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Freitag, 29. November 1918.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 557. • 66. Jahrgang.

Auf den Weg zur Einigung!

Der glänzende Verlauf der großen Versammlung des Wiesbadencr freiheitlichen Bürgertums, in der am Dienstagabend auch hier nun die Begründung der neuen Deutschen de in akratischen Partei beschlossen lpurde, erweckt in dieser schweren Heit dach auch einmal wieder einen erfreulichen Ausblick; den nämlich, daß sich das Bürqertum. nachdem der erst? Strudel der Revolution verrauscht ist, doch auf sich s e l b st, seine gar nicht entbehrliche Bedeutung für den Staat und leine Pflicht zur Mitarbeit an ihm als an seinem eigenen Hause zu besinnen beginnt. Das ist hier wie anderswo im Reiche der ftctU. Es war besonders bemer­kenswert an der Wiesbadener Versanimlung und hat ihr Niveau sicherlich nur gehoben, daß auch aus den sich bis­her politisch zurückhaltenden Kreis?» von Männern die etwas zu bedeuten haben, auf d>e nunniehc für uns a l l e vorliegende Pflicht zur politischen Mitarbeit, zur politi­schen Organisation und zum politischen Bekenntnis nochdruck-'roll hingewiesen wurde. Das 'lt's :a gerade, woran wir in Deutschland krankten, abgesehen natür­lich von der vorzüglich organisierten großen Arbeiterschost und dem ebenso zielbewußt für di-? eigene Geltung und die e'gcne Tasche arbeitenden entgegen gesetzten politischen Lager. (Das Zentrum nahm als konfessionelle Partei eine Sonderstellung ein.) Die ganzen großen Schichten des in der M i t t e zwilchen den Flügelparleien liegenden Staalsbürqertums waren in chrer politischen Organisa­tion zerfahren und zeisplittert. Weite Kreise und zwar kiöer vielfach gerade die kulturell und geistig hochstehen­den, die ihren Volksgenossen am meisten zu geben hatten, hielten sich von der politischen Betätigung fern, hretten sich für „zu gut" für die Politik, die den Charakter aller­dings wohl auch verderben kann, wenn >ie sich in haß- !ici>en, an sich ganz unproduktiven pvtiliichen Streit ver­liert. So waren wir als Gesamtheit politisch nicht reis. Und daiuin haben wir den Krieg verloren. Wir stimiuen Herrn p. Brthwann Holllveg durchaus zu, wenn er in seiner neuesten Erklärung auch unser eigenes Sch u l d- k o n t o angesichts der jetzigen furchtbaren Katastrophe kräftig unteritrticht. Denn nur aus der klaren Erkennt­nis der begangenen Fehler findet sich der besitz re Weg. Und der ist der einer gründlichen P o l i t i- sierung nicht nur deN.den reinen wii tschaftspolitischen Egoismus vertretenden Klassen, die uns anderen längst den Rang abgel-msen hatten in der Organisation, sondern nunmehr des ganzen Volkes, das seine Ge­schicke nunmehr selber in die Hand genomnien hat. Nur wen» wir alle uns klar darüber sind, daß der Staat unserecigeueSache ist, findet sich aus dem pvtili'chen Inkisseeentismus und der Unreife der'Weg zu de: ,-en politischen Egoismus (in der Wahrnehmung der eigenen Interessen) mit dcni voliti'chen Altruismus (der Suvslbingabe für die höhere staatliche Einheit, von der wir aber doch selber wieder ein Teil und) vereinen­den praktisch-politischen. Produktiven Arbeit für den Staat. Aus diese kommt es allein für uns clle jetzt an. wenn wir den neuwerdenden Volksstaat und uns K'lber vor noch Schlimmerem bewahren wollen, als wir mit blutendem Herzen in den letzten Monaten erlebt babeil. Arbeiten und nicht verzweifeln! Arbeiten an uns selber, indem wir auf dem Wege der S e l b st- erkenntnis uns selber neueinstellea oder gar über­haupt erst einstellen zum Staat. Und arbeiten am Staat! Die denkbar ernsteste Arbeit des ganzen nichtsozialistischen, aber sich freiheitlich zum neuen Deutschland bekennenden Staatsbürger- tums ist notwendig; sonst kommen wir von der Scylla in eine viel schlimmere Charybdis. Selbsterkennt­nis; — denn wir wollen uns doch nicht verhehlen, daß auch wir^am Zusammenbruch des alten Deutschlands mitschuldig sind. Wer unter euch ist ohne stehle! Arbeit om Staat aber, denn wir brauchen handelnde, sich hcrgebende Staatsbürger und -Bürgerinnen, die die Ver­antwortung und die Arbeit für den Staat nickt inehr 'cheucn. sondern sie forte». — selber ein mitreißendes Beispiel für die ande«--»! In diesem Sinne die Er­ke n n t n i s der Notwendigkeit des Tages; wecken zu helfen, das war die Aufgabe der in ihrer Gesamtwirkunq so erfolg: eichen Wiesbadener Gründunqsversamnilung der „Deutschen demakratstchen Partei" und in diesem Sinne der Er w c ck u n g. der Erneuerung, der Zu­sammenfassung und Einigung weiterzuwirken für eine machtvolle, möglichst einheitliche Organisation des Wiesd idener und n a s s a u i s ch e n Bürgertums, die am Watiltug der Nationalver­sammlung ihr ganzes Srt-wcrgewicht in die Wag- schale zu werfen vermaa, das ist die Ausgabe aller derer, die mit uns wissen, daß man unser Volk aus dem Ab­grund, in den wir, lauae mit verbundenen Augen on ihm längsgeführt, stürzen müßten, nur dann wieder hinausführeu kann, wenn man nicht mit de-i alten Par­teischeuklappen den Weg 'focht, fondern mit freiem, suchen­dem und ruseadem Blick nach allen Seiten. Kvnmck alle

