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Dienstag, 12. November 1918.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 529. * 66. Jahrgang.

WM UW WWllW QU MW.

Auch Umsturz in Frankreich?

Der Beschlutz des Wiener Staatsrats.

W.T.-B. Wien, 11. Nov. (Drahdbericht.) Der StaatSrat nahm einen Gesetzentwurf an, worin Dentsch- Lsterreich als Republik und B e ft a n d t e i I der deutschen Republik erklärt wird.

Viktor Adler f.

Br. Berlin, 11. Nov. (Eiq. Drabthericht. zb.) Der sozialrstisKe Führer Viktor Adler, der bei der Revolution in Wien die leitende Rolle spielt und Staatssekretär des Auswärtigen wurde, ist plötzlich gestorben.

Clemenceau gestürzt, Poincare geflohen.

Br. Bremen, 11. Nov. (Erg. Drahtbericht. zb.) Der

Weserzcitung" wird mitgeteilt, daß der Arbeiter- und Soldaten rat mit der in ieiucm Besitz befind­lichen Funkenstation an der Nordsee rollende Meldung ausgesangen hat: Die französische Regierung ist gestürzt und Poincarck aus Paris geflohen.

Fortschreitende Auflösung im italienischen Heer.

»r Basel, 11. Skw. (Eig. Drcchkbettcht. zbO DieZürcher Morgenzrg." erfährt aus Innsbruck: In der italienische,! Armee macht der Auflösungsprozeß Fortschritte. Die italienischen Soldaten erklären, jetzt sei der Friede da und sie gingen nach Hause wie die Österreicher. In der dritten italienischen Armee verweigerten die Soldaten den Ge. horsam. Auf die sechste italienische Armee hat die Auf- lösungsbewegnng besonders übergegriffen, nachdem sie den Auflösungsprozeß bei den Österreichern bemerkte.

Br. Lugano, n. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Für die Befürchtungen, welche die italienische Regie­rung bezüAich der Rückwirkung der deutschen Ereignisse auf die Stimmung in Italien hegt, ist es höchst kennzeichnend, daH, offenbar der Weisung der Zensur gehorchend, nicht ein einziges italienisches Blati mit keinem Wort den Umsturz in Deuffchland und Österreich-Ungarn erwähnt.

Der Waffenstillstand.

# Berlin, 11. Nov. (Eig. Trahtbcricbt. zb.) Wie wir Horen, dürste heute nachmittag der Waffenstillstand unter­zeichnet sein. Dir Bedingungen sind zwar außerordentlich schwer, doch ist immerhin zu bedenken, datz z. B. durch die «inseitige Auslieferung der Gefangenen unser Land stark entlastet wird. Auch die Ab­lieferung von Lokoniotivcn und Wagen kann sich vielleicht als weniger schwer Herausstellen, als es auf den ersten Blick erscheint. Wie uns nämlich von zuständiger Stelle erstärt wird, können wahrscheinlich in die von der Entente verlangten 3000 Lokomotiven und 133 000 Eisenbahnwagen mt rh jene Waggons und Lokomotiven eingerechnet werden, die im besetzten Gebiet laufen Man ist im übrigen der Meinung, daß heute die Entente das größte Interesse hat. möalichst schnell zum Frieden zu kommen, denn gerade im Ententelager Hai man große Angst vor einem Übergriff des russischen Bolschewismus. Es erscheint daher auch nicht ausgeschlossen, daß die Entente zunächst eine Konstituante von oer Regierung verlangt, ehe sie Friedensverbandlungen mit uns beginnt. Auf diese Weise würde die Konsolidierung der inneren Neuordnung Dcuffch- lands sich auf jeden Fall schnell rollstehen können.

Hindenburg nicht geflüchtet.

W. T.-B. Berlin, 11. Rov. (Drahkbericht.) Die holländi­sche Meldung, wonach auch Hindenburz in Holland angekom­men sei« soll, beruht auf Unwahrheit. Hindenvurg be­findet sich im Großen Hauptquartier und steht auf dem Boden der neuen Regierung. Auch das Hauptquartier deS Kronprinzen Rupprecht befindet sich auf seinem Posten und ist nicht, wie die Meldung desNonvrlles" be­hauptet, auf der Flucht.

