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Donnerstag. 14. November 1918. Nr 534. 66. Jahrgang.

Der Anschluß Deutsch-Österreichs.

Wiener Ersuchen um direkte Verhandlungen.

W. T.-B. Wien, 14. Nov. (Drahtbericht.) Die Sozial- Korrespondenz melde*: Unterstaatssekretär Bauer richtete a.i den Dolksbeaufiraoten Haas« in Berlin folgendes Tele­gramm : Indem ich Sie zur Übernahme Ihres Amtes in fo geschichtlicher Stunde berzlchst beglückwünsche, teile ich Arien' mit, daß die provisorische Nationalversammlung Mutsch-Österreichs einstimmig beschlossen hat. Deutsch- Österreich für eine demokratisch -Republik zu er­klären, die einen Bestandteil der großen deutschen R e p u b l i k ist und bleiben soll. Durch diesen Beschluß einer provisorischen Vertretung hat Deutsch-Österreich seinen Willen kundgetnn. sich mit den anderen deutschen Stämmen, von denen es vor 52 Jahren oeroaltsam getrennt wurde, wieder zu der- einigen. Wir bitten Sie und die deutsche Regierung, diese Be- strebungen des deutschen Volks in Österreich zu unterstützen und in direkte Verhandlungen mit uns über die Ver­einigung Deutsch-Österreichs mit der deutschen Republik und über die Teilnahme an der Gesetzgebung und Verwaltung des Deutschen Reichs einzutreten. Wir bitten Sie, uns Gelegenheit zu geben, uns mit Ihnen mit allen Fragen der Friedensverhandlungen ins Einverneh­men zu setzen und diese Verhandlungen in engster Freundschaft miteinander zu führen. Wir bitten Sie schließlich, auch unserer schweren augenblicklichen N o t Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Da sich die neuen slawischen nationalen Staaten, die aus dem Zusammenbruch Österreichs hervorgcgangen sind, gegen uns vollständig ab­sperren, leiben wir bitter Not an Kohlen und Lehensmitteln. DaS deutsche Volk in Österreich und im besonderen die deutsche Arbeiterklasse sind überzeugt, daß die neue Regierung der deut­schen Republik uns in diesen Stunden der Rat beistehen wird. Was wir brauchen, ist an zuständiger Stelle bekannt. Wir bitten Sie, Ihren Einfluß dafür einzusetzen, daß wir die un­entbehrliche Aushilfe an Kahlen und Lebensmitteln schnell be­kommen. Ich hoffe, daß die alten freundschaftlichen und partei- genössjrchen Beziehungen, dl« uns verbinden. eS uns erleichtern werden, die engste und dauernde Verbindung zwischen Deutsch­land und Deutsch-Österreich herzustellen.

Mit herzlichen Grützen Otto Bauer.

Ein weiterer Einspruch der deutschen Bevollmächtigten bei Foch.

W. T.-B. Berlin» 14. Nov. (Drahtbericht.) Die deutschen Bevollmächtigten gaben bei Unterzeichnung des Waffenstill­standes nachfolgende Erklärung ab' Die deutsche Regierung wird selbstverständlich bestrebt sein, mit allen Kräften für die Durchführung der auferlegten Verpflichtungen Sorge zu tragen. Die Unterzeichneten Bevollmächtigten erkennen an, daß in eini.gen Punkten auf ihre Anordnung hin ein Ent­gegenkommen gezeigt worden ist. (Es folgt die Bezugnabme auf einen am 9., 19. und 11. stattgefundenen Austausch van Schriftstücken zwischen den deutschen WaffenstillstandSbevoll- mächtigten und dem Marschall Fach.) Sie würden aber keinen Zweisfl darüber hegen, daß insbesondere die Kürze der Räumungsfristen sowie die Abgabe unentbehrlicher Transportmittel einen Zustand herbeizuführen drohen, der ohne Verschulden der deutschen Regierung und des deut­schen Volkes die weitere Erfüllung der Bedingungen un­möglich machen kann. Die Unterzeichneten Bevollmächtigten erachten es ferner für ihre Pflicht, unter Berufung auf ihre wiederholte mündliche und schriftliche Erklärung noch einmal mit allem Nachdruck darauf hinniweisen. daß die Durchführung dieses Abkommens das deutsche Volk in Anarchie und Hungersnot stürzen muß. Nach den Kundgebungen, die den Waffenstillstand eingeleitet haben, mußten Bedingungen erwartet werden, die bei voller militärischer Sicherung unserer Gegner die O u a l e n der am Kriege unbeteiligten Frauen und Kinder beendet hätten. Das deutsche Volk, das 59 Monate lang standgehalten hat gegen eine Welt von Feinden, wird ungeachtet jeder Gewalt seine Freiheit und Einheit wahren. Ein Volk von 79 Millionen leidet, aber eS stürzt nicht.

