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Wiesbadener Ta

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Freitag, 15. November 1918.

Eine nattonal-demokrattschePartei!

Die Forderung des Tages.

Immer dringender tritt das Erbst einer Neuorganisation auf breitester demokratische: Grundlage an das deutsche Bürgertum heran, das sich in diesen stürmischen Tagen der grasten deutsti.en inneren Befreiung zunächst ganz an di: Wand drücken ließ. Endlich beginnt es hier und dort zu erwt'chcn ari­der ersten Überraschung gegenüber deni Orkun, der ant elementarer Kraft über die d'eutschcn Throne und die deutsche Landkarte dahingebranst ist: endlich beginnt

man sich in den Kreisen des freiheitlichen deutsmen Bürgertums auf sich selbst zu besinnen. sich auf eine Neu­rin stell ung znm neu gewordenen Volksirnat einzunchten. Es ist die höchste Zeit, daß daS geschieht: viel kostb.ne Zeit ging schon verloren. Wir wollen nicht eine Mrn- derheitsherrsclx st einer privilegierten Kaste aogeschüttelt haben, um in eine andere, vielleicht nicht weniger schliinme oder gar schlimmere Minderheitsherrschatt von der anderen äußersten Seite hineinzugeiateu! D.e geistigen Kämpfe, die zwischen den verschiedenen Rickv ttlngen der Sonaldemokretie in- Berlin sich in diesen Tagen abspielen, zeigen niit genügender Deutlichkeit, welche Gefahr im Verzüge ist, wenn wirklich nach rufst- "schein Muster die extremste Gruppe an das Ruder käme. Das Gespenst des Bolschewismus gebt auch ilnter unS Htn; es ist Zeit, daß es durch ein geschlossenes Sich- e r m a n n e n des Bürgertums, das sich den v e r n ü n s- t i g e n Kräften in der Sozialdemokratie und den Ar­beiter- und Soldcckenr-'.ion zur Mitarbeit an die Seite stellt, g-brnrl meide! Das Bürgertum hrt bei der großen Umwälzung zunächst nur den Zuschauer ge­spielt: der Reichstag, die berufene Vertretung ocr

deutschen Volksgesamtheit bat durcknus versagt; die ne: e Zeit ist übe- ihn hiniveo gegangen er wird durch ande.c Kräfte abgclöst werden, die aus einem feieren und großer en. einigen Deutschland ans Grund des denkbar freiesten Wahlrechts als Vertreter für die konsti- tu irrende Nationalversammlung erwählt sein werden. Vorläufig aber tobt noch — das wollen wir uns nur auf das aller,'rnsieste vor Augen halten — in den setzt ans Grund einer verkasiungsrechNich völlig in der Lust stehenden Diktatur in Berlin .regieren, den" sozialistischen Orgai-ifatiouen ivr intensivste Kama f um dnse Grundfrage unserer Ern-ue-ung. die für das Inland wie Ausland von allergrößt >r Bedeutung -st. Der 'inke Flüge! der Unabhängigen, di: Sparta- kuSgruPpe, und wobl auch erhebliche Teile der an­deren Unabhängigen find gegen die baldige Einbe­rufung der Konstituante. „Tie anderen haben so lange allein regiert, jetzt wollen wir einmal allein rcgie- >en." Das hart man anderswo, wie hier in Wiesbaden. Es gibt Volkstribunen, die von ihren, Herrscherberuf und ihre- Hcrrscherwürde mindestens ebenst» durchdrun­gen sind wie die ans Herrschen gewöhnten Junker, deren Joch das deutsche Volk jetzt eben abgolchüttelt bat. Sollen wir dafür letzt ein anderes Joch — ebenfalls einer nur k l e i n e n Minderheit des deutschen Volkes — eintauschen? ' Ist das die große „D e m o k r a- tisi erring'', — die Befreiung Deutschlands? Nie und nimmer ist sie's! Und daruin heißt cö für all e, die unser schwer geprüftes Vaterland lieben und 's zu neueni Blühen erwecke helfen wollen, sich rühren und sich recken zur t a 1 k r ä f t i i e n Mit­arbeit mit denjenigen, glücklicherwei'st' einstweilen noch die Mehrheit bildenden »ozialdeniokratifchen Volksge- nossen die m i t uns in der b a l d i g e n Schaffung einer neuen versa sfungsmäßigen Grundlage des neuen Deutschlands die Voraussetzung ^chen für d e weitere ruhige, ordnungsgemäße Abwickelung der un- geheuer schwierigen Aufgaben der Tenmbilifgcien und Übergangswirtschaft. — die Voraussetzung der Befesti­gung und des Ansbgns der errungenen inneren Freiheit überhaupt. Daß dieser weitere ordnungsgemäße und wieder auf eine V-ifasinng zu stellende Verlauf nicht nur ein innerpolitilches Gebot ist. sondern ebenso das wich- stgste Erfordernis unserer auswärtigen Dezi'h'rn- aen das sagen uns d'e neuen Kundgebungen Wilsons mit aller Eindringlichkeit. Nur „wenn die össentlich-e Ordnung in Deutschland weiterhin herrick-nd bleibt", — sagt Wilson wörtlich — werden wir auf Lebens- Mittelzufuhr zu rechnen haben. Und nur mir einem ordnungsgemäß sich regierenden Deutsch- fand, nicht mit einem bolschewistischen, ichließen die Feinde Frieden!

