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Dienstag, 12. November 1918.

Abend-Ausgabe.

Nr 530.. 66. Jahrgang.

Das neue Deutschland.

Ein Appell der sozialdemokratischen Parteien an die Internationale.

W.T.-B. Berlin, 12. Nov. (Dcahtb.'richt.) Die Der- treter der beiden fozkLidemiikratischiN Parteien hab.n an den Reichstagsabgeoi dneten B r a n r i n a folgendem Telegramm durch Berwiitetung dir deutschen Gesandt­schaft in Stocknetm i'.erkliU’t* Werter Genosje! D.e neugebiidere sc-ialdemckiatliche deutsche Regierung hat tic WuMnstillstandsbedingung?:: der Entente an ic- nommen. damit das Blutvergießen nicht um eine Stunde verlängert wird. Die Sozialdemo­kraten der beiden bisher getrennten, jetzt in Friedens- arbeit verbundenen sozialdemokratischen Parteien rich­ten einen Apvell an die Pr o l e t a r i o r in allen Ländern. Was die Führer der Entente fordern, dient zum Teil nicht mehr allein der Sickerung gegen eine Erneuerung der Feindseligkeiten, die ohnehin ausge­schlossen wäre, nachdem die Militärgewalt durch die glänzend« Erhebung der revolutionären Arbeiter und Soldaten gestürzt worden ist. Einige Bedingungen be­drohen vielmehr die pbysische E x i st e n z des be­freiten und friedensbereiten deutschen Volkes. Die Blockade soll fortgesetzt werden. Deut,chland soll die Besatzungstruppen der Entente ernähren. Es soll aber zugleich einen großes, Teil seiner Transportmittel. Lokomotiven. Waggons, Kraftfahrzeuge auslicfern. Alle diese Transportmittel sind unentbehrlich für einen geordneten und schleunigen Abtransport der Tlii'wen und für die Aiifrechterhaltnng der Bolksernährung. Ihre Weanabme steigert di» E r n ä h r u n g s s ch w i e r t g- k e i t e n ins Unerträgliche. Sie b e dr o h r z ay l l, o s e unschuldige Frauen, Kind», nud Kranke unmitttt- bar mit dem Hungertod. Der Tag der Freiheit und des Friedens darf nick« ein Tag der T ö t n n g v o n Mi l- l i o n e n werden. Die B e r st ä n d i g n n g der kämpfen- den Nationen kann nicht zur Wirklichkeit werdvz^wenn der Einstellung des Kamvsts mit den WMen der Hungerkrieg gegen Wehrlose folaen soll. Wir rufen die Genossen in den gegen Deutschland Verbünde­ten Länden, auf, ihre Stimme mit der unseren zu re^> einen An Si». verehrter G°nosse Branting, netten lntr He Bitte, der International»,, diesen Avv-ll zu über­mitteln Eduard Bernstein. O»ka? Cohn. K'rl K a u tz k y, Hermann M o l k e n b n h r. Hermann M ü l l e r, B f n n k u ch.

Eine Zkundgebung Bayerns an die Entente.

ZV. T.-B. München, 12. In der Nacht vom ly. zun,

11 November sandte die Negierung de? VolksstaatS Dauern folgende Kundgebung telegraphisch an den Bundes­rat Mi Bern mit der Bitte um Übermittlung an W lson, die Regierungen Frankreichs. Englands und Italiens und um Verbreitung in der Schweizer Presse:

An die Regierungen und Völker Amerikas. Frank­reichs. Englands. Italiens, an die Proleta- r i e r aller Länder!

DoS bayerische Volk hat z u e r st in Deutschland unter Führuna von Männern, die seit Beginn des Kriegs den leiden, schastl'chsten Kamps gegen die fr-vekhafte Politik der deutschen Regierungen und Fürsten aesührt haben, in einer stürmischen und von endgültigem Erfolg gekrönten revolutionären Er­hebung alle und alles b e s e i t i g t. da-s schuldig und mit­schuldig an dem Weltkrieg war. Bayern hat sich als V o l k S st a a t proklamiert Das ganze Volk begrüßt jubelnd seine Erlösung. Die gnderen Staaten Deutschlands folgen in unaufhaltsamem Drang unserem Beispiel und begründen da­mit zum erstenmal eine wirkliche innere Einheit Deutschlands. Ir: diesem Augenblick stürzt auf die junge Republik Bnverns die Veröffentlichung der Wa f f e n st i l l - ftandsbedingungen der alliierten Machte herein. Alle Hoffnungen, die wir durch den Erfolg der Revolution hegen dursten, sind damit z e r st ö r t. Di« neue Republik wird, wenn diese entsetzlichen Bedingungen unabänderlich fein soll­ten, in kurzer Zeit Wüste und Chaos sein. Wir verstün­den wobl die Empfindungen, die die alliierten Mächte veran­lagten, solche Bedingungen zu stellen, wenn sie damit die Schuldigen troffen würden. Die deutschen Autokraten und Militaristen verdienten keine Schonung. Jetzt aber hat d a S Volkfich befreit und die Bedingungen, die ihm jetzt auf- erlegt werden, bedeuten stine Vernichtung. Werden die Forderungen aufrecht erhalten, so gehen wir Zuständen ent. gegen, die keine menschliche Phantasie sich vorstellen kann. Eine anarclylclfe Auflösung aller Verhältnisse, die gerade die baye­rische Konstitution eines in sich gefestigten VolksstaatS verhin­dern wollte, würde die notwendige Folge sein und die Herr- stbafl machtlos sich auflösender Millionenheere würde eine