her, wo ihr auch vorher im La.ger gestanden habt, und helft alle mitschaffen und mitbauen an der großen, neuen Straße, die das deutsche Volk vor nach tiefe­re m Sturz bewahrt und uns die Möglichkeit bietet, uns wieder hinauszi'.a.rbeiten. Wir werben für keinen neuen Parteiklüngel, nachdem die alten Formen zer­brochen sind, — das muß aufhören! —; wir werben für die Sache des freiheitlich gesinnten Bürgertums schlechthin! Für unsere politische Erneue­rung! Sie kann nicht anders gesck-ehen als auf demo­kratischer Grundlage.

Wir, die stets für eine Einigung aller Liberalen ein- getreten sind frenen uns, nunmeär auch aus dem nationalliberalen Lager zu der Kundgebung am Diens­tag ein Echo zu hören, das die Soffoung erweckt, die bis­her „unmöglich" scheinende Einigung der Liberalen hier doch neck sich vollziehen zu sehen. Daß eia? einige große bürgerliche Partei ganz andere Anziehungskraft nach links und rechts zu entwickeln vermag, als zwei oder drei sich bekämpfende, scheint uns selbstverständlich. Nur die Personen der alt^n Parteiorganisationen haben mosil dem Eir.igungsinerk bisher vielfach entgegengestanden. In den Verhandlungen der Z e n t r a l ora>inisat:onen in Berlin ist die Einigung soweit wir willen, zunächst daran gescheitert, daß von der linken Seite Persönlichkeiten in der Führung der Nationalliberalen Partei als durch ein zu weite? Rechts stehen ..kompromittiert" abge- lehnt wurden. Es trifft das wohl auch an anderen Orten zu. Geschähe eine solche Ablehnung aut Grund der alten persönlichen Partcigeaensätze, weil eben die bisher im Kampf miteinander Gestandenen dtzn Weg zuein­ander nicht finden können, sa würden wir das keinesfalls billigen; diese Art non bäßlickem Partcihader zwischen einander sonst verhältnismäßig ^ recht nahestehenden Gruppen mutz aufhören. endgültig «ushören in dieser schweren Not unteres Vaterlandes! Wohl aber läßt sich, wenn man von praktisch- und taktisch-politischen Gründen ausgeht. gllerdirwH die Gefahr einer V e r- Wässerung, eintzr Verminderung der Werbe- kraft der neuen Organisation durch Hinübernahme z u weit rechtsstehender Elemente nicht verkennen. Der End­zweck ist klar dersenig ' einer möglichst«» Stärkung des Widerstandes gegen das zu weite AussMgcn des sozia­listischen Pendels, der unbedingt notwendigen Rettung des erhaltenswerten Grundstocks unserer bürger­lichen Wirtschaftsordnung unbeschadet geeig­neter Teilverg.esellschaftungen. Wenn inan dies Ziel deutlich vor sich sieht, dann kann man das zweifelhafte Hauptagitationsgebict der neuen deutsch-demokratischen oder nationaldemokratischen Vrrtei — der Name tut nichts zur Sache — nickst anderswo suchen, als wir es taten, wenn wir am Dienstag sprachen von der „Masse des gesamten in der politischen Skala un­mittelbar rechts an die Sozialdemokratie sich anschließenden Staatsbürgertums". Also in dem Grenz gebiet zwiicken Sozialdemokratie und Liberalis­mus. Hier handelt es sich allerdings um viele, viele Tausende, die von der. Sache,der neuen deutschen Demo­kratie zurückgestoben werden können, wenn sie Namen etwa an der Spitze dieser Partei sehen, di? mit der so äußerst verhängnisvollen Verantwortung für das Schei­tern der preußischen Wahlrechtsreform belastet sind. Dies? Elemente dürfen allerdings in die Führerstellen der neuen großen Einbeitspgltei auch nach unterer, wie wir entschieden für uns in Anspruch nehmen, rein sachlichen Ansicht nicht hinein; denn dann wird das ganze Werk gefährdet: denn dann besteht