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Sette 2. Freitag. 18. November 1918.
Wiesbadener Tagblatt.
Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt. Nr. 335.
Wiesbadener Nachrichten.
— Kartoffelablirferung durch die Landwirtschaft. Die
LandwirtschaflSkammer richtet folgende Ma h n u n g nn die Landwirte: Von den städtischen und Kreisver- wcrltungen wird darüber Klage geführt, daß die Kartoffel- nblieferungen der Landwirte in letzter Zeit vielfach zu wünschen übrig gelaffen hätten. Wenngleich di« bei dem allgemeinen Fuhrwerks- und Personalmangel der ordnungsmäßigen und prompten Ablieferung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ' entgegenstehenden, zurzeit verschärften Schwierigkeiten keineswegs verkannt werden sollen, so darf doch andererseits nicht außer acht gelassen werden, daß die Kartoffel dasjenige Hawpt- nahrungSmittel ist, das in den Großstädten und Industriezentren der Volksernährung den Rückhalt geben muh. Geschieht dies wegen^ ungenügender oder verspäteter Ablieferung nicht, so sind CrnährungSschwierigkeiten mit all Uhren ungünstigen und gerade der Landwirtschaft höchst unerwünschten Folgen unausbleiblich. Die Landwirte werden deshalb hiermit dr'naend ersucht, alles, was in ihren Kräften steht, zu tun, um d'e Abgabe der ihnen auferlegten Kartoffellieferungen vor Eintritt des Frostes unbedingt sicherzustellen. Von der geregelten LebenSmittelversorgunz der Großstädte und Industriezentren wird für die nächsten Wochen Großes abhängen. Die Landnärtschaftskammer vertraut darauf, daß sich die naffaui- schen Landwirte und LanbwirtSfrauen dessen bewußt sein und darnach handeln werden.
— Zusammenstoß zwischen Flugzeug und Straßenbahn.
Ein Anfall eigener Art trug sich gestern nachmittag kurz vor ö Ahr auf der oberen Schierfteiner Straße, in der Nähe des Exerzierplatzes, zu. Ein Fokker-Doppeldecker, welcher n-otzulanden im Begriff war, stieß dort mit dem Anhängewagen eines in voller Fährt befindlichen StraßenbahnzuqS zusammen mit dem Erfolg, daß der vordere Teil drS Wagens eingedrückt, der Wagen umgeworfen wurde, und daß auch das Flugzeug in der Mitte auseinanderbarst. Der Führer des Fokkers mutzte aus diesem herausgesägt werden, trug a-be- keinerlei Verletzungen davon Von den Gästen des Straßen- bahnwagens wurden einige leicht verletzt. Die übrigen kamen mit dem Schrecken davon.
— Öffentliche Struermahnung. Die städtische Steuerkaffe macht bekannt, daß di« rückständigen Steuern für das 3. Vierteljahr 1918/19 i Oktober, November und Dezember) bis zum 21. d. M. zu entrichten find. Nach Ablauf dieser Frist beg'pnt am W. d. M die kostenpflichtige Zwangsbeitreibung.
' .. 'H^etmfebr der Flieger. Im Lauf des gestrigen Tages sind eine ganze Anzahl von Militär-Flugzeugen mit Gebrumm und Geknatter über unsere Stadl geflogen Alle hotten den Kurs nach Osten und kamen von Westen, also von der 'bisherigen Kampffront. Augenscheinlich hat dort der deutsche Flugzeugpark mit Beginn der offiziellen Waffenruhe alsbald demobil gemach, und den Lnftmavfch nach der Heimat angetreten. was bei Fliegern freilich um sehr vieles leichter und schneller geschehen kann als bei den anderen Frvnttrnvpen.'
E'senbahnverkehr. Infolge Einschränkung des Verkehrs verkehren auf der Strecke Wiesbaden-Langenfchwal- bach nur noch folgende Züge: Wiesbaden ab 6.84 früh und 6.48 abends, Langenfchwalbach ab 4.49 und 6.13 früh sowie 915 abends Nach Limburg verkehren die Züge ab Langen- schwalbach 8.16 vorm, und 8.93 abends.