Der letzte Tagesbericht?

IV. T.-B. Großes Hauptquartier, 11. Nod. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Bei der Abwehr amerikanischer Angriffe östlich der MaaS zeichneten sich durch erfolgreiche Gegenstöße das branden, bnrgische Reserve-Jnfanterie-Regiment Nr. 207 mit seinem Kommandeur Oberstleutnant Heunigs und Truppen der 182. sächsischen Infanterie-Division unter Führung des Overleut- nnntS Arfchan, Kommandenr des Infanterie-Regiments Nr. 183, besonders aus.

Intrige Unterzeichnung deS Waffen ft i 1 l - standsvertragS wurden heute mittag an allen Fronte« die Feindfeligkeite» eingestellt.

Der Erste Generatquartiermeister: Grit »er.

An das Heimalheer.

Der Waffenstillstand steht vor der Tür. Der Frieden wird ihm folgen. Der Augenblick naht, wo das Blut­vergießen ein Ende hat. Auch in der Heimat wurde trotz der tiefgreifenden Umwälzungen dis Blntvcr- gießen bisher fast ganz vermieden. Die Männer der neuen Regierung erklären, daß Ruhe und Ordnung unter allen Umständen a u ft rechterhalten werden sollen. Daran muß auch das Feldheer und das Hcimathcer mit allen Kräften Mitwirken. Nur dann kann die ordnungs­mäßige Z u r ü ck f ü h r u n g des Feldheeres und die Entlassung der Mannschaften stattfinden, nur dann kann auch die Ernährung von Volk und Heer wieder gesichert werde». Der Bürgerkrieg muß ver­mieden werden. Alle militärische» Dienststellen habe» ihre Dieilstqeschäfte unverändert weiterzuführen. Die Bildung von S o l d a t e n r ä t c n und Beteiligung dieser Soldatenräte an der Abwicklung des Dienstes ist bei allen Formationen dnrchznsühre«. Ihre Haupt­aufgabe ist, bei der Einrichtung des Ordnungs- und Sicherheitsdienstes mitzuwirken und das enastc Einver­nehmen zwischen den Mannschaften und ihren Führern herzustcllen. Von der Waffe gearn Angehörige des eigene« Volkes ist nur i« der Notwehr oder bei gemeinen Verbrechen oder zur Verhinderung von Plüu- dertingen Gebrauch zu machen.

E b e r t, Reichskanzler. S ch e ü ck,, Krieasminifter.

G 5 h r e, Mitglied des Reichstages.

*

Der bayerische Rückzug in Tirol.

W.T.-B. Wien, 11. Nov. (Trahtbericht.) Die Korre» spondenz Herzog meldet ans Innsbruck: Die Bapern setzen ihren Rückzug aus Tirol fort. Sie räumen bereits den Brenner, über welchen die Italiener in Autos fol­gen. Die Italiener oraantt'ieren in Südiirol allmählich den Abtransport nnd die Abrückung der Truppen in die Heimat. Zurzeit sollen sich noch 800000 österreichische Soldaten in Südtirol befinden.

Mobilisation in der Schweiz.

W. T.-B. Bern, 11. Nov. (Drahtbericht. Schweizerische Depeschenagentur.) Anzestchts der allgemeinen äußeren und inneren Lage hat der Bundesrat die sofortige Mobi­lisation einer Anzahl von Trupprnkörpern der 1., 3., 4.,' 5. und 6. Division ange,rdnet. Augenblicklich ist die Lage ruhig.

W. T.-B. Bern, 11. Nov. (Drcchtbericht. -Schweizerifthe Dopeschonagendur.) Der Bundesrat hat auf Dienstag, den 12. Novencher, vormittags 1t Uhr die 'Bundesversammlung «unberufen.

