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Wiesbadener Tagblatts.
20. Isbrgsug.
(All- Rechte für sämtliche Artikel und Illustrationen oorbchaltenst
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» a wären wir also!" sagten die beiden kupfernen Leuchter. Sie waren soeben auf dein neuen Rathaus in Grimmelshausen von einem alten Fräulein abgeliefert worden und lagen nun mit einer Menge alten'Metalls zu einem bunten Kaufen aufgetürmt in einem Raum des Erdgeschosses, wo sie der Bestimmung harrten, zu den letzten entscheidenden Kämpfen, die das Vaterland gegen den übermächtigen Feind auszufechten hatte, eingeschmolzen zu werden, wer von uns hätte sich träumen lassen, daß unser einmal ein solches Los wartete, als wir noch in beschaulicher Ruhe oben auf dem Sekretär in der Stube unserer Verein standen! Und wie man bier mit mrs umgeht! Mir ist ganz wirr inr Kopf", seufzte der eine Leuchter; und der andere jammerte: „Ich komme mir ganz verbeult und zerschlagen vor. Man kann sich vor den Leuten nicht mehr sehen lassen!"
„wer wird wegen einiger Beulen und Schrammen ein solches Geschrei machen!" brummte der Wurstkessel, der umgestülpt ruhig in der Ecke stand, „wenn es hier nur nicht so langweilig wäre, dann könnte man es schon aus- halten. Aber seit Wochen mit Krethi und plethi hier auf- geftapelt liegen zu müssen, nichts zu tun zu haben und zu spüren, wie von Tag zu Tag der Glanz schwindet, das ist auch keine Kleinigkeir. Meine Köchin hielt auf mich. Ls war ihr Stolz, mich nach jedem Gebrauch wie neu zu putzeir. Man konnte sich in mir spiegeln. Za, es waren schöne Tage in der Küche des Ochsenwirts!"
„Erzählen Sie uns ein .wenig. Man vergißt darüber seinen eigenen Kummer. Ich höre für mein Leben gern Geschichten erzählen", sagte der eine Leuchter.
„Ich auch", fügte der andere hinzu, denn sie dachten immer dasselbe, weil sie ihr ganzes Leben nie getrennt und überdies Zwillinge waren.
„Ich weiß nur über meine Küche Bescheid und was ich dort in den ungefäbr fünfzig I^hren meines Daseins erlebte", begann der Wurstkessel. „Ich saß festeingemauert zwischen roten Backsteinen in der einen Ecke der großen Wirtsküche; von dort aus konnte ich die ganze Küche übersehen. wie ging es da zu, wenn Zwetschenmus gekocht wurde! was für eine pitze strahlte ich aus! wie brodelte es in mir, während die alte Magd mit der Hausfrau abwechselnd zwölf Stunden lang mit einem dicken Stock da Mus umrührte! Und wenn dann die Kinder kamen und jedes einen Löffel voll Mus auf sein Brot verlangte, nur zum versuchen! Da tat ich meine Pflicht. Oder wenn wir Einquartierung bekamen und für ein paar Dutzend Mannschaften ein Essen gekocht werden mußte, da ging es heiß her. Am schönsten aber war doch immer das Schlachtfest. )ch weiß nicht, wie viele ich erlebt habe. Man wird halt alt und kann sich nicht mehr auf alles besinnen."
„Da haben Sie recht", warfen die Leuchter ein. „Doch erzählen Sie weiter."
„Lin großer Augenblick war es besonders für die Kinder", fuhr der Kessel fort, „wenn beim wurstkochen der Metzger die Würste mit einem großen Holzlöffel herausfischte und in einen Kübel mit Wasser warf. Dann bekam jedes eine runde Wurst, je nach der Größe eine größere oder kleinere. Kinder waren ja fast immer da, aber ich entsinne mich nicht mehr genau der einzelnen. Zuletzt waren es die Kinder des jetzigen Ochsenwirts, der nun Soldat ist und gegen die Franzosen kämpft. Man hört jetzt wieder viel über Krieg reden, ganz wie in meiner Iugend, als ein Sohn des damaligen Ochsenwirts in einen Krieg zog. Es ging dazumal auch gegen die Franzosen. Er kam nicht wieder. Da war große Trauer im Pause", fügte der Wurstkessel nachdenklich hinzu.
„Sie wecken alte Erinnerungen in mir", sagte der eine Leuchter. „Ich könnte Ihnen viel erzählen;aber Sie müßten es sich schon gefallen lassen, daß ich ein wenig weiter zuruck greife als fünfzig Iahre, in jene unvergeßliche Zeit, als unsere Herrschaft noch jung war, und dann der große Krieg allem Glück ein so jähes Ende bereitete."^
„Erzählen Sie nur. Ich höre gern von alten Zeiten reden", sagte der Kessel.
„Run also", begann der Leuchter. „Ehe unser Fräulem uns heute früh hierher brachte, standen wir oben auf dem alten Sekretär dicht neben der goldenen Uhr, über die eine große Glasglocke gestülpt war. Sie war so vornehm, daß sie kein Stäubchen vertragen konnte. Nur alle ^vierzehn Tage wurde die Glasglocke abgehoben und die Uhr aufgezogen; dann ging sie wieder mit neuer Kraft und ließ ihre feine Glockenstimme regelmäßig hören. Das war ein Genuß, der uns jedesmal innerlich erschauern machte, so oft des Tages auch die Stimme ertönte. Ls war wie Silberklang. — Silber ist feiner als Kupfer!"
„Wohl, wohl", meinte der kupferne Kessel, „aber nicht so dauerhaft und nützlich. Ich habe noch nie gehört, daß es silberne Wurstkessel gäbe."
„Darüber kann ich nichts sagen. Ich weiß nur so viel, daß wir wie Gold glänzten und alle unsere Verzierungen so recht zur Geltung kamen, wenn unsere Herrin uns geputzt batte", sagte der Leuchter. Aber sei dem, wie es wolle. Ich möchte nicht eitel oder hochmütig erscheinen, wenn ich die Ansicht ausspreche, als stünde unser kupfernes Geschlecht jetzt hoch im Ansehen, wie ich gehört habe, braucht maii uns zur Lrrettuiig des vaterlaiides; aber wie das zugeheii soll, das ist mir noch dunkel."
„Es sieht nicht danach aus, als ob man uns große Ehre antun wollte", warf der Kessel ein. „Ich stehe hier nun seit Wochen mit vielen meinesgleichen, aber außer daß man uns immer enger zusammenschiebt und alles mögliche