— Weitere Einschränkung de? Güterverkehrs. Roch der Veröffentlichung im Aamejgenteü wird die Eifenbahnverival- rung im Direktionsbezirk Mainz Eil- und Fruchtstückgüter und Eil- und Frmhtgu Ladungen von sofort bis auf weiteres zur Beförderung nicht annehmen. Ausgenommen und trotz der Sperre befördert werden: Lebensmittel ausschließlich Wein, Bier und Weißkohl, Futtermittel, Dienstfohlen, Kohlen für Gas-, Elektrizitöts- und Wasserwerke und die Lebensmittelindustrie. Die Verkehrseinschränkung ist zur Gewinnung der sur den Rücktransport der Truppen und der für die Valks- erNahrung erforderlichen Transportmittel, insbesondere von Lokomotiven, notwendig geworden.
Aus dem Landkreis Wiesbaden.
7^, Bittstädt, 14. Nov Sestern abend fand im S-wlr ,Lum Gaml, inus eine versammln«? des Soldaten, und Ardeitrrratez patt. Das Lokal war derart überfüllt, daß im Gastzimmer «ine Rebenversammlung stattfinden mutzte. Herr Dinker von hier er- offnere die Sitzunp. Der Soldorenrat Henfe sprach über Ursachen und Brrlauf des Krieprs sowie über die mehrmalige FriedrnSmsa- bckkeu für mr«. Der Arbeite,»« Krstel besprach dre äußerst wich, ttge Ausgabe, d,e sich in der allerersten Zeit Er di« Stadt Wiesbaden ergibt, nämlich die Lebensmittelbelchassung. Aus der Ferne kommt fast nichts herein und für ^as zurückslutende Militär mutz Essen beschosst werden. Da muffen di« Landwirte des Landkreises aus ilnen Bestanden als Se'bftrwsorger über diese kritischen Tage hinaus aushelsen Herr Winker sprach das Schiutzwott. Die Wahl
des Arbeiter- und Bauernrats hatte folgendes Ergebnis: Karl Busch,
Fritz Schreiber, Frih Sckcid, Wilhelm Morgenstern, Georg Schüller, August Liebig. Frau-, Wirker, Ludwig Becker, Karl Wolf alz Arkeitcrrät-Gund die Landwirte Wilhelm Ritzel, Heinrich Bier- braver und Karl Slernberger. Zirei weitere Landwitt« können noch hii-zugewählt werden.
Ans Provinz und Nachbarschaft.
— Mainz, 14 Nov Tie Vorboten der heim kehren den Kriegs Heere zeigen fiel bereits in unserer Stadt, die voraussichtlich den Hauhtftrom der Heeresnic-sien wwohl wegen ihrer -en» tralen Lage inmitten des westlichen großen Frontbogens, als auch wegen ihrer Rfeinbrücken über sich eigehen sehen wird. Ani Mitt- woch trascu bereits zahlreiche Mililärlastwagen und Autos hier ein, alle mit Truppen und Gepäck doch beladen, oie nach kurzer Rast weiter ostwärts führe» Auch bayrische Lastautos, mit Feldküchen beladen, sab w.an hier, die nach kurzer Rast auf der Karser- ftroße über die Jiheiubrückc weiter fuhren Dazwischen sah man einzelne Reite-.tr-upps, die ebenfalls von der Front kamen. Bei diesen Bortrupps bandeli es fid- durchweg um Formationen aus de-, weiter rücknärtd liegenden Etappen. Erfreulich ist. daß diese Rückwärtsbcwcguiiaeu durchweg in gerrdneter, ruhiger Weise sich tellzichen. Das kriegerische Bild auf den Straßen der Stadt gestaltet sich indes belebter und bunter.
FC Fdstei,,. 12. New Im hiesigen Rathaus fand die Kreis- tagdwahl für zwei Bezirke statt. Frir den Bezirk Esch, Walsdorf. Wörsdorf wurde an Stelle dek verstorbenen Müblenbesitzers Stticker Otto Grocke-Work dort gewählt, für den Bezirk Bermbach, Dasbach. Heftrich, Kröftel, Lenzbobn, Nieder-Skerrov, Niederseelback, Ober» jo-bach, Obersceldack Karl Hahn-Dasbach.
FE Eltville, 13. Nov. Eine hier abgehaltene Volksversammlung nahm die Wcbl eines Bürger-AusichnffeS vor, der den. Magistrat um Aufhebung des Zwangssystems en der Lebensmittel. Verteilung ersuchen soll. Eine erweiterte Kommission soll vor allem die Rechnungen der gekauften Lebensmittel prüfen und die Verkaufspreise fcstsehen.