W. T.-B. Bern, 11. Nov. (Schweizer Tepeschenaqenttir.) Amtlich wird festgestellt, daß die Nacht znm Sonntag ruhig ver­lier. Die Gerüchte von Schießereien und Toten sind gänzlich haltlos. Das Oltcnee Aktionskomitee berief angesichts des pro­vokatorischen Verhaltens der Militärgewalt in Zürich eine dringliche Sitzung des Gewerkschaftsbuiides ein. Wenn die Truppen nicht sofort zurückgezogen werden, ist mir der P-rokla- micrung des allgemeinen unbefristeten Landes­streiks zu rechnen. Die Delegierteiwersarnmlung der Ar­beiterunion in Zürich beschloß gestern mit 251 gegen 45 Stim­men die Fortsetzung de? Proteststreiks und verlangt Zn- rückziebnng der Truppen. Aufhebnng des Versammlunysver- bots, Anerkennung der Sowjetgesandtschaft und einiger ande­rer Punkte.

Demonstrationen in Zürich.

W. T.-B. Zürich, 11. Nov. Am So-nntagnachmtttag sollte eine öffentliche Kundgebung zur Feier «des Jahrestags der sozialistischen Revolution in Rußland stattfinden. Trotz des allgemeinen Versammlungsverbots des Divisionskommandos sammelte sich eine Menschenmenge auf dem Frauenmünster- pl.itz an. Ein Zug Infanterie erschien und wurde mit Pfeifen empfangen. Mit Stöcken wurde gegen die Sol­daten voroegangen. Das Militär schoß in die Luft. Es gab drei Leichtverwundete. Den ganzen Tag befanden sich dichte Menschen Massen im Stadtinnern, doch herrschte Ruhe urti> Ordnung. Bern und die übrigen Städte der Schweiz sind rrhig. Der Bundesrat hat beschloffen, das Truippenaufgeboi in Zürich in vollem Nmianq aufrecht zu erholten. Der Züricher Regierung wird überlassen, im Einvernehmen mit dem Truppenkr-mmando Maßnahmen zu treffen, die notwendig er- scheinen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in Zürich

Das neue spanische Kabinett.

W. T.-B. Madrid, 10. Nov. Garcia Prrera hat das neue Kechinett gebildet. Alba übernimmt die Finanzen und Romanones -das Ministerium de« Äußern.

Über 10 Milliarden neunte -x Kriegsanleihe.

B. A. Berlin, 11. Nov. (Erg, Drahtbe nicht, zb.) Wie wir von gnt unterrichteter Seite erfahren, über­steigt das Ergebnis der neunten Kriegsanleihe zehn Milliarden. Kleinere Zeichnungen stehen noch aus, ebenso die Feldzeichnungcn, für die die Zeichnungssrist noch nicht abgelaufen ist.

Die deutsche Umwälzung.

Die Wahl des Aktionsausschusses ln Berlin.