Kann es eine dringendere Pflicht, eine größere Verantwortung tür das Bürgertum geben demnach, als die. sein Gcwick't mit in die W a g s ch a l e zu werfen für diese ^ r n ä h r u.n g s- möglichkeit und F r»e d e n 4 m ö q 1t ö i 1 1 1? Wo bleiben die D u rg e r rä: e, dre mit den Arbeiter., Sol­daten- und Bauernriten als gleichberechtigte Faktoren Zu­sammenarbeiten, die solange ihre Stimnie erheben, vis mm fte riUuteUca ü&L Sine m a cktva ll e 3k ttu i un %

Abend-Ausgabe.

der bürgerlichen Parteien zu schaffen, ist das Gebot der Sttttzdel Nicht im Sinne einer Gegenrcvoluiwn soll sie sich bilden, sondern in dem des Mitaroeiten- wollens. Kein vernünftiger Politiker kann heute ernst­lich damit rechnen, daß das Geschehene ungeschehen ge- nincht we:d:n tonnte Die Monarchie ist und blebt in Deutschland erledigt. Tie Fluctzt da» Kaisers und des Kronprinzen ins Ausland hat ihr olmehin errülltes Schicksal noch erst reckst unterstrichen. Es werden dem» auch große Teile des bisher monarchisch denkenden Bür­gertums sich mit der Schaffung des freien Volksstaates abfindeN niüssen. Wir brauchen also eine bürgerlich- republikanische Partei, — nennen wir sie ein­mal die n o t io n a l - de m o krat i > chol National lvll sie/ insofern Hit, als sie trotz der Errmntnis. daß wir alle als Mitglieder des zu schasfcnd>-n Völkerbundes in gewiss!m Sinne international werden müssen, die Pflege unserer spezifisch deutsch-nationalen Eigenart und K u l t u r in dem neuen, über dw klein- deutsche Lösung Bismarcks binansgewachs:nen schwerz- rotgoldenen Deutschland auf ihre Fahnen schreibt. Dem ckratisch insofern, als sie sich auch von der sozialdemokratischen Partei in kein-c Weist von vernünf­tigen freiheitlichen Forderungen übert reffen lassen darf. Ter Tropfen iNHckratlsck-en Öles,-den Bismarck für die alte deutsche Staatsmaschine für Notwendig hielt, ge­nügt jetzt lange nicht mehrpwir müssen jeut demokratisch werden bis in die letzte Fuae unserer Staatsiuaschine hinein, wenn wir sie nur erst vor der Sabotstruag durch den Bolschewismus bewahrt haben werden! G:h:n wir Deutsche den andern Völkern an freiheitlicher Ausstat­tung unseres Hauses in der Völkerstadt voran, stellen wir ihnen ein Muster hin. Völlige Gleichberechtigung aller Bürger, tEivhcitsschule, weitgehende Sozialreforin, Steuerrefor m r und ja kort! In diösem Sinne —■* wir verzichten einstv'cilcn auf die Formulierung der Forde­rungen ini einzelnen, wie es eini unten nur als Bei­spiel wiedcrgegebener Ausruf aus Frarcktust schon ver­sucht — bedarf es neben der letzt ihr*» Erfolges mit Recht sich freuenden organisierten deutschen Arbeiterfchc ft auch einer Neuorganisation des freiheitlichen deutschen Büracrtums. Sick am politisckren Leben zu betet- l i g e n, wir d nunmehr zur Pflicht: nicht mir größere Rechte wird es geben, auch größere Pilichren im neuen Deutschland. Auch jeder deutsche Bürgersmann und rede deutsche Frau muß in Zuk'inst bereit sein, ihre volle Krakr in den Dienst de? Vaterlandes zu stellen. Und dazu bedarf -? der Organisation. einer nensn Organisation' Wieviel von den alten, z. T. sicher! ch überleb!in Parteien dabei bestehen ble'chen kann, wird sich zeigen. Auch die Mitglieder der liberalen Parteien weiden >rck einen scharten Ruck nach links geb-:n niüssen. Wir erzielen aber keine wirki.nne Vertietnng des Büraertums. wenn es nicht eine weitiimfgsiende. alst früheren Varurteile und Gegensätze üb'rbrnckende mäck> tige, einheitliche Parteiorgani'etion ist. Dem neu zu bauenden Parteibanse des deutschen Bürgertums, an dem wir alle iw Sinne einer neuen Zeit mithaven Hel- fen sollin. auch eine neue'Inschrift: „Tie national-denio- fraiiidic Partei"! lüxst.