Neues aus aller Welt. -V
Gefährliche Räuberbanden in Hannover! W. T-B. Hannover, 13. Nrv. Am Babnhof und in der Kochstraße kam es gestern nackt zu einer heftigen Schießerei zwischen Sicherungs- Patrouillen und Räuberbanden, di« mit Handfeuerwaffen unl Maschinengewehren ausgerüstet und über zwei Autrmrbile versüßten. Die Slcherungspatrouille» brachten 34 Personen ein, wovon die Hauptverbrccher heute morgen standrechtlich erschossen wurden.
HandelsfeH,
Umwälzung an der Berliner Börse.
K Bi-rlin, 14. Nov. Die Versammlung, die in der Börse st&ttfand und in der. wie bereits in unserer gestrigen Abend - Ausgabe gern eiltet, die Wiedereröffnung der Börse am 15. November beschlossen wurde, uahrn mit Interesse die Ausführungen eines Herrn Skampa, eines Mitgliedes dos Arbeiter- und Soldatenrates. entgegen Dieser wies darauf hin, daß ja sicher bei einzelnen Mitgliedern der gegenwärtigen Regierung für die wirtschaftlichen Aufgaben der Börse Verständnis zu linden sei. daß man dieses aber unmöglich bei allen Angehörigen dieser Regierung voraussetzen könne. Die Entwickelung habe Schr.ellzugsart angenommen; man könne sich ihr nicht enlgegenstellen. Das beste sei. einzusteigeu und mitzufahren. Ihm (dem Redner) gegenüber habe sieh Eduard Bernstein, der auf die zukünftige Finanzverwaltung sicherlich großen Einfluß haben werde und dessen Verständnis für wirtschaftliche und geldliche Fragen bekannt sei dahin ausgesprochen, daß man die Angst und Sorge der Kapital istepkreise wegen der Entwickelung der nächsten Tage durchaus verstehen könne. Die Regierung werde aber keinerlei Maßnahmen ergreifen, die ohne weiteres einschneidende Eingriffe in das private Kapital darstellten. so daß also alle Beteiligten den weiteren Geschehnissen mit Ruhe entgegensehen könnten. Aus weiteren Bemerkungen des Herrn Skampa ging allerdings hervyr. daß mar für spätere Zeit wohl mit einer Verwirklichung von Grundsätzen des sozialistischen Programms werde rechnen müssen, und gerade hiermit begründete er seinen der Börsenversammlung gegebenen Rat. Es sei die allerhöchste Zeit zu Taten zu greifen und sich der neuen Regierung als Ratgeber zur Verfügung zu stellen, mit der ausdrücklichen Erklärung natürlich, daß man sich auf den Boden der neuen Verhältnisse stelle, und daß man bereit sei. nach besten Kräften an der weiteren Entwickelung mitzuarbeiten. Schließlich wurde die Einsetzung eines Ausschusses aus den Reihen der Börsenbesucher von 12 Mitgliedern beschlossen, von denen je vier Bankiers. Makler und Angestellte sind. Dieser Ausschuß soll zusammen mit den Vertretern des Berliner Börsenvorstandes, drei Vertretern der Berliner Bankvereinigung (Stempelveieinigung) und vielleicht auch einem Vertreter des Vereins für die Interessen der Berliner Wertpapierbörse eine Versammlung vorbereiten, in der ein ..Rat der Pörsenbesucher“ gewählt werden soll. Aufgabe dieses Rates wird es sein, mit dem Arbeiter- und
Soldatenrat Fühlung zu nehmen und sich diesem als sachverständigen Berater für alle die Börsen- und Wertpapierbesitzer betreffenden Fragen zur Verfügung zu stellen.
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Wiedereröffnung der Frankfurter Börse.
w. Frankfurt a. M.. 14. Nov. Morgen wird die offiziell« Notierung an der Frankfurter Börse in dem seitherigen Umfang wieder aufaenommec. Die Mitglieder des Börse n- vorstandes werden von nun an nicht mehr von der Handelskammer. sondern -von den Börsenbesuchern selbst gewählt.