Erzberger. Graf Oberndorf, b. Winterfeldt. Vanselo.

Hilferuf der deutschen Katholiken an den Baylt.

TerKöln. Bolktztg" zufolge ist folgender Funkspruch nach Rom abgccatif.cn:

Köln, 13. Nov. 1918.

Papst Benedikt XV., Vatikan. Rom.

Das Keiner Komitee der tcnlsckcn Katholiken im Rheinland bittet im Namen aller dcutsck'Cn Katholiken Ew. Heiligkeit aus» iaingentste zum Schutze des bedrängten deutschen Volkes, das von schweren Leiden und littrrer Hungersnot bedroht ist, Ihre Stimme zu erhebeu, Heimsuchungen stehen uns bevor, noch schlimmer als die der Kriepsiabre Nock- dem Wortlaut der grausamen Waffen still st oiidsbedingungen können die Bielver» demdsländer das deutsche Volk in das schlimmste Verderben treiben. Di- verlangte Abgabe des für uns u n e n t b eh rl i ch e n Eisenbahn Materials legt den für die Ernährung bf? seit vier Iobren hungernden Volkes nötigen Verkehr nieder. Lebensmittel für feindliche Besotzungstrutpen sind nicht auf,», br innen. Jvständiast bitten wir darum Ew. Heiligkeit, im Namen der M e n s ck- l! cd k c i t und der Grundsätze der Religion der Liebe bei den Verbündeten für dos Recht zum Leben unseres Volkes einzutri-ten-

Gchcimrat Gilles, Vorsitzender des Kölner Katbclikenkomitces.

C u st c t i s, Rechtsanwalt,

Tr. Treber» Hauptredakteia.

Die rote Fahne

in den französischen Schützengräben!

W. T.-B. Paderborn, 13. Nov. Der Arbeiter- und Soldatenrat meldet: Die Besatzungen der heute nach- nilttaq I Uhr 30 Min. von der Front nach hier zurück, gekehrten Flugzeug» berichten, daß in den französischen^ Schützengraben von der belgischen Grenze bis M o n s die rote Fahne gehißt ist »ab daß die deut­schen Truppen sich mit de» französischen ver- brüdert haben.

Line große französische Sympathie­kundgebung.

Br. Genf, 14. Nov. (Eig Drahtbericht.) Die fr an- z 5 s i s ch e ' ozi -i l i st i s ch e Partei und der AI !- gemeine Arbeiterverband buben eine große Versammlung abgehalten. um die de u t f ch e R e v o l u- tion zu begrüßen. Wie man aus den heute hier emgetroffenen chzialistischen Organen erfährt, haben alle Führer der beiden Verbinde ui dieser Versammlung das Wort ergriffen. Die Versammlung nahm ein- st i m m i g folgende TaKesordnnng an: Die rm Syndikatsaebände versanimelten Arbeiter des Depar­tements dei Seine begrüßen die Revolution, die als Folge der Niederlage des Militarismus den Thron gestürzt und die Privilegien in Mittel-eurnva abgeschafft bat. Wie Bebel und stieb kn echt 1^71 nach dem Sturz Bonapartes, verlangen heute die Pariser Albest er einen ehrenhaften Frieden, einen Rechtssrieden, einen republikanischen Frieden für. die deut- s ch e R e v u b l i k. Sie verlnnaen Anlnestie für alle vor- urteilten Arbeiter und fordern alle französischen Arbeiter gut. sich um die Organuation zu scharen, denn große Pflichten harren ihr. Es lebe der Völk.-rfriede!

Tie Revolution in B Asien.

Sr. Haag, 14. Nov. 'Eig. Drahtbericht.) In ganz Bel­gien ist Revolution. In B r . i e I k.b e r r s ch t ein d e u t. scher Soldatenrat allerschärsster Richtung die Loge. In den Straßen wird dauernd r-kämpst. Belgier beteiligen sich überall auf beiden Seiten Es gab viele Tote und Verwundete. Eine große Gefahr bilden die deutschen Waffen- bestände.

