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Freitag, 15. November 1918.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 535. 66. Jahrgang.

Auf dem Posten bleiben!

Es ist nickst ganz leicht, sich in die neuen Verhältnisse, che die grosse Staatsumwälz'in i in Deutschland hervor­gerufen hat, hinernzufmdon. Bei vielen Leuten besteht über den Zustand, in dem wir staatsrechtlich jetzt leben, noch völlige Unklarheit. Deingegenuber sind folgende Tatsachen festzuhallen. Die alten ReiasSeinrichtungen sind durch die revolutionäre Gewalt beseitigt. Drc poli­tische Macht liegt äugenbiiÄ'ch in den Händen derer, die sie an sich gerissen haben. Das sind die beiden sozialdemokratischen Parteien, die Mehr- heitspartsi und die Unabhängigen. Die Regierung von 6 Männern, dis sich aus diesen beiden. Parteien gebildet hat, ist aber * eine Regier ang im alten Sinne. Die volle Regierungsgewalt Hen* bei bc Gesamtheit der Arbeiter- und Soldatcnräte. Die Regierung ist nur der Vollzugsausschuß dieser Organisationen. Zu­nächst hatten sich zahlreiche wilde Arbeiter- und Soldaten- röte gebildet, allmählich haben sich dsi> Verhältnisse aber geklärt, und bald dürste die D e l e g i e 1 1 e n C e r- sammlung der Arbeiter- und Soldatenräte twn Ge­samtdeutschland zmammentreten. Cs ist eine Tatsache, daß es sich hier um eine reine Parieiregierunq handelt, denn di, Arbiter. und Soldatenräte nehmen grundsätzlich nur Sozi Afften auf. Aber es kann sich natürlich hier nur um einen llbergangszusiand handeln. Die Diktatur des Proletariats muß abgelöst werden durch die V»>!kSH:rrscha't. Ter Wille des Volkes aber läßt sich n u r durch allgemeine Wahlen fest- stellen. Die beiden jetzt herrsckß-nden Parteien Huben sich bei ihren Einigungsverbandluagen vs, pflichtet, die ver­fassunggebende Versammlung für Gesamtdeutschland nach Konsolidierung der inn-rm Verhältnisse wählen zu lassen. Für die Anhänger aller Parteien wird jene Wähl Hann die Möglichke'-t einer Verti-tung schaffen. Inzwischen aber erfordnt es das gesamt" Volksinteresie daß jeder auf seinem Posten, wo er steht und wo er bis­her dem Vaterlands aed-ent bat, bleibt. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, nstire jetzt die Gegenrevolution. Sie würde einen blutigen Bürgerkrieg m,t ungewissem Ausgang bringen. Di» obersten militärischen Stellen, Oberste Heeresleitung, der Kriegsminister, der Befehlshaber Ober-Ost und die Festungskammandanten haben sich den Arbeiter- nnd Soldat"nräten zur V?rfiiqnn»g gestellt. Damit ist ein B e i s v i e l gegeb»n Die B ' unten im Lande, gleich­viel in welcher Stelle sie wirken, müssen das Funk- tionierrn der großen Sßggtsniaschinerie aufrechterhalten. Sie vei-aeben ihrer vol'ä'schen Überzeugung damit nichts: denn sie dienen nickst der herr'chenden Partei, sondern der Volksaes amtheit, die >a durch eine Hungersnot, kine V^rkehrskrile od»r eine sonstige Stockung ohne Unterschied der Porter leiden würde. Vor allem gilt es ja auch, das Auskommen eines Bolschewismus von links ber zu verhüten. Die neue vorläufige R e- gieruna bat aber'auf der anderen S?'te die unbe­dingte Vslicht, dafür zu sorgen, daß düster Dienst oller bisherigen Organe mit Freuden und nicht mit Senften aelchiebt. Die beiden herrschenden Parteien haben sickn wie ostaat, zur Berustmo der Kon- st i t u a n t e verpflichtet. Sie werden iür: Position nm so mehr Ochern und oll? geaenrevolutionären Strömun­gen omhindern, ie klarer und immiß,v,>,-stündlicher ste den Willen für ei: Berufung der Konstituante mani­festieren. __

Wilson an die deutsche Regierung.

Die versnrochene Nahrun-sm'tteUfflse.