Unveränderte Devisenkurse in Deutschland. »
& Beilin. 14. Nov. (Drahtbericht.) Die Devisenkurse, die auel heute in der Reichsbank festgesetzt wurden, blieben unverändert
Für Besitzer von im Auslände lagernden Waren.
W. T.-B Berlin, 18. Nov. Bekanntmachung. Die den deutschen Besitzern von im Ausland lagernden Waren zugeganeeuen Verfügungs- und Veräußerungsver- verbote 1 leiben bestehen. Die Reichsreglerung: gez. Ebert, gez. Haase.
Preußisch-Süddeutsche Klassenlotterie.
Berlin. 12. Nov In der heutigen Borrnittags-Ziehung fielen 30 000 M. auf 124 036,' 10 000 M. auf 219 389, 5090 M, aus 23 703 85 359, 3000 M. aus 14 275 15 092 21 924 23 536 34 943
87 562 39 216 41 758 42 811 43 723 51 976 59 840 64 331 78 692
88 536 90 865 92 959 9c 186 ICO 974 108 053 118 370 124 195 129 957
188 815 154 787 158 053 161 492 169 261 173 777 183 740 185 738
187 793 188 375 19.'630 196 549 199 904 200 976 207 972 208 976
215 543 216 841 220 879 221 942 231 736 233 680, 1000 M. aus 63
808 865 3806 4887 17 073 19 068 25 216 26 455 26 853 28 821 29 455 32 413 32 769 ZI 530 35 586 48 755 47 539 53 216 54 170 62 953
72 940 75 656 81 986 fl 958 84 379 85 948 88 298 89 982 93 934
95 579 96 714 100 603 109 546 109 422 109 480 112 026 112 U36 113 114 116414 117 499 123 003 133307 124 125 125 740 130 303
131791 131 908 133 030 139 221 139 820 144 298 148 143 149 826
152 1 28 152 153 153 863 154 259 159 573 168 368 163 337 173 927
174 069 174 384 181 952 191 991 192 530 194 171 196 j93 199 335
203 173 204 071 205 629 219 153 21 1 962 215 607 217 030 217 84g
218 659 228 039 224 895 224 872 229 341 230 072 232 559, 500 M. aus 103 828 4607 6318 0662 6689 8686 12 290 12 873 15 129 16 489 18 657 20 458 £5 306 29 986 31 850 l 3 934 34 592 35 329 36 599
43 253 44 777 4*1 672 47 020 5-, 037 55 999 57 712 61 732 62 143
66 044 61995 68 085 68 717 70 265 71 720 73 311 73 993 74 503
75 023 75 189 77 34!» 78 914 78 946 80 749 80 807 84 733 84 966
85 091 86 964 9 ! 760 £7 788 97 657 102 798 103 2255 104 991 105 260
107 045 1 08 321 109 ( 30 110 667 111 923 112 552 114 545 11/253
118 381 121 692 121 925 125 186 125 609 126 485 130 321 132 941
134 195 187 294 1 8" 298 141-744 144 432 144 839 150 418 152 631
154 422 160 065 10» 975 163 884 167 974 171 250 172 445 178 703
174 735 174 770 379 190 1 82 023 183 (*63 183 869 185 061 186 761
187 686 180177 193 284 196 116 197 429 200 451 200 998 205 *23
203 654 206 194 200 023 298 445 210 332 212 970 213 927 216 27»
217 990 219112 219 753 221 993 224 742 227 156 229 793 232 177 232 395. ‘
In der Nachmittags-Ziehung sielen 30 000 M. aus 15 270, 5000 M auf 148 875 1Ä 372, 3000 M. auf 20 405 40 590 50 039 51 083 64 58? 67 69'.' 71 686 72 268 76 768 87 027 90 408
108 886 118 874 120 814 136 6*6 182 795 144 112 152 269 156 787
160 329 162 989 163 994 172 816 1 84 454 198 282 218 884 225 836
831 000, 1000 M aus 5675 6086 12 837 16 381 18 756 22 056 24 328 30 143 81 741 32 580 34 496 3- 069 39 1 47 40 641 43 134 52 740
52 829 57 145 60 91; 65 274 70 838 70 933 72 545 75 972 82 162
82 711 82 792 82 903 83 798 86 702 86 250 87 634 89 939 92 005
97 480 100 698 10360! 110 707 114 293 114 486 117 078 118 515
120 053 122 265 123 297 131 753 133886 146 019 148 016 151 866 IRC 889 169112 159176 1 6: 264 165 553 172 209 175 398 176 961
181 751 184 050 345 188 486 189 703 194 049 199 594 202 641
