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1$. Jahrgang 191s. ®#.s svi® <s^*® ®*s> ®^s

3m Saufe, nebenan.

Weihnachtsplauderei von Albert petersen.

. es war wieder um jene Zeit, da die Tage am düstersten und grausten, die Rinderaugsn am heilsten und freudigsten sind. Ls war wieder um die Zeit, da selbst alle Erwachse­nen, die noch ein wenig Gemüt sich be­wahrten, im Vorübergehen den hastenden Schritt anhalten und vor dem farbenreichen kadenfenster stehen bleiben, um durch einen Bliek aus all die Puppen, Bleisoldaten, Miniatur-Stuben und -Rüchen, Säbel, Gewehre und Haus- und Raubtiere all die alte poesievolle Weihnachtsstimmung in sich aufzu­nehmen und dann mit einem stillen versonnenen Lächeln weiter die graue Straße der Alltagspslicht zu wandern. Es waren die Tage, da man nicht auf die unmusikalischen Straßenmusikanten schalt, wenn sie ein altvertrautes Lhrist- lied nach dem anderen spielten.

Meine Zeit war eigentlich bemessen, aber ich konnte es nicht über mich gewinnen, an diesem Tage in die Stadt­bahn zu steigen. Gbendrein begann es auch noch zu schneien, so war denn das weihnachtliche Straßenbild fertig. Und fröhlich wie ein ausgelassener Zunge stiefelte ich von meiner Hamburger Wohnung nach Wandsbek hinaus, wo ich, wie es feit Zähren so Brauch geworden war, von einer älteren Tante die Festgeschenks in Empfang nehmen sollte. Natürlich in festverschnürten Paketen, erst am Weihnachts­abend zu öffnen.

Es dämmerte schon stark. Ein Ladenfenster nach dem andern sandte seinen Lichtschein auf die breite Geschäfts­straße. Die Menschen hasteten vorbei und entgegen. Die Elektrische ratterte daher, schwerbeladen mit paketetragen­den Leuten. Und die Flocken wirbelten immer dichter.

Es war schon ganz dunkel, als ich der Tante Woh­nung, die in einer stillen Zweigstraße lag, erreichte.

Und bald saß ich ihr in der mollig warmen Stube bei gelbein Lampenschein gegenüber. Das schneeweiße Haar der Sechzigjährigen stand in seltsamem Gegensatz zu dem glatten, ros gen Gesicht, in dem ein paar junge, gütige Augen leuchteten.

Auf dem T sch dufteten die selbstgebackenen braunen Pfeffernüsse, und nun stellte die Tante mir einen dampfen- deit Grog hin. „So, der tut gut bei der Kälte draußen."

wir plauderten über die neuesten Bücher, über einige Leitartikel der Zeitung und dann über Weihnachten einst und jetzt. Dahin wollte ich sie gerade haben; ich hörte ihrer Plauderei über alte Zeiten, die sie in unserem geliebten Heimatstädtchen Husum, Storms „grauer Stadt am grauen Meer", erlebt hatte, zu gerne zu. Noch so einfache Schilde­rungen aus ihren Rindertagen, da die Husumsr mit Wind­laternen sich in den dämmerigen Straßen mit ihren holpri­gen pflastern nicht gerade leicht bewegen konnten, hatten großen Zauber für mich.

(Nachdruck verboten.)

„Du weißt ja, begann sie nun, daß in dem Pause an der Kirche, in dem jetzt die Rinderwarteschule ist, einst mein Vater, Dein Großvater, seine Rlasse und wir unser Heim hatten. Neben dieser Schule stand zu meiner Rinderzeit — es ist abgebrochen, als du ganz klein warst — ein schmales, graues Häuschen mit spitzem Giebel, unter dem sich ein halbdunkler, geheimnisvoller Bodenraum befand, in dem Dele Rornils und ich uns gern die gruseligsten Gespenster­geschichten erzählten, bis eine plötzlich ein unheimliches Geräusch zu hören glaubte und aufschreiend davoneilte. Dann folgte die andere natürlich sogleich, schalt die zuerst Geflohene als Bangbüx und Hasenfuß. Unten empfing uns dann wohl Deles (8 jährige Schwester Liese und schüttelte mißbilligend den hübschen Ropf: „<D, diese Kälber!" wo­rauf Dele und ich wie auf Verabredung die Zunge aus- steckten und nicht gerade lieblich „bäh" machten. Auch Deles Mutter, einer schmächtigen, frühgealterten Frau, liefen wir ungern in den weg; sie konnte durchaus nicht leiden, wenn wir umhertollten, anstatt etwas Ernsthaftes vorzuhaben. „Habt ihr eure Schularbeiten schon?" — ,chUacht doch Handarbeit." — „Tut schnell mal dies — mal das." — Dele pflegte dann gleichmütig zu sagen: „Du, da mußt dir nix bei denken, Mutter hat wieder ihre Arbeitswut. Komm, wir wollen sehen, ob Vater 'nen Rüchen für uns hat."

Und wir gingen tänzelnd und summend in den Laden, wo der kleine behäbige Vater Rornils in seiner langen weißen Bäckerschürze hinter dem Ladentisch stand und nns lustig anblinzelte. „Na, ihr Rasselrusselbande, was habt ihr denn auf dem Herzen? Möchten was Süßes im Mund haben, he? Da — ; hier ’it Rüchen, da ’n Rüchen. Aber sagt Mütter nichts," und hastig „danke" sagend, stoben wir davon. Eins gefiel uns wohl an Mutter Rornils; sic hielt Liefe so sehr in Tätigkeit, daß diese nicht Zeit fand, sich uns gegenüber allzuviel aufzuspielen. Und es gefiel uns am allerbesten, wenn sie ihrer ältesten Tochteo einmal ordentlich die Wahrheit zeigte. Liese war, wie wir aufgeschnappt hatten, mit einem jungen Kaufmann aus sehr gutem Hamburger Hause „heinllich versprochen"! Mutter Rornils wetterte: „Diese Rumzieherei hört auf. Son finen Rirl nimmt dich ja doch nicht. Dich plagt Hochmutsteufel." worauf Liese weinend antwortete: „Doch

— und Weihnachten kommt er und dann will er fragen, ob er sich mit mir verloben darf." „Das hätte er tun können, bevor er 511 Michaelis nach Hamburg zurückging."

— Natürlich neckten Dele und ich Liese, wo wir nur konnten, wir stießen übertriebene Liebesseufzer aus und sagten in schmachtendem Tone: „Ach ja, die Li—iebe!" wie mancher vernichtende Blick des jungen Mädchens glitt spurlos oder zu unserer Belustigung an uns ab.

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