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Donnerstag, 28. November 1918.

Abend-Ausgabe.

Nr 556. 66. Jahrgang.

Amtliche Bekanntmachungen.

Der besondere Sicherheitsdienst des Arbeiter- und Sol­daten rare bei der hiesigen Polizei ist in der bisherigen Form aufgehoben. D>« Sicherheitslcute unterstehen direkt der Polizei. Marine-Obermaat Koch ist aus seiner Stellung als Leiter des SichciheitÄienstcs ausgeschieden.

Wiesbaden, den 28. November 1918:

Arbeiter- und Soldatenrat.

Eine neue. Einspruchnote zum Waffenstillstand.

W- T.-B. Berlin, 27 Nov. Wie uns von zuständiger Stille mitqetcilt wird, überreichte der Vorsitzende der d-ui'.chen Waftenslillstandskomuiisiion dem Voriitzenoen der internationalen Wasseiiitillstandskoinmission foUieubc Note: 1. Gemäß Artikel 64 des Wasfenst':ll>:andsi't.r- truges ist die iuterualionale Waffenstillstandskomiiiisslon euiqesetzt worden, um die bist möglichste Aus'üyiung des Waster.stiüstandsabkommens zu sichern. Deutschland hat daher annehmen können, daß hier alle in den Wiffen- stillstandsbedingungen enthaltenen Punkte erörtert wer­den würden und hat von vornherein und wiederholt um die Entsendung aller in ?>ra«e kommenden Vertreter seirens der Alliierten und der Vereinigten Staaten ge­beten. 2. Am 18. November sind schriftliche Brüten um Milderungen der Waffenstillstandsbedingungen zur See übergeben worden. Hieraus ist am gleichen Tage erwidert worden, daß diese Bitten an die zustän­dige Stelle weitergegeben seien. Am 20. November wurde mitgeteilt, daß Admiral Beatty sich Admiral Meurer gegenüber als nicht zuständig für die Fragen der Handelssckiiffahrt erklärte, und erneut uin Entsendung entsprechender Vertreter gebeten. 3. Es sind bisher weder Vertreter noch eine Antwort auf die schriftlich gestellten Fragen eingetroffen. 4. Die Erörte- rung der Fragen duldet keinen Aufschub, da das deutsche Volk noch schlimmeren Hunger leiden niuß als bisher, wenn ihm durch die V e r s ch ä r f u n g der Blockade, die der Waffenstillstand gebracht hat. die geringen Zufuhren, die es während des Krieges noch hatte, entzogen werden und die Seefischerei unter» Hunden wird. Zn der Gefahr des Verhungerns mit allen ihren Folgeerscheinungen tritt jetzt schon die große Gefährdung der ö f f e n t l i ch e n Ordnung in allen Hafenstädten durch die A r b e i t s l o s i a k e i t der seefahrenden und Fischerei-Bevölkerung. 5. Es wider­spricht dem Wesen eines Vertrages, daß bestimmte Punkte desselben von der Verhandlung einseitig ausge­schlossen werden. währ-md über alle anderen Punkte w- handelt wird. Besonders einseitig muß ein solches Per- fahren bezüglich der Zufuhren und der Seefischerei er­scheinen. da Deutschland weder willens noch in der Lage ist. den Krieg wiederaufzunehmen, somit affo die Voraussetzungen für die harten Waffen- stillstandsbedingungen, nicht mehr vorhanden sind.

Ein eiirdrinqNcher Appell der deutsch- demokratischen Partei an Wilson.

W T -B. Berlin, 27. Nov. Heute ist durch Fuukfpruch das nachstehende Telegramm der Deutschen demokratischen Partei an den Präsidenten der Vereinigten Staaten abqegangen:

t err Präsident! In dieser für unser Volk unendlich schweren eit wenden wir. die Leiter und Begründer der Deutschen demokratischen Partei, uns an Sie. den Vertreter der großen amerikanischen Demokratie Die Deutsche demokratische Parte:, der aus allen Teilen des Landes Anhänger Zuströmen, bekennt füh zur Republik und will, ob ne auf dem Boden der Sozialdemokratie zu stehen. di« junge Freiheit gegen die Reaktion und gegen den bolschewistischen Terror verteidigen helfen. Zu uns gehören diejenigen, die. so wen es bei der drückenden Zensur irgendwie möglich war. den Mili­tarismus und die Gewaltpolitik bekämpft halben. Es stehen uns alle fern, die als Agitatoren des Nationalismus und- der Eroberungsgier sowie als Anstifter des Unterseebooiskriegs ausgetreten sind. Wir wollen ein Deutschland und ersehnen eine Welt, wo, wie Sie. Herr Präsident. cS vovgezeichnet haben, Hast, Rachsucht, mittelalterliche Machtauffassung und bolsche­wistische Anarchie keinen Plast hoben sollen. Aber wir sehen die Verwirr! ichung dieser Ideale aufs schwerste bedrohst Die unerhörte Rücksichtslosigkeit, mir der besonders von französischer Seite die Durchführung der ohnehin unerträglichen Waffen st ill st an ds- bedingungen betrieben wird, mutz Deutschland in die furchtbarste Verwirrung stürzen. Wenn man im

