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Samstag, 30. November 1918. 9JlO¥C)0ft s _91g. 559.» 66. Jahrgang.
Deutschland und die Schuld am Krieg.
Eine nen^Note an die Entente.
W.T.-B. Brrlin, 29. (Drahlbericht.) Die
deutsche Regierung übermittelte durch Vermittelung der schweiFerisclfen Regierung folgend? Note an die englische. französische, belgische, italienische und amerikanische Regierung: Für die serber- führung des WclfinedenS. tiir die Schaffung dauern- der Sicherl-eit gegen künftige Kriege und für die Wiederherstellung des Vertrauens der Völker untereinander erscheine dringend geboten, die Vorgänge, die zum Kriege geführt haben, bei allen krie.finyrenden Staaten m allen Einzelheiten aufzuklären. Ein vollständiges wahrheitsgetreues Bild der Weltlage und der Verhandlungen zwischen den Mächten im Juli 1914 und der Schritte, welche die einzelnen Regierungen in dieser Zelt unternommen haben, könnte und würde fW dazu beitragen, die Mauern Hcs Hasses und der Mißdeutung mederzureißen. dw während des langen Krieges zwischen den Völkern er- richtet worden sind, eine gereckte Würdigung der Vor- gänge bei Freund und Feind. Die Vorbedingungen für die künftige Versöhnung der Völker ist die einzig mög- liche Grundlage für einen dauernden Frieden und für einen B u n d d e r V ö l k e r. Die deutsche Regierung schlägt dah-r vor, daß erne neutrale Kommission zur Prüfnn r der Frage der Schuld am Kriege eingesetzt werde, die ans Männern bestehen soll, deren Charakter und volitische Erfahrungen einen ge- recht-« llrteilssoruch gewährleisteten. Die Regierungen sämtlicher kriegführenden Mächte möchten sich bereit er- klären, einer solchen Kommission das g e s a m l e U r- kn ndenmaterial zur Verlügnng zu stellen. Die Kommission soll bestlgt sein, alle sene Pcrsi-nlickketten zu vernehmen, die zur Zeit des Kriegsausbruchs die Ge- schicke der einzelnen Länder bestimmt haben, sowie alle Zeugen, deren Auslagen für die Deweiserbrrngung von Bedeutung sein kann.
Zusammentritt der Krtegs-efangenenkommisskon.
W T -B. Berlin, 29. Nov. (Drahtbericht.) Di- Unter- suchungSkommisfion zur Prüftrug der Frage der völkerrechtswidrigen Behandlung von Kriegsgefangenen in Deutschland tritt bereits am kommenden M o n t a g in Berlin zusammen.
Die Friedenskonferenz.
W.T.-B. Paris. 29. Rev. sDrahtbericht.) Tie Blätter bestäiigen, daß die Fricdenskanfersnz am O u a i d'Orsay und nicht in Bcl-sailles stfttfinden soll. Lloyd George wird gleich-eitig mit Wilson ln Paris eintrefscn. Beiin Zusammentritt der vorberü- tenden Sitzung werden die Delegierten einen Ausschuß ernennen, der verschiedene Fragen im einzelnen zu studieren und der Konferenz Bericht vorzulegen hat, deren Beschluss? endgü'liaen Charakter haben werden. Die Konferenz dürfte drei Monate dauern und die Unter- zeichnung nicht nor April stattfinden.
W T.-B. London, 29. Nov. lDrahtberickt.) Wie die Zeitungen aus Washington melden, reist Wilson am 4 Dezember nach Europa ab. Diese Meldung wider- leat die Nachricht, daß Wilson bereit? in den englischen Ge- wässern einaetroften lei.
W. T.-B. Paris, 29. Nov. (Drahtberickt. Reuter.i Der italienische und französische Botschafter sowie die amerikanische Friedensabordnung reisen auf demselben Schiff wie Wilson nach Europa.
Zur angeblich verpatzten Friedrnsgelenenhett.
W.T.-B. Berlin, 29. Nov. (Drahtbericht.) Wie von zuverlässiger Stelle mitgeteilt wird, wurde in keinem Zeitpunkt des Kriege» von feindlicher Seite amtlich oder in hinreichend beglaubigter Form mit einem Friedens- angebot an uns berangetreten.
Auch ein amtliches französische» Dementi.