R. A. Berlin, II. Nov. ,Em. Dcabt'.^richt. zb.) Mit ern- stündiger Verspätung trat gestern um 3 Uhr der von sämr- lichen Berliner Betrieben und allen Regimen­ter n der Berliner Garnison gewählte Arbeiter- und Soldaten­rat zur Wahl seines AkttonSanSschuffes zusammen. Be­merkenswert war, daß sich auch unter den Delegierten der Soldaten eine ganze Anzahl Offiziere befand, da­gegen sah man verhältnismäßig wenig Frauen alr Delegierte. Unter den vielerl Flugblättern, die verteilt wurden, befand sich auch eins der Spartakusgrupve, in der von der Wahl von Mehrheitssozialisien und Bürgerlichen in die Regierung a b ° geraten wurde. Dieses Flugblatt erregte jedoch an vielen Stellen der Versammlung 'ebhaften Widerspruch. Als erster Redner in der Versammlung ergriff Sbert, der neue Reichskanzler, das Wort nnd erklärte im Namen der sozial- demokratischen Partei, daß im jetzigen Augenblick alles Trennende beiseite gestellt worden sei und der Sieg der Revo­lution gesichert werden müise. Der Gewinn der politischen Macht müsse die Sicherungen der Lebensintereflen der Arb«- ter mit sich bringen. Wir haben schwereAufgaben vor uns, führte Ebert weiter aus. Dazu gehören große Vorderer- tungen. Eie keimen die furchtbaren Waffen st ill- standsbedingungen der Entente. Wir können an tieien Bedingungen nichts ändern Die Situation zwingt uns, sie anzunehmen. Wir müssen einen Frttden zu schließen ver­suchen, der die Lebensinteressen der Arbeiter sichert. Dazu gebärt, daß wir den Bcuderstreit begraben. Ich kann Ihnen milleilen, daß heute nachmittag zwischen Sozialderno- kraten und unabhängigen Sozialdemokraten eine Verstän­digung erreich: worden ist. Dies gibt uns die Gewähr, daß es uns möglich sein wird, den Sieg von gestern zu sichern. Nun gilt es aufzubauen eine neue soziale Volkswirt­schaft. Es lebe die sozialistische Republik Deutsch­land! Weiter sprachen noch der unabhängige Sozialist Haase, der die Einigung über die Bedingungen zum Eia- tritt der Unabhängigen in die Regierung bestätigte, ferner Emil Barth und Liebknecht. Man einigte sich dah,n, einen Aktionsausschuß von 6 Mchrheitssozialdemo- krat-n und 6 unabhängigen Sozialdemokraten zu wählen. Der Aktionsausschuß des Soldatenrates besteht aus 14 Mit­glieder:!, darunter 3 Offizieren. Zum Schluß wurde noch be­kannt gegeben, daß spätestens am Dienstag der Streik beendet und die Arbeiier in ihre Betriebe zurückkehren sollen. Zum Schluß wurde folgende

Proklamation des Arbeiter- und Sokdatenrates einsfimmig gutgeheißen:

An das werktätige Volk! Datz alte Deutschland ist nicyt mehr. Das deutsche Volk hat erkannt, daß es jahrelang in Lug und Trug gehüllt war. Der vielgerühmte und der ganzen Welt zur Nachahmuna empfohlene Militarismus ist zu- kammengebrochen. Die R-vvluiion trat in Kiel !hren SiegeS- marfck an und fetzte sich siegreich durch. Die Dynastien habe,- ihre Existenz verwirkt und die Träger der Krcnen sind ihrer Macht entkleidet. Deutschland wurde Republik, eine sozia- liftische Republik. Sofort haben sich Gefängnis-, Arrest- und Zuchthausmauern fi'-r die wegen politischer und militärischer Verbrechen verurteilten Verhafteten geöffnet. Die Träger der polirischen Macht sind jetzt Arbeiter- und Soldatenräte. In allen Garrsisenen. in denen noch keine Arbeiter- und Soldatenräte bcsteben, wird sich die Bildung solcher Räte rasch vollziehen. Ans dem flachen Lande werden sich B a u e r n r ä t e zu demselt en Zweck bilden. Auf­gab-- der provfforischen Regierncksi. die vom Arbeiter- und Soldatenrat bestätigt wird, wird in erster Linie sein, den Waffenstillstand abzuschließen und dem blutigen Gemetzel ei» Ende zu machen. Sofortiger Friede ist die Parole der Revolution. Wie auch der Friede aussehen mag, er ist bester als eine Fortsetzung de? ungeheure! MoffenschlochtenS. Die rafcke und konsequente Vergesellschaftung der kapitalistischen Produktionsmittel ist nach der konalen Struktur Deutschlands und dem Reifegrad seiner wrrtschaftlichen und politischen Organisation ohne starke Er­schütterung durchführbar. Sie ist notwendig, um aus den blutgetränkten Trümmern -ine neue Wirtschaftsordnung aufzubauen. um die wirischasiliche Versklavung der Volks­masten und den Untergang der Kultur zu verhüten. Alle Arbeiter, Kopf- und Handarbeiter, welche von diesem Ideal erfüllt sind, welche aufrichtig für feine Verwirklichung «in-