W. T.-B. Rotterdam, 14. Nov. (Drahtlos.) Hier wurdr olgsnder Funkfpruch des Schweizer Gesandten in Washington an das Ministerium des Äußern in Bern aufgefangen:

Ich habe dem Staatsdepartement ohne Verzug die Mit» teilung der deutschen Regierung zugestellt. Der Staatssekretär ersuchte, folgende Antwort zu übermitteln: In der gemein­samen Sitzung beider Häuser im Kongreß hat der Präsident der Vereinigten Staaten erklärt, daß die Vertreter der alliier­ten Regierungen in dem Obersten Kriegsrat in Versailles durch e i n ft! m in i g e n Beschluß den Mittelmächten zu­gesichert haben, sie mit Lebensmitteln zu versorgen nnd di: Not zu erleichtern, die an vielen Orten geradezu das Leben bedroht, und daß unmittelbar Schritte getan werden können, um diese, unterstützt mit derselben systematischen Weise, zu organisieren, wie es im Falle mit Belgien geschehen ist. Weiterhin sprach der Präsident seine Ansicht aus, daß eS mit Hilfe der st i l Ist egenden Schiffe der Mittelmächte alsbald möglich fein müsse, ihr« unterdrückte Bevölkerung von der Furcht vor völliger Verelendung zu befreien und ihrem Sinn und ihre Energie für die großen und gefährlichen Auf­gaben des politischen Wiederaufbaus frei zu machen, denen sie überall gegenüberstehen. Dementsprechend beauftragte mich bcz Präsident, zu erklären, daß er bereit fei, die Beliefe­

rung Deutschlands mit Lebensmitteln in wohl­wollende Erwägung zu ziehen und die Frage sofort mit den Verbündeten zu erörtern, vorausgesetzt, daß ihm versichert werden kann, daß die öffentliche Ordnung in Deutschland weiterhin herrschend bleibt und daß eine unparteiische Verteilung der Lebensmittel ver­bürgt ist. gez. Sulzer. schweizerischer Gesandter.

Der Versailler Kriegsrat und die Lebensmittelnot.

Br. Basel, 14. Slot». >Eig. Dr.,h:bcr-cht.) Meldungen aus Frankreich, die insolg: des lchwei;e>.:sther. Generalstreiks sehe schwer zu erlangen sino. besagen, daß im Versailler Krretzs- rat einstinimig beschlossen w icve, alles mögliche für die Z e n t r a l in i ch l e zu tun, rm sie mit Lebens­mitteln zu versorgen. Zu diesem Zweck sollen auch Han­delsschiffe der Zentralmächt: ber inge »egen werden. Gegen­über der revolutionären Bewegung in Deutschland und Österreich-Ungarn niüss: der Verband zunächst eine- wartende Haltung entnehmen.

Ti- deutschen Schisse sollen gechartert werden.

W. T.-B. Rotterdam, 14. Nov. (Drahtbericht.) Nach dem Neuen Rottcrd. Courant" verlautet in hiesigen Schiffahrts­kreisen. daß die Alliierten alle deutschen Schiffe auf un­bestimmte Zeit zu chartern beabsichtigen, um mit ihrer Hilfe die Lebensmittelversorgung der ganzen Welt in die Hand zu nehmen. Die Kriegsentschädigung werde sich um den Betrag dieser Schisse weiter verringern.

Hindenburg in Kassel.

W.T.R. Kassel, 14. Nov. (Trahtbericht.) General- feldmarfck.'.ll v. Hindenburg ist heute vormittag im Großen Hauptquartier einqetroffen und hat im Wrl- helmshöhichen Schloßhotel Wohnung genommen. Am Babnbof fanden sich Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrates, für die Stadtverwaltung Oberbürgermeister Koch ein.

Konstantinopel von den Alliierten besetzt.

Br. Basel, 14 Nov ttrig. Drahtbericht.) Die Flotte der Entente hat am 12 d. M die Dardanellen paffrert und am Tage darauf Konstant! :wpel besetzt.

Ein britisches Schlachtschiff gesunken.

W. T.-B. London, 14. Nov. (Drahtbericht. Reuter.) Die Admiralität teilt mit, daß da? britische Schlachtschiff .,A u d a c i o u s" nördlich der irischen Küste am 27. Oktober auf eine Mine gelaufen und gesunken ist. -

Der Kaiser als Privatmann nicht interniert.

WT. R Hnag, 14. Nov. Anläßlich der in der Presse vei breiteten, einander widersprechend m Ansichten über den Charakter des Aufenthaltes des früheren deut- schcn lsiaiseis in Holland wobei auch von Internierung di: Rrde war. wurde dem Korrespondenz-Bureau mit» geteilt daß mit der T b r o n e n t sag u n g jede Be­ziehung des Kaisers zur d e uts ch en A rm e e a uf- gebärt bat.