W.T.-B. Paris, 29. Nov. (Drahtöericht. Sabas.) Aus Berlin wird berichtet, daß nach einer Meldung der ..Franks. Ztg." die Wilhelmstraße erkläre, die Münchener Veröffentlichungen über die Geschichte der Entstehung des Krieges seien von de>n bayeriicken Vertreter in Bern Professor Förster veranlaßt worden, der auf den Rat eines Vertreters Clemenceaus seine Regierung gebeten habe, die erwähnt:« Urkunden zu veröffentlichen, da dies dazu dienen könne, den Friedensschluß schneller herbeizuführen. Die A ience Savas kann demgegenüber erklären, daß dies? Meldung reine Phantasie ist. Niemals halte Clemenceau in iraend einem Augenblick oder in irgend einer Form Beziehungen mit amtlichen oder halbamtlichen'Rgenten Norddeutschlands und Süddeuftchlands. Keiner von ihnen kaim^pon der französischen Negierung beeinflußt worden fein.
Die polnisch« Fraae.
W.T.-B. Berlin, 29. Nov. (Drahtk-ericyt.- Wie wir höre», fand heute vormittag eine wichtige Kabinettssitzung statt, in der unter Anwesenheit von polnischen Ber-
♦ Mf 1 * besonder» polnische Fragen zur Beratung stand«».
Die Ostfront gegen die Quertreibereien Liebknechts.
W.T.-B. flowno, 29. Nov. (Drahtbericht.) Der Vollzugsausschuß des vorläufigen Zentralrates der Ostfront erhebt schärfsten Protest gegen die von der Spartakus- gruppe gebildeten Räte der Frontsoldaten, da die Front keinesfalls anerkennen kann, daß von einer kleinen Anzahl zufällig in Berlin befindlicher Soldaten, deren Berechtigung, sich Frontsoldatenrat zu nennen, nicht im entferntesten nach- gewiesen ist, ein besonderer Rat gebildet wird, der sich rn- maßt, den Namen eines Frontsoldatenrates zu führen. ES mutz mit aller Energie nochmals darauf öingewiescn werden, daß die Ostfront allen Diktaturbestrebungen, wie sie immer kommen mögen, geschlossen entgegentritt, und die von kleinen Truppen versuchten gefährlichen Quertreibereien aufs schärfste verurteilt.
Großer Soldatenrat in Kowno, vorläufiger Zentralrat der Ostfront.
..Für Bolschewisten kein Brot."
W. T.-B. Bern, 29. Nov. (Drahtbericht.) Das „Journal de Geneve" gibt eine Meldung amerikanischer Blätter wieder, wonach Sachverständige mit der Feststellung der Lebensmittellage Deutschlands beauftragt worden sind. Nach ihrer Ansicht hat Deutschland genügend Lebensmittel bis Ende April. Die amerikanischen Blätter schlagen vor, Lebensmittel an den Grenzen Deutschlands anzusammeln, von wo sie leicht bei cintretendcr Rot nach dem Innern Deutschlands verbracht werden können. Inzwischen müßte nach dem System verfahren werden: Für Bolschewisten kein Bretl
Aus der A. und S.-Sitzung in Berlin.
W.T.-B. Berlin, 28. Nov. lSchluh aus der gestrigen Abend-Ausgabe.) Ein Mitglied des Soldatenrates in M ü n ch e n:
Im Süden hat man den Eindruck, in Berlin sei alles toll geworden.
Wir Süddeutschen wünschen im friedlichen Einvernehmen mit Norddeutschland, mit dem wir getreulich die Kriegslasten getragen Habens zu leben und mit ihm zu arbeiten für die N e i ch s e i n he i t. (Brausender Beifall) Geben Sie uns das schönste Weihnachtsgeschenk, nämlich die Versicherung, daß Sie eine Nationalversammlung wünschen. (Levhafte Bravorufe und Händeklatschen.), dann werden Sie als Dank dafür bekommen, daß noch nie das deutsche Volk stärker beisammen war, als cs dann wird (Tosender Beifall.i — Leutnant Gerhard: Noch bin ich Mitglied des Vollzugsrates. Die ersten Ausgaben waren die Fragen der Komma n d o g e w a l t. In keiner Sitzung hat sich der Vollzugsrat damit b-schäftigt. (Molkenbubr ritst: Lügei) Mit Süddeutschland hat er keine Fühlung genommen. Der Vollzugsrat Strobel fragte mich, was denn überhaupt eine Nationalversammlung sei. (Große Heiterkeit und Unrube.l Im Abgeordnetenhaus und Herrenhaus besteht bei den Soldatenräten die groteskeste Mißwirtschaft, eine unglaubliche Vettern- und Günstlingswirtschaft bei hohen Löhnen.