? geistige und sittliche Verwilderung, eine politisch-soziale Be- ejsenheit herbeiführen. die auch rn das Gebiet der Sieger ver­heerend übergreifen würde.

Tas darf nicht geschehen. Die demokratischen Väl. ker dürfen nicht wollen, daß die revolutionäre Schöpfung de: doutscl>en Demokratie durch die Schonungslosigkeit der Sieger vernichtet wird. Jetzt ist die Stunde gekommen, wo durch einen Lkt weit aus blickender Großmut die Versöh­nung der Völker berbeigeführt werden kann. Vergetzt rn litt Schöpfung btt neues Welt hat Haß» der m d« aUoi a>

zeugt worden ist. Der Völkerbund, der das gemeinsame Ideal der Menschheit geworden ist, kann niemals werden, wenn er beginnt mit der Ausrottung des jüngsten Glieds demokratischer Kultur. Wir beschwören Euch, die Regierungen wie die Völker, in einer Tat erhabener Selbstüberwindung d'e Liquidierung des Weltkriegs in gemeinsamer Arbeit der Sieger und Besiegten zu unternehmen. Dieses schwere Werk würde die erste Handlung des neuen Völker­bundes sein und ihn daniit begründen. Die älteren Demo­kratien dürfen nicht vergessen, wie viel stumm ertragene Opfer unzähliger namenloser Deutscher seit Beginn dieses Kriegs in klarer Erkenntnis der Schuld gebracht worden sind, und die Legierungen der alliierten Mächte dürfen nicht die Verant­wortung vor den proletarischen Massen übernehmen, die In­ternationale in dem Augenblick wieder zu zerstören, we sie sich innerlich zusammengefunden hat. Das Schicksal der Menschheit liegt in den Händen- der Männer, die jetzt verantwortlich sind für die Herbeiführung des Friedens und die Neugestaltung der zerrütteten Völker.

Das Ministerium des bayerischen Volksstaats. Kurt Eisner.

Die Mitteilung des Kriegsendes im Unterhaus.

W. T.-B. London, 11. Nov. (Reuter. Unterhaus.) Das Haus war überfüllt. Lloyd George, der mit be­geisterten Kundgebungen begrüßt wurde, verlas die Waffenstillstandsbedingungen, die, wie er sagte, um 5 Uhr morgens nach einem die ganze Nacht hindurch währen­den Meinungsaustausch unterzeichnet worden waren. Lloyd George fuhr kort: Heut» morgen 11 Uhr endete der grausamste und fürchterlichste Krieg, der je die Menschheit zerfleischte.

Ich hoffe, daß an diesem ereignisvollen Morgen der letzte aller Kriege zu seinem Ende kam.

(Langer Beifall.) Es ist jetzt keine Zeit zu Reden. Un­sere Herzen sind übervoll oon Dankbarkeit, für die es keine Worte gibt. Ich beantrage deshalb die sofor­tige Vertagung des Hauses, um in der Kirche Gott unseren Dank für die Befreiung aus großer Ge­fahr darzubringen. A 8 g u i t h sagte, die Waffenstill­standsbedingungen zeigten, daß der Krieg nickst wieder ausgenommen werde. Auch »r .staube, daß die Welt in eine Ära eintrete, in de: Kriege etwas Überwundenes seien. Die Mitglieder des Hauses begaben sich darauf in feierlichem Zuge zur Kirche.

Das Übergreifen der Welle.

Verbrüderung sszenen zwischen deutschen und belgischen, Vorposten.

W. T.-B. Amsterdam, 12. Nov. (Trabtbericht.) Nus Sas van Gent wird einem hiesigen Blatte gemeldet, es sei an der belgischen Grenze nach Abschluß des Waffen- stillstandes zu Verbrüderungsszenen zwischen deutschen und belgischen Vorposten gekommen.