Wilson warnt Deutschland erneut vor dem Bolschewismus.

Br. Berlin, 15. ltzov. kEig. Drabtbericht.s Wie die „Bärsenztg" meldet, hat Präsident Wilstn durch eine diplo- matische Vertretung der Vereinigten Staaten in einem neu­tralen Land wissen lassen, dass die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung in 'Deutschland die Voraus- setzuna für den Waffenstillstand bilde. Präsident Wilsen bat dem hinzugefügt, dass, wenn Herr Joffe nach Berlin zurückkehre oder ein anderer Vertreter der bolsche- wistifck-en Regierunq in Berlin empstngen würde, bej: Waffen- stillstand sofort gekündigt würde.

Landtaa rrnv Reichstaq als aufvekSst erklSrt!

Br. Berlin, 15. Nov. lEig. Drahtbericht.) Wie wir er­fahren, bat der preussische Rat der BolkSbeauftragten beide Häliser des preussischen Landtags aufgelöst: ferner wurde gestern im Reichstag Abgeordneten erklärt, dass das Haus beute für alle Abgeordneten geschlossen würde, da der Reichs­tag als aufgelöst betrachtet wird.

Vorläufig kein» Tagung der Fortschrittlichen Dolkspartci.

8. X. Berlin, 14. *P„n. Erg. Drabttzericht.) Die beab- sichtigte Einberufung ves Ze n t ro l a a sfcku ffes der Fortschrittlichen Volkspartü :'.t birlä ifig fallen gelassen worden. Man wird zu einem Zeitpunkt, der gunitiger er. scheint, diele Zentralbehörde der Partei v^rlammeku, um dann zur politischen Lag:, soo.rid srefelbe geklärt ist, Stellung zu nehmen.

Ein Aufruf des demokratischen Ausschusses des Fortschrkttttchen Bolfsverelns Frankfurt

lautet wie folgt:

Mitbürger, Mitbürgerinnen!

Unser Glauibe an das deutsche Volk und an die Zukunft DeutscklandL ist unerschütterlich.

fordern Euch auf, die öffentlichen Gewalten in der

Tir"<4i" , > rM ”g ihrer Eutgaifc» apfeaoiCig ft u a kr{ tü t < ta. Rur

Nr 536. ♦ 66. Jahrgang.

die Zusammenarbeit aller kann das schwere Werk der Demo» bilisatien vollbringen.

Wir verlangen: ' . t . ,,, .

Einheit deS Reichs als demokrelifq, Republik.

Volle Gleichberechtigung aller EtaatSburge»

beiderlei Geschlechts.

Zusammentritt einer verfassunggebenden Nationalversammlung, hervorgcgangen aus all,re» r. einen, geheimen und direkten Verhältniswahlen, allgemeine Abrüstung, Selbstbestimmungsrecht der Völker und Eintritt Deutschlands in einen Bund gleichberechtigter Nationen.

Der Wiederaufbau unserer Wirtschaft muß durchdrungen sein von sozialer Gerechtigkeit. Dazu bedarf es durchgreifender Arbeiterschutzgesetzgebung und sozialer pur» sorge, Sickerung der Beamten-, Angestellten- und Arbeiter, rechte, gemeinnütziger Bewirtschaftung der für öffentliche Per» walt,i»:g geeigneten Betrieb: und Befreiung unseres Wirt, schaftslebens von allen unnötigen Fesseln.

Zur Tilgung der gewaltigen Kriegslasten bedarf es dev rücksichtslosen Einziehung der K r i e g s g e w i n n e und scharfer Heranziehung der Einkommen, Vermögen und Erb» schäften.

Und nicht zuletzt: die Güter der Kultur muffe» Gemeingut de? ganzen Vostes werden.

f - Mitbürger, Mitbürgerinnen!

Die Wunden, die der Krieg und die Fehler der De» gongenhcit uns geschlagen, sind surchtbar. Helft unS das Leben in der jungen Republik lebenswert zu gestalten!

Wer sich innerlich zur demokratischen Republik bekennt, dessen Ehrenpflicht ist eS heute, sich uns anzuschließen!

Der VoUzuqsral der A. und <3. an die feindlichen Völker.