Die Revolutionsgefahr in Holland.

W.T.-B. Amsterdam, 14. Nov. (Drahtbericht.) Nach einer Meldung der Niederländischen Korrespondenz aus dem Haag erklärte der erste Minister beute in der Zweiten Kammer in einer Ansprache auf die Rede TroelstraS. daß die Regierung auf dem gesetzlichen Wege fortzuarbeiten wünsche. We.-n eine der Parteien einen ungesetzlichen Weg einzuschlagen versuch«, würde sie finden, daß die Regierung sich ihr in den Weg stellen würde. Die Regierung regiere auf Wunsch der Mehrheit deS holländischen Volk-s: sie werde sich davon nicht obbringen lassen, auch nicht mit Gewalt. Troelstra erklärte, daß er nötigenfalls die Regierung mit Gewalt st ü r z e n werde. Dazu erklärt die Regierung, daß sie bereit sei. diesen Versuch abznwrrten. Die Regierung wiederholte ihren Wunsch, daß sie nur die Geschäft- fortfübren wolle, wenn sie sich auf das Vertrauen des ganzen Volkes stützen könne. Es wäre ihr deshalb ang-nebm, wenn der Antrag des Abgeordneten Marchant aus Entführung des allgemeinen Frauenwahlrechts in der Kammer so rasch wie mög­lich verhandelt-de. damit das Volk in seiner Gesamtheit sich darüber aussprechen könne, wie es regiert zu werden

wünschte. _ _ ,

W T.-B. Amsterdam. IR Nov. In den Straßen von Amsterdam herrschte heut- ziemlich aufgeregtes Treiben. Vor dem Palast der Königin und auf dem Damm vor der Börse hatten sich im Laufe des Nack-mittaas große Menschen. Massen angesammelt. Vor dem. Palast hielt ein revo- lutionärer Redner, ein- Ansprache an das Volk, in der er die Menge anfforderte. die Republik aufnchten zu helfen. Die militärische Wich? vor dem Palast ist durch Polizei verstärkt. In Amsterdam. Rotterdam und dem Haag waren weitgehende militärische Vorkehrungen getroffen. In Amsterdam sprach in einer der für heute angekündigten Volks­versammlungen T r o e l st r a.

Das Nackrück^n der AlTsrlen.

Amsterdam, 13. Nov. Aus auter Quelle verlautet, daß der Vielverband folgende Entschechung .zetroffen bat: D>e

Alliierten bleiben noch zwei Tage in ibren jetzigen Stellungen. Vom dritten Tone an werden sie täglich 16 Kilometer vorrücken. Di- Deutschen müssen also täg­lich 16 Kilometer räumen.

Durchmarsch von 25800 Deutschen durch holländisches Geh'et.

W.T.-B. Haag, 14. Nov. (Drahtbericht.) 25 990 deutsche Truppen, die aus Belgien kamen, erreichten die hollän- dische Grenze bei Asieybe und wollten den Durchmarsch mit Waffengewalt erzn-ingen Durch Vermittlung der deut­schen Gesandtschaft wurde ein Eingriff der deutscher, Truppen vermieden und es wurde erreicht, daß der Durchmarsch nach NieLerlegung der Waffen gestattet wurde.

Lloyd George

über Völkerbund und Revolutkonsgefahr. <

W. T.-B. Amsterdam, 13. Nov. Nach ittiir Reuter- Meldung sagte Lloyd George beim Empfang der libe­ralen Abgeordneten in Downing Streit. die Regierung dürfe nicht von den strikten R e ch t s grnudsätzen ab­weichen. Einen I k e i b n n d halte er für narwendi- gcr denn je. Dir kleinen Nationen würden den Schutz des Völkerbundes brauchen. Wir werden znr Fnedens» konferenz gehen, um Sicherheiten zu ichaffen, da» der Völkerbund Wirklichkeit wird. Bezüglich der inneren Frage sagte Lloyd George, er lege Wert auf den revo­lutionären Geist, der in der Lust liege, voraus­gesetzt. daß er in gute Bahnen geleitet werde und von nationaler Einigkeit. Zusammenarbeit und Aufopferung rrs'illt sei. Er fürchte weder die Revolution noch den Bolschewismus, sondern die Rerktien. Ec 'wünsche in England eine Regierung, in der sich alle Parteien vereinigten. Was den Freihandel anbetrefie, so sei er nicht der Ansicht, daß man so n>eit gehen müsse, wie die Pariser Beschlüsse. Der dritte von den 11 Punk­ten Wilsons wolle jeden Wirtschaftsk-iea nach dem Kriege verhindern. Homerule sei für Irland eine Not­wendigkeit, aber Ulster bürte nicht gezwungen werden. Das Losungswort der Regierung müsse ..Fortschritt" sein. Inmitten der wilden Revoliitionsereignisie müsse England felsenfest dastehen als Vorbild einer ver­ständigen Entwickelung.