Amsterdam, 18. Nov. D»? Sch-ksa! d:S Kaisers ist noch ungewiß. Das sozialdemokratische HruptorganHet Volk", dessen Meinung wohl sehr bald maßgebend sein wird, schreibt zu der Forderung d->r Vielverbandsblätter. den Kaiser auszuliefern:Es scheint »n? dass gegenüber solchen Wun- scheu, die möglicherweise bild Forderungen des V'.elver- bandes oder auch Deutschlands werden können, nur ein Stand­punkt möglich ist daß näml-ch die ss-rage. rb Kaiser und Kron­prinz ausgeliefert werden muffen, keine Frcge ist. di: von holländischem Interesse ans und nach holländischer Auf­fassung entschieden werden muss sondern eine Frage, die g a n z Europa und die oanre Welt berührt und über die das In­teresse der Welt entscheiden muß n-i- es von den revolutio­nären Völkern der Welt beurteilt werden wird."

Die Beschlagnahme des prei«ssisü»sn Kronkideikommifses.

W. T.-B. Berlin, 13. R'w. Dir preußische Regierung erläßt folgende Dekannim ichima betreffend die Beschlag­nahme preußischen Kr:i'si>'iko»i,uißv::mögens: Sämtliche

zum preussischen Kronfideikomoiißvermögi-.n gehörigen Gegen­stände werden hierdurch mst Beschlag b?l-gt. Tic Verwaltung wird dem vrenssischen Finanzininisterium übertragen. Das nicht zum Kronfideikemmißvermöwn gstörige, im Sonder­eigenttim des Königs und der königlichen Familie stehelide Vermögen wird hierdurch wich t berührt.

Weitere Tbronverzkckfte.

W. T.-B. Schwerin, 14. Nov. (Drahtbericht.) Gemäß dem Beschluß des Ministeriums verzichtet derGroßherzogvon Mecklenburg-Schwerin für sich und sein Haus auf den großherroolicheii Thron.

W. T.-B Gotha, 14. Nov. (Drahtbericht.) Wie heute den Abgeordneten des gemeinschaftlichen Landtags mitaeteilr wurde, entsagte Herzog Karl Eduard von Sachsen- Coburg-Gotba dem Thron. ch

Das Befinden der Königen von Bayern.

W. T.-B. München, 14. Nov. (Drahtbericht.) Über das Befinden der Exkönigin Tberese von Bayern meldet die Korrespondenz Hoffinarm- Nach den van uns an maßgebender Stelle eingezogenen Erkundigungen ist an der Blättermeldung, daß die Königin Tberese gestochen sst. kein wahres Wort. Die Königin ist allerdings leidend, ihr Bstrnden hat iich aber in letzter Zeit sehr gebessert und gibt zu Befürchtungen keine« Anlaß.

Wie es kam!

Die eigentliche Ursache der Revolution.

Nr. Berlin» 14. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Unter der Über, schriftWie es kam" bringt derVorwärts" in seiner heutigen erstmaligen Abend-AuLgabe in einem Artikel über die Vorgänge, die sich in der Flotte abfpielten und zu der jetzigen Revolution geführt haben, folgende Einzelheiten: Die Flot:e sollte auslaufen und sich im Kampf gegen den übermächtigen Feind bis zum letzten Schiff opfern. Das hätte 80000 Menschen das Leben ge - kostet, wäre aber nach dem Glauben der Alldeutschen ein Ereignis gewesen, um das Volk nochmals mit der Stimmung vom August 1914 zu erfüllen. Dieser Plan 'st keine Phan­tasie, sondern durch zuverlässige Aussagen von Dkatrosen er­wiesen. Tatsächlich erhielt am 2 8. Oktober die Schlacht­slotte den Befehl znm Auslaufen. Den Matrosen wurde ge sagt, es handle sich um ein Manöver, aber der Geist der See­leute entdeckte bald Zeichen, di« für eine beabsichtigte Schlacht sprachen. Abschiedsbriefe von Offizieren wurden aufgefangen, die mit großer Klarheit aussprachen:Wir wollen lieber unter­gehen, als die Flotte an die Engländer ausliefern". Die Flotte meuterte, die Matrosen widersetzten sich der Aus­fahrt. Ansprachen der Offizier« und andere Maßnahmen da­gegen waren erfolglos. Der Versuch der Ausfahrt wurde wiederholt, er mißlang und mißlang ein drittesmal. Auf den' geheimen BefehlVorhaben ist unbedingt auszuführen", kam jedesmal die AntwortVorhaben ist nicht ausführbar". Die Matrosen wurden schließlich so weit gebracht, daß sie sich sag­ten: Hier winkt das Zuchthaus, dort die Freiheit. Di« Wahl war nicht schwer.