E'ire neue Bitte um Milde.

- W. T.-B. Berlin. 14 Nov.

An die Völker Frankreichs, Italiens, England» und Amerikas!

Bier Jahr« lang schied der Weltkrieg die Völker in Mvet feindlxbe Lager. Millic>s«n,tzon Menschenleben sind vernichtet Kulturgüter ohne Zahl skelen der Zerstörung anheim. In allen Völkern lebt die brennende Sebnsucht nach Frleden. In Deutschland waren es d»e Militärkaste und die herrschende« Gewalten, die uns in den Krieg hineintrieben und die in un. ersättlicher Eroberunasgicr vom Frieden nichts wissen wollten. Mit eisernem Zwang hielt die Militärdiktatur das deutsche Volk im Innern im Bann. Unter unsägl-chen Opfern und Verfolgungen hatten die zu leiden, die den Kampf für Friede« und Freiheit aus ihre Fahnen qelcbriebcn hatten. Ter Uber, mnt und die Herrscksuckt der Herrschenden drcbte das drutsche Volk der vollständigen Vernicktung zu überliefern. In letzter Stunde rosste es sich ous und warf das unerträgliche Joch von sich. Arbeiter und Soldaten waren es, die in wenigen Tage« der fluckbeladenen Hoben/ollernwirtschaft und dem aanzen dpna>stischen System Deutschlands ein Ende machten. Arbeiter und Soldaten waren es, die die Militärdiktatur zerscbnietter» ren und die Regierung beseitigten, die die Verantwortung für die Kriegspolitik Deutscklands trug. Arbeiter und Soldaten lind es die die Freiheit Deutschlands erkämpften. Arbeiter und Soldaten sind es. die dringend Frieden haben wollen. Di« anderen Völker haben von dem fieihcitlichen Tentsclland nicht» mehr zu befürchten. Wie die Gewaltpolitik im I n n e r n, so soll auch die Gewaltpolitik nachauße« in Dcntscklnnd für immer dahin sein. Niemals wieder soll der deutsche Militarismus sein Haupt eibeben Ein frird» licbeS Zuscmmenlsben der Völker, ein allen erspriesslicher WinsEaftsverkebr und ein auf dem dauernden Frieden und wirklicher Freiheit ausgebauter Völkerbund ist das Ziel der deutschen Arbeiter und Soldaten. Die W ederherstellung des aus taufend Wunden blutenden Deutschlands, di« Neu. ordnung seine? Wirtschasts- und Staatrlcbens. die Erlösung des Vrifes vom Hunge-, von Entbehrungen und anderen Nöten kann aber nicht geschehen, wenn ihm von den Regierungen der Entente so barte Waffen still st andsbedingun gen aufcrleyt werden. Wir appellieren daher an das Berechtig, keits- und Solidaritätsgefühl der uns bisher feindlichen Völker und re-chen ihnen über die Schützengräoen hinweg die Bruder» Hand. Wir bitten sie, bei ihren Regierungen selbst zu wirken, das deutsche Volk nicht völlig zum Hungertod und polirischer Ohnmacht zu verurteilen. Wir bitten di« Völker, mit ihrer ganzen Kraft dafür einzutreien, daß der Friede, der da kommt, ein Friede brüderlicher Der» stä nd ign ng öbne jede Ercbernngen und Unterdrückungen werde, ein Friede, der jedem Volk das Recht der Selbst, bestimmung und der frertheitlichen Enlwick» l u n g lässt.

Fbr A r b e i t e r FrcnikreichS, Englands, Italiens und Amerikas habt oft versprochen, daß solcher Friede Euer Ziel sei. Laßt jetzt Eue: Versprechen zur Tat werden. Tretet dafür ein, dass die WafsenstillstanHsbebingungen. die Deutsch, land dem wirtfchaftlickien Ruin und dem völligen Hungertod preiSgeben, gemildert werden. Tretet dafür «in, dass ein Friede zustande kommt, der den Ausbau einer neuen glück­licheren und friedlicheren Welt ermöglicht, ein Fricdch der ein künftiges Völkermorden unmöglich macht. Als Vertreter des -Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldaten» röte erbeben wir unsere Stimme und bitten Euch, dafür ein. zutreten, daß daS deutsche Volk durch Eure Regierungen nicht zu einem Sklovendasein verurteilt wird. Wir habe» un» unsere Freiheit im Innern erkämpft und wollen in Zu. kunft im Rat der Völker als gleichberechtigte Mit­arbeiter sitzen. Es lebe der Friede! Es lebe die Frecheitl ES lebe der internationale revolutionäre Sozialismus!

Der Bollzuasrnt des Arbeiter- und SoldateuratL.

MoUeutmtzr. Nutz, Müll«.