Ausland den Erklärungen der deutschen Regierung und de» dk"tsck.en Waffenitillstandskommission vielleicht keinen Glauben geschenkt haben sollte, bezeugen wir vor dem amerikanischen Volk die volle Wahrheit all dessen, was über die Not Deutsch- T atii>8 gesagt worden ist. Au? dieser N o t und aus A r b e i t i- losigkeit und Hungermutz die Anarchie der Stratze hervoraeben. Die Anarchie kann wiederum zur militärischen Reaktion führen. Der Triumph der H a tz p re d i g e r bei un- sereu Gegnern matz auch Hatz in Deutschland erzeugen. Die ' Herrschaft der Gerechtigkeit und Versöhnung und de- demo­kratischen Grundsätze wird unmöglich gemach:. Jede Nachricht über sie entsetzlichen Verwüstungen, welche di-e /heimgesuchren Länder trafen, verstärkte unser Grauen vor dem Krieg und unsere Abneigung gegen die alten gewaltpolitischen Ideen. Wir Hobe« den aufrichtige« Wunsch, gemeinsam mit den

Demokraten aller Länder das neue Menschheitsge- bände und den Völkerbund aus der Grundlage der Gerechtigkeit zu errichten, aber dieses Bestreben wird heute, da die deutschen Machtpolitiker gestürzt sind, durch diejenigen unserer Gegner g e st ö r t. die niemals von einer Versöhnung etwas wissen wollten und den von uns immer bekämpften Alldeutschen geiftesver- wandt sind. Wir protestieren dagegen, datz die Vertreter diekes verderblichen nationalistischen Geistes über die Zukunft unseres Volkes und über die Zukunft der Welt entscheiden sollen. Wir lieben unser an wunderbaren Eigenschaften reiches Volk ,n seinen Leiden noch mehr, als wir es in seinem Glück geliebt haben. Wir ersuchen Sie. Herr Präsident, nicht zu dulden, daß dieses Volk von den be­rauschten Gegnern in unsagbares Elend gestoßen und die republikanische'Freihcit im neuen Deutschland unter Trüm­mern begraben wird. >

Der Posener A. und 6. zur neuen Note an Wilson.

W. T.-B. Posen, 28. Nov. (Drahtbericht.1 In der Note des Staatssekretärs Sols vom 23. November ist folgender Satz enthalten: Die deutsche Regierung mutz den von dem Präsidenten Wilson gestellten Grundsätzen gegenüber fest­stellen. daß die von der französischen Regierung in Elsatz-Lorhringen getroffenen Maßregeln sowie das Verfahren der Polen in den östlichen Grenzgebieten Deutschlands und ein^lne Maßnahmen der nichtdeutschen Bestandteile des ehe­maligen Österreich-Ungarn gegen die Deutschen nichts anderes sind als Versuche, den Entscheidungen der Friedenskonferenz mit Gewalt vorzugreifen. Der Arbeiter- und Soldatenrat Posen erklärt dazu: So weit es sich um die östlichen Grenzgebiete Deutschlands handelt, stellen wir fest, datz die Behauptung des Staatssekretärs von dem Vorhandensein von Besetzungen, die den Entscheidungen der Friedenskonferenz mit Gewalt vorgreifen werden, jeder Grundlage entbehren. Der Arbeiter- und Soldatenrat hat wiederholt erklärt, datz beunruhigende Gerüchte über die Verhältnisse in der Pccvinz Posen und über gewalttätige LostrennungSbest'tebungen von unverantwortlichen Elementen verbreitet werden. Wir verwahren und auf daS schärfste dagegen, datz in einer amtlichen Note derartige g e b a l t l o s e und mehrfach widerlegte Behauptungen vorgebracht werden.

Der A. und S. bei der O. H. L. wiederholt das Verlangen nach der Nationalversammlung.