Eine Kundgebung der vorläufigen preußischen Landesregierung.

W. T.-Ii. Berlin, 13. Nov. An das preußische Volk! Preußen ist wie das Deutsche Reich und die anderen deutschen Bundesstaates: durch den Willen des Volkes 5 .um freien Staat geworden. Ausgaben der neuen preußischen Landesregierung ist es. das alte, von Grund auf reaktionäre Preußen so rasch w-e niöglich in einen völlig demokratischen Bestandteil der einheitlichen Volksrepublik zu verwandeln. Über die zukünftigen Stoatseinricktungen Preußens, leine Beziehungen zum Reich, zu den and-wen deutschen Staaten und zum Ausland wird die verfassung­gebende Versam mlnng entscheiden. Ihre Wahl rrfolgt ouf den Grundlagen des gleichen Wahlrechts für a I l e M ä n n e r und Frauen und nach dem Ver- h ä l t n i s w a h l s y st e m. Bis zum Zusammentritt der Verfassung»!-benden Versammlung hgt die vorläufige Re­uter ung, die getragen ist von dem Vertrauen der Ar­beiter- und Soldatenröte. die Geschäfte übernommen. Sie sieht ihre erste Ausgabe darin, im engen Zusammen­hang mit der neuen Reichsstitnng für die Ordnung und Sicher!) e:t im Lande und für di- V oUs­er n ä b r n n a zu w' gen. Sie ist dabei angewiesen auf das Verständnis und den guten Willen der Bevölkerung im allgemeinen und insbesondere auf die gewmenyaite Mitarbeit oller Beamten in.Staat- und Selbstverwal- tungskörperscharten. Alle Beamten, die sich der neuen Regi-rung stellen, sind ausdrücklich in ihren Rech­ten bestätigt und auf ibre Pflichten hingewiesen. Von den zahlreichen Aufgaben, vor die sich das neue, freie Preußen letzt und in Zukunft gestellt sieht, seien nur diese bervorqehcben: Durchführung der uneinge­schränkten Koalitionsfreiheit für alle Staats- mbeiter und Beamten, gründliche Reform der Besol­dung s- und Lohnverhältnisse der Arbeiter und Beamten einschließlich der Pensionäre und Altpensionäre. und bis zur endgültigen Regelung die Gewährung aus­reichender Teueriiuaszulaaeu, Ausbau aller Bildungs- instltute, insbesondere der Volksschule und Schaffung einer Einheitsschule, Befreiung der Schule von jealickier kirchlichen Bevornmndnno. Trennung von Staat und Kirche. Demokratisierung all^n- Vermal- tnnaskörverschaften. Beseitigung der Gtit-^b-zirke. völlig gleiches Wahlrecht beider Geschleckger für alle G e- meindevertretunaen in Stadt und Land, ent- sprechende demokratisch« Umgestaltung der Kreis- und Pravinzigsverwaltunaskörv-'r. raschester Ausbau und Entwickluna aller P e rkeb r S m i tic I. V = 6o f fm» fiore der Eistnbabnen und Kanäle. H-'bimg und Modcrni- sierura vosi Industrie und Landwirt'chast Perne- s e l l s ch a f t n n a d«r dazu aeeianeten indnstriell-n und landwirfschaillichen Großbetriebe, Umncswl- tnng der Rechtspsteo? und des Strafvollnios im G'iste der Demokratie nad des Sozialismus. Rekg-m d«s ge­samten Steuerwesens nach den Grrindsist-en strcnastcr sozialer Gerechtiakeit. Es ist eine ernste schwere Zeit, in der die Reqierunq an ihre Arbeit gehen muß.

Bedrückend ist die Fülle der Aufgaben, vor die sie sich.