208 577 215 748 217 243 219 443 520 570 222 809 222 864 230 1 97
233151, 500 M. ans 3746 5545 11 418 11 705 12 701 16 845 18 743 21 999 25 362 26 638 £6 742 26 798 29 ( 43 34 685 36 734 38 617
40181 45 308 45 945 5103; 53 567 54 940 65 022 59 681 61 013
72 679 76 492 8-1601 83 167 84 497 90 370 90 920 91 883 94 313
95 716 96 337 97 246 104 005 105 086 106 679 10" 611 108 663 111 119 111 916 112 463 1)2 625 120006 122 578 124 133 125674 128997
130 362 182 2!9 135 416 136 976 137 952 183 1 82 143 469 144 224
151 658 152 602 153 078 156 133 160 786 163 264 171 504 173 942
174 223 175193 176 868 1 78 949 179 274 179 462 181 429 1 82 372
185 959 197 990 201678 201 750 208 757 212 657 213 614 214 364
230 523 233 994. — Im Gewinnrade verblieben: 2 Prämien zu 800 000 M., 2 Gewinne zu ft«), 2 zu 150 000, 2 zu 100 000, 2 zu 75 000, 2 zu CO 000, 4 ,u 50 000, 4 zu 40000. 20 ju 30000, 28 su 15 006, 84 zu 10 000, 192 zu 5000, 2642 zu 3000, 5296 zu KOÖ, 7264 zu 506 M.
Die Morgen-A isgabe umfaßt 6 Seiten.
Hauvtlchrtf«etter; «. tz»,erhör«.
0mmto»T«M) für Leitartikel: B. Hegerharlt: für poNtilch, Aachrichien und den Handel W. Etz: für den Unterhaltungsteil: v. ». Nauendarf, für den totalen und provinziellen Teil und Serlchwiaal: il. Loaacker, für die Anzeigen und Reklamen: H. Dornauf. ISmiIich tn Wiesdad«? Drucku. «erlag der fi. «chellenderg'Ichen Hofbuchdruckere» tn Meada»«^
Spreckiltund« der SDriMeitun» 13 di» I Uhr.
(Schluß.) Nachdruck verbot««.
Donata Ohleirhusen.
von Lotte Osterwald.
Uuö wie sie jetzt in übermütiger Laune hinaus- jubelte, das Lied von dem schwarzbraunen Zimmergesell. der des Markgrafen schönes Weib geküßt und dafür sterben sollte, war sie von hinreißender Anmrtt:
„Da sprach der Markgraf selber wohl,
Wir wolle« ihn lasten gähn.
Ist keiner doch omer uns alle» hter,
Der dies nicht batte getan."
Es klang spöttisch herein ins Zimmer, und Eugenie iaflte lachend: „Für das alte Äed denkt der Markgraf
recht modern."
„Vielleicht fühlte er ffch nicht frei von Schuld", sagte Geerdt, und seine Augen hingen an Donata.
Sie war herabgesprungen und trank hastig ein Glas von dem schäumenden Wein.
„vnt wenn dir der Wein zu sauer ist,
So ttinke Malvaster.
Und wenn dir mein Mündlein süßer dünkt,
Go komm nur «riet» zu mir,"
sang sie und ließ die Saiten .msklingen.
Während draußen eine Tarantella anttvortete, er- griff Kepler sein GlaS, und er, der den ganzen Abend femn! gesprochen, nahm jetzt zum Abjchiednehmen das
«Vor langer Zeit habe ich einmal erzählen hören von einer Glocke, die hoch über allem Menschlichen erklingt. Nicht jedem ist vergönnt, sie zu vernehmen, denn wir horck-en auch im Gassenlärm auf Töne, die unser Ohr gefangen nehmen, unsere Sinne umnebeln. Darin geht dann der reine Klang aus der Höhck^>erloren. Vielleicht schreien wir selbst zu laut mit im Getöse, und was wir hören, ist unsere eigene Stimnie. vielleicht müssen wir selbst still werden, um die Glockentöne wohl zu ver- nehmen. Aber das Stillwerden — da liegt es. — Mag lern, daß wir ße in drm mondbeqlanzten Garten in
Frascati haben erklingen hören — mag sein, daß sie uns wiederklingt, wenn wir an diese Tage zurückdcnken. Wie an ein Märchen aus Herbsffonne und Herbstrausch zusammengeweht — möge es ausklingen in dem alten Märchenschluß: sie wurden König und Königin und lebten vergnügt bis an % r eItoeS Ende."