W. T.-B. Berlin. 28. Nov. (Drahtbericht.) Der Vcllzugsäusschnß des Soldutenrats bei der Obersten Heeresleitung "icbtet heute an den Vollzugsrats deS A>beiter- und Soldatencats Groß-Berlin folgenden Fernspruch: Der Soldatenrat bei der Obersten Heeres­leitung begrüßt freudig die Einberufung einer Telegier- tenversammlung aller Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands ans den 16. Dezember nach Berlin. Er hofft auf Verständigung nnd gemeinsame Arbeit mit dem in E N! s am 1. Dezember zu wählenden Vollzugsrat der Soldatenräte des Frontheeres und erwartet die Zulassung eines Vertreters zu je 100 000 Feldsoldaten zur Tagung. Die Soldatenräte der Front haben sich der Negierung Ebert-Haafe in überwiegender Mehrzahl nicht eine gegenteilige Stimme liegt vor zur Ver­fügung gestellt und wünschen die 5 a l d m ö g l ich st e Einberufung einer verfassunqsgeöenden N a t i o n a! v e r s n m m l ,r n g. Alle Vertretet der Front lehnen einmütig jeden Versuch ab, das Heer für monarchische A e a k t i o n oder bolschewistischen Terror zu gebrauchen.

Der friedenshemmcnde Widerstand der Unabhängigen gegen die Nationalversammlung.

W. T.-B. Berlin, 27. Nov. Die Parteileitung der unabhängigen sozialistischen Partei Deutschlands ver­öffentlicht einen Aufruf, der sich mit der Frage der kon­stituierenden Nationalversammlung befaßt. Darin heißt es u. a.: Von der konstituierenden Versammlung kann erst die Rede sein, wenn feststcyt. daß die Bevölkerung in den auf Grund des Wai'enstillstandes besetzten Ge­bieten frei und unbeeinflußt wählen kann. Oder wird es jemand wagen, diesen das Wahlrecht zu entziehen? Es dürfen bei einem solch wichtigen Akte nicht infolge Überstürzung Wahlberechtigte unreqistriert bleiben. Die Wahl hat nur dann Wert, wenn die Wähler auch über die ihr zugrunde gelegten politischen Fragen auf­geklärt werden. Die Scharfmacher im Lande wissen sehr gut, daß die Wahl, wenn sie nicht zu einer Knnödie ge- macht werden soll, nicht in kürzester Zeit vorgenommen werden kann. Die Rechissozialisten sind Mitschuld an diesem Verbrechen der Scharfmacher. wenn sie in das Geschrei der Arbeiterfeinde nach sofortiger Einberufung der Konstituante einstinmien.

Der Ntnsvruck «egen Dr. Sols.

XV. T.-B. Berlin, 28. Nov. (Drahtbericht. Amtlich.) Der Vollzugsrat ersuchte den Rat der Bolksbeauftragten, erstens: schleunigst zu veranlassen, daß Herr S o l f aus feiner Stellung ausfcheidft, zweitens: unter Zuziehung von Mitgliedern des Vollzugsrates für die Beschlag- nahuie und Bewachung aller auswärtigen Angeleaen- heiten und aller das Regierimgssystem betreffenden Akten unverzüglich Sorge zu trage».

DerVorwärts" gegen Eisner.

Berlin, 28. Nov. TerVorwärts" meint, daß EiSner mit feinem neuesten Schritt gegen die gegenwär­tigen Vertreter des Auswärtigen Amtes der Reichs- leitung ihre schwierige Lage nicht erleichtert habe. Er ägt: Warum von München aus der Boaen so über spannt wird, versteht man in Berlin nicht. Mißtrauische glauben jedoch schon, Bayern welle das Lci'viel der Ukraine nachahmen und sich für den Preis der Reichszer­trümmerung einen b i l l i g e n F r i e d e n er­kaufen. Dem steht jedoch die strikte Erklärung Ersners für die Erhaltung der Reichseinheit gegenüber. Wir glauben aber nicht, datz er auf dem richtigen Wege ist, die Reichseinheit zu festigen und, bessere Frredens- bedingungen für Deutschland zu erreichen.

Auch David und Scheidcmann sollen nun lcho« konterrevolutionäre" Elemente sein.