Ein Soldatenrat in Lnon.

Bern, 11. Nov. Berichte au? Lyon bestätige«, daß sich am Freitagvormittag in Lyon ein Soldatenrat koastitnierte, der die Militärgewalt zum Teil an sich nahm.

Was geht auf den Kriegsschiffen in Portsmouth

vor?

Bafel» 11. Nov. Nach Meldungen schweizerischer Blätter ans Rotterdam ist der englische Kwscn Portsmouth sei« Frei­tagabend gesperrt. ES sollen bedauerliche Vorkommnisse auf den im Hafen liegenden Schiffen zu verzeichnen sein. Wettere Nachrichten fehlen bis heute abend gänzlich.

Die Bewegung in der Schweiz.

W. T.-B. Zürich, 11. Nov. (Meldung der Schweize­rischen Depefchenagentur.) Der dritte Streittag zeigte dasselbe Bild wie am Vortage. In den Straßen herrscht lebhafte Bewegung. In der Stadt Zürich sieht man starke Militärpatrouillen. Ti» öffentlichen Verwaltun- gen arbeiten. Der Kantonsrat ist auf Mittwochvormit» tag einberufen worden. Das Sitzungsgebäude lvurde militärisch und tzolizeilich abgeiperrt. Tie Direktion des städtischen Lcbensmittelamtes ttaf strerHe Anordnungen zur Durchführung einer gleichmäßigen Lebensmittel- Versorgung und beschlagnahmte alle Lebensmittel. Die büraerlickym Druckereien staben ihren Betrieb völlig ein- gestellt. Das sozialdemokratische .Bolksrecht" erfhe'nt. Die Eisenbahner der Strecke Zürkch-Winstrtour streiken. Der Zugverkehr wurde teilweise »inqestellt.

Der Anschluß

der Republik Deutsch-Österreich.

ZV. "T.-B. Wien, 11. Nov. Der deutsch-österreichische Staatsrai faßte in der heutigen Sitzung, 11 Uhr vormittags, den Beschluß, der morgen znsammentretenden provisorischen Nationalversammlung folgenden Antrag zur Beschlußfassung vorzulegen: Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutsch-Österreich. Art. 1. Deutsch-Lsterreich ist eine demo­kratische Republik. Alle öffentlicki-n Gewalten wer­den vom Volke eingesetzt. Art, 2. Deutsch-Lsterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik. Besondere Gesetze regeln die Teilnahme Deutsch-Osterreichs an der Ge- setzgebung und Verwaltung der deutschen Republik sowie die Ausdehnung der Geltungsbereichs von Gesetz und Einrichtung der deutschen Republik auf Deutsch-Lsterreich. Art. 8, Alle Recht«, welche nach dvcBersassung de» imAeichsrat vertreten«»

Königreichen und Ländern dem Kaiser zustanden, gehen einst­weilen, bis die konstituierende Nationalver­sammlung die endgültige Verfassung festgelegt hat, auf den deutsch-österreichischen Staatsrat über. Art. 4. Die k. und k. Ministerien werde» aufgelöst. Ihre Aufträge und Vollmachten auf dem Staatsgebiet von Deutsch-Lsterreich gehen auf die deutsch-österreichischen Staatsämter über. Art. 5. Alle Geschäfte und Gesetzesbestimmungen. durch ite dem Kaiser und den Mitgliedern des kaiserlichen Hauses Vor­rechte zugestnnden werden, sind aufgehoben. Art. 6. Die Be­amten, Offiziere und Soldaten sind des dem Kaiser geleisteten Treueides entbunden. Art. 7. Die Übernahme der Krcn- g ü t e r wird durch ein Gesetz durchgefiihrt. Art. 'S. Alle politischen Vorrechte sind aufgehoben. Die Delegation des Herrenhauses und des bisherigen Landtags sind abgeschafft. Art. 6. Die konstituierende Nationalversammlung wizd im Januar 1919 gewählt. Die Wrhlordnung wird noch vor der provisorischen Nationalversammlung beschlossen. Sie beruht auf der Verhältniswahl und auf dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrecht aller Staats­bürger obne Unterschied de? Geschlechts.

Dingbofer rn. p., Hauser in. p., Sntz, m. p., Präsidenten.

Sylvester in. p., Staatsnotar Renner in, p-, StaatSkanKer.

Abram, Bodirsky, Ellenbggen, Enke, Freister, Gruber,

Gnqgenberg, Jro, Beczabck. Lnkich. Miklas, Ofner, Prischinq,

Selinger, Teufel, Waldner, Wo!s, Mitglieder des Staaisrats.