di? Gefahr, daß gerade die­jenigen weiten Kreist', die nicht ohne weiteres der neuen Sache mit innerer Selbstverständlichkeit onge- hören, kopfscheu gemacht und a b g e d r ä n g t lverden zur Sozialdemokratie. Lieber mögen daher die Hunderte auf der reckten Seite Schwankenden nach rechts gehen, wo sie dem Gesamtbürgertum (wenn auch dann nicht mehr als liberall erhalten bleiben, als daß die vielen Tausenden auf der linken Seite Schwankenden durch eine falfcfe Auswahl in der Führung auf die sozia­listische Wagschale gedrängt und uns bei den ungeheuer wichtigen Entscheidungen der kommenden Monate ver­loren gehen. Es mutz auch bei den Massen die Garan> t i e gegeben sein, daß die Führung der neuen deutsch- demokratischen Partei sich, wie wer früher schon einmal betonten, in vernünftigen freiheitlichen Forde- rungen von der Sozialdemokratre nicht übertref- f e n läßt. Der neue Geist muß auch bei einer Fusion unbedingt über allem Zweite! stehen. der neue Geist vor allem in den sübrenden Männern. Das war doch jetzt zu sagen. Im übrigen aber sind wir durchaus einver- standen mit der "Mahnung eines Redners in der Diens- tagsversammlung? nur keine Splitterrichterei treiben jetzt bei der Werbung für die neue Partei. Es heißt jetzt die Tore weit ans machen nach allen Seiten. U m l e r n e n haben wir alle müssen. Und im übrigen soll im Himmel iib°r einen reuigen Sünder mehr Freude sein, den» über zehn Gerechtet H«k. >

Die Verzögerungstaktik der Entente.

Erst Ordnung in Rufstand» dann erst FrirdrnSvrrhandluageD

Br. Zürich. 28. Nov. (Erg. Drahttxricht.) Wie von gut unterrichteter amerikanifck^r «eite mitgeteilt wird, ist die Re­gierung der Vereinigten Staaten entschlossen, meP eher in Friedensverhandlungen einzutrcten, dis Rußland durq eine zentrale bürgerliche Regierung an den Ver­handlungen teilzunc-hmen in der Lage sein wird. Die endgül­tigen Friodensverhandlungen würden demnach so lange hin» ausgeschobcn w-erdcn, bis der Verband in Rußland bau» ernde Ordnung geschaffen hat.

England droht mit der Wiedereröffnung ' der Feindseligkeiten.

W. T.-B. Berlin. 28. Nov. lDrakstbeiückt.) In der letzten Sitzung der Wasfenstillstandskommission in Spaa erhoben die englischen Vertreter namens der britischen Regierung dre ernstesten Beschwerden, daß die britischen G:- fangenen an der Westfront nicht ordnungsgemäß übergeben würden, sondern halbverhungert, krank und ohne genügend« Kleidung in den Linien der Alliierten anlangten. Die E c» klärung der deutschen Delegierten, daß dt« ordnungsgemäße Übergabe wegen der durch die Waffenstill, standsbedingungen aufgezwungenen überstürzten Räumung nicht möglich sei, daß ferner viele Gefangene entlaufen oder von revolutionären Elementen befreit worden seien, wurde von den englischen Vertretern nicht angenommen. Sie erklärten vielmehr, daß sie die deutschen Behörden, ohne Rück- sicht auf die inneren Verhältnisse, voll verantwortlich machen; und daß die britische Regierung mit Rücksicht auf die Er» regung der öffentlichen Meinung in England, wenn nicht Ab­hilfe geschaffen werde, die Feindseligkeiten wieder eröffne. I •

Demgegenüber ist darauf hinzuweisen, daß von deut­scher Seite alles geschieht, um die ordnungsmäßige Heim, schaffung der englischen und der übrigen Kriegsgefangenen herbeizuführen und daß durch die daraufhin getroffenen Maß­nahmen die Durchführung des geregelten Abtransports dieser Gefangenen sichergestellt und bereits in erheblichem Umfang bewerkstelligt wurde.