W.T.-B. München, 27. Nov. Die Korrespondenz Hoffmann meldet: Der Vollzugsausschuß des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates Munch»n sandte folgen­des Telegramm an den Vollzug sausschuß des Soldaten- rates Berlin: Der Vollzugsausschuß des Arbeiter-, Sol- daten- und Bauernrates München entnimmt aus den Verhandlungen der Konferenz der Vertreter der deut­schen Republiken mit Entrüstung die unerhörte Tatsache, daß noch immer kompromittierte Vertreter des bisherigen Systems, nämlich die Herren Erzberger. Solf. David. SÄeidemanu einen entscheidenden Einfluß in der auswärtigen Politik ausuben. Wir ver­langen die sofortige Entfernung dieser konter­revolutionären Elemente und fordern den Soldatenrar Berlin auf. mit allen Mitteln den Sturz der Regierung . herbeizuführen, die weiterhin solchen Personen eine ent­scheidende Stellung einräumt.

Das Verlangen nach Vergeltung am Kaiser.

W. T.-B. London, 28. Nov. (Drahtbericht.)Evening Standard" erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß ein Punkt der Tagesordnung der Friedenskonferenz die Er- Wägung der Position des Exkaisers. des Exkronprmzen und anderer Persönlichkeiten bilden wird iNlt der Ab­sicht, sie wegen ihrer während des Krieges gegen das Völkerrecht begangenen Vergehen gerichtlich zur Verant- Wortung zu ziehen. ___

Das Geständnis der wirtschaftlichen Gefahr im Berliner A. und S.

W. T.-B. Berlin, 27. Nov. Die heute stattgefundene 10 Tagung der Grotz-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte beschäftigte sich mit den u irtschaftlichen Fragen innerhalb der Betriebe und mit der Stellung der Unternehmer. Der Volks­beauftragte Emil Barth leitete die Beratung mit einem ausführlichen Bericht ein. worin er sich mit ruckhaltsloser Deutlichkeit über die wirffchaftlichc Lage aussprach.

Wenn es so weiter geht, wie es in den letzten Woche» ge­gangen ist, sind wir mit unserem Latein z« Ende.

Auf dem Gebiete der Ernährung stehen wir vor unge­heuer schwierigen Aufgaben Das Kriegsernährungsamt trieb eine förmliche Bankerottpolitik. Noch schlimmer liegt es auf dem Gebiete der Wirtschaft. Die Kohlenförde­rung ging in den letzten Wochen auf weniger als den v i e r t en Teil des.Friedensstandes herunter. Trotzdem wurde in Oderschlesien gestreikt. Obwohl selbst die hahnebüchensten Forderungen bewilligt wurden, sind die Leute zum Teil nicht eingesahren. Wenn wir aus Oberschlesien die schwarzen Dia­manten nicht mehr bekommen, dann ist in 14 Tagen GaS und Elektrizität außer Betrieb. Wenn wir nicht feuern können, können wir überhaupt nichts produzieren. Ebenso schlimm ist es mit der TranSporffcage. Was uns an rollendem Material nach der in den WasienstillstandSbö- dingungen geforderten Abgabe an die Entente noch verbleibt, mutz in der nächsten Zeit zum größten Teil noch für d,e Demobilisation des Heeres verwendet werden. Auch im Osten fteht noch ein Heer, das um Hilfe bittet, um nicht an der B e r e s i n a zugrunde zu gehen. Deshalb müssen Transport­mittel mit Anspannung aller Kräfte hergestellt werden. Heizte fällt auch die Entscheidung über Mackensens Armee. Bor- aussichtlich wird der größte Teil von ihr den Heimweg in Fuß­märschen zurücklcgen müssen. Ein englisches oder französi- sches Kontingent wird vielleicht die Führung bis zur Grenz: übernehmen. Sieben bis acht Millionen Men­schen kehren in den Produktionsprozeß zurück. Neben dem Frieden müssen wir Arbeit und Brot bringen, sonst könne» wir uns nicht bebaupten. Experimente einzelner Gruppen können nicht geduldet werden. Der Sozialismus mutz groß­zügig nt Werke geben und organisch aufbauen. Alle Teile müssen sich einordnen und unterordnen, damit das Haus voni Fundament bis zur Dachspitze wohnlich wird. Wir können nicht Millionen arbeitslos auf dem Pflaster liegen lassen. Wo sollen die Gelder für die Unter­stützung der Erwerbslosen Herkommen? (Zuruf: Kapital ab­nehmend Wie stellen Sie sich das Kapital vor? Selbst wenn wir alles restlos sozialisieren, selbst die «chaufel als Par- duktronsmitrel versmatlicheü, haben wir nicht von heute auf morgen Geld. Zur Durchführung der Sozialisierung gehör: ein organischer und klar durchdachter Plan. Wenn jetzt e ra­tz elnq Erwerbsgruppea ohne Rücksicht auf die andere« von»