Was hat der VollzugSrat etwa gegen die Zersplitterung Deutschlands getan? Wie siebt es mit der Frage zur Nationalversammlung? (Lebhafter Beifall und Pfuirufe.) —■ Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte erhält das Wort Staatssekretär Scheidemann: Wir haben die Errungenschaften der Revolution zu sichern. Wir müssen ftir Frieden und Brot sorgen. Heute kann die Versammlung die Anklagen nicht nachprüfen. Wir dürfen hier di- andere Strömung nicht auftommen lassen. In einer solchen Versammlung besieht die große Gefahr, daß ein R i tz sich zwischen den Arbeitern und Soldaten austut. Aber Soldaten und Arbeiter haben gemeinsam die Revolution gemacht. Zwistigkeiten mögen an anderer Stelle ausgetragen werden. Das Kabinett bat sich mit dem Vollzugsrat verständigt. Die Einigkeit soll von beiden Seiten aufrecht erhalten bleiben. Ein Zentralrat für das ganze Reich wird bald g-schaften werden. Die Mitteilungen MolkenbubrL über unsere Soldaten von der Ostfront waren restlos übertrieben. Bon einer absoluten Gefahr kann keine Rede sein. Die Rückkehr kann sich nur höchstens um drei Monate v e r z ö ge r n.
Die Gefabrcn der Gegenrevolution unterschätze ich nicht, aber Schwarzsehern ist nicht am Platze.
Wir werden auf dem Posten sein und aufpassen. Generalfeldmarschall v. Hindenburg und General Grüner haben sich auch gestern wieder verbehaltlos zu der neuer. Regierung bekannt. (Bravo!) Die Schuld an der Kriegs- Verlängerung trägt nicht Berlin allein. Die Autonomie für Elsaß-Lothringen wurde verzögert durch den K ö n i g v o \ Bayern, der feine Mach: aussvielen wollte. Die Arbeiternutz ffinnWeiti-s+i» 9nd bei dem Provisorium unbedingt notwendig, das geschaffen werden mußte, als da? alte System zusammenbrach, welches morscher war, als wir annabmen. Dieses Provisorium muß beibehalten «erden, bis tue Nafionalver- sammlung da ist. Jetzt tut uns Einiak-it not. Alles Trennende muß des Seite gestellt werden. Wir müssen zusammenstehen und festbalten, waS unS die Revolution gebracht hat, dann, wird es uns möglich sein, zu schäften: Frieden und Brot! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) — Ein Feldwebel. Vertreter der Ostarmee, warnt die Versammlung davor, sich von dem
Popanz der Spartakusgruype
ins Bockshorn jagen zu lassen. Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man sieht, daß die Preßfreiheit mehr Unheil anrichtet als die frühere Preßunfteibeit. Den Nutzen aas der Revolution müssen die Arbeiterklassen haben. — Gin- Vertreter der Soldatenräte Badens erklärt auch namens der Lothringer, daß nicht der Vollzugsausschuß, sondern der Berliner Soldatenrat terroristisch austrete. Wir ziehe» daraus die Folgerung und verlassen u«t«r>
Protest die Versammlung. (Große Bewegung.) — Gin Ver
treter der Ostfront erklärt namens 490 909 Kameraden, die Versammlung sei geeignet, die Reichseinheit auf das s ch w e r st e zu gefährden und Unruhen in die Straßen Berlins zu tragen. Damit bricht die Front zusammen. Ruhe und Ordnung seien nötig. Auch er verlasse den Saal. — Leutnant Colin-Roß: Mir wollen keine Zwistigkeiten
zwischen den Arbeitern und Soldaten schaffen. Wir sehen im Vollzugsausschuß Herrschsucht und eine bös- Finanzwirtschast. Die Tagegelder der Vollzugsratsmitglieder mit 60 M. für den Tag und für Schrcibsräuleins mit 30 M. sind unerhört hoch. Was haben dagegen die Kriegsbeschädigten? Wenn wir so weitermachen kommt die Reaktion. (Sehr richtig!) — Leutnant Wüllner-' Mit tiefstem Bedauern haben wir gehört, daß die Kameraden vom Süden und Osten die Versammlung ve-lassen haben. 