Eine Kommission in der Krlegagefaugenenfrage.

w. T.-B. Berlin, 27. Nov. Der Rat der Btiksbeauf- tragten beschloß die Einsetzung einer K o m m i s s, o n zur Untersuchung der Anklagen wegen der v ö l l e r r e ch t widrigen Behandlung t-ec Kriegsgefangenen in Deutschland. Als Kommissionsmngiiedcc sind in Aussicht genommen: Staatssekrrlär a. D. Trimborn, die

Unterstaatssekretäre Bernstein (Reichsschatzamth Dr. Cohn lReichsjustizamtl, der württembcrgische Gesandte Hildebiand, Prinz zu Schönaich-Earolath, Geheim rat Dove, Professor Schücking-Marburg als Vorsitzenden, Wirk!. Legatiensrat Eck­hardt als Vertreter des Auswärtigen Amtes, Oberst von Fransecky als Vertreter des KriegsminisreriuruS. Kapitän z. S. Vanselo als Vertreter des Reichsmarine-imts. Di: Auswahl der Persönlichkeiten beweist, welche außerordentliche Bedeu­tung die Reichsleitung dieser Frape beimißt Die Kommisiion erhält das Recht, zur Vereidigung von Zeugen die Ge­richte in Anspruch zu nehmen und die Schnldige». o b n e> Ansehen der Person, vorbehaltlich etwaiger strafrecht­licher Verfolgung, ohne Pension aus tem Heere zu stoßen. Die Kommission nimmt ihre Arbeit schon in den nächsten Tagen auf. Die deutsche Waffenstillstandskommissian: Staatssekretär Erzberger. -

Dke Ablieferung der ll-Boote.

W. T.-B. London, 28. Nov. lDrabtbrrickit.1 23 Untersee­boote kamen beute in Harwich an. Damit erhöht sich die Ge­samtzahl der abgelieserten Unterseeboote auf 114.

Neue Krise im Auswärtigen Amt.

B. A. Berlin, 28 Nov lE'g. Dcahtbencht.) Das Kabinett hat sich heute früh mit der durch das Porgebea des llnter- staatssekretärS KautSky und des bayerischen Ministcc- präsidenten Kurt E i s n e r hervornenifenen Krise im Aus­wärtigen Amt beschäftigt. Ter Beschluß des Münchener Arbeiter- und Soldatenrats, der die Entfernung Sch eidemanns, Erzbergers, Davids und Sols« aus der politischen Reichsleitung verlangt, ist dem Kabinett nicht formell überreicht worden. Me Westerberatung und end» aültige Verabschiedung der Wahlordnung für die kon- ftituierenbe Versammlung wird danach erst morgen erfolgen«

Die Verhaftung eines Berliner Kurier» in Bayern.

Br. Berlin, 28. Nov. (Eiq. Drabtbericht) Über die Ver­haftung eines nach Wien bestimmten.Kuriers der Rerchsregie- rung in Bayern teilt die „Germania" mit: Der Kurier wae von dem AuswärtigenAmtin Berlin in jeder Weise ordnungsmäßig mit Legilimationspapicren usw. aus­gerüstet. Seine Aktentasche war in der üblichen Weise ver­siegelt, kurzum, es war alles gescheben. den Mann mit allen Behörden, mit denen er in Berührung kommen konnte, ein- wandsfrei auszuweisen. Trotzdem ist er in München ver­haftet worden, und zwar unter voller Verantwortung deS Volksbeaustragten Eisner. Die Aktentasche wurde dem Kurier abgenommen, das Reichssiegel derselben erbrochen, und nicht anterS verfuhr man mit den Bciefen, die die Lasch« i enthielt. Darunter befand sich ein Kuvert mit 28 000 M., di«! für Löhne des diploauUischen Personals m Wien bejUauat