Heimat.
Heimat, o liebtrautes Wort! In dir spiegelt die deutsche Welt klar sich und leuchtend!
Du bist ein Gesäß von Kristall, das alles, was deutsch ist, köstlich umschließet!
Der schwingende Klang bist du vom Menschen zum Menschen und bauest Brücken von Licht über unendliche Weiten.
Raum ist dir nichts; denn in dir ist Seele!
Tausend Tore springen auf und Gärten erblühen.
Wolken hebst du von unserem Leben, daß blaue der Himmel der Kindheit und lache die Sonne aus seligstem Tag.
Vater und Mutter hören wir reden und sind wieder Kind und strecken die Arme und lachen und jauchzen in Glück. Unsere Kindesunschuld schauet uns an mit fragendem Auge. Uns ist, als lallten wir wieder zum ersten Male die süßen Namen: Vater und Mutter.
Die Friedesonntagglocke erklinget. Abendläuten weht in die Träume.
Heimat!
Aus dir wächst empor des Geistes erhabene Welt, in dir wird sie immer von neuem geboren.
Bild um Bild zauberst du uns und erfüllst uns damit, daß wir reich sind wie Könige, reicher vielleicht denn sie. Denn Könige gibt es und Fürsten, deren Jugend durch Mauern getrennt war von dir, denen du niemals ganz sein konntest: Mutter!
Und das ist deine große, wahrhaftige Mütterlichkeit, daß du all deine Kinder umschließt mit der gleichen unendlichen Liebe. Arm und reich, hoch und gering gilt nichts vor dir; nur der Mensch ist dir wert.
Deine offenen Hände hältst du uns hin, und alle dürfen nehmen und wählen.
Und die werden sein die Reichsten im Lande, die zufrieden sind und kindlichen Herzens, die dich am heißesten lieben, die dessen schon glücklich sind, das du bist.
Ein Taglöhner kann sein ein heimlicher König!
Reinhold Braun.
Aus dem Leben.
Skizze von Ellen Reumert.
Lars, der Sohn des Schmiedes aus Sönderby, war ein Jahr nach seiner Konfirmation nach Kopenhagen geschickt worden, wo sein Onkel eine große Tischlerei besaß. Lars hatte nämlich viel Lust zum Tischlerhandwerk und war sehr geschickt mit den Händen. Bier langeJahre hatte er in der Hauptstadt zugebracht, von morgens bis abends gearbeitet und sich amüsiert, soweit er in den Freistunden dazu Gelegenheit fand. Und nun hatte er seinen Gesellenbrief in der Tasche und war auf dem Heimweg nach dem kleinen Dorf, in dem seine Eltern wohnten.
Von der nächsten Bahnstation aus ging regelmäßig ein Wagen nach Sönderby; Lars saß auf dem Bock neben dem Kutscher, um die bekannten Stätten besser sehen zu können. Er hatte sich acht Tage Urlaub genommen, ehe er die gute neue Stelle antrat, die ihm angeboten worden war. Sein Gesellenstück, ein prachtvoller Kleiderschrank mit gewundenen Säulen und geschnitzten Türen, hatte Aufsehen erregt, und nun ging sein Ehrgeiz noch weiter. Aber erst wollte er nach Hause, um die Eltern zu besuchen, die ihn so lange nicht gesehen und ihn mit dem wenigen, was sie entbehren konnten, in all diesen Jahren unterstützt hatten.
Sie standen bereits draußen auf der Straße und schauten nach dem Wagen aus, der langsam heranrasselte. Lars sah sie schon aus weiter Entfernung. Und neben den Alten stand seine Schulfreundin Jeanette Petersen, die Tochter des Bäckers. Sie
war drei Jahre älter als Lars, aber trotzdem waren sie an demselben Tage eingesegnet worden. Bäcker Petersen war nämlich einer von den „Feinen"' des Dorfes und glaubte, es gehöre zur allgemeinen Bildung, seine Tochter nicht so früh konfirmieren zu lassen, wie die Bauern es zu tun pflegten. Jeanette brauchte ja nicht hinaus in die Welt, um sich ihr Brot zu verdienen. Er hatte Mittel genug, um sie zu Hause zu behalten. Bei einer Näherin, die ein wenig außerhalb des Dorfes wohnte, bekam Jeanette Unterricht in der Damenschneiderei, und Bäcker Petersen hatte dem Wunsch seiner Tochter gemäß versprochen, ihr nach vollendeter Lehrzeit einen „Salon für Anfertigung von Kleidern" einzurichten.