'Vorsitzender' Die Kameraden sind noch im Hause und werden wieder hereinkommen.) Wir bieten ihnen die Hand. Nichts liegt uns ferner als Terrorismus. Es ist nickt wahr, daß wir vor oeur Nichts oder vor einem Trümmerhaufen gestanden haben. Es war eine ungeheure Masse an Kriegsgerät und an Nahrungsmitteln vorhanden. Das weiß ich als Bevollmächtigter de-s Vollzugsrats für das Verwnltungsdevartement. Raubbau fit erst getrieben worden, nachdem der Vollzugsrat die Macht erhalten hatte. (Große Unruhe.) Was noch heil war, bat der Vollzugsrat zertrümmert. Graulichmachen vor der Reaktion aeschieht nur. um reaktionäre Mab nahmen durchzusehen. Bei der alten Regierung mag vieles schlecht gegangen sein, jetzt geht es aber noch viel schlechter. (Brausender, anhaltender Beifall.) — Ein Vertreter der in den Saal zurückgekehrten Badener erklärt: So wie beute verhandelt worden ist. geht cs nicht weiter. Es fehlt an Organisation. Der Vollzugsrat darf nickt auseinandergetrieben, sondern muß ergänzt werden. — Ein Vertreter der Ostfront erklärt: Politisch reif haben sich die Berliner Soldatenräte nicht gezeigt. Persönliche Zänkereien sollten nicht Platz greifen. Der beschämende Eindruck der heutigen Versammlung läßt sich nicht verwischen. Entstehen in Berlin Unruhen, dann werden unsere Ostsoldaten schwer gefährdet durch Aufstände her Letien, Polen, Esten, Rumänen und Ungarn. — Ein anderer Vertreter der Ostftont sagt: Das Schicksal von einer Million Kameraden ist gefährdet, übergroße politische Reife ist heute hier nickt gezeigt worden. — Ein Vertreter der Westfront erklärt: Gehen Sie ruhig und sachlich gegen den VollzuaSrat vor. Heute hat fick hier auch kerne deutsche Manneszucht gezeigt. — Ein Antrag Wiillner auf Schluß und Einsetzung einer siebengliedrigen Kommission wird einstimmig angenommen. Die Wahl der siebengliedrigen Kommission wird voraenommen. Darauf werden die Verhandlungen auf Samstag, den 30. d. M., nachmittags 3 Uhr, vertagt. Schluß nach 1114 Uhr.
Amtliche Bekanntmachungen.
Der Entlassungoanzug für Unteroffiziere nnL Mannschaften.
K. M. Verstlgung vom 16. NeveAber 1918.
1. Sämtliche zur Entlassung kommenden Mannschaften sind in dem in ihrem Besitz befindlichen Dienstanzug zu entlassen. da die rechtzeitige Beischafiung der Zivilkleider unter den derzeitigen Verhältnissen unmöglich sein dürfte. Die Leute sind zu belehren, daß die Rücklieferung des EntlassungsanzugS an das Kreismeldeamt baldigst zu erfolgen hat. Bedürftige haben Gesuche um unentgeltliche Belassung an das Bezirks- kommando zu richten.
2. Bei fast allen militärischen Stellen verlangen stand,« Soldaten teils ganz neue Einkleidung, teils die Abgabe einzelner Bekleidungsstücke unter Vorlage der verschieden, sten Ausweise von Arbeiter- und Soldatenräten, einzelne» Personen und auch von Behörden. Die Bekleidungsbestände sind in letzter Zeit stark znsammengeschmolzen und ihre Ergänzung bereitet durch das Fehlen der Transportmittel große Schwierigkeiten. ES fit daher unbedingt notwendig, daß sämtliche Anforderungen auf Verabfolgung von DcAeidungsstückeu, insbesondere der zur Entlassung kommenden Mannschaften, daraufhin aoprüft werden, ob eine Ausstattung mit neue« Stücken notwendig ist oder ob der in Tragung befindliche Anzug noch brauchbar ist, damit unter allen Umständen den Anforderungen der aus dem Feld zurückkehrenden Truppen entsprochen werden kann.
3. Anforderungen auf Bekleidungsstücke sind von den e n tu, lasseneu Manr>rchaf:en ausschließlich an ihren zuständigen Ersatztruppenteil zu richten.
4. Zur Vervollständigung und zum Umtausch der Bekleidungsstücke beurlaubter, kranker usw. Mannschaf, ten werden in sämtlichen Etarnifoneu, so weit erforderlich. Einkleidungs st eilen errichtet, bei denen sämtliche Ein- releinkleidungen und Umtausche nach vorheriger Prüfung hes Bedürfnisses vorgenommen werden.
5. Alle nickt zum Eutlassungsanzug gehörigen Ausrüstungsstücke sind sofort zurückzugeben.
6. Das Einkleidungsami für Wiesbaden befindet sich ia der Turnhalle der Volksschule au der Bleichstraße.
Garuisonkommando Arbeiter- und Toldatenrat-
Zur Veräußerung von Heeresgut.
Heeresgut darf nur mit Genehmigung der stellv. Generalkommandos oder der Intendantur deS 18. Armeekorps veräußert werden. Plivethersonen, welche entgegen diese« Befttmmungen Heeresgut kaufen, erwerben dadurch kein De- sibreckt an den betreffenden Gegenständen.
Es wird vielmehr gegen solche Privatpersonen auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen vorgegangen werden.
Mainz, den 23. Ncvember 1918.
Arbeiter- und Soldatenrat: V.s. d. Gvuv. F. d. Ch. d. Gt»L
v Wirth. Sommer. Major.
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