Donatas glänzende Augen dankten dem Sprecher, und Geerbt schüttelte ihm und Eugenie mit einer Herzlichkeit die Hand, die sie noch am anderen Tage spürten.
Als an diesem Abend Keplers gegangen inaren, sagte Geerbt:
„Ob des Markgrafen schneeweiße Frau ihm wohl verziehen hat, daß er so lange schlafen konnte?"
„Davon sagt das Lied nichts. Geerbt."
„Im Lied steht immer das Wesentliche zwischen den Zeilen."
Donatas Auaen strahlten. „ES kommt darauf an, Geerdt. ob der Markgraf wirklich ausgemacht ist."
Da riß Geerdt seine schneeweiße Frau an sich, und wie ein Sieger seine Beute trug er sie die breite Treppe hinauf.
»
Der alte Fredeking saß in seinem Studierzimmer wie Hieronymus im Gehaus. Die Fenster aber standen offen und ließen den milden, dufferfüllten Frühlings- wind herein. Auf fernen Knism hielt er ein kleines, schmächtiges Buch, darin sein Finger noch zwiMn zwei Seiten lag.
„Wenn auch aus allem Lärm der Beschwörung als des Pudels Kern nicht mehr als ein fahrender Scholast herausgekommen — in diesem Fall ein Bändchen lyrischer Gedichte, so ist es doch der erste Akkord zu einer Symphonie, die, will's Gott, mir gelingen soll", hatte Geerdt gesagt, als er seinem Schwiegervater das Büchlein brachte. „Es soll meinen Sohn bei seineni ersten Schritt ins Leben begrüßen."
Der Alte sah lächelnd aus das erste Blatt. „Für meine» Jungen" stand darauf.
„Törichte Kinder —" er schüttelte den Kopf.
Aber auch Donata sagte: „Es wird ein Junge, Papa, das weiß ich sicher. Ein Römer. Papa. Eigentlich muß er dunkle Locken haben und Augen die vernichtend blicken können, denn damals batte ich eine unselige Leidenschaft zum Apoll von Belvedere."
„Ach, Apoll hieß er", warf Geerdt hin. „Sieh mal an, das wußte ich gar nicht."
Sie packte ihn bei den Obren.
Das Lachen der beiden jungen Menschen lag noch in der Lust, und ein Lachen klang ans den Blättern des kleinen Buches, ein Lachen, dem etwas Olympisches innewohnte, das Lachen eines Menschen, der in die Sonne gesehen.
Des Alten Blicke schweiften in den Garten, darin ein großer blühender Kirschbaum von Frübling und Leben. sang. Leise fielen die Blüten zu Boden, voin Lenzwind herabgeweht. Wenn die Kirschen reisten, dann würde draußen in dem kleinen Hause an der Isar auch Ernte gehalten werden.
Seine Anaen wurden starr, er sah den leuchtenden Baum sich öffnen, und lnie auf Goldarnnd sah er vertrante Bilder: Imme, blühende Gestalten mit webenden Locken, bochnereckte Arme und schwebend? Ströme lickst- geschwellte Segel und wetterbarte Schiffer, Krieeer in klirrenden Waffen, eherne Triumvbwagen und marmorne Götterbilder — immer wechselnd im flatternden Licht, wie ein endloser Reigen. Tann auf einmal eine ruhige Klarheit und, wie vom Pinsel eines stammen Malers hinaezaubmt, ein wunderschönes Weib mit dem Kinde auf dem Arm, und alles Licht schien von dem Kinde auszugehen. Über allem Wechsel aber blieb das Lächeln der mütterlichen Frau.
Der Lenzwiud rauschte stärket, und auiwirbelnd wehten die weißen Blüten des Kirschbaums durch die besonnte Luft.
Ende. .