Jeanette war nicht schön, dazu war sie zu dick und zu klobig; außerdem hatte sie vom Vater ein vorstehendes Kinn und von der Mutter ein etwas schielendes Auge geerbt — und von Kindheit an hatte sie stets nach der Seite geschielt, auf der Schmieds Lars ging oder stand. Aber sie war ein gutes Mädchen, das sagten alle Leute, und der Schulmeister sagte, sie sei auch ein tüchtiges, zuverlässiges Mädchen.
Lars und Jeanettes Eltern wohnten Tür an Tür, und alles, was die Kinder Gutes bekamen, teilten sie getreulich miteinander. Im Garten des Schmieds stand ein schöner Birnbaum, und Lars teilte freigebig die Früchte, die ihm zusielen, mit Jeanette, wie sie mit Lars all das leckere Weißbrot teilte, das sie bekam.
Auf diese Weise entwickelte sich zwischen den beiden Kindern eine stille Freundschaft. Als Lars konfirmiert war und fortgehen sollte, verabschiedete er sich von Jeanette hinter dem großen Stachelbeerstrauch. Jeanette weinte, und Lars tröstete sie. Nicht durch Küsse und Zärtlichkeiten — das lag ihm nicht — er puffte sie nur aufmunternd in den Rücken und sagte:
„Hör' doch auf zu heulen, ich geh' ja nicht nach Amerika, in vier Jahren komm' ich wieder und seh' nach, ob Ihr noch am Leben seid!"
Dann fuhr er ab. Die große Holzkiste mit seinen Sachen wurde auf dem Wagenverdeck und er selbst im Wagen untergebracht. Die Straße war voller Menschen, die Lars ein Lebewohl zuwinkten und ihm Glück auf den Weg wünschten.
Die Tränen brannten ihm in den Augen, aber über die Backen kamen sie nicht, Lars kämpfte dagegen wie ein Mann. Als sie jedoch umÄiie Ecke bogen und die Bäume das Haus der Eltern verbargen, drückte er sich in den äußersten Winkel des Wagens und hielt das große, rotgewürfelte Taschentuch, das die Mutter ihm gegeben hatte, vor die Augen.
All dessen erinnerte sich Lars, als er nun dort oben auf dem Kutscherbock saß, im Begriff, nach den langen Lehrjahren wieder heimzukehren. Er war groß und hübsch geworden und war gut gekleidet — er sah aus wie ein feiner Herr. Auch die breite Bauernsprache hatte er einigermaßen abgelegt und sprach nun ein wunderliches Gemisch von Kopenhagener und heimischem Dänisch. Bon denen daheim hatte er in der großen Stadt wenig gesehen und gehört, die Briefe an Jeanette waren allmählich bis auf zwei im Jahre zusammengeschmolzen: einen Weihnachts- und einen Geburtstagsbrief. Lars hatte nämljch viel schönere und slottereMädchen getroffen als Jeanette, Mädchen mit Spitzenkragen und gekräuselten Stirnhaaren, die die Erinnerung an die Tochter des Bäckers verdunkelten.
Aber nun stand sie.da — mitten auf der Straße — neben seinen Eltern, und strahlte vor Wiedersehensfreude und Erwartung. Sie lachte mit zwei funkelnagelneuen Vorderzähnen — Lars erinnerte sich genau, daß ihre eigenen nicht in Ordnung gewesen waren. Und einen neuen Hut hatte sie auf mit großen hellblauen Schleifen, der sie schrecklich kleidete.
Nun hielt der Wagen, und Lars sprang ab, direkt den Eltern in die Arme. Dann kam Jeanette an die Reihe. Es sah aus, als erwarte sie auch eine Umarmung, doch Lars beschränkte sich aus einen kräftigen Händedruck. In der Stube drinnen war der Kaffeetisch gedeckt, und Jeanette brachte einen ganzen Haufen Kuchen.
