion, .der eine Standarte vorangelragen wurde. Singend folgten die Mannschaften. Von den Truppen wurden zahl­reiche bekränzte schwarzweißrote Fahnen getragen. Das aus vereinzelten Bundesstaaten zusammengestellte Bataillon mußte vor seinen Kompanien eine sächsische, bayerische, würtiembergische und eine preußische Fahne tragen. Die Mannschaften trugen entsprechende Fähnchen an ihren Ge- wehrläusen. Kürassiere, Dragoner, Husaren, Jäger und Artillerie folgten. Es können ungefähr 7000 Mann gewesen sein.

Die Begrüßungsansprache Eberts.

IV. 8. Berlin, 10. Dez. (Dcahtbericht.) Bolksbeauf- tragter Ebert richtete am Brandenburger Tor an die einziehendcn Gardetruppen folgende Ansprache: Kame­raden! Seid willkommen in der deutschen Republik. Herzlich willkommen in der Heimat, die sich lange nach Euch gesehnt und deren bange Sorgen Euch ständig umschwebt haben. In diesem Augenblick, da wir Euch am beimatlichen Herd be­grüßen, gilt unser erster Gedanke den teueren Toten. Ach, so viele kehren nimmer wieder. Handerttausende ruhen in Feindesland in stillen Gräbern. Andere Hunderttausende mußten mit dem Ende des Kampfes zurückkehren, zerfetzt und zerstümmelt von den feindlichen Geschossen. Ihnen allen, die sich für den Schutz der Heimat aufgeopfert haben, gebührt unser unauslöschlicher Dank. Wir können ihren Taofeimut nicht vergelten, bloße Worte sind zu schwach, ihnen zu danken. Was wir in Taten der Dankbarkeit darbringen können, das wollen wir ihnen in Treue leisten. Der Verbesserung des Loses der Kriegshinterbliebenen und K r i e -g s - invaliden galt des neuen deutschen Volkssiaates erste Verfügung. Ihr seid zum Glück dem schrecklichen Gemetzel entronnen; froh begrüßen wir Euch in der Heimat. Seid willkommen vcn ganzem Herzen. Kameraden. Genossen, Bürger! Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. 51 ein Feind hat Euch überwunden. Erst als die Übermacht der Gegner an Menschen und Material immer drückender wurde, haben wir den Kampf aufgegeben, und gerade Eurem Helden­tum gegenüber war es eine Pflicht, nicht noch zwecklose Opfer von Euch zu fordern. Alle Schrecken habt Ihr heldenhaft überstanden Mannschaft und Führer, sei es im Kreide­baden der Champagne, in den Sümpfen Flanderns oder auf dem elsässischen Bergrücken, sei es im unwirtlichen Rußland oder im heißen Süden. Unendliche Leiden habt Ihr ilber- wunden und unvergängliche, fast übermenschliche Taten voll­bracht. Ihr habt unvergleichliche Proben Eures unvergleich­lichen Mutes Jahr um Jahr abgelegt. Ihr babt die Heimat vor dem feindlichen Einfall geschützt; Ihr habt von Euren Frauen, Euren Kindern und Euren Eltern den Mord und den Brand des Krieges ferngehalteu sowie Deurschlands Fluren und Werkstätten vor der Verwüstung und Zerstörung bewahrt. Dafür dankt Euch die Heimat in üüerströmeadem Gefühl. Erhobenen Hauptes dürft Ihr zurückkehren. Nie haben Menschen Größeres geleistet und gelitten als Ihr. Namens des deutschen Volkes sage ich Euch t i e f i n n i g st e n Dank. Ihr findet unser Land nicht so vor, wie Ihr cS ver­lassen habt: die deutsche Freiheit ist erstanden. Die ölte

Herrschaft, die wie ein Fluch auf unseren Taten lag, bat das deutsche Volk abgeschüttelt und sich selbst zum Herrn über das eigene Geschick gemacht. Aus Euch vor allein beruht die Hoff­nung der deutschen Freiheit. Ihr seid die stärksten Träger der deutschen Zukunft, niemand hat schwerer als Ihr unter der