Aus dem Berliner Vollzugsrat.

W. T.-B. Berlin, 13. Nov. In der bereits gemeldeten, vom Vollzugsrat einberafenen Soldatenversammlung erklärte der Matrose Strobel daß sich die Marine entschieden fiir die Aufrechterhaltnng von Ruh: und (Ordnung einsetze. Es müsse vor allem jeder Terror unterdrückt werden, v. Beer- fclde habe die Revolution in das Fahrnasser einer radikalen Richtung leiten wollen, sei aber deshalb von seinem Posten enthoben worden.

Der Vollzugsrat und der Arbeiter- und Saldotenrat be­schlossen, die Bildung einer Raten Garde vorläufig e i n z u - st e l l e n, da die Truppen sich bereit erklärten, daß sie jeder­zeit zur Verteidigung der revolutionären Errungenschaften und zur Beftstigung der sozialistischen Republik ihr Leben etn- setzen würden.

Br. Berlin, 14. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Der Vollzugs­ausschuß des Arbeiter- und Suldatenrats hat jetzt seinen Sitz im Herrenhaus Die Taaesbefehle an die Sol­datenräte werden tortan von einem M'tglied des VcllzugsrateS gegengezeichnet werden. Die Befugnisse der Okfi- ziere werden schon in allernächster Zeit neu geregelt wer­den. In den militärischen Zciitralbehörden weiden, wie wir hären, die Offiziere auch weiwrbin an beratender Stelle bleiben. In den Regimentern und sonstigen Truppenver­bänden denkt man jedoch oaran, S v l d a t e n ohne Rücksicht auf ihren Dienstgrad, nur unter Berücksthttgung ihrer Tüch­tigkeit, zu Kommandeuren -u machen.

Keine Zahlungsanweisunqöbefuqnis der A.- und S.-Räte.

W. T.-B. Berlin, 13. Nov. (Amtlich.) Aus Anlaß meh­rerer EinAelfälle entschied die Reichsregierung, daß die Ar­beiter- und Soldatenräte nicht befugt sind, Zahlungen aus Regierungs- und Kreiskassen anzuweisen und zu erheben. Ebenso sind die Arbeiter- und Soldatenräte nicht befugt, dir bisherigen Gebühren selbständig zu erhöhen.

Kautzky Nnterstaatssekretär im Auswärtigen Amt?

B. A Berlin, 14. Nov. (E'q. Drahtbericht.) In da; Auswärtige Amt, das ber unabhängige Sozialdemokrat Haase leitet und in dem der logrldenokratische Unter- staatssekretäc Dr. David arbeitet, soll als zweiter Unter- staatssekretär der bekannte Theoretiker Karl Kautzky ein- treten.

Eine Erweiterung des preußischen Ministeriums.

8. A. Berlin. 14. Nov. ,'Eig Trahtbericht.) Zur Erwei­terung des Kabinetts erfahren wir, daß als sechstes Mitglied des preußischen Kabinetts zu den Al geordneten Hirsch, Braun und Hänisch von der soziald::iwk.'atisch:n Partei-- und den Abgeordneten Strobe' und Adolf Hoffman» von der unab­hängigen sozialdemakrati'ckien Partei der Berliner Rechts­anwalt Dr. Kurt Rose nie Id t unabhängig) hmzutritt. In das preußische Ministerium k> s Fnnern, das von dem Sozial demokraten Paul Hirüh geleitet wird, tritt als UuterstaatS- sekretär der unabhängig: Sozialdemotr.it Dr. Rudolf Breit- scheid. ____________

Der Schweizer Generalstreik beendet.

IV. T.-B. Bern, 14. Nov «Drahtbericht.) Der Ständcral beschloß gestern mit allen gegen eine Stimme Gutheißung der Maßnahmen des Bu'idescaiS !»im Generalstreik. Der Bun-- desrat hatte dem Olden-'c Atl'ouskamitr« ein Ultimatum bis Mitternacht vom 13. zum 11 November zur Einstellung des Generalstreiks gestellt, widrigenfalls starke Maßnahmen ergriffen würden. Das Oloener Aktionskomitee hat den Strerk um Mitternacht vom 14. zum 15. November für beendet erklärt.

Ein Druck der Entente auf Holland.

Br. Haag, 1#. Nov. (Eig. Drabtlecicht.) Die derNieuw» Rotrerd. Courant" meldet, 'oll die Enrrnte bekanntgegebev haben, daß falls in Holland Revolution ausbreche, j e d« Lebensmittelzufuhr vor. der Entente eingestellt würde.