W.T.-B. Wien, 11. Nov. lAnSsübr.'iche Meldung.) Der Staatsrat hat den vom Staatskanzler Tr. Renner vorgelegtau Gesetzentwurf, in ivelchem Deu.tsch-Lsterreich als Revublik und Bestandteil der deutschen ltevublik erklärt wird, ange­nommen. Der Präsiden! de? Staatsrats Sritz begab sich sofort nach Fassung des Beschlusses mit Renner und dem Staatsnotar Sylvester zu dem k. und k. Ministerpräsidenten Lammasch, »m ihm den Beschluß des Sti ttSrats mitzuteilen mit dem Ersuchen, diesen Beschluß den beteiligten Faktoren zur Kenntnis zu bringen.

Die genauen Bedingungen für die Be­setzung von Mainz» Koblenz und Köln.

W.T.-B. Brrkin, 12. Nov. (Drahtberscht.) In dem voll­ständigen Text der Waffenstillstandsbedingungen heißt eS über die R ä u m u n cuj) e § J juj le n Rheinukers durch die deutschen Armeen wie folgt: DaS linke Rheinufer wird durch die örtlichen Behörden unter Aufsicht der Be­satzungstruppen der Verbündeten und der Vereinigten Staate» verwaltet. Die Truppen der Verbündeten und der Vereinigten Staaten werden die Besetzung dieser Gebiete sichern, indem sie die'hauptsächlichsten Rheinübergänge (Mainz. Koblenz, Köln), inbegriffen fe ein Brückenkopf von 30 Kilometer Durch­messer auf dem rechten Rheinnfer und außerdem di« strategischen Punkte des Gebietes besetzen. Auf dem rechten Rheinufer wird eine neutrale Zone geschaffen. Sie verläuft zwischen dem Fluß mit einer östlich dieses Flusses gezogenen Linie. Diese Linie verläuft von der holländischen Grenze bis zur Parallele von Gernsheim 40 Kilometer, von da an bis zur Schweizer Grenze nur 30 Kilometer östlich des Flusses. Di« Räumung dieser Rheingebiete (auf dem linken und rechten Ufer) wird so geregelt, daß sie in einem Zeitraum von weiteren elf Tagen durchgefnbrt ist. also im ganzen in 2 5 Tagen nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes. — Artikel 16 lautet: Die Verbündeten sollen freien Zugang zu dem von den Deutschen an ihren Ost grenzen geräumten Geb'et sowohl übe» Danzig, wie auch über die Weichsel haben, um die Bevölkerung dieser Gebiete verpflegen zu rönnen oder auch für jeden anderen Zweck.

Der Eindruck des DergeWaltkgungswaffensttll- standes in Schweden.

W. T. B. Stockholm, 12. Nov. (Drahtbericht.) Dis Waffenstillstandsbedingungen der Entente werden durch­weg als überaus s ch i r f t verurteilt. Sogar Brantina nennt sie im ’ „Sozialdemokraten" e r« schreckend und hofft, daß wenigstens die Blockade in einiger Zeit gemildert werden wird. „DagensNyheter^ schreibt: Die Bedingungen stimmen ^o ziemlich mit dem überein, was man früher von N o r t h c l i f f e gelesen hat. Man weiß, daß Deutschland außerstande ist, noch kräftigen Widerstand zu leisten und beschloß daher, es den Becher der D e nr ü i i g u n g bis zur Neig« leeren zu lassen. Die alte Geschichte vom Übermut des Siegers wiederholt sich immer wieder. „Soenska Dagbladet": sagt: Wenn man die Bedinaungen liest, so sieht man sich gegenüber einem Ausbruch von Raserei und nidjt gegenüber einen; Dokument, das in der verantlvor- tun g s v o llsten Stirn de der Weltaeschichte von einigen Männern foc nnliert wikrde, welche die große Verantwortung traaen. Die Kreist sprechen von einem Kreuzung der Zivilisation gegen den Bolschewismus. Der Wille, Deutschland zu vernichten, tri't mit unverbüllstr Klarheit hervor. Das neue Deutschland w"ß erfahren, daß es ohnmächtin. ein an Händen und ftiifcpn att»sstltes ^pstr seiner Sieaer ist, die unum­schränkte Gewalt über sein Leben fordern.

Das vom Arbeite"» und Sokdatenrat bestimmte neue K-b'nett fi?r Preußen.

Der „Zrhn-'ebote.Hossmantt" als — KnltnSminister?

Berlin, 12. Nov. Dem .Vorwärts" zufolge hat der Vollzugsausschuß des Arbeiter- und DoldatenrateS zu Mitgliedern des Kabinetts fiir Preußen folgende Genosse« rrnaant: Paul Hirsch und Heinrich Strobel «U Bo»