Ungerechtigkeit des alten Regimes gelitten. An Euch dachten wir, als wir mit dem verhängnisvollen System aufräumten. Für Euch haben wir die Freiheit erkämpft, für Euch der Arbeit ihr Recht errungen. Nicht mit reichen Gaben können wir Euch empfangen, nicht Behaglichkeit und Wohlstand Euch bieten, unser unglückliches Land ist arm geworden; schwer lastet auf uns der Druck harter Gebote der Sieger. Aber nach dem Zusammenbruch wollen wir uns ein neues Deutsch­land zimmern. Sorgt Ihr nun dafür, daß Deutschland bei­einander bleibt, daß nicht das alte Kleinstaateuelead uns übermannt. Rettet Ihr die Einheit der deutschen Nation. Die sozialistische Republik, die Euch durch mich be­grüßt, wird ein Gemeinwesen der Arbeit sein. Arbeit ist die Religion der Sozialdemokratie, arbeiten müssen wir mit aller Kraft, mit aller Hingabe, sollen wir nicht zu­grunde gehen und verkommen, sollen >oir nicht zum Bettelvolk heräbsinken. Ein Reich der Zerstörung habt Ihr verlassen. Die Pforte neuen Schaffens tut sich vor Euch auf. Eure Tat­kraft, Euer Mut, die draußen nie erlahmten, müssen uns zu neuem Frisdensglück führen. Bald schlägt die er­sehnte Stunde des Friedens, vald wird die konstituierend« Nationalversammlung die Freiheit fest verankern durch den unantastbaren Willen des ganzen deutschen Volkes. Ihr legt die Waffen aus der Hand, die, getragen von de« Söhnen des Volkes, dem Volke nie Gefahr, sondern stet» ihr Schutz sein sollten. Ihr sollt mitschaffcn an den große« Werken der neuen deutschen Zukunft, die Eure fleißigen Hände erbauen müssen von Grund auf. Und so läßt mich Eure Treue zur Heimat, die ivir alle gemeinsam lieben, zur Einheit Deutschlands, unser Stolz auf nie Freiheit und die große unmittelbare deutsche Republik zusammenstimmen in den Ruf: Unser deutsches Vaterland, die deutsche Freiheit, der freie Volks st aat Deutschland, sie leben hoch!

Die Besetzung.

Belgische Vergeltungsmaßnahmen.

W. B. Rheydt» 10. Dez. (Drabtbericht.) Gestern nach­mittag rückten als Besatzungstruppen das 8. belgische Linien- Regiment, von Garzweiler kommend, mit klingendem SpiÄ in Stärke von 10 Offizieren und 1200 Mann hier ein. Die Offiziere wurden in Privathäusern, die Mannschaften in Massenquartieren untergebracht. Aus dem Rathaus wurde die belgische Flagge gehißt. Regimentskommandeur Oberst­leutnant Hermane übernahm das Kommando über die Stadt und erließ einen Kommandanturbefehl, wonach der Verkehr der Zivilbevölkerung auf den Straßen nur von 8 Uhr vormittags bis 8 Uhr abends, belgische Zeit, gestattet ist. Als Vergeltungsmaßnahmen ist die Bevölkerung bei Strafe verpflichtet, die Fahnen und Offiziere der belgi­schen Armee zu grüßen. Die Wirtschaften sind von 12 bis 8 Ubr und von 5 bis 8 Uhr, belgische Zeit, offen zu halten. Die Straßen der Stadt müssen die ganze Nacht beleuchtet sein. Ansammlungen sowie alle Versammlungen sind untersagt. Die deuffchen Zeitungey erscheinen wie bisher. Die Uhren der Stadt werden um eine Stunde zurückgestellt.

Die Engländer in Köln.

W. B. Köln, 10. Dez. (Drahtbericht.) Die Ortszeit ist nach westeuropäischer Zeit eine Stunde zurückgestellt. Hier liegen jetzt die 9. und 29. englische Division und eine Kavallerie-Division, insgesamt 32 000 Mann.

Wilson und der Friedenskongreß.

IV. 8. Washington, 10. Dez. (Drahtbericht. Reuter.) Von dem DampferGeorge Washington" wird drahtlos' ge­meldet, daß Wilson nicht persönlich bei den Friedens­verhandlungen anwesend, wohl aber in Fühlung mit den leitenden Persönlichkeiten der Alliierten und bereit sein wird, die ihm unterbreiteten Fragen'zu erledigen.

England und Amerika.

W. B. Rotterdam, 10. Dez. (Drahtbericht.) Das Haupt­organ der Demokraten, dieNew Dork World", schreibt, wen« England sich nicht in die amerikanische Auffassung bezüglich der Bedürftigkeit Englands auf dem Gebiete der Rüstungen zur See rüge, so würden die Vereinigten Staaten ganz gewiß die Z i n s e n der an England geliehenen Summe zur Er­bauung einer Flotte verwenden, die mit der britischen konkurrieren könne.

Weitere amerikanische Anleihen an die Alliierten.

W. B. Washington, 10. Dez. (Drabtbericht. Reuter.) Der Schatzsekretär verlangt vom Kongreß eine Ermächtigung zu weiteren Anleihen an die Alliierten. Sobald die unter dem jetzigen Gesetz verfügbaren 14 Milliarden erschöpft sind, würde eine besondere Kommission einberufen, um sich mit dem Gegenstand zu beschäftigen.

Aufhebung der Militärdlenstpflicht kn ganz Europa!

IV. B. London, 9. Dez. (Reuter.) Amtlich wird mit­geteilt, daß die Koalitionsregierung mit der end­gültigen Absicht zur Friedenskonferenz gehen wird, dort die Aufhebung der Militärdienstpflicht in ganz Europa vor­zuschlagen.

Thyssen und Stinnrs in S'cherheitShaft.

XV. B. Berlin, 9. Dez. Die gestern in Mülheim vrrhcki- teten Großindustriellen August Thyssen, Fritz Thyssen jun., Edmund S t i n n e s und andere sind nach Berlin verbracht werden und werden vorerst hier in Sicherheitshaft gehalten, bis die Voruntersuchung so weit gefördert ist, daß die ihnen vorgeworfene angeblich landesverräterische Tätigkeit iiberblickt werden kann. Das preußische StaatSministerinm crdnete die größte Beschleunigung an.